STAND
AUTOR/IN

3.000 Jugendmannschaften in Baden-Württemberg weniger als 2010. Auch Südbadens Jugendwart Harald Fengler erlebt einen dramatischen Rückgang beim Nachwuchs in seinem Bezirk. Corona beschleunigt den Prozess zusätzlich.

Die Corona-Pandemie legt den Amateurfußball lahm: Bis auf wenige Wochen konnten Amateurvereine seit fast einem Jahr nicht mehr in den Ligen spielen. In Rheinland-Pfalz wurde Ende März die Saison 20/21 in den Amateurligen beendet. Auch in Baden-Württemberg stehen die Zeichen auf Saisonabbruch, wenngleich sich die Verbände erst nach Ostern beraten werden. Welche Folgen hat der Lockdown für den Jugendfußball und den Amateursport?

DFB-Umfrage: Fast alle wollen zurück auf den Platz

Ende Februar befragte der DFB 100.00 Personen aus dem Amateurfußball. Die meisten der Teilnehmer waren aktive Spieler, Vereinsmitarbeiter und Eltern von Kindern, die Fußball spielen. 88 Prozent jener Elternteile gaben an, dass ihr Kind "auf jeden Fall" wieder zurück zum Fußball in den Verein kommen wird, wenn es erlaubt ist. Neun Prozent sahen dies als "wahrscheinlich" an. Zusammen sind das 97 Prozent. Brennt der gesamte Nachwuchs darauf, endlich wieder im Verein kicken zu dürfen?

DFB-Vizepräsident Rainer Koch (Foto: Imago, IMAGO / DFB Poolfoto)
"Der Amateurfußball lebt. Er erweist sich in dieser zuvor so nicht gekannten Krise als besonders widerstandsfähig, er zeigt sein ausgeprägtes Kämpferherz", sagte DFB-Vizepräsident Rainer Koch im März zur Umfrage. Imago IMAGO / DFB Poolfoto

Die Spätfolgen des Lockdowns

Harald Fengler war lange Staffelleiter und ist seit 2006 Jugendwart im südbadischen Fußballbezirk Hochrhein. Im Gespräch mit SWR Sport bestätigt Fengler, dass viele Sportler endlich wieder auf den Platz wollen. Angesprochen auf die DFB-Umfrage sagt er, dass man von den 88 Prozent ausgehen solle - und warnt vor Spätfolgen des Lockdowns: "Meine persönliche Meinung ist, dass wir etwa zehn Prozent der Jugendlichen im Fußball verlieren werde", sagt Fengler. Dass sich Kinder als Folge des Lockdowns vom Fußball abwenden, könne er im Moment aber nicht an Vereinen aus seinem Umfeld festmachen.

Durch den Lockdown fehlt Amateurfußballern neben dem Vereinsleben seit Monaten ein entscheidender Anreiz, warum sie im Verein kicken: Der Wettbewerb - die Spiele an den Wochenenden, für die man trainiert, um sich dann mit anderen Mannschaften messen zu können.

Es fehlt der Wettbewerb

"Wenn kein Wettbewerbscharakter mehr da ist, dann verliert der ein oder andere auch die Lust", sagt Fengler. Selbst bei den jungen Nachwuchsfußballern sei das so, erklärt der Jugendwart: "Letztendlich fängt für sie auch der Fußball richtig an, wenn sie den Ball ins gegnerische Tor schießen können. Im Training kann ich das machen, aber das sind immer noch die eigenen Mitspieler und nicht Fremde, die ich besiegen will."

Eine Altersgruppe ist besonders problematisch

Fengler glaubt, dass der Lockdown für den Amateurfußball Konsequenzen haben wird: "Die Spieler, die jetzt ein Jahr lang nichts gemacht haben und vor der Pandemie schon wenig motiviert waren, kommen mit Sicherheit nicht mehr zurück." Vor allem 13- bis 16-Jährige aus der C- und B-Jugend könnten sich vom Fußball abwenden, weil sie in diesem Alter oft andere Interessen entwickeln. "Das ist das schwierige Alter, aber das hatten wir vor Corona auch schon", sagt Fengler.

Seit 2006 ist Harald Fengler Jugendwart im südbadischen Bezirk Hochrhein.  (Foto: privat)
"In meinem Bezirk bekomme ich in der A-Jugend mit 23 Mannschaften nur noch zwei Staffeln zusammen - das gibt mir schon zu bedenken", sagt Hochrheins Bezirkjugendwart Harald Fengler über die aktuelle Situation im Amateurfußball. privat

Dem Fußball bricht der Nachwuchs weg

Seit Jahren erlebt Fengler, wie dem Amateurfußball der Nachwuchs wegbricht. In den letzten zwölf Jahren hat der Jugendwart in seinem Bezirk Hochrhein 277 Jungs- und Mädchenmannschaften von der A- bis zur F-Jugend verloren. "Das ist schon gravierend", betont Fengler. In den fünf anderen Bezirken in Südbaden sei die Entwicklung ähnlich, sagt Fengler. Ganz schlimm sei dieser Trend bei den Mädchen: "Da brechen uns komplette Altersklassen weg."

Doch nicht nur in Südbaden wendet sich der Nachwuchs vom Fußball ab: Im Jahr 2020 gab es in Baden-Württemberg bei den Jungen (bis 18 Jahre) und Mädchen (bis 16 Jahre) über 3.000 Mannschaften weniger als im Jahr 2010.

Die Pandemie verschärft die Situation

Zu dieser ohnehin schon negativen Entwicklung kommt nun die Pandemie hinzu: "Corona hilft uns natürlicht nicht, Kinder und Jugendliche zum Fußball zu bringen", sagt Fengler - und befürchtet deshalb: "Vereine, die auf Kreisebene spielen, werden immense Probleme kriegen, die Mannschaften wie bisher zu füllen." Zwangsläufig würden durch diesen Nachwuchsmangel mehr Spielgemeinschaften zwischen kleineren Vereinen entstehen: "Die kleineren Vereine müssen sich lossagen davon, dass sie mit aller Macht probieren, so viele Altersklassen wie möglich mit eigenen Spieler zu besetzen. Wenn ich das als kleiner Dorfverein will, dann muss ich Spielgemeinschaften eingehen. Großvereine werden aber keine Probleme kriegen", sagt der Jugendbezirkswart.

Zwar weiß Fengler, dass nach dem Lockdown "das Vereinsleben wieder nach oben gehen" werde, doch er glaubt, dass durch die Pandemie viele Kinder und Jugendliche inzwischen lieber Individualsport betreiben.

"Jeden Tag Fußball im Fernsehen war der absolute Tod für den Amateurfußball."

Harald Fengler (Bezirksjugendwart Hochrhein)

Der Fußball hat sich verändert

Anders als vor einigen Jahren, als jeder Dorfverein eigene Jugendmannschaften melden hätte können, spiele heute nicht jeder mehr Fußball, sagt Fengler, und ergänzt: "Die Interessenslage hat sich geändert und die digitalen Medien haben ihr übriges dazugetan. Samstags sind kaum mehr Zuschauer auf den Amateursportplätzen. Sie hocken lieber zuhause auf dem Sofa und gucken Bundesliga. Und viele Kinder und Jugendliche sind schon genauso", sagt Fengler.

Auch in den nächsten Wochen wird das voraussichtlich die einzige Möglichkeit sein, wenigstens etwas Fußball im Alltag zu erleben - denn der Amateurfußball wird vorerst weiterruhen.

STAND
AUTOR/IN