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Asien: China Filmtext & Video

Xian

14:53 min | Do, 19.4.2018 | 5:55 Uhr | 3sat

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Xian: Grabmal des ersten Kaisers von China, Qin Shi Huang, Folge 309

SWR

Das berühmteste Welterbe in China sind inzwischen die tönernen Soldaten des 1. Kaisers, die seit 2.200 vor Christus sein Grab bewachen. 8000 Soldaten und Pferde in Lebensgröße aus Ton gefertigt, sind seit 1974 anderthalb Kilometer östlich des Grabhügels freigelegt worden. An anderen Stellen auf dem mehrere Hektar großen Grabareal fand man in Beigabendepots bronzene Reisewagen in halber Originalgröße, Waffen und Reste von Stallungen, Glocken vom Amt der Riten und an einem künstlichen Flusslauf Gänse aus Bronze.

Filmtext

Ein General des ersten chinesischen Kaisers, lebensgroß im Feuer gebrannt. Vor 2200 Jahren formen Zwangsarbeiter in unzähligen Keramikwerkstätten die Armee des Qin Shi Huangdi aus Ton.

Zwei tönerne Soldaten mit Pferden ganz nah

Lebensnah: zwei Tonsoldaten mit ihren Pferden

Die Krieger sind als Schutztruppen für die Seele des Herrschers bestimmt. Heute hat die Produktion von Kopien nichts mehr mit Totenkult zu tun, sondern ist ein sehr diesseitiges und einträgliches Geschäft für viele Dörfer rund um die Grabanlage des Kaisers geworden. Der Kaiser fürchtete den Tod: Im Jenseits würden die tönernen Soldaten erwachen und wieder für ihn kämpfen:

Einfache Soldaten, die langen Haare unter einer Mütze verborgen oder zum Knoten hochgebunden, Offiziere und Pferdeführer vor zwei Jahrtausenden in Stellung gebracht. Als 1974 ein Bauer beim Brunnenbau einen Soldatenkopf zu Tage fördert, beginnt die Entdeckung der Terracotta-Armee. Eine gewölbte Halle schützt heute das Ausgrabungsfeld bei Xian, der alten Kaiserstadt.

Erklärungstafel an der Ausgrabungsstätte der Terrakottaarmee von Xian

Erklärungstafel an der Ausgrabungsstätte der Terrakottaarmee von Xian

Jedes Jahr kommen Millionen Touristen. Die tönernen Krieger sind neben der Großen Mauer und der Verbotenen Stadt Chinas größte Attraktion. Was man hier sehen kann ist nur ein Bruchteil von dem, was nach Aufzeichnungen aus dem 1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung noch unter der Erde ruht: Eine Palaststadt für die Seele mit Doppelmauern, Schatzkammern, Ministerien, Stallungen und Parks.

Das Museum ist einem der 270 Paläste von Qin Shi Huangdi nachempfunden. Doch er regiert nicht vom Thron aus, sondern auf Reisen. Zwei Bronzequadrigen in halber Lebensgröße sind westlich des Grabhügels entdeckt worden.

Der erste Kaiser ist in seinem riesigen, gerade geeinten Reich ständig unterwegs. Auch nach dem Tod soll der offene Wagen der Seele fürs Vergnügen dienen und der geschlossene für die langen Strecken.

Qin Shi Huangdi kontrolliert ständig sein Werk und ist auf rastloser Suche nach dem Elixier der Unsterblichkeit. Er vereinheitlicht die Spurbreite der Wagen im ganzen Land ebenso wie Maße und Gewichte, Schriftzeichen und Münzen. Für die Marschrouten der Heere, die Boten und Händler lässt er ein fast 7000 km langes Straßennetz bauen.

Alle hat er besiegt, nur den Tod nicht. Er stirbt auf einer Inspektionstour. Um Unruhen zu vermeiden wird sein Tod geheim gehalten, bis sein Leichnam in einem solchen Reisewagen nach Xian gebracht ist.

Gänse aus Bronze aus einer Probegrabung weitab vom Grabhügel. Dutzende Vögel und seltene Tiere hocken dort an einem künstlichen unterirdischen Bachbett. Sie sind eine Bestätigung der alten Quellen, die man bis vor kurzem für Märchen gehalten hat. Der Chronist Sima Qian beschreibt 150 Jahre nach des Kaisers Tod die Grabanlage: "Alle Flüsse des Reiches waren in Quecksilber nachgebildet ...und oben waren die Sternbilder des Himmels zu sehen und unten die Regionen der Erde."

Bei der Restaurierung der Bronzen arbeiten chinesische Restauratoren mit deutschen vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz zusammen. So kommen gerade ausgegrabene Stücke zur Bearbeitung hier an. Wer heute nach Xian kommt, hat schon Bilder der tönernen Krieger gesehen, weiß was ihn erwartet. Trotzdem, am Grabungsfeld zu stehen übertrifft jede Vorstellung.

Die tönernen Soldaten des Kaisers in Formation am Boden

Die tönernen Soldaten des Kaisers in Formation am Boden

Qin Shi Huangdis Macht gründet sich auf das Militär. Seine Soldaten stehen in Schlachtordnung in elf 230 m langen Reihen Mit seinen Truppen hat er ein Königreich nach dem anderen erobert, in 15 großen Feldzügen 1,4 Millionen Feinde getötet. So gründet er das erste geeinte Chinesische Kaiserreich. Dann erst nennt er sich Qin Shi Huangdi - "erster Gottkaiser von Qin".

Den Kern der Truppe bildet die Infanterie, allesamt sind zwangsrekrutierte Bauern. Selbst einigen tönernen Kriegern sieht man den Unmut über den erzwungen Dienst beim Tyrannen an.

