Ottmar Hitzfeld im Gespräch mit SWR-Reporter Lennert Brinkhoff (Foto: SWR)

Exklusiv-Interview | Ottmar Hitzfeld Hitzfeld: "Das Internat war für mich die Hölle"

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Ottmar Hitzfeld hat den deutschen Fußball vor allem als Trainer geprägt. Der 69-Jährige aus Lörrach ist schon seit einigen Jahren im Ruhestand, den Fußball verfolgt er dennoch weiter mit großer Leidenschaft. Ein Gespräch über die Clubs aus dem Südwesten, das Titelrennen in der Bundesliga und den Kampf um den Nachwuchs im deutschen Fußball.

Ottmar Hitzfeld läuft in die Lobby eines Hotels in Basel. Vier Minuten vor der Verabredung. Angestellte und Gäste werden schnell aufmerksam. Sie erkennen diesen Mann, bevor er der aufgebauten Kamera entgegenläuft. Ottmar Hitzfeld ist stilsicher gekleidet. Seine Begrüßung ist höflich und aufmerksam. Er stellt sich in aller Ruhe der gesamten Crew vor, per Handschlag. Kamera, Ton, Maske. Es folgt ein offener Smalltalk.

"Mir geht es gut", sagt einer der erfolgreichsten Fußballtrainer der Welt und ergänzt, dass "der Stress des Trainerlebens" ja endlich vorbei sei. Auch als die Kamera läuft bleibt Hitzfeld charmant, bezieht im Interview mit SWR-Reporter Lennert Brinkhoff zu allen Themen Stellung.

Ottmar Hitzfeld über...

... den Titelkampf in der Bundesliga:
"Man wünscht sich natürlich immer, dass Spannung aufkommt. Jetzt hat man auch mal die Spannung, dass Dortmund vier Punkte vor Bayern ist. Das sind die beiden mit Abstand besten Klubs in Deutschland. Dahinter tümmeln sich einige Mannschaften, die alle Chancen auf den dritten Platz haben."

… die Krise beim FC Bayern:
"Der FC Bayern ist ein sehr sensibles Gebilde. Wenn man Erster ist, dann ist es ganz normal. Aber wenn man nicht Erster ist, dann hat man gleich eine Krise. Wenn man früher zwei Mal unentschieden gespielt hat, wurde das schon als Schwäche ausgelegt. Das nagt natürlich am Selbstbewusstsein der Mannschaft, gerade auch die Heimniederlage gegen Gladbach war da extrem unglücklich."

… die Situation beim VfB Stuttgart:
"Die Mannschaft wurde verstärkt, aber man hat vielleicht nicht die richtigen Spieler gefunden. Man hat technisch versierte Spieler geholt, aber keine Spieler, die defensiv im Zweikampf stark sind. Nach vorne sieht das nicht schlecht aus, aber in der Rückwärtsbewegung hat der VfB einige Probleme. Dadurch geht natürlich das Selbstvertrauen verloren und die Mannschaft kann auch offensiv nicht mehr überzeugen. Man hat zu wenige Tore geschossen aus den Möglichkeiten die man gehabt hat, und das hinterlässt natürlich Spuren."

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… die Freistellung von Tayfun Korkut beim VfB Stuttgart:
"Ich als ehemaliger Trainer hoffe natürlich immer, dass man möglichst lange an einem Trainer festhält. Das kann man als außenstehender natürlich manchmal schlecht nachvollziehen. Man weiß nicht, wie der Trainer trainiert, man kennt die Ansprache zur Mannschaft nicht. Der Verein muss irgendwann handeln, aber die Art und Weise, wie der VfB gehandelt hat, war nicht in Ordnung. Man hat dem Trainer gesagt, dass ein Trainerwechsel kein Thema ist und am nächsten Tag hat man ihn entlassen. Das finde ich keinen guten Stil, denn Trainer stehen auch unter Druck und klammern sich natürlich ein Stück weit an ihren Job."

... Anstand und Ehrlichkeit im Profi-Fußball:
"Natürlich gibt es immer Negativbeispiele. Aber daran sollen sich dann andere Vereine orientieren in dem Sinne, dass man so nicht auftritt. Der Fußball hat eine Vorbildfunktion in unserer Gesellschaft. Vieles was im Fußball auf dem Platz passiert, passiert bei uns auch im Alltag. Und da ist es wichtig, dass man respektvoll miteinander umgeht."

