Rafati bei Abschiedsspiel von Per Mertesacker 2018 in Hannover (Foto: IMAGO, Rust)

Fußball-WM in Katar

Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati: "Das kannst du nicht mehr retten"

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Johannes Seemüller

Der ehemalige Bundesliga- und FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati (52) wirft dem DFB in der "Armbinden"-Diskussion Versagen vor, stellt sich aber vor die deutschen Spieler. Das iranische Team habe vorbildhaft demonstriert, wie man mutig und konsequent Haltung zeige, sagt Rafati im SWR-Interview.

SWR Sport: Das DFB-Team hat beim Japan-Spiel mit einer Hand-vor-dem-Mund-Geste die FIFA kritisiert, Innenministerin Nancy Faeser saß mit „One Love“-Binde auf der Tribüne. Wie beurteilen Sie das Verhalten von Verband und Nationalmannschaft in dieser Diskussion um Binde, Werte und Haltung?

Babak Rafati: Grundsätzlich fand ich die Idee mit der "One Love"-Binde hervorragend. Dass der DFB aber dann einen Rückzieher gemacht hat, ist für mich unverständlich. Es ist ein Versagen des Verbands. Was stand denn auf dem Spiel? Eine gelbe Karte! Das ist doch nichts im Vergleich dazu, dass ich weltweit ein Zeichen setze und zu meinen Werten stehe. Das hätte eine große Strahlkraft gehabt.

In meinen Augen sind aber nicht die Spieler für dieses Versagen verantwortlich. Müller, Neuer und Co. zu kritisieren, das geht mir zu weit. Die Spieler tragen doch genug Verantwortung. Man hätte sie da komplett rauslassen müssen.

Aber sich vor dem Spiel hinzustellen mit der Hand vor dem Mund, das ist doch keine Haltung. Dann hätte ich lieber gar nichts gemacht. Das war eine Alibi-Nummer. Wenn ich das mit der Binde nicht darf, mache ich eben das mit der Hand - das wirkt auf mich infantil. Wie das Verhalten eines Kindes.

Ist das irgendwie noch zu retten oder ist das Kind in den Brunnen gefallen?

Rafati: Das kannst du nicht mehr retten. Es ist ein Machtkampf, den die FIFA nicht will. Es geht um Werte. Für uns als Europäer sind das Werte, für die Katarer ist das eine Beleidigung, weil sie andere Wertvorstellungen haben. Nun haben die Katerer diesen Machtkampf gewonnen; was willst du als DFB jetzt noch machen? Selbst eine vorzeitige Abreise wäre jetzt zu spät. Du hättest von Anfang an Haltung zeigen müssen. Es wurde verpasst, zur richtigen Zeit die richtigen Botschaften zu senden.

Wie nehmen Sie ganz allgemein die zunehmende Politisierung des Fußballs und des Sports wahr?

Rafati: Dieses Thema ist absolut deplatziert im Sport und ist für dessen Entwicklung sehr gefährlich. Der Sport steht dafür, dass Menschen sich für einen Wettkampf zusammentun - unter sportlichen Gesichtspunkten, und nichts anderes. Bei meinen Coachings mit Fußballern merke ich, dass sie wirklich genug Probleme haben. Sie müssen erst mal darauf achten, dass sie ihre Leistungen bringen.

"Jetzt werden sie aber mit Dingen konfrontiert, bei denen sie an ihre Grenzen stoßen. Sie sollen das zurechtrücken, was Politiker oder ihre Verbandsführung nicht geschafft haben. Das geht zu weit."

Wenn du dich als Sportler mit solchen Themen permanent konfrontierst, dann gehst du mental kaputt. Ein Fußballer ist sehr empfindlich, auch wenn er nach außen immer den starken Mann spielt. Männer tun immer sehr stark, aber viele Fußballer sind sensibel. Deshalb dürfen wir ihnen nicht auch noch diese Thematik aufbürden. Denn das kann manche Profis ganz weit runterziehen. Die Spieler sitzen auf ihren Zimmern und nehmen ganz genau wahr, was um sie herum passiert. Es kann mir keiner sagen, dass sie das ausschalten können. Das sind Menschen und keine Roboter. Deshalb ist diese Entwicklung sehr gefährlich.

Was könnte der Verband tun?

Rafati: Der DFB müsste seine Spieler schützen. Er müsste sagen: Ihr haltet euch da raus. Ihr gebt keine Interviews zu dem Thema. Das ist unsere Sache, darum kümmern wir uns. Der Verband hat eine andere Möglichkeit, sich mit der FIFA anzulegen, als der einzelne Spieler, der sich auf seinem Social Media-Kanal mit seinen Kritikern auseinandersetzen muss. Der Verband kennt die Machtstrukturen in der FIFA und weiß, was hinter den Kulissen passiert. Das wissen die Spieler nicht.

