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oeTroia, Türkei, Folge 231

SWR

Troia: Wer kennt nicht ihre Geschichte, von Homer in der Ilias besungen, die so tragisch in völliger Zerstörung geendet haben soll. Zwei Jahrtausende galt Troia als sagenumwobene Metropole ägäischer Hochkultur. Ein literarischer Ort, den es wirklich gegeben haben soll. Und den es tatsächlich gegeben hat, wie sich jetzt mehr und mehr herausstellt. Troias Ruinen liegen auf dem Hügel Hisarlik bei Canakkale an den Dardanellen in der Türkei. Ein Schicksalsberg der Archäologie mit Ausgrabungsstätten von 46 Bauphasen Troias, u.a. Südtor, Theater, Ostmauer und Turm, Osttor, Megaronhaus, Vorplatz des Athena-Tempels, Propylon, Megaronbauten sowie römisches Odeion

Filmtext

Die Mündung der Dardanellen in die Ägäis: Homer besang hier im achten Jahrhundert vor unserer Zeit den Troianischen Krieg. Zehn Jahre soll er gedauert haben, der Kampf zwischen Mykene und Troia, Jahren. Die besten Männer starben den Heldentod. Alles wegen einer Frau: Helena, Gattin des Menelaos, König von Mykene in Griechenland. Paris, Sohn des Königs Priamos von Troia gegenüber in Kleinasien, hatte die schönste Frau unter den Irdischen nach Troia entführt. Sie wurde zurückerobert. Liebe, Hass, Rache, Reue: Homer schuf mit der "Ilias" das erste große Epos der Weltliteratur. Die griechische Antike gilt seither als Wiege der westlichen Kultur. Von Troia aus sehe man Tenedos. Heute heißt sie Bozca Ada, eine türkische Ägäisinsel. In einer windstillen Bucht sollen die Handels- und Kriegsschiffe an Land gezogen worden sein: Die Besikbucht. Es ist alles wie von Homer besungen. Troia - der Schicksalsberg der Archäologie. Seit fast 150 Jahren zieht es Wissenschaftler und Schatzsucher an die Dardanellen auf den Spuren von Homer. Zur Zeit arbeiten bis zu 80 Wissenschaftler und Helfer aus Deutschland den USA und der Türkei in einem Labyrinth von Grund- und Festungsmauern aus 3 Jahrtausenden. Keiner bezweifelt: Troia an den Dardanellen und dem Hellespont ist Homers IIios. Ein wissenschaftliches Abenteuer!

Die Ausgrabungsmannschaft der Pioniere auf dem Schicksalsberg vor über 100 Jahren. Kaum einer glaubt an die Existenz von Troia. Heinrich Schliemann gehörte zu den ersten, die Homer beim Wort nahmen. Er war überzeugt von einer griechischen Metropole in Nahost. Und er fand Troia. Der heutige Grabungsleiter Manfred Korfmann und sein Team nehmen das Epos der Weltliteratur als Wegweiser. Es bleibt spannend: Ihre Ergebnisse schreiben die Geschichte der Stadt und damit der alten Welt völlig neu. Troia: Noch immer ein Schicksalsberg der Archäologie. An der Nordost-Befestigung der Stadt: ein Durchbruch von Schliemann. Hier treffen römisch-hellenistische Tempelfundamente mit spätbronzezeitlichen Quadermauern aus der Zeit des legendären König Priamos zusammen. Das kann eigentlich nicht sein, die hatte Schliemann doch woanders schon gefunden! Er schreibt in sein Tagebuch: "vieles mir ganz Unerklärliches finde ich in dieser Steinperiode, und ich halte es daher für nötig, alles so umständlich als möglich darzustellen, hoffend, dass der eine oder der andere meiner geehrten Kollegen imstande sein wird, über die mir dunklen Punkte Aufklärung zu geben."

