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SENDETERMIN So, 12.1.2020 | 19:40 Uhr | 3sat

Europa: Russland Wrangel Island

Verborgen hinter ganzjährigen Blizzards und einer monatelangen Polarnacht liegt Wrangel Island nur wenige Seemeilen vor der arktischen Packeisgrenze. Es ist das letzte unberührte Naturparadies nordwestlich der Beringstrasse. Bei Wintertemperaturen bis unter – 40 °C leben mehr als 1000 Polarbären, Moschusochsen und Rentiere neben Walrosskolonien, Robbenfamilien, Polarfüchsen, Wölfen und unzähligen kleineren endemischen Tier- und Pflanzenarten auf einer 7.608 km² großen „Arche Noah“ der letzten Eiszeit.

Walfänger und Fischer lebten einst hier – bis das Militär kam.  Heute ist die Natur wieder sich selbst überlassen.

Walfänger und Fischer lebten einst hier – bis das Militär kam. Heute ist die Natur wieder sich selbst überlassen.

„Wir wissen mehr über die dunkle Seite des Mondes als über die Eiswüsten der Arktis“: selten hat das bonmot der Polarforscher mehr Gültigkeit als auf der „Ostrova Wrangel“, einem abgelegenen Archipel am nordöstlichen Ende der Welt.

Zahlreiche Fossilienfunde belegen, dass auf der Wrangel Insel noch bis vor knapp 3500 Jahren das Mammut in der arktischen Tundra graste und in der Abgeschiedenheit der Tschukschensee 6000 Jahre länger überlebte als im restlichen Eurasien.  Das Eiland war bis zum Ende der letzten Eiszeit Teil der eurasischen Landbrücke „Beringia“, die noch bis vor 12.000 Jahren Asien mit dem amerikanischen Kontinent verband. Als die schmelzenden Gletschermassen der ausgehenden Eiszeit diese Brücke fluteten, verschwand das Eiland für Jahrtausende im Packeis des Polarmeeres.

Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts geriet der in Vergessenheit geratene Archipel wieder ins Blickfeld, als der baltische Polarforscher und Navigator Ferdinand Petrovitsch Baron von Wrangel im Auftrag von Alexander I. das östliche Ende des Zarenreiches karthografieren sollte.

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Europa: Russland

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„Verläßt Du sibirisches Festland“, warnte der Polarforscher Ferdinand Baron von Wrangel „bist Du ein Spielball der Elemente !“

„Verläßt Du sibirisches Festland“, warnte der Polarforscher Ferdinand Baron von Wrangel „bist Du ein Spielball der Elemente !“

Wo heute Eisbrecher mit modernem Navigationsgerät den Stürmen der Beringstraße trotzen, liegt das Seemannsgrab vergangener Jahrhunderte. Wrangel war 1823 im Auftrag des Zaren auf der Suche nach einem Relikt der letzten Eiszeit, einem sagenumwobenen Archipel am östlichen Ende der Welt.

Erst 60 Jahre nach Wrangels Suche strandete der Walfänger Thomas Long vor der abgelegenen Insel und benannte sie nach dem baltischen Adligen. Bis heute ist das Eiland schwer erreichbar. Expeditionsschiffe wie der russische Eisbrecher „Professor Khromov“ sind die einzige Verbindung zum sibirischen Festland.

Ushakovskoje, eine Siedlung an der Ostküste des Eilands. Seit langem stehen hier die Häuser leer.

Walfänger und Fischer lebten einst hier – bis das Militär kam. Heute ist die Natur wieder sich selbst überlassen.

Wildhüter Olejnikov fährt während des kurzen Polarsommers Patrouillie durch eine einzigartige Tundrawildnis.

Polarfüchse, andernorts vom Aussterben bedroht, jagen Schneegänsen hinterher, die zu Tausenden auf dem kargen Tundraboden nisten.

Zoologen halten die 7.608 km² große Insel für eine „Arche Noah“ der Arktis. Fossilienfunde belegen, dass hier noch bis vor 3500 Jahren das Mammut durch die Täler zog und in der Abgeschiedenheit der Tschukschensee 6000 Jahre länger überlebte als auf dem eurasischen Festland.

Wrangel Island gilt Paläontologen als Fenster zur letzten Eiszeit.

Während des arktischen Sommers taut der Permafrostboden und verwandelt die Insel in ein amphibisches Biotop.

