Dr. Jochen Drees aus Münster Sarmsheim (Foto: Imago, Imago Images)

Fußball | DFB-Pokal Videoschiedsrichter: Fehler in der Kommunikation

Elfmeter oder nicht? Angesichts der hitzigen Diskussion über die Schlüsselszene des Abends rückte der Sieg des FC Bayern München im DFB-Pokal-Halbfinale bei Werder Bremen erst einmal in den Hintergrund. Im Fokus stand einmal mehr der Videobeweis. Antworten dazu im SWR3-Interview mit Jochen Drees, Chef der Videoschiedsrichter beim DFB.

Warum ist ihr Kollege Daniel Siebert gestern nicht an den Bildschirm gegangen, um die strittige Szene zu überprüfen?

Jochen Drees: Weil der Videoassistent eine Bewertung einer Szene vor dieser Szene vorgenommen hat und der Meinung war, dass die Entscheidung, Strafstoß zu geben, nicht klar und offensichtlich falsch gewesen ist. Problematisch an der Situation war, dass der Schiedsrichter Daniel Siebert eigentlich ein anderes Detail in dieser Szene bewertet hat und der Videoassistent wiederum dann einen anderen Aspekt in dieser Szene, also dieses Rempeln oder das Stoßen in der Hüfte, für sich bewertet hat, so dass beide von einer unterschiedlichen Wahrnehmung geredet haben oder miteinander geredet haben. Und hier wäre es auf jeden Fall notwendig gewesen, sich dessen bewusst zu machen und dem Schiedsrichter die Gelegenheit zu geben, sich diese Szene nochmals anzuschauen.

Sie sagen also, dass der Videoschiedsrichter sich da nicht klar artikuliert hat? Und nochmal nachgebessert hätte werden müssen?

Es ist zumindest so, dass beide sich darüber bewusst hätten werden müssen, dass sie vielleicht über ein anderes Detail reden innerhalb dieser Szene. Ich weiß nicht, wie die Entscheidung dann letztendlich ausgefallen wäre. Daniel Siebert ist der Schiedsrichter der Partie gewesen, er ist letztendlich derjenige, der sich festlegen muss, eine Entscheidung treffen muss. Aber dazu hätte er sich im Prinzip diese Situation nochmal anschauen müssen. Und da haben beide einfach nicht auf die Art und Weise miteinander kommuniziert und geredet, wie wir das erwarten würden.

Aber die Videoschiedsrichter und Schiedsrichter werden doch geschult in der Kommunikation miteinander - wie kommt es zu einem Missverständnis dieser Art?

Sie müssen sich vorstellen, so ähnlich wie Sie und ich als Zuschauer am Fernseher das als sehr aufregend und relevante Szene wahrnehmen, sind sowohl Schiedsrichter als auch Videoassistent in der Situation angespannt und unter Druck und da funktioniert das eben nicht immer alles so, wie wir das in der Theorie üben oder wie das in anderen Situationen, die vielleicht nicht so relevant sind, abläuft. Das ist sicherlich ein menschlicher Faktor, der uns aber auch vor Augen führt, dass wir da noch viel zu tuen haben und noch lange nicht da sind, wo wir hinwollen.

Wir der Tag kommen, an dem wir nicht mehr über den Videobeweis streiten werden?

Nein, wird er nicht. Das war aber auch nie das Ziel des Videobeweises oder der Videoassistenz. Wir haben auch vorher über die Entscheidung des Schiedsrichters gesprochen. Jeder der angenommen hat, dass der Videobeweis jetzt ein diskussionsloses Feld hinterlässt, der ist, glaube ich, mit einem falschen Ansatz herangegangen. Der Videoassistent wird auch in Zukunft Diskussionspotential bieten und den Fußballzuschauer immer wieder in Spannung versetzen.

Das Interview führte SWR3-Moderator Stefan Hoyer

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