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Bis mindestens Ende November bleiben Fitnessstudios geschlossen. Viele Betreiber bieten daher digitale Live-Kurse an. Sportbegeisterte können sich von zu Hause aus zuschalten. Doch wie funktioniert das? SWR Sport liefert Antworten.

Für Tom Burger ist es ein normaler Arbeitstag. Fast normal. Der Trainer des Stuttgarter Fitnessstudios "Elements" steht in einem Fitnessraum. Er führt verschiedene Übungen aus, die Kursteilnehmer sollen sie ihm nachmachen. Normalerweise würde er damit dutzende Menschen direkt vor sich im Kursraum zum Schwitzen bringen. Corona-bedingt ist das allerdings anders. Der Kursraum ist leer, doch dafür ist der virtuelle Raum voll. Rund zwanzig Personen nehmen online an Burgers Mobility-Kurs teil.

Gestreamt wird aus der Zentrale in München, Mitglieder können live per Videokonferenz mitmachen. Für Trainer Tom Burger eine gelungene Alternative: "Die Leute wollen sich bewegen und dafür ist das Online-Angebot natürlich super." Per Link und separatem Zugangscode oder auch mit einer App auf dem Smartphone können die Mitglieder an der Videokonferenz teilnehmen und trainieren.

Wichtige Erfahrungen aus dem März

Auch auf der schwäbischen Alb in Balingen geht man diesen Weg. Das Fitnessstudio "Axis" streamt ebenfalls verschiedene Kurse online, um seine Mitglieder während des Lockdowns fit zu halten. Die erneute Schließung trifft den Balinger Familienbetrieb zwar hart, doch anders als im Frühjahr hatte es sich dieses Mal angedeutet. Die erneuten Kontaktbeschränkungen seien wie eine Welle gewesen, die langsam auf einen zu kam, wie Geschäftsführer Patrick Sickinger im Gespräch SWR Sport erklärt: "Man konnte sich in gewisser Weise darauf vorbereiten, auch weil wir bereits die Erfahrungen aus dem ersten Lockdown hatten."

Doch nicht nur die Fitnessstudio-Betreiber können auf diese Erfahrungen zurückgreifen. Auch die Mitglieder*innen sind nun besser auf das Online-Training vorbereitet. Vanessa Becker, Trainerin beim Balinger Fitnesstudio, erkennt hier vor allem bei der älteren Generation einen klaren Fortschritt: "Mir ist aufgefallen, dass vor allem ältere Leute sich weiterentwickelt haben und nun vertrauter mit den Online-Plattformen sind."

Das große Pumpen bleibt aus - Fit bleiben steht im Vordergrund

Die größte Einschränkung für Kursteilnehmer*innen besteht darin, dass sie zuhause oftmals keine Geräte und Gewichte haben. Auch Indoor-Cycling-Kurse oder Jumping-Fitness-Kurse können zuhause nicht ausgeführt werden, das erforderliche Equipment steht in den Kursräumen. Übungsleiterin Vanessa Becker versichert allerdings, dass auch die Online-Kurse die nötige Intensität besitzen. Die Kurse seien extra darauf konzipiert, dass jede*r die Übungen zu Hause ausführen könne.

Falls dann doch mal ein zusätzliches Gewicht erforderlich sei, könne man zu Alltagsgegenständen wie der Wasserflasche greifen. Die Trainerin gibt allerdings zu, dass damit keine großen Muskelberge aufgebaut werden können. Doch darum gehe es ihr auch gar nicht: "Das Training ist natürlich anders als gemeinsam im Studio. Aber ich bin der Meinung, dass man sich durch die Online-Kurse fit halten kann und das ist die erste Priorität."

"Egal, ob das Training online oder persönlich ist"

Zurück zu Toms Mobility-Kurs: Dort geht es ohnehin nicht darum, Muskeln aufzubauen. Viel mehr sollen Muskeln und Gelenke aktiviert werden, sodass man beweglich bleibt. Für Kurs-Teilnehmerin Nina Kraus haben die digitalen Live-Kurse einen großen Vorteil: "Die Kurse finden immer zur gleichen Uhrzeit statt. Das bedeutet, man hat einen gewissen Druck, daran teilzunehmen und kann den Sport nicht wieder aufschieben." Der feste Termin gebe einem auch ein wenig Struktur für den Tag. Trainer Tom sieht ohnehin keinen großen Unterschied für seine Teilnehmer*innen: "Viele Leute machen die Kurse mit, weil sie den Trainer cool finden. Ich glaube dann ist es egal, ob das Training online oder persönlich ist, weil die Leute genau wissen, dass der Trainer sie allein mit seiner Anwesenheit motiviert."

Rhetorik und Sprache müssen an den Online-Kurs angepasst werden

Die Arbeit der Trainerinnen und Trainer ist online trotzdem eingeschränkt. Das digitale Coachen und Motivieren stellt die Trainer*innen immer wieder vor neue Herausforderungen. Für Vanessa Becker ist es daher umso wichtiger, dass sie einen Überblick hat, wer am Training teilnimmt, "dass wir auch schauen können, ob die Ausführung passt".

Tom legt den Fokus vor allem auf seine Ansprache und versucht noch deutlicher in der Übungserklärung zu sein: "Man muss eben seine Rhetorik und Sprache anpassen." Er weist die Teilnehmer*innen daher vor der Übung explizit auf eventuelle Fehler hin. Doch um das perfekte Coaching zu erleben, müssen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch selbst ihre Kamera anschalten. Beim Mobility-Kurs von Tom hatten alle ihre Kamera aus, so auch Bijoux Noll. Sie hat dafür allerdings eine einfache Begründung: "Ich möchte nicht allen Leuten zeigen, was bei mir im Hintergrund passiert."

Persönlicher Kontakt kann nicht ersetzt werden

Online-Kurse funktionieren und bieten den Menschen die Möglichkeit, auch während der Kontaktbeschränkungen ihrem Sport nachzugehen. Des Weiteren haben sie so die Möglichkeit in ihrem vertrauten Umfeld zu trainieren. Mit den gleichen Trainern, nur eben digital. Tom Burger sieht die aktuelle Trainingsform sogar als "zukunftsweisend" an. Er könne sich gut vorstellen, dass Online-Kurse auch nach November zum Standard-Programm gehören könnten.

Trotzdem freut er sich auf den Moment, wenn er die Menschen wieder im Kursraum zum Schwitzen bringen kann. Auch Vanessa Becker fiebert schon auf das Ende der Kontaktbeschränkungen hin und hofft auf eine baldige Rückkehr der Mitglieder. Denn sie vermisst vor allem den direkten Kontakt: " Das Persönliche ist das Erste was einem fehlt. Denn viele kommen nicht nur ins Fitnessstudio, um Sport zu machen oder ihre Gesundheit zu pushen, sondern wollen auch mal ein Gespräch führen. Jeder hat hier seinen Freundeskreis und seine Uhrzeit, wann er trainieren geht. Und das sind so Sachen, die am meisten an einem beißen."

Vielen Kursteilnehmerinnen und -teilnehmern geht es nicht anders. Auch sie vermissen die Fitnessstudio-Atmosphäre. Doch bis es wieder soweit ist, kann es noch eine Weile dauern. Daher gilt nicht abwarten und aussitzen, sondern online einloggen und trainieren.

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