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Südamerika: Chile Filmtext & Video

Valparaiso

14:46 min | So, 24.2.2019 | 6:15 Uhr | SWR Fernsehen

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Valparaiso: Historischer Bezirk von Valparaiso, Chile, Folge 341

SWR

Paradies Tal, so hatten die Spanier die von Indios bewohnte Bucht an der Pazifikküste genannt, die sie 1536 entdeckten und in Besitz nahmen. Sie bauten eine Kirche auf dem schmalen Uferstreifen, das Kreuz wurde zum Siegeszeichen. Um die Iglesia La Matriz wuchs die Altstadt, die heute Welterbe ist .


Filmtext


"Ich liebe Valparaiso, alles was du umschließt alles, was du ausstrahlst, Braut des Ozeans..." ein Liebesgedicht Pablo Nerudas auf die Hafenstadt an der weitgeschwungenen Bucht, die den Pazifik in ihren Schoß nimmt und die Schiffe, die nach langer, in früherer Zeit gefährlicher, Fahrt hier vor Anker gehen.

Mit dem Licht erwachen die Geräusche, die im Laufe des Tages zu einer Symphonie anschwellen, der Ruf vom Meer, das Echo von den Hügeln, und eine Melodie, die in solcher Variationsvielfalt nirgends auf der Welt gespielt wird: Das Rattern der Aufzüge.

Valparaiso - Paradies-Tal nannten die Spanier den schmalen Uferstreifen, auf den sie 1536 den Fuß setzten, und dann ihre Hand legten. Damals wuchsen am Ufer der geschützten Bucht Honigpalmen, heute werden hier Container gestapelt, das Paradiestal ist zum Warenumschlagplatz geworden, 5 Millionen Tonnen werden im Hafen jährlich gelöscht.

Farbenprächtiger Straßenzug mit Blick aufs Meer

Farbenprächtiger Straßenzug mit Blick aufs Meer

Schwindelerregend steil fallen die Strassen zum Meer ab, Die Häuserzeilen scheinen die Hügel hinunter zu fließen, tiefe Einschnitte klaffen zwischen den Erhebungen. Valpo, wie die Einheimischen den Ort liebevoll nennen, wurde auf 27 Hügeln; den Cerros, gebaut. "Was für ein hügliges, zerzaustes Haupt" hatte Neruda ausgerufen. Die Häuser, Häuschen und Hütten scheinen an den Hängen zu wuchern, manche neigen sich wagemutig über den Abgrund und halten sich nur noch mit dem kleinen Finger am Steilhang fest. Der Lebensdrang dieser Stadt, vom Dichter in Worte gefasst, zu Versen gesteigert: "ich blickte auf die Lebensflamme der Hügel, auf jedes Haus, das da schwebte, auf den Herzschlag Valparaisos..."

Iglesia La Matriz, am Fuß der Hügel, die älteste Kirche im Zentrum der Stadt, die eigentlich kein Zentrum, sondern nur Vielfalt besitzt, ehemals Mittelpunkt der spanischen Siedlung. Hier hatten die europäischen Eindringlinge das Kreuz aufgerichtet.

In den Straßenlärm mischt sich Kinderlachen und Hundegebell... Der weite Platz unter dem Kirchturm: Sammelpunkt des Lebens dieser Stadt, ein wenig atemlos oft, aber unbeirrbar... in der Sprache des Gedichts "überquellend vor Leben...". Spiele und Kämpfe - nirgends in der Welt begegnet man so vielen Hunden wie im Paradiestal - Knurrendes und lachendes Leben.

Es gibt fast keine wirklich alten Gebäude in Valparaiso. Erdbeben haben immer wieder zerstört und mit jedem Wiederaufbau modernisierte sich die Stadt. Symbol des technischen Fortschritts und Wahrzeichen Valpos: Die Ascensores, die Aufzüge. Gegen geringen Fahrpreis öffnet sich die Schranke in der Talstation, abwärts ist die Fahrt bei manchen Bahnen noch etwas preiswerter. Fortschritt von gestern, doch funktionstüchtig und unter Denkmalschutz.

El Paral, einer der ältesten, schönsten und steilsten Aufzüge. Keine andere Stadt hat dieses Verkehrsmittel so zur Selbstverständlichkeit erhoben, wie Valparaiso. Der Ascensor El Paral führt zu einem der bemerkenswertesten Bauwerke der Stadt - Schwungräder des Fortschritt: dem Palacio Barburizza. Hochblüte des Jugendstils an der Pazifikküste. Von italienischen Architekten an einem der schönsten Aussichtspunkte der Stadt erbaut. 1916, als in Europa der 1.Weltkrieg mit seinen Zerstörungen wütete, fertiggestellt.

Die Jugendstil Villa auf dem Cerro Alegre trägt den Namen des durch den Salpeterhandel zu Reichtum gekommenen ehemaligen Besitzers. Nach Abschluß der Renovierung wird der Palacio den Besuchern als Kunstmuseum offen stehen. Noch erscheint der Aufstieg wie ein Kinderspiel. Die Schüler stürmen auf ihrer Entdeckungsreise in die phantastische Bildwelt der Graffitti auf dem Cerro Alegre - Schrecken, Witz, Ironie und bunte Träume, die wild wuchernde Sprache der Phantasie an Hauswänden und Mauern.

