Bitte warten...

Filmtext & Video

14:51 min | So, 20.1.2019 | 6:00 Uhr | SWR Fernsehen

Mehr Info

Visby, Schweden, Folge 148

SWR

Im 12. und 13. Jahrhundert, über 150 Jahre hinweg war Visby auf Gotland die modernste und größte Stadt des Ostseeraums. Es bestanden dort Handelsbeziehungen nach Nowgorod und bis in den islamischen Raum hinein. So stellte die Stadt für die Hanse einen Schlüssel zum Osthandel dar. Deutsche, russische und gotländische Kaufleute bestimmten das Leben und bauten neben steinernen Lagerhäusern auch Kirchen. Von ihnen sind heute nur noch weitgehend Ruinen erhalten. Dafür wird das mittelalterliche Stadtbild nicht zuletzt von der gewaltigen Mauer geprägt, welche sich als Ring um die ganze Stadt zieht. Sie ist eine der wenigen vollständig erhaltenen ihrer Art in Europa.

Filmtext

Hier ist der Süden des Nordens. Mehr Licht, mehr Wärme, mehr Trockenheit als fast irgendwo sonst in Skandinavien. Mehr Sonnenstunden als auf Mallorca. Und mehr Einsamkeit.

Gotland. Vorposten in der Ostsee. Das Festland ist hundert Kilometer entfernt: Schweden. Eine ganz andere Geschichte. Hier gibt es nicht einmal Elche. Hier ist ein Land für sich. Land der Goten, der Wikinger, der Seefahrer - seit der Bronzezeit, seit Tausenden von Jahren. Akteure im Welt-Handel, zwischen der Ostsee und dem Orient, Rom und London. Lange, bevor es die Hanse gab.

Aber für diese Handelsmacht des Mittelalters, für die Hanse und ihr neugegründetes Machtzentrum Lübeck war Visby ein Geschenk des Himmels.

Gotland war der fehlende Trittstein in der südlichen Ostsee, und Türöffner zu Nowgorod, dem Handelszentrum des Ostens. 100.000 Münzen wurden auf Gotland ausgegraben, mehr als die Hälfte der römischen Goldmünzen und aller Silbermünzen Skandinaviens.

Bildsteine: andere Zeugen des gotländischen Welthandels zur Wikingerzeit und in den zwei, drei Jahrhunderten danach. Am Anfang waren die Seefahrer noch Bauern und Bildhauer in einem. Am Ende stand die perfekte Organisation, ein internationales Zentrum, das den Fernhandel beherrschte.

Durch die russischen Flüsse bis nach Byzanz und ans Schwarze Meer, ans Ende der chinesischen Seidenstraße, reichten die Verbindungen von den Felsen und wilden Gewässern Gotlands.

Am Anfang des organisierten Handels standen die 40 Häfen des Verbunds der 'Gotländischen Küste'. Am Ende hatte Visby alle verdrängt. Einen Augenblick seiner Geschichte war Visby Metropole, die modernste und größte Stadt des Nordens, geld- und kraftstrotzend, im Bauboom und im Machtwahn. Dann wurden die Akteure der Geschichte zu ihrem Opfer. Dann kam der Absturz. Visby wurde von der Geschichte schockgefroren. Nichts kam nach. Aber was nicht schon zerstört war, das blieb. 700 Jahre trat die Geschichte auf der Stelle. Und so ist es noch immer da, das Visby der kurzen Blüte.

Kurz vor 900 wurde die Stadt an der Westküste Gotlands gegründet. 1160 bildete Visby eine eigene Republik: Sie hatte das Monopol für den Ostseehandel mit den norddeutschen Fürsten - vor allem mit dem 1143 gegründeten Lübeck. Gegen 1300 war Visby 'Königin' der Ostsee. Lagerhäuser aus Kalkstein ersetzten die Holzbauten, die Straßen wurden gepflastert, ein Abwassersystem wurde installiert.

1/1

Europa: Schweden

In Detailansicht öffnen

Hier ist der Süden des Nordens. Mehr Licht, mehr Wärme, mehr Trockenheit als fast irgendwo sonst in Skandinavien. Mehr Sonnenstunden als auf Mallorca. Und mehr Einsamkeit.

Hier ist der Süden des Nordens. Mehr Licht, mehr Wärme, mehr Trockenheit als fast irgendwo sonst in Skandinavien. Mehr Sonnenstunden als auf Mallorca. Und mehr Einsamkeit.

