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Skispringen, Boxen, Fußball spielen - in der heutigen Zeit steht Frauen die Sportwelt offen. Das war nicht immer so - lange dominierten Verbote und medizinische Mythen den Alltag.

Frauen und Sport? Lange Zeit unvorstellbar. Vor gerade einmal 100 Jahren galt Frauensport als unsittlich und verpönt. Seither hat sich viel verändert, auch wenn es bis heute Unterschiede zu den Männern gibt. SWR Sport begibt sich auf Zeitreise.

Unästhetisch und Gesundheitsrisiko - Frauensport vor über 100 Jahren

Wenn den Frauen bei Sportereignissen im 19. Jahrhundert die Luft wegblieb, dann wohl vorwiegend wegen ihres steifen Korsetts, das sie trugen, während sie ihre Männer aus dem Publikum anfeuerten. Sie selbst durften sich in den verschiedenen Disziplinen damals nicht behaupten. Die Ansicht, dass Sport unästhetisch sei und dem weiblichen Körper schaden würde, war zu dieser Zeit weit verbreitet. Turnen war gestattet, aber nur aus gesundheitlichen Gründen und unter strengen Regeln: Anmut war gefragt, das Spreizen der Beine, Hüpfen oder größere Anstrengungen waren tabu. Zudem durfte nur in langen Röcken geturnt werden. Die Bewegungen, die damit nicht umsetzbar waren, waren nicht erlaubt.

Eine amerikanische Ärztin äußerte damals, Frauen bekämen durch ihre Tätigkeiten im Haushalt ohnehin ausreichend körperliche Bewegung. Ähnliche Ansichten waren in der damaligen Gesellschaft keine Seltenheit. Angesichts dessen erklärt es sich wohl fast von selbst, dass an den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit, im Jahr 1896 in Athen, keine Frauen teilnehmen durften. Oder wie es Pierre de Coubertin, Vater des Internationalen Olympischen Komitees, ausdrückte: "Olympische Spiele sind ein Ausbund männlicher Athletik, und der Beifall der Frauen ist deren Lohn."

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1900 - Beginn eines Umbruchs rund um die Jahrhundertwende

Gegen den Willen Coubertins traten vier Jahre später, bei den Olympischen Spielen in Paris, erstmals Frauen im Golf und Tennis an. Wenig später kamen die Sportarten Eiskunstlauf, Bogenschießen und Schwimmen dazu, Turnen und Leichtathletik folgten erst knapp 30 Jahre später. Zudem konnten Sportlerinnen 1900 an gemischten Wettbewerben teilnehmen. Zusammen mit drei Männern gewann eine Seglerin aus Frankreich als erste Frau Gold bei den Olympischen Spielen.

Auch abseits der großen Wettbewerbe rebellierten zu Beginn des 20. Jahrhundert immer mehr Athletinnen gegen die bisherigen Einschränkungen: Radsportlerinnen begannen, in Pumphosen zu fahren, Frauen in anderen Sportarten zogen nach. Turnerinnen sah man schon bald in kurzen Hosen. Von Wertschätzung in der Gesellschaft konnte jedoch noch lang keine Rede sein. Wenn damals in der Presse über Leichtathletik-Wettbewerbe der Frauen berichtet wurde, wurden diese nur beim Vornamen genannt. Damit habe man den Familien der Athletinnen die "Schande ersparen wollen".

Da der Körpereinsatz bei Sportarten wie dem Fußball für Frauen zu hoch schien, wurde 1917 als Alternative das Handballspiel entwickelt. Zweikämpfe und Körperkontakt waren verboten.

Aufbruchsstimmung statt enges Korsett: Erste Olympischen Frauenspiele

Nach dem 1. Weltkrieg wandelte sich das Frauenbild: Schlank, selbstbewusst, gebildet, emanzipiert waren die Damen der damaligen Zeit. In der Weimarer Republik waren Athletinnen, die turnten, Gymnastik und Sport machten, keine Seltenheit mehr. Trotzdem gab es noch viel Gegenwind aus der Bevölkerung. Die Argumente waren ähnlich wie die Jahre zuvor: Sport sei für die Frau unsittlich und medizinisch bedenklich, hieß es. Auf die meisten Sportarten mussten die Frauen also weiterhin verzichten.

Auch bei den Olympischen Spielen blieb den Athletinnen vieles verwehrt: Unter anderem galt die Leichtathletik als reine Männersportart. Das wollten die Frauen nicht länger hinnehmen. Eine Gruppe Französinnen gründeten einen eigenen Verband und organisierte 1921 die ersten Olympischen Frauenspiele. Die Gremien des IOC beugten sich schließlich dem Druck und ließen sechs Jahre später einige Leichtathletinnen in der olympischen Arena teilnehmen.

Rückschläge für den Frauensport

Frauenfußball war Anfang 1930 weiterhin verpönt, doch Lotte Specht ließ sich von Verspottungen nicht bremsen. Durch eine Zeitungsannonce fand sie Gleichgesinnte und gründete den 1. Deutschen Damen Fußballclub (1. DDFC). Die Folge waren Beschimpfungen, Anfeindungen und Entrüstungsbekundungen aus der Bevölkerung. Nach einem Jahr löste sich der Verein auf. Erst knapp 40 Jahre später kippte der Deutsche Fußballbund (DFB) sein 1955 selbst auferlegtes Verbot und erlaubte Frauen in Deutschland offiziell das Fußballspiel.

Die Nationalsozialisten nutzen den Frauensport und die Olympischen Spiele 1936 für ihre Propaganda-Zwecke für die "gesunde deutsche Rasse". Gleichzeitig wurden Sportvereine und -verbände aufgelöst, im Frauenturnen ging es nur noch um gute Gebärfähigkeit und Muttersein. Ein herber Rückschlag für die neue Rolle der Frau.

