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14:44 min | Do, 11.5.2017 | 7:35 Uhr | SWR Fernsehen

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Vall de Boi, Spanien, Folge 260

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Das Vall de Boi ist ein schmales Tal, tief hineingegraben in die katalonischen Pyrenäen. Vor mehr als 1000 Jahren entstanden im Tal sieben kleine Dörfer, an die sich wohl niemand erinnern würde, wären zu jener Zeit nicht auch neun romanische Kirchen gebaut worden. Die Abgeschiedenheit hat dazu beigetragen, dass zumindest einige dieser Kirchen noch fast originalgetreu erhalten sind.

Filmtext

Vielleicht waren es ihre Vorfahren, die dem Tal den Namen gaben. Vielleicht waren es auch die heißen Quellen oder der Wald. Bovis, bouillant oder bois - Die Geheimnisse des Vall de Boi - sie beginnen schon mit dem Namen. Ein schmales Tal, tief hineingegraben in die südlichen Pyrenäen, abseits der großen Routen. Hier spricht man katalan und verweist mit Stolz auf eine katalanische Geschichte und Kultur, die es schon gab, lange bevor die spanische Nation entstand.

Vor wahrscheinlich mehr als tausend Jahren, so genau weiß das niemand, entstanden die sieben Dörfer; manchmal nicht mehr als ein paar Häuser, die sich an die Abhänge der schroffen Berge klammern. An die Dörfer würde sich wahrscheinlich niemand jenseits des kleinen Tals erinnern, wären nicht auch neun romanische Kirchen erbaut worden. Kleine, eher unscheinbare, wie Santa Maria im Weiler Cardet, an der die Zeit ihre Spuren hinterließ. Nur noch äußerlich erinnert sie an die Romanik. In ihrem Inneren folgte eine Epoche der anderen, bis sie schließlich der Zeit und sich selbst überlassen wurde. Und solche Kirchen wie Sant Joan in Boi, ein Kleinod, das behutsam wieder an den ursprünglich romanischen Zustand angeglichen wurde. Heute prägen klare Formen und eine architektonische Strenge unsere Vorstellung von der romanischen Baukunst, und es bedarf einiger Phantasie, um Geist und Auge eintauchen zu lassen in das Farbenmeer, wie es bunt und wild und betörend auf den Kirchgänger im Mittelalter einströmte.

Es lässt sich nur erahnen, wie die Menschen damals das Leben verstanden. Die Kirche, das war die Schwelle zu einer anderen Welt, in der keine klare Linie zwischen Realität und Phantasie verlief. Eine Welt, die mit dem Herzen gespürt und nicht mit dem Verstand begriffen wurde.

Erdachte und erträumte Wesen schmücken die Wände. Erzählte und überlieferte, wie der Elefant mit Stoßzähnen auf dem Kopf, - namentlich benannte, die doch unserer Realität nicht entsprechen. Und selbst die, die uns bekannt erscheinen, sind nicht immer das, was wir zu wissen glauben.

So war das Kamel ein Vorbild für die Demut vor Gott. Das Reich der Sarazenen - es endete am Fuß der Pyrenäen. Nichts gab es, was diese Abgeschiedenheit für die Muslime, die damals noch die iberische Halbinsel beherrschten, reizvoll erschienen ließ.

Die Strasse ins Vall de Boi gibt es erst seit wenigen Jahrzehnten, das Tal lag schon immer abseits. Im Mittelalter, da war das Dorf die Welt. Es bot Schutz und - Enge. Eine Enge, die auch Ungeheuer gebar. Ungeheuer, die sich in den Kirchen wiederfinden. Der siebenköpfige Drachen, - das Tier aus der Apokalypse. Ein Symbol für den Teufel, für das Böse, das es zu überwinden galt. Die Steinigung des heiligen Stephan. Er war ein Heiliger, der nicht an den Gütern der Erde hing, sondern von denen des Himmels träumte. Für seine Vision eines besseren Lebens im Jenseits, starb er einen grausamen Tod. Leiden, Folter und Qualen - der Weg zu Gott, in den Kirchen des Mittelalters. Das Antependium, das Altarbild, in der Kirche Sant Quirze. Julita und ihr Sohn Quirze, sie starben viele Tode. Ihre Todesarten entsprachen zwar nicht der Legende, dafür aber der harten Wirklichkeit der Menschen: der zersägte Quirze - er ist der Schutzpatron der Holzfäller.

Es war ein hartes Leben in einer unwirtlichen Umgebung. Mit dicken Wänden aus Bruchsteinen, die sie von den Feldern aufgelesen hatten, schützten sich die Bewohner des Tales vor den Überfällen der Raubritter, den umherziehenden Räuberbanden, und vor allem vor der Kälte und dem Schnee der langen Winter. Es war ein hartes Leben, das die Menschen prägte und das seine eigenen Sitten und Gebräuche hervorbrachte.