Die beiden Hügel, Cerro Alegre und Cerrro Concepcion sind das Herz des Welterbes: Hügel im Farbenrausch - die Aussenwelt der Innenwelt: Lebensfroh. Hier gibt es keine Architekturstil, der Geschichte gemacht hat, der hemmungslose Gebrauch von Farbe ist hier 'Baustil'. "Du bist ein Regenbogen vielfältiger Farben, Valparaiso, du großer Hafen...", besingt ein Lied das farbenreiche Stadtbild. Natürlich sind nicht alle Farben leuchtend. Doch zum Regenbogen gehören hier auch die abblätternden und rostigen Töne.

Typische steile Gasse in Valparaiso

Typische steile Gasse in Valparaiso

Valparaiso, die Stadt der 27 Cerros mit steilen Straßen und steilsten Gassen, macht panoramasüchtig. Doch die schöne Aussicht muss oft mit Atemlosigkeit bezahlt werden. Höhenunterschiede, an vielen Stellen nur über eine der zahllosen Treppen mit ungezählten Stufen zu bewältigen, alltägliche Mühe für die Bewohner, von Neruda zu poetischer Prosa komprimiert: " Wie viele Jahrhunderte von Schritten, auf- und ab-steigenden..."

"Du bist ein Regenbogen vielfältiger Farben...". Lichtwechsel. Manchmal verschleiert sich der Regenbogen, wenn vom Pazifik Nebel aufziehen und die Bucht belagern. Dann spiegeln die entkräfteten Pastelltöne die andere Seite Valpos und der Seele seiner Bewohner wider. Melancholie, die immer auch in der scheinbar fröhlichen Musik mitklingt.

Auf dem Uferstreifen und den Rücken der Cerros leben heute 300 000 Menschen, Nachfahren spanischer Eroberer und europäischer Auswanderer, die das von Indios bewohnte Paradiestal vor fast fünfhundert Jahren in Besitz nahmen. Die Frage nach Erblasten scheint sich nicht zu stellen.

Schätze der Welt, Erbe der Menschheit. Schattenseiten. Nicht wegen architektonischer Glanzleistungen, sondern wegen seiner unverwechselbaren, wagemutigen Bebauungsart, seiner Weltoffenheit, wirtschaftlichen Dynamik, und der Lebenszugewandtheit seiner Bewohner zählt Valparaiso zum Welterbe. Hell und unüberhörbar der Ton, der den Wagen mit Propangasflaschen ankündigt. Damit ihn sein Kunde erkennen kann, schlägt jeder Lieferant eine eigene Melodie.

Er passiert auch die bunt übermalten Mauern des Schreckens, das ehemalige Gefängnis. Graffitti wie Bannflüche gegen die Angst vor gnadenlosen Machthabern, deformierte Menschen, Opfer oder Täter, groteske Hinweise auf die Herrschaft der Militärjunta, nur selten gelingt es die Masken der Machthaber abzureißen ... Mauerbilder ... auf Wänden gegen Gedächtnisverlust angemalt... auch wenn die Farben abblättern, die Bewohner Valpos leben nicht im luftleeren Raum der Erinnerungslosigkeit, nicht nur Baugeschichte ist hier überall gegenwärtig. "zersplitterte Scheiben, zerfallene Dächer, zerstörte Mauern, "das Auge des Dichters notierte, auch den Verfall, leidenschaftlich hat Neruda, ein Chronist seiner Gefühle für diese Stadt, ihren Körper und ihre Seele beschrieben: "....Valparaiso du unreine Rose....".

Stahlseile von 25 Millimeter Stärke ziehen die Kabinen bis auf eine Höhe von 70 Metern und, wie es manchmal scheinen mag, aus dem Alltag in den Himmel. Wenn die 70 jährige Carmen Corena auf dem Weg zu einem ihrer Auftritt im Tangolokal Cinzano die kleine Kabine betritt, scheinen für den Augenblick, in dem sie abwärts getragen wird, Gegenwart und Vergangenheit zu verschmelzen, und in ihren Gedanken werden die Melodien der Lieder laut, bei denen sie sich mit den Gefühlen ihrer Zuhörer im Einklang weiß. Die Sängerin Carmen, ein Fahrgast von 20 000, die sich im Laufe des Tages einem der 15 Ascensores anvertrauen: Unten angekommen wird sie aufs Neue die Lieder anstimmen, die aus Symphonie der Klänge dieser Stadt nicht wegzudenken sind.

"Valparaiso schlug seine tausend Lider auf, die zitterten, in meinen Mund drang die Luft des nächtlichen Meeres, die Lichter der Hügelketten...." scheint uns Schatzsuchern der unsichtbare Wegbegleiter, der Dichter Neruda, nachzurufen.

Buch und Regie: Christian Romanowski

Filmmusik & Stab

Musik:

Schätze der Welt II - Vor- und Abspann:
Oliver Kraft

Soundtrack Valparaiso:
Philipp Noll



Buch und Regie: Christian Romanowski
Kamera: Gerd Bleichert

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