Fortkommen ist nur in den Flußtälern möglich und selbst Wildhüter Olejnikov ist auf Karte und Kompaß angewiesen, um Tieren zu folgen, deren Bestand er registriert und über Jahre hinweg aufzeichnet.

Als junger Wildhüter betreute Igor Petrowitsch die Auswilderung von Moschusochsen, die in Eurasien bereits mit dem Mammut ausstarben und Ende des 19. Jahrhunderts nur noch im Norden von Kanada und auf Grönland lebten.

Kein Flußtal ohne Spuren des Überlebenskampfes.

Der angetaute Tundraboden erlaubt nur Flechten, Moosen und Gräsern eine kurze Blütezeit während des nordpolaren Sommers.

Der angetaute Tundraboden erlaubt nur Flechten, Moosen und Gräsern eine kurze Blütezeit während des nordpolaren Sommers.

Dennoch leben hier mehr Tier- und Pflanzenarten als auf jeder anderen arktischen Insel.

Dennoch leben hier mehr Tier- und Pflanzenarten als auf jeder anderen arktischen Insel.

„Endlich gibt es wenigstens Pläne, all den Schrott aus Nordostsibirien und von der Wrangel Insel wegzuschaffen. Bislang ist aber noch nichts passiert – gar nichts! Wir Wildhüter haben zwar versucht, das Altmetall irgendwie zu sammeln, kaputte Häuser abzureissen und manche sogar wieder aufzubauen. Aber - schaut‘ Euch doch um! Wie sollen wir Tausende von Tonnen Schrott von der Insel wegschaffen? Für so ein großes Projekt haben wir nicht die Technik, viel zuwenig Leute und vor allem kein Geld!“

Der König der Arktis ist das Wahrzeichen von Wrangel Island. Über 1000 Polarbären leben hier. Neuerdings tauchen die Bären in den Siedlungen auf.

Noch gilt Wrangel Island als „Kinderstube der Polarbären“. In nur 30 Jahren jedoch stieg die Temperatur im russischen Polargebiet um knapp 7 Grad. Die Folgen sind dramatisch.

Viele Bären schaffen die lange Strecke übers offene Meer nicht und können Walrossherden und Robben nicht mehr folgen.

Dann jagen sie verletzte Tiere, die hier geblieben sind.

Ein Walroß ist ein absoluter Leckerbissen für den Eisbären. Er kann das Tier aber nur erlegen, wenn es krank oder verletzt ist.

Noch sind die Bären allgegenwärtig, vor allem an der Westküste mit Zugang zur Ostsibirischen See. Doch allein in den letzten 10 Jahren hat sich infolge der Klimaerwärmung die Packeisgrenze im Sommer um 100 Kilometer nach Norden verschoben. Polarbären schmilzt die Nahrungsplattform buchstäblich unter den Tatzen weg.

Das Team während der Dreharbeiten.

Das Land von „Myedvyed“, dem „weißen Bären“ hat sich in der Vergangenheit schon mancher Gefahr erfolgreich widersetzt.

Russische Naturschützer erklärten die Insel bereits Mitte der 70er Jahre zum Naturreservat.

Seit 2004 führt die UNESCO das Eiland als nördlichstes Weltnaturerbe. Möwen, Kormorane, Papageientaucher und nicht zuletzt der „Weiße Bär“ lebten hier über Jahrtausende im Schutz eines stabilen Ökosystems.

Ob das so bleibt, hängt nicht zuletzt von uns allen ab. Igor Petrowitsch, der Wildhüter, sieht schon bald seiner Rente entgegen. Ihm bleibt die Hoffnung.

Zwei Jahre lang bereits hatte der Baron Vogelschwärme beobachtet, die von der Beringstrasse kommend gen Norden aufs offene Polarmeer hinausflogen. An Hinweisen von einheimischen Tschukschen fehlte es nicht, allein die Insel blieb in den Eisstürmen der Ostsibirischen See verschollen. Erst 60 Jahre nach Wrangels vergeblicher Suche erreichte der Walfänger Thomas Long die abgelegene Insel, benannte sie nach dem baltischen Adligen und setzte sie unter amerikanische Flagge. Territoriale Streitigkeiten waren die Folge. Russen, Briten, Kanadier und Amerikaner besetzten abwechselnd das nordpolare Eiland. Schließlich  errichteten sowjetische Truppen am 8. August 1926 die Siedlung „Ushakovskoe“ an der Südküste der Insel, in der noch bis zum Ende der Sowjetunion knapp 100 Fischer, Robben – und Walfänger lebten. Heute dient  die Insel als Stützpunkt für eine Handvoll Wildhüter des „Wrangel Biosphären Reservates“. WWF und Russische Naturschützer initiierten bereits 1976 das Naturschutzprojekt „Ostrova Wrangel Zapovednik“, um das Eiland und die benachbarte Herald-Insel vor den Begehrlichkeiten internationaler Ölmultis zu schützen, die unter den Gewässern um das Reservat gigantische Vorkommen fossiler Brennstoffe vermuteten.

