Fans der TSG Hoffenheim bedanken sich bei Trainer Julian Nagelsmann (Foto: Imago, Jan Huebner)

Fußball | Bundesliga Der Abschied von Julian Nagelsmann - Ende einer außergewöhnlichen Beziehung

Trainer Julian Nagelsmann saß bei der TSG Hoffenheim beim FSV Mainz 05 am Samstag (15:30 Uhr) ein letztes Mal in der Bundesliga auf der Bank, bevor es ihn im Sommer zu RB Leipzig zieht. Das Ende einer außergewöhnlichen Beziehung, findet SWR-Sportredakteur Kersten Eichhorn.

Der Abschied fällt ihm sichtlich schwer. Schon nach dem letzten Heimspiel gegen Werder Bremen (0:1) kämpfte Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann mit den Tränen, als er sich von "seinem" Publikum vor der Südkurve und von "seinem Wohnzimmer", der Sinsheimer Arena, mit "La Ola" und Küsschen verabschiedete. Zahlreiche Plakate zierten die Ränge, überall stand zu lesen: "Danke Julian!"

Bei seinem letzten Spiel musste er mit seiner Mannschaft beim FSV Mainz 05 nach 2:0-Pausenführung in Unterzahl noch eine 2:4-Niederlage hinnehmen. Für einen Europapokalplatz reichte es dadurch nicht mehr. Nach der Partie sagte er SWR Sport: "Grundsätzlich bin ich sehr stolz auf diese Amtszeit."

Fans der TSG Hoffenheim bedanken sich bei Trainer Julian Nagelsmann (Foto: Imago, Nordphoto)
Fans der TSG Hoffenheim bedanken sich bei Trainer Julian Nagelsmann Imago Nordphoto

"Beschissenes Abschiedsspiel"

"Ich habe hier wundervolle Jahre gehabt", gibt Julian Nagelsmann die Komplimente gegenüber SWR Sport gerne zurück, auch wenn er sich zuvor über die Niederlage gegen die Spiel- und Spaßverderber aus Bremen furchtbar ärgerte: "Ein beschissenes Abschiedsspiel, ich bin sieggetrieben und da kommen die Emotionen nicht so hoch, wie sie hochkommen könnten."

Julian Nagelsmann, scheidender Trainer der TSG Hoffenheim (Foto: Imago, Kadir Caliskan)
Julian Nagelsmann, scheidender Trainer der TSG Hoffenheim Imago Kadir Caliskan

Julian Nagelsmann will immer gewinnen

Typisch Nagelsmann. "Sieggetrieben", besser als mit dieser Selbstcharakterisierung könnte man den Ehrgeiz des jungen Trainers nicht beschreiben. Julian Nagelsmann will immer gewinnen, egal gegen wen, er strebt immer nach dem maximalen Erfolg. Warum nicht Meister werden? Niederlagen sind für ihn nur schwer verdaulich, und auch Punkteteilungen sind ihm ein Greuel: "Ich hasse Unentschieden", hat er zuletzt sogar einmal ehrlich eingeräumt.

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Seine Teams suchen immer die Offensive

Nagelsmann-Teams spielen immer nach vorne, mit Tempo, suchen das Spektakel. Schon während seiner Zeit als Jugendtrainer bei der TSG Hoffenheim sorgte der junge Mann aus dem bayerischen Landsberg für Furore. 2010 kam er vom FC Augsburg, vier Jahre später wurde er mit Hoffenheim zum ersten Mal deutscher U-19-Meister.

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Nicht nur der damalige 1899-Nachwuchs-Chef und heutige Profi-Direktor Alexander Rosen hatte das unglaubliche Trainertalent schnell erkannt, auch Hoffenheims Gesellschafter Dietmar Hopp legte sich früh fest: "Der wird mal unser Bundesligatrainer."

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Bei seinem Amtsantritt schreibt Nagelsmann Geschichte

Am 11. Februar 2016 war es dann soweit. Mit gerade mal 28 Jahren wurde Julian Nagelsmann als Nachfolger des glücklosen Huub Stevens zum Cheftrainer berufen. Als jüngster Coach in der Bundesliga-Geschichte.

Mit seinem blauen Pulli und seinen jugendlichen Gesichtszügen wirkte er bei seiner ersten Pressekonferenz wie ein braver Abiturient. "Ich habe einige Ideen im Kopf", zeigte sich Nagelsmann aber gleich selbstbewusst: "Ich will mit meiner Art erreichen, dass wir erfolgreicher Fußball spielen."

Ein großer Förderer der Jugend

Keine leeren Worte. Skeptiker der Szene wurden schnell eines besseren belehrt. Der junge Nagelsmann führte Hoffenheim aus dem Tabellenkeller zum Klassenerhalt und nur ein Jahr später, 2017, in die Europa League. Der impulsive Coach formte Nationalspieler wie Sandro Wagner, Sebastian Rudy, Nico Schulz, Mark Uth oder Niklas Süle quasi im halben Dutzend, forderte und förderte zahlreiche Jungprofis aus dem eigenen Nachwuchs. Er ist ein Trainer "mit einer aussergewöhnlichen Ansprache" (Niklas Süle), einer mit "Riesen-Qualität" (Sandro Wagner).

Ein historischer Triumph für 1899

Unvergessen der 12. Mai 2018, die Krönung der Ära Nagelsmann im Kraichgau. Die TSG zog am letzten Bundesligaspieltag mit einem furiosen Sieg über Borussia Dortmund als Tabellendritter in die Champions League ein. Ein historischer Triumph für 1899, das kleine Dorf in der Königsklasse. "Ein Traum ist wahr geworden", freute sich Dietmar Hopp und bedankte sich bei seinem "Baumeister" Julian Nagelsmann, der mit glänzenden Augen vom "schönsten Tag in seiner Trainerkarriere" sprach und in ganz Fußball-Europa aufhorchen ließ.

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Die überschäumende Freude aber wurde schnell getrübt, als Nagelsmann wenige Tage später seinen vorzeitigen Weggang aus dem Kraichgau für den Sommer 2019 ankündigte. Seine künftige Arbeitsstätte: RB Leipzig.

Sein Nachfolger ist ein alter Bekannter

Keine Frage, die Sachsen dürfen sich auf einen außergewöhnlichen Menschen und Fußballtrainer freuen. Für die Kraichgauer aber wird der Verlust des Erfolgscoaches nur schwer zu verdauen sein. Sein Nachfolger ist ein alter Bekannter: Mit Alfred Schreuder kommt Nagelsmanns früherer Assistent aus Amsterdam zurück.

Noch aber steht ein Spiel aus. Die letzte Bundesligapartie am Samstag in Mainz. Und Julian Nagelsmann wäre nicht Julian Nagelsmann, würde er nicht auf einen letzten großen Erfolg mit der TSG brennen: Den erneuten Einzug in die Europa League.

Es wäre das würdige Ende einer sensationellen Beziehung, das Ende von neun erfolgreichen Jahren Julian Nagelsmann und der TSG Hoffenheim.

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