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Filmtext & Video

14:17 min | Fr, 8.1.2016 | 7:35 Uhr | SWR Fernsehen

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Wallfahrtskirche Die Wies, Deutschland, Folge 38

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Die Wies - im bayerischen Pfaffenwinkel gelegen - gilt als Juwel des süddeutschen Rokoko. Erbaut wurde sie zwischen 1745 und 1754. Das Ziel der Pilger war das Gnadenbild des GEGEISSELTEN HEILANDS, der erstmals bei einer Karfreitagsprozession mitgeführt wurde. Dieses Bild erregte so das Mitgefühl der Gläubigen, dass der Klerus von einer weiteren Zurschaustellung absah und es der Wiesbäuerin Maria Lory schenkte. Bald darauf berichtete die Bäuerin, dass sie beim Beten vor dem Bildnis Tränen auf dem Antlitz des Gegeißelten gesehen habe. Das war der unaufhaltsame Beginn der Wallfahrten.

Filmtext

Von weither kamen die Pilger in Scharen und staunten. Was sie am Ziel ihrer Wallfahrt erblickten, nach dem beschwerlichen Marsch durchs bayerische Voralpenland, das nächste Dorf eine Stunde entfernt, die Wies, abgeschieden und prächtig, benannt nach dem Ort, wo sie steht. Die Wies erschien schon von weitem den Pilgern als Ziel aller Reisen, als Himmel auf Erden.

Dabei entfaltet die Wies ihre volle Pracht erst im Innern.

Seit 1730 fanden in Steingaden Karfreitags Prozessionen statt. Das Leiden Christi wurde dargestellt in mitgeführten Bildern und Skulpturen. Ein Christus an der Geißelsäule, aus Holz geschnitzt, bemalt, mit echtem Haar, war wohl für seine Zeit zu echt geraten. Die Gläubigen zumindest, von Mitleid überwältigt und verstört, gerieten so ins Jammern und ins Klagen, dass der Klerus sich genötigt sah, den Schmerzensmann in eine Kammer wegzuschließen.

Da bat die Bäuerin von der Wies, Maria Lory, man möge ihr den armen Heiland überlassen. Sie betete zwei Jahre lang im Angesicht des Schmerzensmanns, litt seine Leiden im Gebet und fand im Mitleid Trost und Stärke. Da - eines nachts - die Lory traute ihren Augen nicht. Da war ein feuchtes Glitzern auf dem Holz, das sie sich nicht erklären konnte. "Der Heiland weint, hat Tränen in den Augen, weint. Der Heiland weint." Der aufgeklärte Klerus war zwar skeptisch. Gleichwohl erlaubte er die Verehrung des wundersamen Gnadenbildes in einer für den Zweck errichteten Kapelle. Die war schon bald zu klein. "Lasst die Pilger nur kommen," dachte der Abt von Steingaden. "Sie kommen in frommer Absicht immerhin. Wir geben ihnen einen Ort für ihre Andacht und für das Gebet. Sind sie erst da, kann man sie auch belehren." Der Abt ließ eine Kirche bauen auf Larys Wiese. 1745 wurde der Wessobrunner Baumeister Dominikus Zimmermann mit dem Bau beauftragt. Der wollte nicht nur eine Kirche bauen, mit allem Prunk des Rokoko, als Krönung seines Lebenswerks, der Bau sollte für ihn die Eintrittskarte werden in das Paradies. Und so entstand die Wies.

Der eigentliche Zweck der Wies, man könnte ihn beinah vergessen. Das Gnadenbild verschwindet fast in all der Pracht. Acht Jahre wurde an der Wies gebaut. Des Architekten Bruder, Johann Baptist Zimmermann, versah die Wies mit Stuckaturen und mit Fresken. Eigentlich sollte die Wies dem "gegeißelten Heiland" nur einen würdigen Rahmen geben. In ihren Bildern und Skulpturen aber, in ihrer ganzen üppigen Gestalt, barockem Überschwang, erzählt die Wies ganz anderes, im Mittelpunkt steht nicht das Leiden und der Tod des Herrn - ihr Thema ist, was aus dem Leiden folgt: Erlösung, Sieg, Versöhnung. Christus auf dem Regenbogen - er weist zwar hin auf seine Wundmale, er zeigt aufs Kreuz, an dem er litt und starb, das Leiden aber ist vorbei, tatsächlich sitzt er da als Triumphator, Weltenretter, Todbezwinger. Der Tod hat keinen Stachel mehr. Und Gott nimmt seines Sohnes Opfer an. Versöhnt sich mit der Menschenwelt. Was bisher galt, das gilt nicht mehr. Im Lichte der Erlösung wird durch Christus alles neu gedeutet.. Das Kreuz. Die Geißel, die ihn schlug. Die Lanze, die ihn stach. Das Tuch, das er mit seinem Blutschweiß tränkte. Die Arma Christi, Zeichen seines Leidens, sind Zeichen des Triumphs geworden.

