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Seit etwas mehr als neun Monaten ist Fritz Keller Präsident des Deutschen Fußball-Bundes. Im exklusiven Interview mit ARD-Fußballexperte und SWR-Moderator Tom Bartels spricht Keller über seine ersten Monate im Amt, die Verantwortung des Fußballs für die Gesellschaft, seine Reformpläne innerhalb des DFB und über die EM 2024 als "Leuchtturmprojekt".

"Das ist mein Lebenswerk", sagt Fritz Keller mit einem unübersehbaren Strahlen in den Augen. SWR Sport-Moderator Tom Bartels hatte den DFB-Präsidenten kurz zuvor gefragt, welche Bedeutung das Familien-Weingut im badischen Oberbergen für den 63-Jährigen hat. Gemeinsam mit seiner Frau Bettina führt Keller das Weingut seit 1990, er nennt es liebevoll "Paradies". Und Keller fügt an, dass er es vermisse, morgens "mit dem Fahrrad durch die Weinberge zu fahren, um zu kontrollieren, ob alles in Ordnung ist."

Dass für diese Kontrollfahrten nicht mehr so viel Zeit zur Verfügung steht, hängt mit seinem noch recht neuen Job zusammen. Seit Ende September 2019 ist Fritz Keller DFB-Präsident. In seinen ersten Monaten im Dienst hat er schon einiges erlebt und auch einiges ertragen müssen. Nicht zuletzt durch die Corona-Krise, die nicht nur die gesamte Gesellschaft, sondern auch Fritz Keller und den DFB vor große Herausforderungen gestellt hat. Im exklusiven Sommerinterview auf seinem Weingut spricht Keller offen über Probleme und Chancen des Fußballs – sowohl in Deutschland als auch auf internationaler Ebene.

Keller fordert Nachhaltigkeit im Profifußball

Schon zu Beginn seiner Amtszeit hatte Fritz Keller angekündigt, den DFB reformieren zu wollen. Damals waren Diskussionen über Gehaltsobergrenzen und gemäßigte Transfersummen im Profifußball lediglich Randnotizen. Doch die Corona-Krise hat den Fußball verändert, das weiß auch der 63-Jährige. Deshalb fordert der ehemalige Präsident des SC Freiburg mit Nachdruck:

"Wir brauchen ein Nachhaltigkeitskonzept für den Fußball. Und zwar national, aber auch europäisch. Und zwar Nachhaltigkeit im klassischen Sinne: Ökonomisch, ökologisch und sozial verträglich. Die Zeit ist reif."

DFB-Präsident Fritz Keller

Die Corona-Krise habe gezeigt, in welche Schwierigkeiten Vereine geraten sind, die keine Rücklagen gebildet haben und nur von Saison zu Saison leben. In seiner Zeit beim SC Freiburg habe man für schwierige Zeiten immer eine gewisse Summe "unters Kopfkissen gelegt", doch nicht in jedem Verein würde vorausschauend gewirtschaftet.

Gehaltsobergrenzen als Lösung?

Ob Gehaltsobergrenzen im Profifußball Sinn machen, müsse geprüft werden. Eine einheitliche Lösung für alle Vereine sei dabei nicht umsetzbar, vielmehr müsse eine solche Regelung vom jeweiligen Eigenkapital abhängig gemacht werden. "Wenn du mehr erwirtschaftest, wenn du mehr sparst, kannst du auch mehr ausgeben", sagt Keller, "aber du kannst nur so viel ausgeben, wie du einnimmst." Als Beispiel nennt der DFB-Präsident die 3. Liga in Deutschland, die dreimal so viel Geld durch die Zentralvermarktung einnehme als die 2. Liga in den Niederlanden und trotzdem finanzielle Probleme habe. Die 3. Liga habe "kein Einnahmenproblem, sondern ein Ausgabenproblem", sagt Fritz Keller. Er selbst wolle in seiner Position dafür kämpfen, dass die Vereine nachhaltiger wirtschaften. Und sagt in Corona-Zeiten: "Diese Krise ist eine Chance."

Frauenförderung, Kampf gegen Rassismus und politische Statements

Neben dem Thema Nachhaltigkeit will Fritz Keller weitere Reformen vorantreiben. So zum Beispiel die Frauenförderung. Bei diesem Thema sieht Keller den DFB auf einem guten Weg: "Wir werden zum ersten Mal in der Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes eine Kommunikationschefin haben." Wichtig sei aber auch die Förderung von Frauen auf dem Platz. Einen vielversprechenden Ansatz sieht Keller darin, mit der Förderung bei der Ausbildung zu beginnen und Teams von Beginn an aufzubauen – und nicht einen Club für viel Geld aufzukaufen.

Ein ebenso großes Augenmerk legt Keller auf weitere wichtige Aspekte. "Was Themen angeht wie Antisemitismus, Rassismus oder auch Ökologie", sagt der gebürtige Freiburger, "da müssen wir uns öffnen." In diesem Zusammenhang begrüße er es sehr, dass Spieler wieder politische Statements abgeben. Dabei müsse es immer um Werte gehen, es müsse mit der DFB-Satzung vereinbar sein und es dürfe nicht jede Woche nur noch um politische Statements gehen. Aber Fritz Keller sagt deutlich:

"Wir müssen unsere Sportler im Fußball-Bereich dazu animieren, auch politisch tätig zu sein. Die Zeiten, wo eine Generation sich überhaupt nicht mehr um Politik gekümmert hat, sind Gott sei Dank vorbei. Das begrüße ich."