Nach dem 2. Weltkrieg lag Deutschland in Trümmern. Der reine Überlebenskampf war deutlich präsenter in den Köpfen als der Sport. Zudem waren im Krieg viele Sportstätten zerstört worden. Vor dem sportlichen Neuanfang galt es, viele Hürden zu überwinden. Als nach und nach wieder Sportvereine gegründet oder reaktiviert wurden, standen Männer an der Spitze der sportlichen Ereignisse. Frauen spielten so gut wie keine Rolle.

Festhalten an Mythen hindert Frauen am Sport

Auch wenn es absurd scheint: Bis in die 50er Jahre waren Vorurteile aus den früheren Jahrzehnten in der Medizin präsent: Warnungen vor der Vermännlichung der Frau, Gebärmutterschäden, Gewebsveränderungen. Körperliche Anstrengung galt immer noch als unästhetisch und schädigend für die Frau. Diese Argumente wurden nie belegt, im Gegenteil. Trotzdem hielten sich die Mythen über Jahrzehnte und sorgten für Verbote vieler Sportarten und Wettkämpfe für Frauen.

Auch das Fußballspiel wurde für Sportlerinnen in den 50er Jahren vom DFB weiterhin untersagt. Die Frauen trugen inoffizielle Trainingseinheiten und Wettkämpfe aus, wurden dafür jedoch fortlaufend in der Öffentlichkeit verspottet.

Endloser Kampf für Gleichberechtigung im Sport

In den 60er und 70er Jahren stiegen die Proteste für mehr Gleichberechtigung genauso wie der Anteil von Frauen in den Vereinen. Vorne mit dabei: Turnen, Leichtathletik, Schwimmen und Tennis, alles typische "Frauen-Disziplinen". Bei den Olympischen Spielen waren Frauen weiterhin bei vielen Sportarten ausgeschlossen, wie etwa beim Rudern und Judo.

Für mehr Gleichberechtigung im Sport kämpfe auch Katherine Virginia Switzer. Da beim Boston-Marathon 1967 keine Frauen zugelassen waren, trug die US-Amerikanerin lediglich "K.V." als ihren Vornamen ein. Dick eingepackt im Schneetreiben fiel sie am Wettkampftag inmitten der männlichen Läufer kaum auf. Der Renndirektor entdeckte sie später, konnte sie aber nicht aufhalten. Sie lief bis ins Ziel. Beim Marathon in Boston dürfen weibliche Sportlerinnen erst seit 1972 starten, in Deutschland war Frauen die Teilnahme an einem Marathon erstmals 1969 erlaubt.

Befreiung und Revolution

Die 70er und 80er Jahre bedeuteten einen großen Fortschritt für Frauen im Sport. Die Rufe nach Gleichberechtigung wurden noch lauter, das Selbstbewusstsein wurde größer. Endlich wurden auch die absurden Mythen rund um den Frauensport kritischer hinterfragt, die sich über Jahrzehnte gehalten hatten. Immer mehr Sportlerinnen probierten sich in zahlreichen Sportarten aus.

Der DFB schaltete hingegen erst etwas später: Nun bekam der Frauenfußball endlich einen Platz im Verband, allerdings unter strengen Auflagen: die Sportlerinnen sollten eine Winterpause einhalten, die ein halbes Jahr andauerte, das Spiel wurde verkürzt, der Ball war kleiner als bei den Männern und Stollen an den Schuhen waren verboten. Viele Vorurteile gegenüber dem Frauensport blieben bestehen.

Die Frau zwischen „alten Männern“

Knapp 90 Jahre hat es gedauert, bis es die erste Frau in den „Club der alten Männer“ schaffte: Die Finnin Pirjo Häggmann wurde 1981 Gremiumsmitglied des IOC. Seither hat sich viel getan. Weitere weibliche IOC-Mitglieder folgten, auch der Anteil der Frauen bei den Olympischen Spielen stieg stark an. 1973 fanden die ersten inoffiziellen Weltmeisterschaften im Marathon für Frauen statt, 1974 wurde er olympisch.

In den 90er Jahren kam auch der Frauenfußball in Deutschland richtig ins Rollen: Die Sportlerinnen kickten nun professionell in verschiedenen nationalen Ligen, wenige Jahre zuvor war eine Nationalmannschaft gegründet worden.

Frauensport mehr im Fokus

1997 brach die deutsche Ultra-Triathletin Astrid Benöhr männliche Weltrekorde. Auch in anderen Sportarten lieferten Athletinnen regelmäßig Beweise dafür, dass die Mythen über leistungsschwächere Frauen nun endgültig verschwinden konnten. Zu den Frauen, die sich gegen die Männer behauptete, zählt sicher auch Bibiana Steinhaus. Sie war die erste Schiedsrichterin, die im deutschen Männer-Profifußball Spiele leitete. 2007 pfiff sie erstmals ein Spiel in der Zweiten Bundesliga der Herren.

Das Jahr 2009 war beim DOSB "Das Jahr der Frauen im Sport". Die Förderung von Mädchen und Frauen sollte bei verschiedenen Projekten im Fokus stehen. Ganz allgemein hat der Frauensport in den letzten 20 Jahren in Deutschland enorm an Akzeptanz und Bedeutung gewonnen. Viele Sportlerinnen sind auf internationalem Top-Niveau sehr erfolgreich, Beispiele gibt es inzwischen viele. Trotzdem wird der Kampf um absolute Gleichberechtigung noch viele Jahre andauern.

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