Was so den Pilgern, die zur Decke schauen, Trost und Hoffnung spenden mag, entlässt sie nicht aus der Verantwortung für sich und für ihr Seelenheil. Denn noch ist der Thron des Weltenrichters nicht besetzt. Doch das kann nur ein Ansporn sein, noch ist es Zeit, heißt das, besinne dich, tu Buße, kehre um. Damit am Tag des Gerichts du Gnade findest vor dem Herrn.

Das Tor zur Ewigkeit ist noch verschlossen. Doch steht der Engel schon davor, das Buch in der Hand vom Ende der Zeit. Chronos ist schon gestürzt. Und nah ist schon die Zeit, die alle Zeit beendet. Zeit wird nicht mehr sein. Wer dann sein Heil erst sucht, der findet keines mehr. Das Leben ist nur vorläufig, nur provisorisch. Das Ziel ist Gottes Herrlichkeit.

Die Wies ist selbst so ein Provisorium. Ein Durchgangsraum zur Ewigkeit. Das Starre, Feste, Schwere, hier scheint es aufgelöst in heitere, verspielte Form. Der Raum wirkt seltsam schwerelos, als habe er sich selbst und seine Grenzen ganz vergessen. Die Säulen tragen scheinbar nichts, sie scheinen nur zur Augenfreude dazustehen. Alles ist Schein in diesem Raum. So wie das Leben nur ein Schein ist. Im Schein die Wahrheit aufzuzeigen, ist Aufgabe des Predigers.

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Wallfahrtskirche Die Wies

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Die Wies, Wallfahrtskirche zum gegeißelten Heiland.

Die Wies, Wallfahrtskirche zum gegeißelten Heiland.

Rokokopracht im Innern der Wieskirche: Beschirmt vom Heiligen Geist soll von dieser reich verzierten Kanzel aus die frohe Botschaft der Erlösung verkündet werden.

Teil der Kanzel von Pontain Steinhauser nach einem Entwurf von Dominikus Zimmermann

Fresko von Johann Baptist Zimmermann über dem Altar: Im Mittelpunkt der Fresken das Leiden und der Tod des Herrn - ihr Thema ist, was aus dem Leiden folgt: Erlösung, Sieg, Versöhnung.

Christus auf dem Regenbogen - er weist zwar hin auf seine Wundmale, er zeigt aufs Kreuz, an dem er litt und starb, das Leiden aber ist vorbei, tatsächlich sitzt er da als Triumphator, Weltenretter, Todbezwinger. Der Tod hat keinen Stachel mehr.

Seit 1730 fanden in Steingaden karfreitags Prozessionen statt. Das Leiden Christi wurde dargestellt in mitgeführten Bildern und Skulpturen. Ein Christus an der Geißelsäule, aus Holz geschnitzt, bemalt, mit echtem Haar, war wohl für seine Zeit zu echt geraten. Für ihn wurde ab 1745 die Wallfahrtskirche erbaut.

Beschirmt vom Heiligen Geist soll der von dieser reich verzierten Kanzel aus die frohe Botschaft der Erlösung verk³nden. Wie das Wasser in breitem Schwall aus dem Munde des Delphins strömt, so soll sich das Wort Gottes in die Herzen der Gläubigen ergießen. Denn steht nicht geschrieben in der Schrift: "Wenn einer mir nachfolgen will, so verleugne er sich, nehme auf sich sein Kreuz und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, der wird es verlieren. Wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden."

Wie das himmlische Jerusalem kam die Wies den Pilgern vor. Manch einer wähnte sich das wohl am Ziel der Reise. Und musste trotzdem wieder gehen. Und musste trotzdem weiterleben. Der Rückweg war vielleicht nicht gar so sehr beschwerlich wie's der Anmarsch war. Wer von der Sünden Last befreit ist, der geht leichter. Eine kurze Zeit.

In der Erinnerung - vielleicht - bleibt das Versprechen ewiger Glückseligkeit, von der die Wies doch immerhin, wenn auch bescheiden, einen Abglanz bietet.

Buch und Regie: Josef Becker

Filmmusik & Stab

nn
Sinfonie des fanfares
Corelli, Arcangelo
Concerto Grosso Op. 6, Nr. 4 D-Dur
I Musici
Händel, Georg Friedrich
Tamerlano - Ouverture
English Baroque Soloists
Krebs, Johann Ludwig
Fantaisie f-moll
Württemb. Kammerorchester
Siebert, Büdi
Schätze der Welt I
Purcell, Henry
Trumpet Voluntary
Württemb. Kammerorchester
Händel, Georg Friedrich
Feuerwerksmusik
Academy of St. Martin-in-the-Field
Händel, Georg Friedrich
Tamerlano - Menuet
English Baroque Soloists

Buch und Regie: Josef Becker
Kamera: Ols Schurich
Produktionsjahr: 1996

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