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Eike Immel, der ehemalige Torwart des VfB Stuttgart, hat fast alle Höhen und Tiefen im Leben kennengelernt. Sportlich war er Deutscher Meister und Nationalkeeper, privat durchlebte er Privatinsolvenz und Scheidung. Am Freitag feiert er nach überstandener Corona-Infektion Geburtstag.

Es ist der 16. Mai 1992. Der letzte Spieltag in der Fußball-Bundesliga. Das Meisterrennen ist vielleicht das spannendste, das es je gegeben hat: Stuttgart, Dortmund und Frankfurt gehen punktgleich in den 38. Spieltag. Ein hitziger Dreikampf, bis heute einmalig. Die Spannung ist enorm.

Immel: "Höhepunkt meiner Karriere"

Mittendrin: Eike Immel, der Torhüter des VfB Stuttgart. Er muss an diesem Nachmittag bei Bayer Leverkusen antreten. Wenige Minuten vor Schluss sind die Schwaben beim Stand von 1:1 nur noch zu zehnt. Auch beim Spiel der Frankfurter steht es Remis. In diesem Moment spricht alles für Dortmund als Meister, das in Duisburg knapp in Führung liegt. Doch in der 86. Minute die plötzlich Kehrtwende in diesem Dreier-Fernduell: VfB-Kapitän Guido Buchwald köpft die Stuttgarter in Leverkusen zum 2:1- Sieg - und damit zum Meistertitel.

Der vierte Meistercoup der Vereinsgeschichte, der erste und einzige für Eike Immel. "Das war der Höhepunkt meiner Karriere", sagt er im Gespräch mit SWR Sport und stuft den Titel höher ein als seine WM-Teilnahmen (1982 und 1986) und EM-Auftritte (1980 und 1988).

Vom Sohn einer Landwirtsfamilie zum Nationalspieler

Immel machte sportlich schon früh auf sich aufmerksam: Mit 17 Jahren bestritt er für Borussia Dortmund sein erstes Bundesligaspiel - und schlägt ausgerechnet den großen FC Bayern München (1:0). Bis heute ist er der viertjüngste Bundesliga-Keeper aller Zeiten. Immel schien alles zuzufallen. Er strahlte eine jugendliche Leichtigkeit aus. "Ich habe mit 17 gespielt, ich war mit 18 Jahren Stammtorwart. Ich habe kein einziges Mal in meiner Bundesliga-Karriere auf der Bank gesessen." Als er 1997 seine Profikarriere beendete, hatte er 534 Bundesligaspiele für Dortmund und Stuttgart bestritten. Nur Oliver Kahn stand in der Liga häufiger im Tor (557).

DFB-Rücktritt ein "Kurzschluss"

Auch in der Nationalmannschaft stand er bereits in jungen Jahren zwischen den Pfosten. Als 19-Jähriger bestritt er sein erstes Länderspiel (1:1 in den Niederlanden) für Deutschland. Damit ist er bis heute der jüngste Keeper in der Geschichte des DFB-Teams. 19 Mal lief der im mittelhessischen Stadtallendorf geborene Immel für die DFB-Elf auf.

Bei der Heim-EM 1988 (Aus im Halbfinale gegen die Niederlande) stand er bei allen deutschen Spielen im Tor. Als Trainer Franz Beckenbauer im ersten Spiel nach dem Turnier allerdings Konkurrent Bodo Illgner ins Tor stellte, trat Immel sofort aus der Mannschaft zurück. Mit erst 27 Jahren. "Das war eine totale Kurzschlussreaktion", sagt Immel rückblickend. "Es war ein Fehler. Selbst wenn ich als Nummer zwei 1990 zur WM nach Italien gefahren wäre - ich wäre Weltmeister geworden. Mein Gott, wäre das so schlimm gewesen?" Heute kann er über seine Fehlentscheidung lachen. So richtig bewusst wurde sie ihm erst bei der WM 2006 im eigenen Land. Nachdem Oliver Kahn, "der beste Torwart, den wir je hatten", ohne Murren auf der Bank Platz genommen hatte, habe er gedacht: "Wenn der das kann, wieso hast du Idiot das damals nicht auch gemacht?"

"Wo kriege ich ein Brötchen her?"

Auch in seinem Privatleben traf Immel nicht immer die klügsten Entscheidungen. Schon während seiner aktiven Zeit geriet er immer wieder durch Eskapaden jenseits des Spielfelds in die Schlagzeilen: Frauen, Glücksspiel, Drogen und Luxusautos. Alles im Zusammenhang mit Eike Immel. Nach seinem Karriereende folgte dann der private Absturz: Hüftleiden, Scheidung, Offenbarungseid. Es habe Tage gegeben, da habe er morgens nicht gewusst, "wo kriege ich ein Brötchen her und wo schlafe ich heute Abend".

Im Gespräch mit SWR Sport erzählt er: "Aus dem Profifußball gab es nicht einen einzigen Anruf von jemandem, der mal gefragt hätte 'Wie geht es dir?' Da waren sofort alle Türen zu." 2008 musste Immel Privatinsolvenz anmelden. Wegen ständiger Geldsorgen ging er ins RTL-Dschungelcamp. Später wurde er wegen Kokainhandels angeklagt, im Prozess dann aber freigesprochen. "Dein Lebenswerk wird nicht mehr positiv gesehen", stellt Immel im Rückblick auf die schwierige Zeit ernüchtert fest. "Du wirst nur noch definiert über das, was schief gelaufen ist. Zumindest bei vielen, nicht bei allen."

Fit nach Corona-Infektion

Heute geht es Eike Immel gut. Vor Jahren hat es ihn zurück zu seinen heimatlichen Wurzeln gezogen: Er lebt im hessischen Stadtallendorf. Dort trainiert er Jugendliche und die zweite Mannschaft seines ehemaligen Jugendvereins. Vor wenigen Monaten hat ihn eine Corona-Infektion erwischt. Immel hatte "heftige Symptome", ist inzwischen aber wieder fit. Deshalb will er mit den Fußballern das Training wieder aufnehmen, sobald dies erlaubt ist.

Auch wegen der derzeitigen Corona-Maßnahmen wird es keine große Party an seinem 60. Geburtstag geben. Immel wird den Tag im kleinen Kreis mit seinen Kindern und seiner Mutter verbringen. Danach wird er sich wieder an den Schreibtisch setzen. Immel arbeitet derzeit an einem Buch. Einige hundert Seiten hat er schon geschrieben - von Hand. Bis zur Fußball-Europameisterschaft 2021 will er es fertig haben.

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