Der DFB wird für sein Verhalten kritisiert; die Mannschaft des Iran hingegen wird dafür gefeiert, dass sie vor ihrem England-Spiel beim Abspielen der Hymne geschwiegen hat. Sie selbst sind Deutsch-Iraner. Sind Sie stolz auf Ihre Landsleute?

Rafati: Unabhängig davon, dass es meine Landsleute sind, finde ich diese Aktion hervorragend. Dass sich Menschen hinstellen, eine solche Botschaft senden und sich mit den Rechten der Frauen in ihrem Land solidarisieren, ist toll. Man darf nicht vergessen, was für sie auf dem Spiel steht.

"Es geht um Karrieren, es geht um Familien, die in Gefahr geraten können. Trotzdem stellen sie sich hin und handeln. Es war ja keine Ankündigung, wie es der DFB gemacht hat, sondern sie handeln einfach. Sie stellen sich hin und singen nicht mit. Das finde ich klasse. Da stehen Menschen für Werte."

Was könnte diese Aktion für die Menschen im Iran bedeuten?

Rafati: Ich denke, dass sie den Regime-Kritikern und Protestierenden im Iran einen richtigen Schub gibt. Sie werden daraus Kraft schöpfen, weil diese Fußballer sich solidarisiert haben und dabei sogar ihre Karriere aufs Spiel setzen. Das wird ihnen Kraft geben, weiter auf die Straße zu gehen und weiter für die Freiheit zu kämpfen. Diese Aktion der Fußballer könnte dazu beitragen, dass sich die Situation im Iran zum Guten hin verändert.

Werden die Spieler des Iran diese Aktion beim Wales-Spiel am Freitag wiederholen?

Rafati: Das ist gar nicht mehr so wichtig. Die Spieler haben bereits den Volltreffer gelandet. Es heißt ja: Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance. Diesen ersten Eindruck haben sie hinterlassen, und selbst wenn sie es nicht noch mal machen, bleibt diese Aktion haften. Genau das ist der große Unterschied zum schwachen Verhalten Deutschlands.

"Ein Fußballspiel dauert 90 Minuten." Dieser Satz scheint für die WM in Katar offenbar nicht zu stimmen. Noch nie gab es so üppige Nachspielzeiten wie bei dieser Fußball-WM. Im Spiel England gegen Iran waren es z. B. insgesamt 28 Minuten (erste und zweite Halbzeit). Was soll das?

Rafati: Aus fußball-sportlicher Sicht ist das nicht nachvollziehbar. Natürlich musst du laut Regelwerk „verlorene Zeit“ wie zum Beispiel durch Verletzungen oder langsam vollzogene Auswechslungen nachspielen lassen, aber doch nicht so viele Minuten. In der Bundesliga entscheidet dies der Schiedsrichter aus dem Bauch heraus. Was sie aber in Katar machen, ist meiner Meinung nach Kommerz gesteuert. Die Katerer wollen sich auf dieser Weltbühne so lange wie möglich präsentieren, also dauern die Spiele dann plötzlich 105 Minuten oder noch länger.

Hinzu kommt, dass es aus medizinischer Sicht unverantwortlich ist, Spieler und Schiedsrichter über eine solch lange Dauer in ein Spiel hinein zu jagen. Das wirkt sich ja auf den Körper aus. Nicht nach einem Spiel, aber das Turnier dauert ja länger – und irgendwann kommen dann die Verletzungen.

Auch für die Schiedsrichter ist die Nachspielzeit eine gefährliche Zeit. Die Kräfte schwinden und die Konzentration lässt nach. Die Schiedsrichter sprechen deshalb von einer "toten" und gefährlichen Zeit. Oft kommt es zu Rudelbildungen, der Torwart (wie Manuel Neuer im Japan-Spiel) rennt nach vorne, es kommt zu wilden Aktionen und ungewöhnlichen Bewegungsabläufen. Diese Situationen sind für die Schiedsrichter manchmal kaum noch überschaubar. Diese langen Nachspielzeiten sind also wie ein Pulverfass.

Die FIFA denkt also wieder mal mehr an den Kommerz als an die Protagonisten, die Spieler und Schiedsrichter.

Zur Person:

Babak Rafati wuchs als Kind iranischer Eltern in Deutschland und im Iran auf. Ab 1997 war er DFB-Schiedsrichter und pfiff ab 2005 insgesamt 84 Spiele in der Fußball-Bundesliga. 2008 stieg er zum FIFA-Schiedsrichter auf. Im Mai 2012 beendete er seine Karriere als Referée. Heute arbeitet der 52-Jährige als Mentalcoach und Keynote-Speaker.

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Johannes Seemüller

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