Ein Labyrinth, der Schicksalsberg. Neun Städte wurden hier übereinander gebaut, Schicht um Schicht, immer höher, in 3.000 Jahren Besiedlungsgeschichte. Die wichtigsten: Troia I, vor 5.000 Jahren in der frühen Bronzezeit, 500 Jahre später Troia II, die erste Blütezeit, nochmals eintausend Jahre später, Troia VI, heute als das Homersche IIios bekannt, und schließlich Troia VII und IX, die hellenistisch-römische Stadt, die letzte von Bedeutung. Sie existierte bis ins 4. Jahrhundert unserer Zeit. Der Schliemann-Graben zieht sich quer durch den ganzen Hügel. Vieles wurde dabei zerstört. Schliemann fand hier Troia I, eine der ältesten Burganlagen in Kleinasien. Doch keine Spur von König Priamos. Eine Rekonstruktion: Die Bauten sind Vorläufer antiker Tempel. Die Keramik jener Zeit ist handgeformt, poliert, Stülpdeckel, dreibeinige Kochtöpfe. Bronzenadeln in Vogelform, fünftausend Jahre alter Schmuck. Ein großer Augenblick für Schliemann: Die breite Rampe! Sie musste zur Residenz des troianischen Königs Priamos führen, geeignet für Streitwagen, Ross und Reiter. Homer erwähnte immer wieder das Skäische Tor, das muss hier gewesen sein! Als er im Mauerwerk der Festungsanlage auch noch den größten Goldschatz der Grabungsgeschichte Troias fand, war Schliemann sicher: Die königliche Festung Homers ist nicht Mythos, sondern Wirklichkeit.

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Asien: Türkei

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In einer windstillen Bucht sollen die Handels- und Kriegsschiffe an Land gezogen worden sein: Die Besikbucht. Es ist alles wie von Homer besungen.

In einer windstillen Bucht sollen die Handels- und Kriegsschiffe an Land gezogen worden sein: Die Besikbucht. Es ist alles wie von Homer besungen.

Troia - der Schicksalsberg der Archäologie. Seit fast 150 Jahren zieht es Wissenschaftler und Schatzsucher an die Dardanellen auf den Spuren von Homer. Zur Zeit arbeiten bis zu 80 Wissenschaftler und Helfer aus Deutschland den USA und der Türkei in einem Labyrinth von Grund- und Festungsmauern aus 3 Jahrtausenden. Keiner bezweifelt: Troia an den Dardanellen und dem Hellespont ist Homers IIios. Ein wissenschaftliches Abenteuer!

Heinrich Schliemann gehörte zu den ersten, die Homer beim Wort nahmen. Er war überzeugt von einer griechischen Metropole in Nahost. Und er fand Troia.

Der Schliemann-Graben zieht sich quer durch den ganzen Hügel. Vieles wurde dabei zerstört.

Die Keramik jener Zeit ist handgeformt, poliert: Bronzenadeln in Vogelform, fünftausend Jahre alter Schmuck.

Bis heute ein Politikum: Er schaffte das Gold illegal nach Berlin, wo es im zweiten Weltkrieg zur Beute der Russen wurde.

"Wie die alten Troer Helena sahen, die eben dem Turme sich nahte, sprachen sie sacht, zu einander gewandt, die geflügelten Worte: Tadelt mitnichten die Troer und hellumschienten Achaier, dass sie um solch ein Weib so lang schon Leiden erdulden! Unaussprechlich gleicht sie fürwahr einer Göttin von Ansehen!"

Dennoch segle sie fort, wie schön sie immer gestaltet, ehe sie ferner noch uns und den Söhnen Jammer bereitet! Also sprachen die Alten, und Priamos hob seine Stimme: Komm doch näher, mein liebes Kind, und setze dich zu mir, dass du den früheren Gatten und Schwäger und Freunde gewahrest!

Schuldlos bist du gewiss; die Götter sind es gewesen, die mir den Jammer des Kriegs mit dem Volk der Achaier gesendet!

Nun beginnt für Troia und die Geschichtsschreibung das neue Abenteuer. Keramik, bisher dem griechischen Festland zugeschrieben, entpuppt sich als Handwerkskunst aus Troia, dann auch in Griechenland zu finden.

Die politische Weltkarte ändert sich: Homer beschreibt in seinem Epos zwei ebenbürtige aber verschiedene Kulturen: die anatolische der Luweir und die griechische der Mykener. Das wurde Jahrhunderte verkannt.

Tempel, Badehäuser, Theater und Odeon entstanden. Ein Erdbeben setzte der letzten Blüte Troias ein Ende. Troianische Kriege haben den Ort berühmt gemacht. Er soll in Zukunft ein Ort des troianischen Friedens werden, wo Natur, Kultur und Politik sich versöhnen.