Jahrhundertelang verständigte man sich von Dorf zu Dorf über die Sprache der Glocken. Sie riefen nicht nur zur Messe. - Sie informierten über Todesfälle, Geburten und Hochzeiten. Sie warnten vor heranziehendem Unwetter, vor Bränden und Sturm. Sie läuteten für verirrte Wanderer und verhalten zu Festen. Die Glockentürme hatten mehr als eine Bedeutung. Sie waren Wehrtürme und Wachtürme, und - sie zeigten Macht wie der Kirchturm von Sant Climente de Taüll. Baumeister aus der Lombardei haben ihn errichtet.

Die Herrscher des Tals, die Herren von Erill, waren bei den Kriegszügen gegen die Mauren in der Ebene reich geworden, und sie demonstrierten ihren Reichtum und ließen zwei Kirchen bauen, beide in dem 150 Seelen Ort Taüll. Beide wurden mit nur einem Tag Unterschied im Dezember 1123 geweiht. Wer sie gebaut hat und warum hier, das wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben. Die Kirche ist ein schlichter Bau, schon damals ein wenig aus der Mode gekommen. Doch dem Maler, Meister von Taüll genannt, da niemand seinen Namen erinnert, gelang ein einzigartiges Kunstwerk.

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Vielleicht waren es ihre Vorfahren, die dem Tal den Namen gaben. Vielleicht waren es auch die heißen Quellen oder der Wald. Bovis, bouillant oder bois - Die Geheimnisse des Vall de Boi - sie beginnen schon mit dem Namen. Ein schmales Tal, tief hineingegraben in die südlichen Pyrenäen, abseits der großen Routen.

Vielleicht waren es ihre Vorfahren, die dem Tal den Namen gaben. Vielleicht waren es auch die heißen Quellen oder der Wald. Bovis, bouillant oder bois - Die Geheimnisse des Vall de Boi - sie beginnen schon mit dem Namen. Ein schmales Tal, tief hineingegraben in die südlichen Pyrenäen, abseits der großen Routen.

Die Sant Joan in Boi - Kirche, ein Kleinod, das behutsam wieder an den ursprünglich romanischen Zustand angeglichen wurde.

Ein schmales Tal, tief hineingegraben in die südlichen Pyrenäen, abseits der großen Routen. Hier spricht man katalan und verweist mit Stolz auf eine katalanische Geschichte und Kultur, die es schon gab, lange bevor die spanische Nation entstand.

Das Reich der Sarazenen - es endete am Fuß der Pyrenäen. Nichts gab es, was diese Abgeschiedenheit für die Muslime, die damals noch die iberische Halbinsel beherrschten, reizvoll erschienen ließ.

Kleine, eher unscheinbare Kirchen, wie Santa Maria im Weiler Cardet, an der die Zeit ihre Spuren hinterließ. Nur noch äußerlich erinnert sie an die Romanik. In ihrem Inneren folgte eine Epoche der anderen, bis sie schließlich der Zeit und sich selbst überlassen wurde.

Heute prägen klare Formen und eine architektonische Strenge unsere Vorstellung von der romanischen Baukunst, und es bedarf einiger Phantasie, um Geist und Auge eintauchen zu lassen in das Farbenmeer, wie es bunt und wild und betörend auf den Kirchgänger im Mittelalter einströmte.

Der zersägte Quirze - er ist der Schutzpatron der Holzfäller.

Jahrhundertelang verständigte man sich von Dorf zu Dorf über die Sprache der Glocken. Sie riefen nicht nur zur Messe. - Sie informierten über Todesfälle, Geburten und Hochzeiten. Sie warnten vor heranziehendem Unwetter, vor Bränden und Sturm.

Der Pantokrator, umgeben von einer blauen Mandorla aus gemahlenem Lapislazuli, dessen Wert ausgereicht hätte, um eine Schiffsladung Sklaven freizukaufen, dieser Allmächtige entführte die Kirchenbesucher ins himmlische Jerusalem. Überlebensgroß und ruhig wie ein Buddha thront er in der Apsis, dem Teil der Kirche, der den Himmel repräsentiert.

In der spätromanischen Kreuzabnahme - Christus am Kreuz

Die Kirche Santa Eulalia mit ihrer spätromanischen Kreuzabnahme.

Die Fresken in den Kirchen von Taüll und Boi sind nur Repliken. Einige Bewohner ärgert das noch heute. Auch wenn ihnen die mittelalterliche Kunst fremd ist, so fremd wie Miro oder Dali, sie gehört doch ins Dorf und nicht ins Museum! Und mit den Touristen - nun auch das muss man hinnehmen.

