Andreas Buck zu seiner aktiven Zeit beim 1. FC Kaiserslautern. (Foto: Imago, imago/Weckelmann)

Fußball | Andreas Buck "Du wünschst dir, dass du nicht mehr spielst"

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Versagensängste sind in der heutigen Gesellschaft allgegenwärtig. Doch der Druck auf Fußballer ist besonders hoch. Im exklusiven SWR-Interview verrät der frühere VfB- und FCK-Profi Andreas Buck, was es bedeutet, in der glamurösen Fußballwelt funktionieren zu müssen und warum er sich als Profi einst sogar eine Verletzung gewünscht hat.

Andreas Buck wollte schon zu seiner aktiven Zeit als Profifußballer beim 1. FC Kaiserslautern nicht ins Klischee passen, das man von der Sport- und Showbühne Fußball so gerne zeichnet. Einer seiner Lieblingsplätze ist der Pfälzer Wald. Abgeschiedenheit. Ruhe. Schon damals antwortete er auf die Frage, was ihm nach der Karriere als Profifußballer fehlen wird: "Da wüsste ich spontan nichts." Man müsse ihn später auch nicht noch auf der Straße erkennen.

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Zwei mal Meister

Seine Karriere begann beim SC Geislingen. Über den VfL Kirchheim und den SC Freiburg führte sein Weg schließlich zum VfB Stuttgart, mit dem er unter Christoph Daum 1992 Deutscher Meister und 1997 auch Pokalsieger wurde. In diesem Jahr wechselte er dann zum 1. FC Kaiserslautern. Gemeinsam mit Otto Rehagel gewann er ein Jahr später erneut die Meisterschaft. Ende Juni 2006 beendete er schließlich seine Karriere als Profifußballer.

Buck, einer der unauffälligen Auffälligen vom Betzenberg, reagierte mit vollstem Verständnis auf das Interview von Per Mertesacker, welches er kürzlich dem Magazin "Spiegel" gab. Der Kapitän des FC Arsenal löste damit eine europaweite Debatte über Druck im Profifußball aus und rief unterschiedliche Reaktionen hervor.

"Du wünschst dir, dass du nicht mehr spielst"

Die allermeisten haben Mertesacker für seine Offenheit und seinen Mut gedankt. Dazu gehört auch Buck. Denn auch er spürte zu seiner Zeit als Profifußballer, was es heißt dem Druck der Fußballwelt ausgeliefert zu sein. "Egal, was ich gemacht hatte, es ging alles schief. Und dann kommst du in eine Abwärtsspirale rein, aus der du einfach nicht mehr rauskommst. Du wünschst dir eigentlich auch, dass du nicht mehr spielst. Du willst nicht mehr spielen. Und wenn der Trainer dich aber weiterhin aufstellt, dann kannst du nicht zu ihm hingehen und sagen 'Trainer, ich habe ein mentales Problem, ich will nicht spielen.'"

Der Wunsch nach einer Verletzung und einer Pause kam daher wie von alleine. Und so war Buck einst froh, als er sich einen Bänderriss zuzog und sechs Wochen ausfiel. "Ich konnte den Reset-Knopf drücken und einen Neustart finden für mich. Denn sonst bist du in dieser Abwärtsspirale drin und kommst nicht mehr raus."

Stress ist zu einer Volkskrankheit geworden

Druck, Stress, Depression. Ein Thema das bei weitem nicht nur im Profisport zu finden ist. Immer mehr Menschen in der heutigen Gesellschaft leiden unter dem wachsenden Druck. Die Ökonomisierung, Globalisierung und auch die Digitalisierung bringen das mit sich. Stress ist zu einer Volkskrankheit geworden. Jedes Jahr treibt der Zwang zu permanenter Verfügbarkeit und steigender Arbeitsverdichtung Zehntausende in die Frührente. Auch deshalb hat das Interview von Mertesacker die wenigsten gleichgültig hinterlassen.

Ein Thema, das alle beschäftigt. Nur die Dimensionen sind anders. "Wenn ich als Sportler einen Matchball verschieße, zieht das eine ganz andere Folge mit sich, als wenn ich einen Fehler im Job mache. Der Druck ist überall da, nur die Größenordnung ist eine andere im Profisport", erklärt der Psychologe Lothar Linz, der seit Ende der 1990er Jahre erfolgreich als sportpsychologischer Berater arbeitet. Für ihn sind Sport und Geist zwei untrennbare Begriffe.

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Jeder Mensch reagiert anders in Drucksituationen. In Bereichen wie der Politik, dem Showbusiness und eben auch im Profifußball, die allesamt in der Öffentlichkeit stattfinden, gehören Burnouts, Ängste, Depression und auch Suchtabhängigkeit zu den ständigen Begleitern. "Du musst einfach funktionieren und abliefern. Jedes Wochenende wird deine Arbeit von Millionen Menschen bewertet. Und das macht das ganze so anstrengend, weil du dich nie ausruhen kannst", so Buck.

Personen des öffentlichen Lebens, insbesondere Profifußballer werden auf Schritt und Tritt von Medien und einem Massenpublikum beobachtet und permanent bewertet. Hinzu kommen die Sozialen Medien, in denen nahezu anonym jeder seinen Gedanken freien Lauf lassen kann. "Die sozialen Medien sind ein verstärkender Faktor. Gerade weil Dinge sehr schnell und hemmungsfrei öffentlich gemacht werden", so Linz.

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„Du musst stark sein und darfst nie einen Fehler zugeben“

Die allerwenigsten Fußballprofis gehen mit ihren Sorgen, Ängsten oder Leiden an die Öffentlichkeit. Denn weder sie noch die Gesellschaft sind dafür bereit. Schwäche – das gibt es in der Welt des Profifußballs nicht. Insbesondere dort werden seelische Leiden als Schwäche ausgelegt. Daher ist auch heute noch, gerade in der großen Fußballwelt, großes Schweigen angesagt.

"Als Fußballer darfst du keine Schwächen zeigen. Selbst wenn du einen Fehler machst und ein Spieler kritisiert dich vor den anderen – du darfst den Fehler nicht zugeben. Du musst immer Contra geben. Das ist wie in einem Wolfsrudel, wenn der Leitwolf Schwäche zeigt, dann merken die anderen, ok, jetzt kannst du es machen mit ihm. Du musst immer stark sein, du darfst nie etwas zugeben", so Buck.

Auch heute noch scheuen sich viele Spieler davor, die psychologische Betreuung vom Verein anzunehmen – oder zum Arzt zu gehen, aus Angst, ihre Schwäche könne entdeckt werden.

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Interviews wie das von Mertesacker oder nun Buck werden wohl weiterhin eine Seltenheit bleiben. Es ist jedoch von Wert, wenn Profifußballer an die Öffentlichkeit gehen. Lothar Linz ist jedoch nicht sonderlich optimistisch, dass die Gesellschaft in Zukunft ein höheres Verständnis gewinnen werde, doch es "ist wichtig, dass das Umfeld der Spieler darauf achtet, nicht zu viel Druck aufzubauen."

Profifußballer können jedoch mit ihrer Popularität sehr viele Menschen erreichen, Debatten anstoßen und auch anderen dabei helfen, sich zu hinterfragen und sich im Zweifel selbst Hilfe zu suchen. Insbesondere zeigen sie aber auch Nachwuchsspielern, was es wirklich bedeutet, Fußballprofi zu sein.

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