 

Im „Kalten Krieg“ lag die Russische Grenzprovinz Tschukotka, zu deren Verwaltungsbezirk das Wrangel-Reservat gehört, im unmittelbaren Zugriffsbereich des einstigen Erzfeindes auf der anderen Seite der Beringstrasse. Gebäuderuinen, unzählige Schrotthaufen, Tausende leerer Benzinfässer und rostige Skelette ehemaliger Funk- und Sendeanlagen an der Südküste des Eilands zeugen noch heute von der Militärpräsenz und den Lauschaktionen Sowjetischer Abhördienste. Naturschützer waren dabei eher hinderlich und brauchten Sondergenehmigungen vor Betreten des militärischen Sperrgebietes. Erst im Tauwetter der Perestrojka lichtete sich auch am östlichen Ende der Welt der „Eiserne Vorhang“. Vereinzelt dürfen seitdem Polarforscher, Biologen und Zoologen in russischer Begleitung ein nahezu unberührtes Paradies inmitten der Tschukschensee 600 km jenseits des Nördlichen Polarkreises betreten. 2004 erklärt die UNESCO das Gebiet um die Wrangel-Insel schließlich zum nördlichsten Weltnaturerbe. Heute gilt das Eiland als letztes völlig unberührtes Biotop für Polarbären, hier bekommen sie ihre Jungen, haben keine natürlichen Feinde. Doch die Zeiten, in denen der Polarbar lediglich mit den Herausforderungen seines Ökosystems konfrontiert war, sind längst vorüber. Der mächtigste Räuber des Nordens hat den Kampf um Lebensraum – und damit womöglich um seine Existenz – schon längst verloren. Allein in den vergangenen 10 Jahren hat sich die Packeisgrenze in den Sommermonaten um über 100 km nach Norden verschoben, das Eis kehrt jedes Jahr später zurück. Die Klimaerwärmung entzieht so dem „König der Arktis“ die Nahrungsplattform. Das Eis schmilzt den Bären buchstäblich unter den Tatzen weg.

Hauptnahrungsquelle der Polarbären sind Robben, die sie beim Luftholen am Eisloch reissen. Fehlt das Eis, ist die Nahrungskette unterbrochen und zwingt die Bären auf der Suche nach Beute immer weitere Strecken übers offene Meer zu schwimmen oder sich mit dem zu begnügen, was sie am Rande der Dörfer finden. Seit einigen Jahren häufen sich Meldungen aus der kanadischen Beaufort Sea über ertrunkene Eisbären, deren ausgezehrte Körper an der Küste der Hudson Bay anlanden. Den Polarbären in der Tschukschensee um das Wrangel-Reservat ergeht es nicht anders. Viele Tiere verbringen die eisfreien Sommermonate fastend an der Küste Nordostsibiriens oder in den Felsbuchten der Wrangel Insel. Je länger die eisfreie Zeit die Tiere zum Fasten zwingt, desto hagerer sind die Weibchen. Ihre Reproduktionsrate und die Überlebenschance der Jungen sinkt dramatisch. Prognostiziert man den Rückgang des arktischen Meereises wie bisher, erwarten Naturschützer und WWF, dass bis zur Mitte des Jahrhunderts zwei Drittel der heutigen Polarbärenpopulation verloren geht. Verschwindet das Meereis komplett, ist es unwahrscheinlich, dass „ursus maritimus“ als Art überlebt.


Daten & Fakten

Naturerbe: Wrangel Island

Unesco-Ernennung: 01.07.2004

1976: Die Insel wird zum strikten Naturreservat "Zapovednik" ernannt

Flora und Fauna:

Polarbären, Arktische Füchse, Arktische Wölfe, Seehunde, Walrösser, Lemminge,
zahlreiche Vogelarten siedeln im Sommer auf der Insel,
417 Pflanzenarten existieren auf der Insel, doppelt so viele wie in anderer arktischer Tundra

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