Die Tonarmee ist Abbild einer Gesellschaft in der Konformität, rigide Arbeits- und Lebensregeln alles gelten.

Diesem Krieger fehlt die Lanze. Das Seelen-Heer war ursprünglich mit echten, scharfen Waffen ausgestattet, doch wenige Jahre nach des Kaisers Tod haben Grabräuber die Waffen gestohlen.

Ob General oder einfacher Soldat: Der Sitz des Haarknotens, die Form des Bartes, der Schnitt der Uniform - alles ist Teil der umfassenden Ordnung, die nach dem Willen des Kaisers ewig bestehen sollte. Seine Ordnung beruht auf brutaler Gewalt.

"Gleich nach seiner Thronbesteigung ließ er seine Grabanlage am Berg Li errichten. 700 000 kastrierte oder verbannte Kriminelle" - so steht in alten Schriften, schuften 12 Jahre lang am Bau seiner Hauptstadt und seiner Nekropole. Arbeiter und Soldaten sind in Fünfergruppen organisiert. Flieht einer aus der Gruppe, werden die anderen vier hingerichtet. Eine perfides System, das Tapferkeit und Gehorsam erzwingt.

Panorama der Terrakottaarmee von Xian

Panorama der Terrakottaarmee von Xian

Die magische Armee ist anderthalb Kilometer östlich des Grabes aufmarschiert. Unter dem breiten Hügel liegt der Totenpalast für die Seele des Kaisers. "Die Grabkammer füllten sie mit Modellen von Palästen, Türmen und den hundert Ämtern und mit seltenen Kostbarkeiten. Leuchter gefüllt mit Öl brannten immerfort." Heute glaubt man dieser Beschreibung, doch dies alles auszugraben muss künftigen Generationen vorbehalten bleiben.

Die Terrakottaarmee von Xian: Ein Panoramafoto der großen Ausgrabungshalle

Eine Gruppe von Tonsoldaten: sie sollten Kaiser Qin Shi Huangdi im Jenseits bewachen.

Eine noch nicht geöffnete Truppenaufstellung: Deutlich sind die höheren breiten Zwischenwände und die eingedrückten Decken der Soldatengänge zu erkennen. Alle Figuren sind zerbrochen, denn schon kurz nach dem Tod des Kaisers haben Grabräuber die unterirdische Holzkonstruktion der Schächte in Brand gesetzt.

Die tönerne Armee - mehr als 8000 Krieger und Pferde und Streitwagen - wird in den eingestürzten Gängen begraben und von einer 6 m dicken Lehmschicht erdrückt. Erst ein Fünftel ist ausgegraben und wird in geduldiger Kleinarbeit wieder zusammengefügt.

Alle Krieger waren ursprünglich kräftig bemalt, doch die Farben haben sich innerhalb von Minuten nach der Freilegung gelöst.. Bevor weitere Soldaten ausgegraben werden, erforscht man jetzt zusammen mit Experten vom Landesdenkmalamt in München, wie man die Farbe der Tonkrieger erhalten könnte.

Von Inschriften auf den Figuren weiß man: mindestens 85 Handwerksmeister mit etwa 1000 Arbeitern haben das unterirdische Heer geschaffen.

Es gibt acht Standardformen von Körpern und Köpfen, doch die Gesichtszüge sind immer individuell nachgearbeitet worden. Die Pferde mit zum Wiehern geöffnetem Maul scheinen in Trab fallen zu wollen. Ihre Mähnen scheinen zu fliegen.

Die kleinen, wendigen, zähen Pferde sind in Lebensgröße aus Ton geformt, die Soldaten sind zwischen 1.75 m und 1.90m groß, etwas größer, als die Chinesen damals waren. Sie sollen schon durch ihre Statur Feinde abschrecken.

Die unterschiedlichen Volksstämme im ersten chinesischen Kaiserreich sind auch in den Gesichtszügen der Krieger zu erkennen. Pferde und Soldaten sind naturgetreu nachgebildet. Nur wenn sie echt aussehen, glaubt man, können sie ihre Magie entfalten und den Kaiser im Jenseits schützen.

Sein Größenwahn und sein Traum von der Unsterblichkeit haben Abertausende Opfer gefordert. In den Tod begleiten den Tyrannen nicht nur Terracottasoldaten, sondern auch Beamte, Diener und Handwerker werden lebendig mit ihm begraben.

10.000 Generationen soll die vom ersten Kaiser begründete Qin-Dynastie herrschen. Doch schon kurz nach seinem Tod erhebt sich das geschundene Volk gegen seinen Sohn, verwüstet die Hauptstadt, entwaffnet die tönerne Armee.

Xian: Herstellung einer Tonkriegerreplik nach historischen Vorlagen

Xian: Herstellung einer Tonkriegerreplik nach historischen Vorlagen

Die Nachfahren der Bauarbeiter der Nekropole machen heute mit Kopien der Krieger ein gutes Geschäft. Deshalb wird der Qin Shi Huangdi jetzt zum ersten Mal vom Volk geschätzt. Denn in der chinesischen Geschichtsschreibung wird er zu allen Zeiten als brutaler, gieriger, eigensinniger Despot dargestellt.

Einzig in der Mao-Ära wird er glorifiziert. Vielleicht weil Mao China wieder so schnell, so brutal und so tief greifend umgestaltet hat, wie einst der erste Kaiser. An den Souvenirständen sind der Begründer des kaiserlichen China und der des kommunistischen China nun vereint. Dienen dem Volk.

Buch und Regie: Gisela Mahlmann

Filmmusik & Stab

Musik:

Schätze der Welt II - Vor- und Abspann:
Oliver Kraft

Soundtrack Xian:
Karsten Gundermann



Buch und Regie: Gisela Mahlmann
Kamera: Burkard Kreisel

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