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Kurzarbeit, Geistertickets, virtuelle Spiele oder Nachbarschaftshilfe: Im Sport fallen derzeit nie dagewesene Begriffe. Doch für manche Clubs ist der kreative Ausweg aus der Corona-Krise gleichzeitig der einzige. Ein Überblick.

"Kurzarbeit auf null Prozent" – was für viele Fußballer zuvor recht fachfremd geklungen haben dürfte, ist wegen Corona bei fast allen Drittliga-Klubs inzwischen Realität. Vereinfacht gesagt sind die Profis zur Untätigkeit verdammt. Denn neben den ausgefallen Spielen dürfen sie weder trainieren noch Trainingspläne nach Hause geschickt bekommen. Denn sonst wäre die "Null-Prozent-Tätigkeit" außer Kraft gesetzt.

Kurzarbeit fast in der kompletten 3. Liga

Auf Kurzarbeit umgestellt haben etwa der Dorfklub aus Großaspach, Waldhof Mannheim, aber auch der "Liga-Riese" 1. FC Kaiserslautern (Motto: "Wir laufen auf Sparflamme"). Das Ziel ist simpel: Das Einsparpotenzial erhöhen, der Pleite entgehen und Liquiditätsengpässe vermeiden. Doch was heißt das für den Geldbeutel der Profis?

Die Agentur für Arbeit zahlt 60 bis 67 Prozent des Nettogehalts

Abhängig davon, ob ein Fußballer Kinder hat und welcher Steuerklasse er angehört, gilt: Die Bundesagentur für Arbeit überweist den Profis zwischen 60 und 67 Prozent ihres ausgefallenen Nettogehalts – sprich ihres Gehalts, wenn sie zu 100 Prozent ihrem Beruf nachgehen.

Bei Spielern der SG Sonnenhof Großaspach schmerzt das teilweise richtig, verdienen die Profis des Abstiegskandidaten lediglich rund 3.000 Euro brutto im Durchschnitt. Ein Verein kann das Gehalt des Profis immerhin noch aufstocken, im Falle der SG Sonnenhof Großaspach erhält ein Spieler so aktuell zwischen 84 und 87,5 Prozent seines normalen Nettolohns.

Fraglich ist, wie lange man die Kurzarbeit-Regelung bei den Vereinen aufrecht erhalten kann. Kaiserslautern etwa hat angekündigt, vorerst bis zum 19. April auf Kurzarbeit zu setzen. Für die Klubs aus der ersten und zweiten Liga macht Kurzarbeit weniger Sinn: Wo teils Millionen verdient werden, lassen sich die Profis kaum auf einige Tausend Euro Ersatzzahlung ein.

Geistertickets beim VfB Friedrichshafen und den Stuttgarter Kickers

Überrascht vom sofortigen Saisonende war man auch beim 13-maligen Deutschen Volleyball-Meister VfB Friedrichshafen, der seine Spieler ebenfalls in Kurzarbeit geschickt hat. Zwar trifft es den Rekordmeister nicht so hart wie den TV Rottenburg, der sich aus der Volleyball-Bundesliga zurückgezogen hat und in der 3. Liga den Neustart plant. Doch die Einnahmeverluste durch die ausgefallenen Playoffs schmerzen auch beim Traditionsclub vom Bodensee. Daher haben die eigenen Fans "gespenstische Unterstützung" mit sogenannten "Geistertickets" geleistet.

Zuschauer, die bereits eine Eintrittskarte für das letzte Hauprunden-Heimspiel gegen Düren gekauft haben, konnten auf die Rückerstattung verzichten. Laut Pressesprecherin Gesa Osterwald habe das ein Großteil der Fans gemacht. Zudem bespreche man im Verein mehrere Möglichkeiten, was man den Fans durch ihre "verkürzte" Dauerkarte in der kommenden Spielzeit zurückgeben könne.

Um die wirtschaftlichen Folgen von Spielabsagen abzufedern, bietet auch der ehemalige Fußball-Bundesligist Stuttgarter Kickers "Geistertickets" an: Symbolische Geistertickets. 18,99 Euro kostet ein Sitzplatz, 10 Euro ein Stehplatz und 189,90 Euro die Geisterspiel-Dauerkarte bei den Kickers. Die ersten 200 Retter-Pakete für 39 Euro inklusive Schal, Ticket und Desinfektionsfläschchen waren innerhalb von 48 Stunden ausverkauft. An Ostern gibt es beim Oberligisten ein zweites Retter-Paket.

Waldhof Mannheim spielt Saison virtuell zu Ende - und steigt auf

"Dann eben online und für Solidarität", steht auf der Homepage von Fußball-Drittligist Waldhof Mannheim geschrieben. Die Mannheimer nutzen die Corona-Zwangspause, um die Saison virtuell zu Ende spielen zu lassen. Die elf ausbleibenden Drittliga-Spiele übergab der Waldhof sozusagen in die Hände von E-Sportlern. In einem Turnier Ende März konnten Fans Tickets für die Partien kaufen, beginnend beim obligatorischen Euro bis hin zu einem VIP-Solidaritätsticket für 100 Euro mit Namensnennung im Livestream.

Nach neun Siegen, einem Remis und einer Niederlage feierten die Mannheimer virtuell den Aufstieg. Ein Drittel der Einnahmen aus dem Livestream und dem virtuellen Ticketverkauf wurde unter allen Drittligisten verteilt, ein weiteres Drittel ging an die Weltgesundheitsorganisation WHO. Insgesamt waren durch die vor allem symbolische Aktion 3.854 Euro zusammengekommen.

"Rund 400 bis 500 Tickets wurden etwa verkauft", so Mannheims Pressesprecher Domenico Marinese gegenüber SWR Sport. Zudem rief der ehemalige Bundesligist dazu auf, unter der Aktion #Herzbuwemasken Mund-Nase-Masken selbst zu nähen und einzuschicken. So werde dazu beigetragen, die Masken "insbesondere zum Schutz von Anderen getragen werden", heißt es auf der Homepage des Vereins.

Nachbarschaftshilfe: Milchspende und Einkaufsservice für Senioren

Neben Spenden und Hilfen der Fans für ihre Clubs gibt es aber auch den umgekehrten Weg: Vereine bieten hilfsbedürftigen und gefährdeten Menschen Hilfe an, etwa die Versorgung von Medikamenten oder einen Einkaufsservice.

Mit am Start ist auch der Karlsruher SC mit seinem Projekt "Nachbarschaftshilfe". Menschen, die Hilfe brauchen, können dem KSC die Bestellung für ihren Einkauf (Maximalwert 50 Euro) abgeben. Inzwischen wurde das Angebot vom Stadtgebiet auf das ausgewählte Gebiet um Karlsruhe erweitert. Der SC Freiburg spendete in Form einer Nachbarschaftshilfe unterdessen Milch an seine über 70-jährigen Mitglieder.

Hier geht's zur Übersicht Wie die Vereine mit der Corona-Pandemie umgehen

Wie gehen unsere Fußballclubs mit der Coronakrise um? Alle Informationen dazu gibt es hier in der Übersicht.  mehr...

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