Kinder spielen Fußball (Foto: SWR, Torsten Blümke)

Fussball | Hintergrund Funino - Die Zukunft des Kinderfußballs?

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Der DFB plant eine Neustrukturierung des Kinderfußballs. Funino soll jungen Spielern den Spaß am Kicken zurückbringen. Bei ersten Events sorgt die Spielform für positive Resonanz.

Nicht erst seit dem enttäuschenden WM-Aus des DFB-Teams in Russland ist das Nachwuchssystem in Deutschland stark in Kritik geraten. Der Grundtenor von Fußballfunktionären und Experten: Es mangelt an dribbelstarken, spielintelligenten Kreativkickern, der deutsche Fußball ist auch im internationalen Vergleich zu stark auf Ballbesitz ausgerichtet und zu langsam. Kurzum: Der deutsche Fußball hat den Anschluss verloren und bangt um seine Zukunft. Auch die Sorge, dass junge Spieler früh ihre Fußballschuhe an den Nagel hängen, weil sie nicht eingesetzt werden oder im Spiel kaum Ballkontakte haben, treibt den DFB zum Handeln. Diese Probleme sollen nun an der Wurzel angepackt werden. Der DFB plant, den Kinderfußball komplett umzukrempeln und künftig ein neues Konzept einzuführen.

Die Lösung heißt "Funino" ("Fun" engl. - "Spaß" und "nino" span. - "Kind"), eine bereits vor 30 Jahren von Horst Wein entwickelte Spielform im Kinderfußball, die etwa beim spanischen Spitzenklub FC Barcelona seit Jahren Anwendung findet. Kurz zusammengefasst, treten die Nachwuchskicker in Kleingruppen von 2-4 Spielern gegeneinander an, das Feld ist ca. 25 Meter x 32 Meter groß und es wird auf vier Tore ohne Torhüter gespielt. Außerdem soll ein rotierendes Wechselsystem sicherstellen, dass jedes Kind zum Zuge kommt. Das Spiel findet ohne Schiedsrichter statt, vergleichbar mit der Fair-Play-Liga in diesen Altersklassen. Die Trainer sollen nicht mehr als Aussortierer, sondern als Talententwickler agieren.

Funino Grafik (Foto: SWR)
Funino-Spielfeld: 32m x 25m

Neben dem Spaßfaktor soll die neue Spielform vor allem die Wahrnehmung und Dribbling-Fähigkeit der Jüngsten schulen. Eine Studie der Uni Erlangen zeigt, dass Kinder beim Funino ca. 60 Prozent mehr Ballkontakte als beim herkömmlichen Sieben-gegen-Sieben haben. Darüber hinaus werden fast doppelt so viele Pässe gespielt, es wird fünfmal so häufig gedribbelt. Das Spiel ist viel schneller und die Kinder müssen deutlich aufmerksamer sein, wenn sie auf dem Platz stehen. Zudem bewegen sie sich auf dem ganzen Spielfeld, ohne eine Position fest einzunehmen. Das wiederum bedeutet, dass sich die Kinder nicht zu früh spezialisieren, sondern flexibel auf mehreren Positionen einsetzbar sind. Durch die vier Tore kommt es außerdem zu zahlreichen Spielverlagerungen und der vorhandene Raum wird effektiver genutzt.

„Die Verantwortlichen des SWFV und auch die überwiegende Mehrzahl der bisher angesprochenen (Kinder-)Trainer sind inhaltlich vollkommen von diesen Änderungen überzeugt. Lediglich bei der organisatorischen Umsetzung sind noch einige Fragen offen. […] Ab der darauffolgenden (Anm. d. Red. übernächsten) Saison ist beabsichtigt, diese kindgerechte Spielvariante überall einzuführen, wobei der SWFV auch sinnvolle Varianten zulassen wird (evtl. Spielfeste mit 4-4) oder auch Kombinationen von beidem. Letztendlich möchten die Entscheidungsträger des SWFV die Vereine bei der Gestaltung und Umsetzung mitnehmen, damit die handelnden Personen mit voller Überzeugung hinter dem Projekt stehen. Nur dann werden die Fußballkinder davon profitieren.“

Heinz Jürgen Schlösser (Verbandssportlehrer SWFV, Leitung Aus- und Weiterbildung)

Am 21. Juni entscheidet der DFB

All diese Gründe veranlassten den DFB, auch in Deutschland über Funino nachzudenken. Das Präsidium will am 21. Juni darüber entscheiden, ob die Reform im Kinderfußball künftig deutschlandweit greift. In Rheinland- Pfalz soll ab Sommer parallel gespielt werden. Zunächst ist eine Mischform aus normalen Ligaspielen und Funino-Turnieren, sogenannten Events, angedacht. Langfristig könnte die Fair-Play Liga jedoch komplett abgeschafft werden.

