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Fechten | Prozesse gegen Trainer Emotionale Momente im Gerichtssaal

In der Verhandlung um die fristlose Kündigung gegen einen Landestrainer aus Tauberbischofsheim gab es vor dem Arbeitsgericht Heilbronn keine Einigung. Dem Trainer werden sexuelle Übergriffe an Fechterinnen vorgeworfen.


Zuvor hatte das Arbeitsgericht am Donnerstag die Klage des ehemaligen Fecht-Bundestrainers Andrea Magro auf Wiedereinstellung abgewiesen. Damit ist die Kündigung des Fecht-Clubs Tauberbischofsheim und des Deutschen Fechter-Bundes (DFeB) gegen den Italiener wirksam. Sven Ressel, Sportdirektor des DFeB, reagierte erleichtert auf die Nachricht. "Wir sind natürlich froh, dass die Klage abgewiesen wurde. Und wir sind auch froh, dass wir dieses Thema langsam abschließen können", sagte er am Rande der Fecht-WM in Leipzig.

Magro wollte 100.000 Euro Abfindung

Der Italiener Andrea Magro hatte eigentlich einen Vertrag bis August 2020. Er wurde zu 75 Prozent durch den Verband und zu 25 Prozent durch den FC Tauberbischofsheim finanziert. Der Verein, mit dem der Kontrakt lief, hatte dem Coach im Februar 2017 betriebsbedingt gekündigt, weil die Kosten zu hoch waren und der Verein "finanziell klamm" sei. Nach der abgewiesenen Klage wird Magro nun auch keine Abfindung bekommen. Das Gericht hatte eine Abfindung in Höhe von 40.000 Euro brutto vorgeschlagen. Diese Summe war dem Italiener, der während seiner Tätigkeit in Tauberbischofsheim monatlich 12.700 Euro brutto verdient hatte und eine Wohnung gestellt bekam, jedoch zu gering. Magro forderte 100.000 Euro netto als Abfindung.

Emotionale Ansprache

Während der Verhandlung hatte der Italiener noch einmal betont, wie sehr ihm die Tätigkeit mit den deutschen Florettdamen ans Herz gewachsen sei. Noch kurz vor Beginn der Sitzung habe er von einigen Fechterinnen Nachrichten erhalten, dass er für sein Recht kämpfen solle. Dies tat Magro vor Gericht mit teilweise sehr emotionalen Ausführungen. Nach dem Urteilsspruch des Vorsitzenden Richters stand allerdings fest: Magros Kampf war vergeblich.

Ob der italienische Coach, der seit 2013 in Tauberbischofsheim tätig war, gegen das Urteil in Revision gehen wird, ist noch offen. Magros Nachfolger Giovanni Bortolaso, ebenfalls ein Italiener, betreut die Florettdamen seit Anfang März. Mit ihnen gewann er EM-Bronze.

Fechterinnen belästigt?

Auch in der darauffolgenden Verhandlung ging es am Donnerstag Nachmittag um die fristlose Kündigung eines Fechttrainers aus Tauberbischofsheim. Dem Coach wird vorgeworfen, zwischen 2003 und 2016 mehrere Fechterinnen sexuell belästigt zu haben. Nach Aussagen von Sportlerinnen soll der Trainer sie bedrängt, begrapscht und verbal beleidigt haben. Eine junge Athletin soll von dem Mann am 5. November 2003 am Rande der Junioren-EM in Kroatien in ihrem Hotelzimmer aufs Bett gedrängt worden sein. Der Trainer, der nach Alkohol gerochen haben soll, habe sich auf sie gelegt wie beim Geschlechtsverkehr.

LSV hat keine Zweifel

Das hatte die Fechterin Anfang Dezember 2016 gegenüber dem Landessportverband BW (LSV) zu Protokoll gegeben. Zudem soll dieser Vorgang von einer anderen Fechterin gesehen und bezeugt worden sein. Der Verband reagierte unverzüglich. Ende vergangenen Jahres wurde dem Trainer fristlos gekündigt. Elvira Menzer-Haasis, Präsidentin des LSV, sagte dem SWR: "Wir haben mit den Zeuginnen gesprochen. Es gibt keinen Zweifel an ihren Aussagen. Uns blieb keine andere Option, als diesen Weg zu gehen."

Trainer: Frei erfunden und inszeniert

Der Trainer, der 25 Jahre im Fechtzentrum Tauberbischofsheim tätig war, reichte am 28. Dezember 2016 Klage gegen die Kündigung ein. In der Verhandlung am Donnerstag bestritt er sämtliche gegen ihn gerichteten Vorwürfe. Alles sei frei erfunden und inszeniert, sagte er, er sei nie auf dem Hotelzimmer der Fechterin gewesen. Außerdem schilderte er sehr emotional, wie belastend die Situation für seine Familie sei. Kurz vor Weihnachten habe er bei einem Treffen mit dem LSV in Stuttgart von den Vorwürfen und seiner Kündigung erfahren. Auf der Rückfahrt nach Hause habe er Suizidgedanken gehabt. Seiner Familie habe er erst einer Woche später von den Anschuldigungen und der Kündigung erzählt, um seiner Frau und seinem Kind nicht das Weihnachtsfest zu vermiesen. Er sei froh und dankbar über den Rückhalt durch seine Familie und durch sein Umfeld in Tauberbischofsheim. Dem Landessportverband und den aussagenden Fechterinnen warf er vor, seine "Familie vernichtet" zu haben.

Zeugin soll aussagen

Auf den Vorschlag des Vorsitzenden Richters, sich per Abfindung gütlich zu einigen, wollte sich der Fechttrainer nicht einlassen. Dies käme einem Schuldeingeständnis gleich, sagte er. Das Gericht will nun in Kürze entscheiden, ob es zu einem weiteren Verhandlungstermin kommen wird. Dann soll voraussichtlich auch die Zeugin geladen werden, die die angeblichen Vorfälle von 2003 zu Protokoll gegeben hat.


Von Johannes Seemüller