DFB-Präsident Fritz Keller

EM 2024 als "Leuchtturmprojekt"

Seine genannten Themenfelder seien zudem ein wichtiger Bestandteil für die Europameisterschaft im eigenen Land. "2024 soll ein Leuchtturmprojekt sein. Was Ökologie angeht, was die Werte des DFB angeht, Menschenrechte, egal welcher Art. Das müssen wir zeigen." Gemeinsam mit den anderen europäischen Nationen und der UEFA könne die EM 2024 auch ein "Leuchtturmprojekt für die FIFA und die ganze Welt darstellen."

Fritz Keller, DFB-Präsident, links sitzend im Grünen im Gespräch mit Tom Bartels, im Hintergund Weinberge und blauer Himmel (Foto: SWR)
DFB-Präsident Fritz Keller im SWR Sport-Sommerinterview mit SWR-Sportjournalist Tom Bartels.

Transparenz als Maxime

Doch Fritz Keller blickt nicht nur voraus, sondern auch zurück. Gerade in Bezug auf die Krisen des DFB in den vergangenen Jahren zeigt Keller klare Kante: "Die Themen, die in der Vergangenheit passiert sind, die müssen auf den Tisch. Es gibt nichts zu vertuschen. Es muss eine Offenheit und eine Transparenz her. Denn nur wenn du diese Transparenz hinkriegst, kannst du auch zukünftige problematische Situationen verhindern." Der 63-Jährige fügt an:

"Der Sport ist zu wichtig für die Gesellschaft, und insbesondere der Fußball. Der hat es nicht verdient, dass er mit einem Makel belastet wird, wie wir ihn einfach 2006 erlebt haben. Und der auch noch nicht aufgeklärt ist. Und das werden wir tun. Auch wenn das nicht jedem gefällt."

DFB-Präsident Fritz Keller

Keller träumt von Zuschauern in den Stadien

Im Interview mit SWR Sport spricht Fritz Keller aber nicht nur über seine Visionen und Ziele mit dem DFB, sondern auch über die aktuelle Situation in der Fußball-Bundesliga. So auch über die Frage, ab wann wieder Zuschauer in die Stadien dürfen. "Wir müssen alles daran setzen, dass wir wieder Zuschauer in die Stadien reinkriegen", sagt Keller. Er und der DFB seien im regelmäßigen Austausch mit dem Gesundheitsminister und der Bundesregierung.

Voraussetzung sei, wie schon beim Re-Start der Bundesliga nach der Corona-Pause, ein detailliertes Hygienekonzept. Einen zeitlichen Rahmen gebe es noch nicht. Ein zentraler Bestandteil für eine mögliche Rückkehr der Fans könnten Corona-Tests sein, so Keller. "Mein Traum wäre es, über Testungen, vielleicht irgendwann mal ein volles Stadion zu kriegen." Mit den Tests könne im Idealfall dafür gesorgt werden, dass es im Stadion keine Ansteckungsgefahr gibt. Über allem stehe bei den Plänen und Überlegungen immer, so Keller, die Gesundheit der Menschen.

Fans träumen von mehr Spannung in der Bundesliga

Viele Fußballfans in ganz Deutschland hoffen aber nicht nur, bald wieder ins Stadion gehen zu können, sondern auch auf mehr Spannung im Kampf um die Meisterschaft. Der FC Bayern München beendete die Saison 2019/2020 mit seinem achten Meistertitel nacheinander. Eine Dominanz, die auch den DFB-Präsidenten beschäftigt. "Für den Fußball ist es sicherlich nicht förderlich, wenn wir immer denselben Deutschen Meister und immer denselben Deutschen Pokalsieger haben." Keller sieht erneut in Nachhaltigkeitskonzepten die Chance, dass sich dieser Zustand ändern kann. Denn, so Keller: "Das schadet übrigens auch den Bayern, wenn sie jedes Jahr Deutscher Meister und Pokalsieger werden. Das wird gähnend langweilig, und das will kein Mensch im Fußball."

Die Hoffnung auf ein bisschen Regen

Von Langeweile kann im Leben von Fritz Keller keine Rede sein. Die Projekte und Konzepte mit dem DFB sind vielfältig, und dann muss sich Fritz Keller zumindest ab und zu auch noch um sein Weingut kümmern. Aufgrund der klimatischen Veränderungen werden die Trauben sechs Wochen früher geerntet als noch vor 30 Jahren. "Gott sei Dank hatten wir ein bisschen Regen, nicht viel, aber wir hatten ihn", sagt der Winzer, "und wenn wir ab und zu noch ein bisschen Regen kriegen, dann glaube ich, dass wir wieder eine wunderbare Lese aus diesem Paradies bekommen."

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