Im Mai 2019 fand bereits das erste Funino-Festival in Mainz statt und stieß dort auf breite Zustimmung, wie Uwe Brinkmann, Chefscout der U8 - U11-Junioren bei Mainz 05, berichtet: "Es war wirklich sensationell. Die Kinder waren alle begeistert und haben leuchtende Augen gehabt. Als ich nach dem Turnier gefragt habe, wer alles Tore geschossen hat, gingen alle Arme hoch. Das motiviert die Kinder, gibt ihnen Erfolgserlebnisse und sie merken, sie werden gebraucht."

„Wir haben bereits seit Jahren im Eingangsbereich ein Bambini-Spieltagskonzept, das Funino schon sehr nah kommt. Insofern finden wir es sehr sinnvoll, wenn sich der DFB da neu positioniert. Unsere beiden Kernpunkte sind, dass wir allen Kindern hohe Bewegungsanteile geben wollen und gegen ein starres Punkt- und Leistungssystem sind. Wenn das DFB-Präsidium die Reform beschließt, werden wir uns damit auseinandersetzen. Wir haben ohnehin schon eine Arbeitsgruppe im Kinderfußball, insofern sind wir da schon jetzt nicht so weit entfernt.“

Heiner Baumeister (Pressesprecher, Württembergischer Fußballverband)

Babatz sieht den Nutzen von Funino

Auch Christoph Babatz, Ex-Profi und Sportlicher Leiter der 05er-Fußballschule, äußert sich zuversichtlich ob des neuen Konzepts: "Um den Kindern den Spaß am Fußball zu erhalten, ist Funino sehr gut, weil es jedem Spieler die Möglichkeit gibt, immer den Ball zu bekommen."

In einem Punkt scheint sich die Fachwelt einig zu sein: Funino wird in Zukunft eine größere Rolle spielen. Doch für welche Altersklassen ist die Spielform sinnvoll und ab wann sollte wieder auf den klassischen Fußball zurückgegriffen werden? "Man muss hier wirklich unterscheiden, mit wem man Funino spielt. Das ist gut für die Bambinos und die F- Jugend. Aber nicht mehr in der U11/U12. Da sollte man schon beim klassischen Fußball bleiben, so wie wir es kennen", findet Brinkmann und befürwortet auch den Vorschlag des SWFV, ab Sommer parallel zur Fair-Play-Liga einzelne Funino-Events zu veranstalten: "Man wird nicht von jetzt auf gleich alles umstellen können, deshalb ist eine Mischform in der Übergangszeit sicher sinnvoll. Langfristig gesehen aber alternativlos für die Entwicklung der Nachwuchsspieler im deutschen Fußball."

„Wir beschäftigen uns aktuell intensiv mit der zukünftigen Ausrichtung im Kinderfußball und stehen diesbezüglich auch mit dem DFB und dem SC Freiburg in Kontakt. Ziel muss es sein, dass alle Kinder möglichst viel Trainings- und Spielzeit bekommen. Dazu müssen wir Trainings- und Wettkampf-Formen wählen, die die Kinder voll einbinden und ihnen viele Wiederholungen und viele Spielaktionen bieten. Hierfür bietet sich Funino sehr gut an. Wir sehen es jedoch als eine von mehreren Spielformen, die wir im Kinderfußball implementieren wollen.“

Fridolin Wernick (Öffentlichkeitsarbeit, Südbadischer Fußballverband)

Für viele Klubs eine finanzielle Herausforderung

Steht der Mini-Revolution also nichts mehr im Wege? Nicht ganz. Es bleibt die Frage nach dem Geld. Ein Verein wie Mainz 05 dürfte damit keine Probleme haben, viele kleinere Vereine finanzieren ihren Jugendfußballbetrieb jedoch fast ausschließlich mit Kiosk-Verkäufen und könnten vom finanziellen Aspekt abgeschreckt werden. Finden statt 20 Spieltagen plötzlich nur noch wenige Events im Jahr statt, fehlen wichtige Einnahmen. Dazu kommen Anschaffungskosten für Tore und Bälle. Bei einem Turnier mit acht Feldern wären das bereits 32 Tore, die bereit gestellt werden müssten.

"Das stellt für uns natürlich eine Herausforderung in organisatorischer und finanzieller Hinsicht dar", betont Tobias Wagner, Jugendleiter des FC Lörzweiler. Beim rheinhessischen Klub sollen die G-Junioren in der kommenden Spielzeit erste Erfahrungen mit Funino sammeln und die Festivals zum Kennenlernen genutzt werden. Die finanzielle Hürde möchte Wagner mithilfe "kleiner Zweckgemeinschaften" nehmen. So bringen die teilnehmenden Vereine bei einem Funino-Event im besten Fall ihre Tore selbst mit und teilen sich die Kosten.

Es bleibt also abzuwarten, ob sich Funino auch flächendeckend und ganzheitlich in Deutschland durchsetzen kann, ein interessanter und spannender Ansatz ist es allemal.

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