... SC-Freiburg-Trainer Christian Streich:
"Christian Streich macht einen tollen Job. Er ist der Vater aller Spieler und er hat ein unglaublich gutes Scouting-System. Die besten Spieler werden weggekauft und trotzdem hält man sich in der Bundesliga. Für mich ist Christian Streich jedes Jahr - wenn sie nicht absteigen - Trainer des Jahres."

… TSG-Hoffenheim-Trainer Julian Nagelsmann:
"Julian Nagelsmann ist eine große Persönlichkeit, das strahlt er auch aus. Wenn man in so jungen Jahren schon eine Profimannschaft führen kann, dann muss man menschliche Qualitäten haben. Man muss ein klares Konzept haben, darf keine Schwäche zeigen, denn sonst ist man angreifbar in seinem Alter. Er ist sicherlich auch konsequent und souverän im Auftreten."

... die Praktik, dass talentierte Spieler im frühen Jugendalter von großen Vereinen angeworben werden und dafür ihr Elternhaus verlassen.
"Ich glaube, das hängt immer vom persönlichen Befinden des Kindes ab. Für mich war es die Hölle, ins Internat gehen zu müssen. Ich bin auch ganz schnell wieder nach Hause gegangen, ich wollte zu Hause leben und im Verein trainieren. Ich glaube so geht es auch vielen anderen Jugendlichen. Auf der anderen Seite glaube ich, dass die Jugendlichen heute reifer sind als ich vor 55 oder 60 Jahren. Es beudeutet ja auch eine riesige Chance, nicht nur für den Jungen selbst, sondern auch für die ganze Familie. Sozialer Aufstieg durch den Fußball hat einen hohen Stellenwert. Umso wichtiger ist die psychologische Betreuung, dass man mit den Eltern und mit dem Kind intensive Gespräche führt und den Spieler betreut."

... die Zerstückelung von Spieltagen und die größer werdende Zahl an Anbietern für Live-Fußball im TV:
"Man muss schon aufpassen, dass man die Basis nicht verliert. Mit den vielen Anbietern, die Spiele live übertragen, sodass man an verschiedenen Tagen schauen kann - das ist okay. Aber dass man dann noch verschiedene Abonnements kaufen muss - für den Normalverbraucher ist das eine Zumutung. Da sind die DFL und der DFB gefordert, dass man im Hinblick auf die Zukunft andere Lösungen anstrebt, damit wirklich jeder Fußballfan in Deutschland Fußball konsumieren kann."

... Joachim Löw und die deutsche Nationalmannschaft:
"Ich finde, dass Joachim Löw hervorragende Arbeit geleistet hat mit der deutschen Nationalmannschaft. Er hat es sich verdient, dass man ihm vertraut, auch wenn es mal schlechter läuft. Er ist sehr akribisch, hat mit der Nationalmannschaft einen schönen Stil entwickelt. Jetzt hat er gerade eine schwere Phase, aber ich denke, Joachim Löw hat die richtigen Weichen gestellt, indem er jetzt mehr auf junge Spieler setzt. Deutschland ist ein bisschen im Umbruch. Und wenn man jetzt auf junge Spieler setzt, dann brauchen diese Spieler Erfahrung. Ich bin aber überzeugt davon, dass wir in zwei Jahren bei der EM wieder eine entscheidende Rolle mitspielen können, denn das Potential ist da."

Das komplette Interview mit Ottmar Hitzfeld im Video

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Nach dem Interview

Nach 30 Minuten Interview bleibt Hitzfeld noch für ein entspanntes Nachgespräch sitzen. Er hat noch andere Termine, unter Zeitdruck lässt er sich aber nicht mehr setzen. Er will noch ein wenig über den VfB Stuttgart erfahren und berichtet aus seiner Zeit im Schwäbischen. Nach einer höflichen Verabschiedung läuft er zu seinem Auto, das er direkt vor dem Hotel geparkt hat. Er darf das. Er kommt oft her. Wer so höflich ist, dessen Auto wird vermutlich nie abgeschleppt. Dann ist er weg. Vier Minuten vor dem vereinbarten Ende.

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