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14:45 min | So, 16.8.2020 | 6:00 Uhr | SWR Fernsehen

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Wien: Das historische Zentrum von Wien, Österreich, Folge 289

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In kaum einer europäischen Stadt ist das Morbide so gegenwärtig wie in Wien. Nach einem Besuch in der Hofburg, dem Zentrum der über 600 Jahre währenden Habsburger Monarchie führt ein Spaziergang in die Augstinerkirche, in deren "Herzgrüfterl" die Herzen von 54 Habsburgern in Silberurnen bestattet wurden. In der Gruft der Michaelerkirche lagern über 250 Särge. Ganze Böden und Wandflächen sind hier mit Knochen bedeckt.Ein Blick auf das Museumsquartier zeigt das lebendige Wien.

Wien soll ich Ihnen zeigen.

"Das alte Wien", so wie es die UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt hat.

... den gesamten ersten Bezirk, die Ringstrassen, das Schloss Belvedere, die Sezession und, und, und ...

Unmöglich. Das geht gar nicht in der kurzen Zeit. Aber wahrscheinlich hat man mich deswegen gefragt. Mich den Tod, meine Aufgabe ist es ja gerade die Zeit zu verkürzen.

Die Hofburg, das Labyrinth der Habsburger. Mehr als 600 Jahre Zentrum ihrer Macht. Ich war hier oft zu Gast. Auch als Wien noch Kapitale eines Imperiums war, von dem Karl V. sagen konnte: "In meinem Reich geht die Sonne niemals unter". Im 16. Jahrhundert herrschten die Habsburger von den spanischen Kolonien in Amerika bis zur heutigen Ukraine. Hier schlief Kaiser Franz Josef. Ein spartanischer Beamtenkopf, phantasielos und diszipliniert.

Schütteln hätte ich ihn manchmal wollen, damit er ein klein wenig Leidenschaft zeigt. Die überkam ihn, glaube ich, nur beim Jagen. Für die "Wolkenkraxeleien" seiner Frau Elisabeth und die Nöte seiner Kinder hatte er jedenfalls nichts übrig. Als ich der Kaiserin 1898 einen Attentäter geschickt habe, hatte sie der "Kerkerburg", wie sie die ungeliebte Hofburg nannte, schon längst valet gesagt. Nachdem sich ihr Sohn Rudolf mit seiner Geliebten in Mayerling das Leben nahm, reiste Elisabeth neun Jahre ruhelos durch die Welt. Todessüchtig, sagte man.

Ins Burgtheater kam man von der Hofburg über Geheimgänge. Kaiser Franz Joseph besuchte das Theater allenfalls wenn seine Freundin Katharina Schratt spielte. Elisabeth tolerierte das Verhältnis mit der Schauspielerin und so manchen Abend speisten sie zu Dritt. Haben Sie das gewusst. Bis 1983 galt im Burgtheater ein sogenanntes "Vorhangverbot". Kein Künstler durfte den Applaus des Publikums entgegennehmen, weil, "das Applaudieren bloß der Ausdruck von Ehrerbietung gegen den allerhöchsten Hof ist". Auch Ödön von Horvath ist schon durch dieses ehrwürdige Stiegenhaus geschritten. In seinem Stück "Geschichten aus dem Wienerwald" beschreibt er die Unfähigkeit der Menschen ihre Gefühle zu benennen. Horvath holte ich mir 1938 in seinem Pariser Exil... Bei einem Gewittersturm... Mit einem Ast... Ein kaiserliches Leichenbegräbnis war der Inbegriff dessen, was wir eine "schöne Leich" nennen, ein Begräbnis als das prachtvollste Fest des Lebens.

Ich zeige Ihnen jetzt eine Besonderheit des Habsburger Leichenkults, ein Aphrodisiakum für Nekrophile sozusagen. In einem Flügel der Hofburg, am Josefsplatz, findet man in der Augustinerkirche das "Herzgrüfterl". Hier ruhen, die Herzen von 54 Habsburger Herrschern. Wenn ich mit meiner Arbeit fertig war, wurde der Leichnam geöffnet und einbalsamiert, das Herz herausgenommen und hier bestattet. Die Eingeweide wurden in einer kupfernen Urne in die Gruft unter dem Stephansdom gebracht. Der Leib fand seine letzte Ruhe in der Kapuzinergruft. So blieb das Haus Habsburg noch im Tod in ganz Wien gegenwärtig.

Der Michaelerplatz, unser Wohnzimmer. Im Café Griensteidel sekierte Karl Kraus all seine Literatenkollegen. Für den konservativen Kaiser Franz Joseph war das Looshaus ein "Haus ohne Augenbrauen", weil die Fenster keine Umrahmungen hatten. Die Michaelerkirche liegt mir, vor allem ihrer Gruft wegen, am Herzen. Weil die Wiener, die im Leben treu zu ihren Habsburgern standen, ihren Herrschern auch im Tod nahe sein wollten, ließen sich viele hier, nahe der Hofburg, beerdigen. Bis 1794. Dann verbot Kaiser Joseph II. Bestattungen innerhalb von Kirchen. Er verbannte auch die Friedhöfe, der Seuchengefahr wegen, in die Vorstädte. Einen Erlaß musste der Reformkaiser allerdings zurücknehmen: Es durften keine Särge mehr verwendet werden. Ihre letzte Reise sollten die Wiener in einem Leintuch oder einem Leichensack antreten. Das war zuviel des Guten. Hier kannte Joseph meine Wiener - denen das Leben von Geburt an schon ein Sterben ist - schlecht. Sie weigerten sich ganz einfach, so unmöbliert beerdigt zu werden.