Bildsteine: andere Zeugen des gotländischen Welthandels zur Wikingerzeit und in den zwei, drei Jahrhunderten danach. Am Anfang waren die Seefahrer noch Bauern und Bildhauer in einem. Am Ende stand die perfekte Organisation, ein internationales Zentrum, das den Fernhandel beherrschte.

Am Anfang des organisierten Handels standen die 40 Häfen des Verbunds der 'Gotländischen Küste'. Am Ende hatte Visby alle verdrängt. Einen Augenblick seiner Geschichte war Visby Metropole, die modernste und größte Stadt des Nordens, geld- und kraftstrotzend, im Bauboom und im Machtwahn.

Schon 1175 begannen die Lübecker den Bau der deutschen Kaufmannskirche St. Marien. Die Kirche im westfälischen Stil war eine Demonstration deutscher Präsenz, so praktisch wie symbolhaft als Speicher und Treffpunkt. In jedem Frühjahr wurde hier die Handelssaison feierlich eröffnet; dann stachen die 100-Tonnen-Koggen in See, die neuen Vehikel des Fern- und Großhandels.

Die Kathedralen des Alltags, das waren die hohen Handels- und Speicherhäuser - ohne Einrichtungen zum Wohnen.

Gewohnt wurde höchst bescheiden in rückwärtigen Holzanbauten. Im magischen Dreieck zwischen Nowgorod, Gotland und Lübeck flossen die Warenströme: Seide und Brokat aus dem Orient, Wein aus Deutschland und Frankreich, Pelze aus Russland, Salz aus Lübeck, Dorsch und Robbenfleisch von Gotland. 200 Gebäude aus dem alten Visby sind erhalten, und das kleinräumige mittelalterliche Stadtbild.

1270 verlagerte sich die Bautätigkeit vom Kirchenbau schlagartig auf den Bau einer Ringmauer.

Der Mauerbau: kein glückhaftes Unternehmen. Der Anfang vom Ende.

Lange war Visby nichts als ein Ort des Zerfalls, des Drecks, der toten Tiere, ein Zeichen der Hoffnungslosigkeit.

Erst die Romantik entdeckte den Reiz efeu-überwucherter Gemäuer, sah die Erhabenheit der historischen Bauten noch in deren Verfall.

Die Rettung vor modernem Tatendrang kam rechtzeitig, um 1800, aus verschiedenen Quellen: dem erwachenden Interesse am Altertum, dem romantischen Kult der toten Städte, dem Denkmalschutz und der bewahrenden Stadtplanung als einer öffentlichen Aufgabe.

So blieb die Stadtlandschaft erhalten - die Strukturen, die Dachlinien, die Bausubstanz. So blieb die Ringmauer mit ihren Türmen - die besterhaltene nördlich der Alpen. So blieb uns Visby - intakt wie keine andere unter den frühen Hansestädten.

Auch die Lübecker verloren keine Zeit: sofort waren sie in Visby massiv präsent. Schon 1175 begannen sie den Bau der deutschen Kaufmannskirche St. Marien. Die Kirche im westfälischen Stil war eine Demonstration deutscher Präsenz, so praktisch wie symbolhaft als Speicher und Treffpunkt. In jedem Frühjahr wurde hier die Handelssaison feierlich eröffnet; dann stachen die 100-Tonnen-Koggen in See, die neuen Vehikel des Fern- und Großhandels.

Die barocke Kanzel mit ihren Putten kam viel später aus Lübeck - da war in Visby die Kirche längst aus - unter tätiger Mithilfe der Lübecker. 15 weitere Kirchen wurden gebaut, in wenig mehr als fünfzig Jahren - mehr als irgendwo sonst damals in Schweden. Kirchen und Packhäuser, Packhäuser und Kirchen. Das war das ganze Stadtbild - ohne repräsentative Gebäude, Stadttore, Hauptmarkt oder Hauptkirche. Dazu hatte man einfach keine Zeit. Die Kathedralen des Alltags, das waren die hohen Handels- und Speicherhäuser - ohne Einrichtungen zum Wohnen.

Gewohnt wurde höchst bescheiden in rückwärtigen Holzanbauten. Im magischen Dreieck zwischen Nowgorod, Gotland und Lübeck flossen die Warenströme: Seide und Brokat aus dem Orient, Wein aus Deutschland und Frankreich, Pelze aus Russland, Salz aus Lübeck, Dorsch und Robbenfleisch von Gotland. 200 Gebäude aus dem alten Visby sind erhalten, und das kleinräumige mittelalterliche Stadtbild. Auch die Erinnerung an das Leben vor 700 Jahren ist wach. Die Durchgangsstraßen der mittelalterlichen Stadt. Durch den Bau der Steinhäuser mit ihren meterdicken Mauern und durch das anhaltende Wachstum wurde es immer enger in der Stadt; und so überbaute man an manchen Stellen die Straßenzwischenräume.

