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Michael Mildenberger war elf Jahre lang Behindertenfanbeauftragter bei der TSG Hoffenheim. Dass in der Bundesliga trotz Corona wieder gespielt wird, kann er nicht nachvollziehen. Auch deshalb hat er jetzt gekündigt.

Punkt 15:30 Uhr lag sie vergangenen Samstag auf dem Tisch der Hoffenheimer Vereinsführung: Die Kündigung von Michael, genannt "Charly" Mildenberger. Der Zeitpunkt? Kein Zufall, denn Mildenberger war zuletzt überhaupt nicht damit einverstanden, dass in der Bundesliga trotz der Corona-Krise wieder gekickt werden durfte. Die Enttäuschung darüber, wie die TSG Hoffenheim sich in der Debatte um den Re-Start positioniert hatte, hat dazu beigetragen, dass Mildenberger den Verein im August verlässt.

Eine Ära geht zu Ende

Die letzten elf Jahre war der 54-Jährige Behindertenfanbeauftragter der TSG Hoffenheim. Mit dem Aufstieg in die Bundesliga 2008 hatte damals alles angefangen, im Sommer diesen Jahres geht die Ära zu Ende.

Aber "Charly" Mildenberger blickt auf eine tolle Zeit zurück. Auch wenn der Start ins Ehrenamt für ihn nicht ganz einfach war. "Ich und die Fanbetreuung wurden damals ins kalte Wasser geworfen. Die ganzen Inhalte der Behindertenfanbetreuung musste ich mir selbst erarbeiten", erzählt er dem SWR im Gespräch. Mit der neuen Erstklassigkeit war die TSG dazu verpflichtet, einen Fanbetreuer für geistig und körperlich behinderte Fans einzustellen.

Der gebürtige Kraichgauer fand sich schnell zurecht. Er habe sich viel mit Kollegen aus anderen Vereinen ausgetauscht, berichtet er. Außerdem konnte er viel Fachwissen aus seinem Hauptberuf mitbringen. Da arbeitet Mildenberger als Heilerziehungspfleger in einer Behinderteneinrichtung - in Vollzeit. Nebenbei engagiert sich Mildenberger auch international viel für die sportliche Inklusion von Menschen mit Handicap.

Freunde aus der Bundesliga

Am Telefon erzählt "Charly" von vielen Freundschaften, die er über die Jahre hinweg gebildet hat. So habe er sehr gute Verhältnisse mit den Bundesliga-Cheftrainern David Wagner und Florian Kohfeldt. Letzteren habe er kennengelernt, als dieser "quasi fast noch Zivildienstleistender war." Außerdem habe er auch mit Ralf Rangnick regelmäßig Kontakt. "Da rückt das ganze Geschäft Fußball in den Hintergrund und es geht nur um das menschliche Miteinander", erzählt Mildenberger. Diese Bodenständigkeit schätze er sehr.

Der Ernst der Coronakrise

Wie ernst man das Coronavirus nehmen sollte, wurde Mildenberger schnell klar. In einer Einrichtung nicht weit von seinem Arbeitsplatz habe es schon Todesfälle gegeben. Auch in seinem Vollzeitberuf habe die Krise für Schwierigkeiten gesorgt. "Viele geistig behinderte Menschen begreifen ja überhaupt nicht, warum sie auf einmal nicht mehr in den Supermarkt gehen oder Sport treiben dürfen." Außerdem seien Masken und anderes Schutzmaterial so knapp, dass man einen potenziellen Corona-Ausbruch nur kurz aufhalten könne.

Und inmitten dieser Einschränkungen, die jeden betreffen, dürfen die Profis wieder Fußball spielen? Das kann Mildenberger nicht verstehen. Für ihn ist der Grund für das Privileg der Profifußballer klar: "Am Ende des Tages scheint in der Bundesliga dann doch das Geld zu entscheiden" Da könne er einfach nicht mehr zu hundert Prozent dahinterstehen.

"Charly" hätte sich klare Haltung von Hoffenheim gewünscht

Enttäuscht war Mildenberger vor allem von seinem Arbeitgeber. Er hätte sich gewünscht, dass die TSG Hoffenheim eine klare Haltung zeigt - so wäre man ein Vorbild für eine andere Vereine gewesen. ""Man hätte sagen können: Wenn der Spielbetrieb schon am 16. Mai weitergeht, dann erstmal ohne uns." Auch TSG-Mäzen Dietmar Hopp. Ihm "hätte man eine klare Ablehnung des Re-Starts mit Verweis zur aktuellen Situation in der Gesellschaft sicherlich  abgenommen", so Mildenberger.

Und was sagt die TSG dazu? "Wir respektieren den Schritt von 'Charly' Mildenberger", heißt es in einer Stellungnahme des Vereins. Aufgrund der langen, erfolgreichen Zusammenarbeit bedauere man die Entscheidung. Der Klub stehe allerdings nach wie vor "aus voller Überzeugung" zur Fortsetzung der Bundesligasaison, da man eine große Verantwortung gegenüber Partnern, Mitarbeitern und den anderen Profimannschaften habe. "Wir haben Verständnis für jeden, der diese Sicht nicht teilt", heißt es im letzten Satz.

Zeit für einen Neuanfang

Bei aller Enttäuschung geht "Charly" mit einem Lächeln im Gesicht. "Ich bin den Verantwortlichen der TSG Hoffenheim sehr dankbar für das Vertrauen, das sie in mich gesetzt haben." In der aktuellen Situation sieht er die Chance für eine Neubesetzung seiner Stelle. "Jetzt ist ein guter Zeitpunkt. Der Spielbetrieb läuft ohne Fans und ich kann den Stab in Ruhe weitergeben." Mildenberger werde aber der TSG auf keinen Fall von heute auf morgen den Rücken kehren. Vielmehr wolle er seinem Nachfolger mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Anfangs habe Mildenberger noch Zweifel gehabt, ob eine Kündigung die richtige Entscheidung ist. Doch die verschwanden schnell. "Mit jedem Tag, mit dem das Wochenende näher rückte, entstand in mir ein größeres Gefühl der Leichtigkeit."

Nach elf Jahren Ehrenamt neben seinem Vollzeitjob will Charly Mildenberger jetzt mehr Zeit mit seinen drei Kindern verbringen. Außerdem bleibt jetzt mehr Zeit für Hobbies wie Musik und Lesen. All das ist während seiner Zeit bei Hoffenheim etwas zu kurz gekommen.

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