Halb leere Stadion-Tribüne (Foto: imago images, Sportfoto Rudel)

Fußball | Bundesliga

Halbvolle Stadien - Momentaufnahme oder ein langfristiges Problem?

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Seit einigen Monaten können Fußballfans wieder ihre Mannschaft im Stadion anfeuern - unter Auflagen. Doch seit dem Beginn ist ein gewisses Phänomen erkennbar: Die erlaubte Kapazität wird nicht vollumfänglich ausgeschöpft.

Konstantinos Mavropanos setzt zum Sprint in Richtung gegnerisches Tor an. Mit dem Ball am Fuß dribbelt er sich durch die Hoffenheimer Abwehr und versenkt die Kugel in der linken Ecke. Doch der Jubel der Fans könnte ausgelassener, die Stimmung eine andere sein. Seit Monaten wird nicht nur die Stuttgarter Arena nicht richtig voll. Die maximale Zuschauerkapazität wird an vielen Standorten nicht voll ausgeschöpft. Die Thematik ist komplex, die Gründe sind für den Zuschauer-Rückgang schwer greifbar. SWR Sport beleuchtet unterschiedliche Perspektiven.

Die Sache mit der Angst

Dass dieses Phänomen der schleppenden Zuschauer-Rückkehr existiert, belegen die Zahlen des Meinungsforschungsinstituts "Bundesliga-Barometer". Rund 25 Prozent der rund 6000 Befragten gaben an, dass die Angst vor einer Ansteckung eine Rolle spiele. Für jeden Fünften seien Maskenpflicht und Abstandsregeln ein ausschlaggebender Grund, der gegen den Stadionbesuch spricht. Für rund 36 Prozent gäbe es keine coronabezogenen Gründe, die sie vom Stadiongang abhielten.

Der verlorene Spieltags-Charakter

Und doch leiden viele Fans unter der durch die Beschränkungen verloren gegangenen Atmosphäre im Stadion. Einer davon ist Marco Ripanti, Fanblogger und Autor für die Seite "hoffenews". Er vermisst den alten Spieltags-Charakter: "Was man jetzt noch hat, wenn man hingeht, ist nur 90 Minuten auf dem Stuhl zu sitzen und bei Gelegenheit die Arme zu heben." In Ripantis Augen gehört mehr zum Stadionbesuch. Der "Entertainment-Faktor" beschränkt sich nicht auf die alleinige Spielzeit. Dazu gehören für ihn auch der Austausch mit den anderen Fans, das Drängeln und Diskutieren - all dies sei nun weggefallen, so Ripanti. Die 2G-Regel der Vereine unterstütze er, dafür müssten jedoch seiner Meinung nach zusätzliche Beschränkungen im Stadion selbst aufgehoben werden: "Wenn ich doch weiß, dass ich hier umgeben bin von Leuten, die geimpft oder genesen sind, dann möchte ich nicht noch zwei Platzlücken neben mir haben oder beim Rausgehen mit dem Rücken zu einem Anderen reden oder vorgeschriebene Fußwege beim Gang zur Toilette - das muss dann meiner Meinung nach nicht auch noch sein."

Durch seine Blogger-Tätigkeit ist er gut in der Szene vernetzt und kennt viele unterschiedliche Haltungen zur "alten neuen" Fankultur. Eine einheitliche Meinung wird es laut Ripanti zu 2G/3G nicht geben und dies sei auch nicht der Hauptgrund für die geringere prozentuale Auslastung - viel mehr seien das fehlende Flair und die Emotionen der ausschlaggebende Grund dafür.

Ein Riss mit Langzeitfolgen?

"So merken die Anhänger quer über alle Tribünen-Bereiche hinweg, dass eine große Differenz zwischen ihrer Lebenswirklichkeit und dem abgehobenen Profifußball liegt. Sie werden ihre Leidenschaft zurückfahren und sich abwenden – und das millionenfach." Diesen Satz sagte Prof. Dr. Harald Lange, Sportwissenschaftler und Gründer des Instituts für Fankultur e.V. im November 2020. Nun, fast ein Jahr später, hat SWR Sport mit Lange gesprochen. Auch heute bleibt er bei seiner These und erklärt: "Abwenden ist ein Phänomen, was zu Fußballfans ganz selbstverständlich dazugehört. Es ist immer ein Wechselspiel zwischen abwenden und wieder zuwenden. Das passiert häufig im Ligabetrieb. Wir beobachten diese Abwendung nun aber schon 18 Monate, seit Pandemie-Beginn." Je länger die Abwendung aber dauere, umso wahrscheinlicher sei es, dass dies in einem dauerhaften Verlust von Fans ende. Die Pandemie selbst habe jedoch keinen Riss in der Fankultur verursacht, so lange. Sie habe aber die Kluft, für die die Kommerzialisierung im Profifußball verantwortlich ist, verstärkt. Sie ist noch größer geworden.

Es gibt nicht den Tag X

Auf der Suche nach weiteren Gründen schließt Lange eine Angst vor Ansteckung bei den Fans als Grund für die unausgeschöpfte Stadion-Kapazität aus. Die Gesellschaft sei informiert genug um zu wissen, dass die Impfung vor einem schweren Verlauf schütze. Dies sei auch empirisch belegt. Dass die Stimmung im Stadion noch nicht die gleiche sei, wie vor der Pandemie sei nicht ungewöhnlich: "Das ist zu viel erwartet. Man kann auch nicht den Tag X festlegen und sagen, ab jetzt ist wieder alles so wie vorher. Wir sind langsam in den Umgang mit Hygienemaßnahmen rein gewachsen und so halte ich es auch für naheliegend, dass wir da wieder herauswachsen und positive Aspekte mitnehmen, um auch andere Infektionen abzuwenden."

Und doch gibt der Sportwissenschaftler einen hoffnungsvollen Ausblick. Wenn im Frühjahr 2022 die Pandemie, wie die Wissenschaftler prognostizieren, überwunden sei, komme auch wieder die alte Stimmung in die Stadien zurück. Bis dahin sei man weiterhin gut beraten, vorsichtig zu bleiben.

Es gibt also nicht den einen Grund für die geringere Stadionauslastung und es wird spannend zu beobachten, wie sich die Thematik in den kommenden Wochen und Monaten weiterentwickeln wird.

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