1270 verlagerte sich die Bautätigkeit vom Kirchenbau schlagartig auf den Bau einer Ringmauer. Wen wollte man ausgrenzen? Wer war der Feind? Es war die Inselrepublik, es waren die eigenen Landsleute. Der Mauerbau: kein glückhaftes Unternehmen. Der Anfang vom Ende. Es begann mit einem Bußgeld des Königs Laduslaus, dem der Bau nicht zur Genehmigung vorgelegt worden war. Und es endete 1288 mit einem Bürgerkrieg zwischen Visby und der Inselrepublik. Visby, das bisher die Interessen der ganzen Insel vertreten hatte, trat einem Bündnis zum Schutz der Warentransporte bei. Nur Hansestädte konnten Partner sein. Visby akzeptierte die Bedingungen der Hanse - und nahm damit den Bruch mit der Insel in Kauf.

Der Bau der Mauer war ein Gewaltakt für sich: ein Ring von 3600 Metern Umfang, bis zu 12 Meter hoch - nach dem Vorbild von Köln und Byzanz mit einem Flankierungssystem und insgesamt 44 vorspringenden Türmen. Die Mauer war noch nicht einmal fertig, da begannen Lübeck und die Hanse Visby aus dem Geschäft zu drängen. So wie Visby Stück für Stück des gotländischen Handels von der Inselrepublik an sich gebracht hatte, so rissen die Deutschen das ganze Unternehmen Ostseehandel an sich. Schon vor 1300 begannen deutsche Händler, die Insel zu verlassen. Kapital wurde abgezogen. Dann kamen die Schicksalsschläge in dichter Folge: Tausende starben um 1350 an der Pest. Eiswinter und Missernten folgten. Gleichzeitig geriet Gotland als Zankapfel und Aufmarschbasis immer tiefer in den Strudel des mehrhundertjährigen Kampfs um die Macht in den nordischen Ländern.

1361 stürmte der dänische König Valdemar Atterdag Gotland - das Ende der Inselrepublik und der Beginn einer Legendenbildung von Brudermord, Verrat aus Liebe und lebendig eingemauerter Jungfrau - wie gemalt. Wahr ist: Visby hoffte, mit Valdemar der Hanse den Heringshandel in der Ostsee wieder abzunehmen - vergeblich. Valdemars Truppen zogen mit ihrer Beute ab, aber die Hanse konnten weder die Gotländer noch die Dänen je wieder verdrängen.

Visby blieb von der Willkür fremder Mächte abhängig, wurde erobert und besetzt, von Seeräubern ausgeplündert, von den alten Partnern zerstört und niedergebrannt. Wo die Mauer heute nur noch ein Mäuerchen ist, schlugen die Lübecker 1525 eine Bresche in Visbys Verteidigungsring. Das war das Ende der Kirchenstadt Visby und der Beginn einer Ruinenszenerie, die man erst Jahrhunderte später schätzen lernte.

Lange war sie nichts als ein Ort des Zerfalls, des Drecks, der toten Tiere, ein Zeichen der Hoffnungslosigkeit. Den Menschen fiel die Decke buchstäblich auf den Kopf. Erst die Romantik entdeckte den Reiz efeu-überwucherter Gemäuer, sah die Erhabenheit der historischen Bauten noch in deren Verfall.

Die Rettung vor modernem Tatendrang kam rechtzeitig, um 1800, aus verschiedenen Quellen: dem erwachenden Interesse am Altertum, dem romantischen Kult der toten Städte, dem Denkmalschutz und der bewahrenden Stadtplanung als einer öffentlichen Aufgabe. So blieb die Stadtlandschaft erhalten - die Strukturen, die Dachlinien, die Bausubstanz. So blieb die Ringmauer mit ihren Türmen - die besterhaltene nördlich der Alpen. So blieb uns Visby - intakt wie keine andere unter den frühen Hansestädten.

Buch und Regie: Hartmut Schwenk

Filmmusik & Stab

Dauner, Wolfgang
Visby, Anfang
Visby, Mauer
Visby, Stadt
Visby, Mauer und Pest
Visby, Finale
Kraft, Oliver
Schätze der Welt II

Buch und Regie: Hartmut Schwenk
Kamera: Georg Steinweh BVK

Zurück zur Startseite von:

Sendezeit

3sat
Sonntags:
19.40 Uhr

SWR Fernsehen
Sonntags:
6.00 Uhr