Sein Pantokrator, umgeben von einer blauen Mandorla aus gemahlenem Lapislazuli, dessen Wert ausgereicht hätte, um eine Schiffsladung Sklaven freizukaufen, dieser Allmächtige entführte die Kirchenbesucher ins himmlische Jerusalem. Überlebensgroß und ruhig wie ein Buddha thront er in der Apsis, dem Teil der Kirche, der den Himmel repräsentiert. Lebendig und mit einer mirada fuerte, einem starken Blick, zog er die Gläubigen in seinen Bann. Die allwissenden Engel, -Cherubim und Seraphim-, die Apostel und Heiligen, es sind mystische Bilder, deren Kraft die Menschen im Mittelalter nicht nur zu deuten, sondern mit dem Herzen zu sehen wussten. Maria mit dem Gral - ihr Bildnis erzählt von einer Gralsverehrung lange vor Chretien de Troyes’ poetischer Behandlung der Gralslegende. Irgendwann kamen die Fresken aus der Mode, verschwanden hinter Putz und Barockeinbauten.

Und dann - zu Beginn des letzten Jahrhunderts - witterten findige Antiquitätenhändler ein gutes Geschäft. Sie ließen die Fresken abnehmen und verkauften sie bis in die USA. Intellektuelle aus Barcelona wehrten sich gegen den Ausverkauf ihrer katalonischen Kulturgüter. Sie beauftragten denselben italienischen Unternehmer wie die Händler, da er als einziger das Geheimnis kannte, die Fresken von der Wand zu lösen. Diesmal sollten sie nicht verkauft, sondern ins Museum nach Barcelona gebracht werden. Doch den Dorfbewohner war Barcelona so weit wie Boston - sie errichteten eine Straßensperre, um die Eselkarawane auf dem einzigen Weg, der aus dem Tal führte, zu stoppen. So blieb der kleinen Karawane nur ein mühsamer Pfad über die verschneiten Berge. Heute, im Sommer, ein Touristenvergnügen, sich mit Jeeps über steinige Pisten in die Berge bringen zu lassen.

Die Fresken in den Kirchen von Taüll und Boi sind nur Repliken. Einige Bewohner ärgert das noch heute. Auch wenn ihnen die mittelalterliche Kunst fremd ist, so fremd wie Miro oder Dali, sie gehört doch ins Dorf und nicht ins Museum! Und mit den Touristen - nun auch das muss man hinnehmen.

Eine Luft wie Champagner und Wasser, -sprudelndes, fallendes, wirbelndes, glitzerndes, erfrischendes Wasser. Eiskaltes Quellwasser, Wiesenwasser, Gebirgsseen - ein Reichtum an Wasser, der im Sommer die Bewohner der trockenen, heißen Ebene in den Nationalpark Aiguestortes strömen lässt.

In dem heute streng geschützten Park gibt es noch wie vor 1000 Jahren Bären, Adler und Wölfe. Sie waren den Malern Vorbilder für ihre Löwen, Drachen und Dämonen, die sie nie zu sehen bekamen. So viel Wasser. Manchmal zuviel Wasser. Dann brachte es Steinmassen in Bewegung, ließ ganze Berghänge ins Tal rutschen und bedrohte die Dörfer. Beinahe wäre auch Erill la Vall von einem Bergrutsch mitgerissen worden. Und mit ihm die Kirche Santa Eulalia mitsamt der spätromanischen Kreuzabnahme. Dimas, der reuige Dieb, Maria, Joseph, Christus am Kreuz, Nikodemus, der heilige Johannes und Gestas, der Dieb, auch im Tod nichts vom neuen Glauben wissen wollte. Eine Plastik aus dem Übergang von Romanik zu Gotik, die seltsam modern anmutet. Jahrhunderte lang gerieten all diese Schätze in Vergessenheit. Heute ist man sich ihrer Bedeutung im und für das Tal bewusst und hütet sie sorgfältig. Selbst die unbeholfenen Kritzeleien, die ein mittelalterlicher Zeitgenosse, in die Außenmauer von Sant Joan de Boi ritzte. Frühe Graffiti von Kriegern und Pferden - die nur deshalb so hoch geachtet werden, weil sie 900 Jahre alt sind?

Auch das wird ein Geheimnis bleiben, wie so vieles im Tal.

Buch und Regie: Patricia Möckel

Filmmusik & Stab

Kraft, Oliver
Schätze der Welt II
Witecka, Friedemann
Vall de Boi

Buch und Regie: Patricia Möckel
Kamera: Gerd Bleichert

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