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Im Sommer endet für Marc Schnatterer und den 1. FC Heidenheim nach 13 Jahren eine einzigartige Beziehung – obwohl der Mittelfeldmann gerne noch weitergemacht hätte.

Der Kopf neigt sich leicht zur Seite, die Augen fangen ein wenig an zu funkeln und unter dem starken Bartwuchs sind zwei Lachfalten zu erkennen. Wenn sich Marc Schnatterer an sein schönstes Spiel für den 1. FC Heidenheim erinnert, dauert es einen kurzen Moment, bis er sich festlegen kann, dann fällt es ihm ein.

Das 4:5 im DFB-Pokal-Viertelfinale 2019 gegen den FC Bayern München sei für ihn eines der schönsten Spiele gewesen. Gegen die großen Bayern in der ausverkauften Allianz Arena auch noch ein Tor zu schießen, dass sei schon etwas ganz Besonderes gewesen.

Eine romantische Fußball-Geschichte

Das Tor gegen den Rekordmeister ist einer der Höhepunkte in Schnatterers Fußballkarriere, die als kleiner Junge beim TSV Bönnigheim beginnt. Dort lernt der talentierte Schnatterer den Fußball lieben und wechselt als 15-Jähriger in die Jugend des VfB Stuttgart. Nach nur zwei Jahren mustert der Verein ihn aus.

Der Grund: Schnatterer wird für zu schmächtig befunden. Danach führt der Weg zurück zu den Kumpels nach Bönnigheim. Der Traum Profifußball rückt in weite Ferne.

Ein Jahr später nimmt die Karriere wieder Fahrt auf. Schnatterer wechselt zum SGV Freiberg und später in die zweite Mannschaft des Karlsruher SC. 2008 verpflichtet ihn der damalige Regionalligist 1. FC Heidenheim – es ist der Startschuss einer romantischen Fußball-Geschichte.

Torgarant, Vorlagengeber, Freistoßspezialist

In Heidenheim wird Schnatterer auf Anhieb zum Stammspieler, erzielt in seiner ersten Spielzeit sieben Tore und steigt mit dem Verein in die 3. Liga auf. Dort etablieren sich die Heidenheimer als starker Drittligist. Schnatterer wird zum Kapitän, ist einer der stärksten Spieler der Liga und macht als Freistoßspezialist auf sich aufmerksam.

In der zweiten Saison stehen die Heidenheimer in der 3. Liga auf Tabellenplatz fünf. Ein Jahr später wird die Mannschaft aufgrund eines torlosen Unentschiedens erst am letzten Spieltag vom Aufstiegsrelegationsplatz verdrängt. Schnatterer ist mit 16 Toren und 19 Vorlagen der herausragende Spieler in der Saison. Den Relegationsplatz am letzten Spieltag noch zu verspielen, sei für ihn einer der Tiefpunkte in seiner Karriere gewesen.

Aufstieg in die 2. Bundesliga

Ein Jahr später wird der Traum vom Aufstieg wahr. Wieder ist "Schnatti", wie er in Heidenheim genannt wird, mit 13 Toren und 12 Assists der Dreh- und Angelpunkt im Offensivspiel der Schwaben und maßgeblich am ersten Zweitliga-Aufstieg der Vereinsgeschichte beteiligt. Es ist der Höhepunkt in der Karriere des damals 28-Jährigen.

In den kommenden sechs Spielzeiten etablieren sich die Heidenheimer in der 2. Liga und schnuppern einige Male an einem Aufstiegsplatz in die Bundesliga. Schnatterer entwickelt sich in diesen Jahren zur Identifikationsfigur, glänzt als Standardexperte und wird zum Aushängeschild des Vereins.

Der Verein wächst rund um den Trainer und Kapitän

Trainer Frank Schmidt ist ein Jahr länger im Verein als Schnatterer. Die beiden pflegen ein professionelles und freundschaftliches Verhältnis. Auch auf vielen anderen Führungspositionen herrscht in Heidenheim Kontinuität. Dadurch wächst der Verein rund um den Trainer und Kapitän von einem Regionalligisten zu einer der stärksten Mannschaften in der 2. Bundesliga.

2018 feiert Schnatterer sein zehnjähriges Jubiläum bei seinem Herzensklub. Er ist längst zum Publikumsliebling geworden. Seine offene Art wird in der kleinen Stadt Heidenheim mit nicht einmal 50.000 Einwohnern geschätzt. Ob jung oder alt, den "Schnatti" mögen sie hier alle.

Insgesamt überwiegt der Stolz

Auf dem Platz glänzt er als Torschütze und Vorlagengeber, schafft bis auf die Saison 2019/2020 in jeder Zweitligasaison mindestens zehn Scorerpunkte. Der Höhepunkt seiner Zeit in Heidenheim ist die Qualifikation für die Aufstiegsrelegation 2020, in der die Heidenheimer denkbar knapp an Werder Bremen scheitern.

Dem verpassten Bundesliga-Aufstieg trauere er allerdings nicht hinterher. Für ihn sei es zwar schade gewesen, aber insgesamt würde der Stolz über das Erreichte überwiegen.

Die erste kleine Delle in der Beziehung

Schnatterer hat über 450 Pflichtspiele für Heidenheim absolviert und dabei über 120 Tore erzielt und vorbereitet. Seit der Saison 2019/2020 werden die Einsatzzeiten weniger, meist kommt er nur noch für wenige Minuten auf den Rasen. Sein letztes Spiel von Beginn machte er im Oktober 2020 gegen Fortuna Düsseldorf.

Vor einigen Wochen hat sich der Verein entschieden, dem 35-Jährigen keinen neuen Vertrag anzubieten. Für Schnatterer eine Enttäuschung. Er wisse zwar, dass man in seinem Alter nicht mehr zu den Talenten gehöre, aber er fühle sich noch gut und wäre für ein weiteres Jahr bereit gewesen.

Blick in die Zukunft ist positiv

Dennoch versuche er die Situation positiv zu sehen. Das Ganze sei auch eine Möglichkeit, etwas anderes zu sehen. Für ihn ist aber auch klar: "Wenn ich was mache, dann möchte ich erfolgreich Fußball spielen und angreifen."

Sich nach so vielen Jahren aus Heidenheim zu verabschieden, fällt dem 35-Jährigen sichtlich schwer. Hier hoch zum Trainingsplatz fahren, das könne er ja mittlerweile fast blind. Auch sich mit den Leuten im Verein und in der Stadt einfach mal zu unterhalten, werde ihm fehlen.

All zu lange will er den Verein nicht verlassen. Vorstandsvorsitzender Holger Sanwald hat ihm bereits für seine Zeit nach der Karriere einen Job angeboten und sagte dazu: "Wann auch immer 'Schnatti' seine Spielerkarriere beenden wird, stehen ihm beim FCH alle Türen und Tore jederzeit offen."

Auch wenn der Zeitpunkt noch nicht feststeht, irgendwann wird Marc Schnatterer zum 1. FC Heidenheim zurückkehren. Das wissen Marc Schnatterer und der 1. FC Heidenheim.

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