Ars Moriendi, in Wien wurde aus meinem Handwerk eine Kunst. Darum lebe ich so gerne in dieser Stadt. Auch wenn es immer wieder Zeiten gibt, in denen ich mit der Arbeit kaum noch nachkomme.

Allein 1679 starben mehr als 100.000 Wiener an der Pest, eine Arme-Leute-Krankheit. Dem Adel schickte ich die Pocken. Es waren harte Zeiten.

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Statue Kaiserin Elisabeths

Statue Kaiserin Elisabeths

Blick über Wien mit dem Stephansdom

Karlskirche

Denkmal an Johann Strauß und Gemahlin

Marktplatz am Dom

Aber wir verdanken ihnen auch die barocke Karlskirche. Mit ihrem Bau sollte die Pest weggelobt werden.

Hier spiegelt sich unser Wahrzeichen. Der Stephansdom - eine unendliche Geschichte. Seit dem 12. Jahrhundert wird hier gearbeitet. Und was alles zum Bau verwendet wurde. Das Jahr 1444 brachte einen so sauren Wein, daß er weggeschüttet werden sollte. Kaiser Friedrich III. hat dies verboten und befohlen, daß man den Wein zum Anrühren für den Mörtel verwendet. Auf diesem Balkon stand am 15. März 1938 einer, der sogar mir den Atem gefrieren ließ. Hunderttausende haben Hitler zugejubelt. Drei Tage vorher war die deutsche Wehrmacht in Wien einmarschiert. Zahlreiche Juden mussten fliehen. Oder begingen Selbstmord wie der Schriftsteller Egon Friedell oder Matthias Sindelar, Österreichs bester Fußballer. Vor der deutschen Machtergreifung lebten 183.000 Juden in Wien. 1945 waren es nur noch 2000. 65.000 Wiener Juden wurden in den KZs ermordet. Darunter Samuel Morgenstern, ein Glasermeister und Rahmenhändler. Er war der einzige, der dem dilettierenden Kunstmaler Adolf Hitler Bilder abkaufte, meist Stadtansichten. So konnte Hitler, der bis 1913 immer wieder in Wien lebte, die Miete für das Männerwohnheim bezahlen. 20 Jahre später begann dieser Teufel dann mit seinen Verbrechen, an deren Ende auch große Teile von Wien zerstört waren.

Im Café sitzen die Menschen die Zeit haben "darüber nachzudenken, was die anderen draußen nicht erleben", meinte der Schriftsteller Anton Kuh.

Das Caféhaus ist ein Kind der Spionage. 1683 kundschaftete Franz Georg Kolschitzky die Stellungen der Türken vor der belagerten Stadt aus. Als Lohn erbat er sich den erbeuteten Kaffee und die Lizenz diesen zu rösten. Kolschitzky eröffnete das erste Wiener Caféhaus. An der Ringstrasse, das Naturhistorische Museum. Mein Lieblingsplatz ist unter der Kuppel, hier fühle ich mich selbst wie ein kleiner Kaiser. Das Luftige tut einem wie mir manchmal ganz gut. Und - es ist schon ein Prachtbau. Mit faszinierenden Exponaten über das Leben auf der Erde. Darüber muss ich schließlich Bescheid wissen.

Außerdem - wie klein und unbedeutend seid ihr Menschen von hier oben. So sehe ich Euch gerne. Kunstsinnig sagt man, seien wir Wiener. Das stimmt. Zur Jahrtausendwende haben wir uns das Museumsquartier gegönnt - in den ehemaligen Hofstallungen. Hier zeigen wir, auf welche wunderbare Weise man nutzlos gewordene Pferdeställe mit moderner Architektur kombinieren kann. Auch wenn viele meiner Mitbewohner über den grauen Kasten, indem sich das "Museum moderner Kunst" verbirgt, schimpfen, mir gefällts. Ein klein wenig ist hier von Gustav Klimts Utopie wahr geworden "Nur die Künste führen uns ins ideale Reich hinüber".

Schauen Sie doch einmal selbst vorbei. Ich hätte ihnen gerne noch viel mehr gezeigt. Aber es geht leider nicht, ich habe Arbeit bekommen, sie hören ja.

Carpe Diem.

Buch und Regie: Goggo Gensch

Filmmusik & Stab

Kraft, Oliver
Schätze der Welt II
Dietl, Georg
Wien Variationen
Buch und Regie:
Goggo Gensch
Kamera:
Burkhard Kreisel

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