Bis heute ein Politikum: Er schaffte das Gold illegal nach Berlin, wo es im zweiten Weltkrieg zur Beute der Russen wurde. Heute weiß man, Schliemann täuschte sich. Die Residenz, die er fand, stammt aus der Zeit 2.500 vor Christus und war nicht, wie er dachte, aus dem 13. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Ein türkischer Archäologe dokumentiert minutiös, was Schliemann so täuschte: eine Festungsmauer mit einer meterhohen Schicht aus verbranntem Lehm. War nicht Homers Troia in Flammen aufgegangen? Schon, aber auch früher lag Troia immer wieder in Schutt und Asche. In dieser ersten Blütezeit taucht Keramik von der Töpferscheibe auf. Nun war es möglich, kunstvolle Gefäße in großer Stückzahl herzustellen. Troia exportierte. Schliemann fand zahlreiche Trinkgefäße mit rundem Boden und zwei Henkeln: ein "Depas Amphikypellon", in der "IIias" beschrieben. Kein Indiz, die Trinkbecher gab es längst früher. Ein Gefäß mit Spiralverzierungen: es stammt aus einer späteren Zeit. Die Stadt entwickelte sich kontinuierlich weiter. "Wie die alten Troer Helena sahen, die eben dem Turme sich nahte, sprachen sie sacht, zu einander gewandt, die geflügelten Worte: Tadelt mitnichten die Troer und hellumschienten Achaier, dass sie um solch ein Weib so lang schon Leiden erdulden! Unaussprechlich gleicht sie fürwahr einer Göttin von Ansehen! Dennoch segle sie fort, wie schön sie immer gestaltet, ehe sie ferner noch uns und den Söhnen Jammer bereitet! Also sprachen die Alten, und Priamos hob seine Stimme: Komm doch näher, mein liebes Kind, und setze dich zu mir, dass du den früheren Gatten und Schwäger und Freunde gewahrest! Schuldlos bist du gewiss; die Götter sind es gewesen, die mir den Jammer des Kriegs mit dem Volk der Achaier gesendet!"

Endlich: Die Stadt des Priamos, im 13. Jahrhundert vor Christus, Troia VII. So stellt sie sich der Maler Christoph Haußner vor, nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Ein Palastbezirk mit einer großen Unterstadt: 10.000 Einwohner mag die Metropole jetzt haben. Die mächtigen Burgmauern: Vier Meter breit, 6 Meter hoch, darauf noch Lehmziegel, mächtige Türme, eine raffinierte Architektur. Manfred Korfmann, der neue Grabungsleiter, ist Experte der Bronzezeit in Anatolien. Er kennt solche Anlagen aus der Hethiterzeit. Nun beginnt für Troia und die Geschichtsschreibung das neue Abenteuer. Keramik, bisher dem griechischen Festland zugeschrieben, entpuppt sich als Handwerkskunst aus Troia, dann auch in Griechenland zu finden. Mykenische Keramik dagegen wurde gern kopiert, nicht immer importiert wie früher angenommen. Die Forscher fanden auch Stehlen an den Toren, kultische Mulden - alles bekannt aus dem Hethiterreich, einer alten Hochkultur in Anatolien. Ein weiteres Indiz, dass Homer ein wirklich existierendes Troia beschrieb: die Quellenhöhle, heute umgeben von Äckern. Er schreibt: "Dort sind die breiten Waschgruben in der Nähe. Die schönen, steinernen, wo die schimmernden Gewänder wuschen den Troer Frauen und schöne Töchter vormals im Frieden, ehe die Söhne der Achaier kamen."

Doch auch hier, Troia muss Abschied nehmen vom griechischen Mythos. Schriften der Hethiter weisen die Stadt sogar als Wilusa aus, Sitz der indogermanischen Luwier. Es wird einer iher Götter genannt, der die Unterwelt beherrschte. Das könnte KASKAL.KUR gewesen sein. KASKAL.KUR heißt "Wet in die Unterwelt", auch Begriff für künstlich angelegte Wasserstollen. Sinterdatierung weisen die Quellenhöhle nun als ältestes von Menschenhand geschaffenes Wasserbergwerk aus, 5.000 Jahre alt. Eine Sensation. Und schließlich das einzige schriftliche Dokument aus dem Homerschen Troia: ein Siegel aus Bronze, mit luwischen Hieroglyphen. Die politische Weltkarte ändert sich: Homer beschreibt in seinem Epos zwei ebenbürtige aber verschiedene Kulturen: die anatolische der Luweir und die griechische der Mykener. Das wurde Jahrhunderte verkannt. Das Delta des Skamander. Gott Xanthos beschwerte sich in Homers Werk über all die Leichen und das Blut in seinen Fluten und wollte Achilleus, Held der Griechen, ertränken. Apollon verhinderte es. Heute ist das Delta versandet, landwirtschaftlich genutzt, Nationalpark geworden. Die Landschaft um Troia, die Troas, war eine Attraktion der antiken Welt. Touristen aus Athen und später Rom strömten zum winddurchwehten Hügel. Zu künstlich angelegten Grabhügeln für die Homerschen Helden - Egal, ob Mythos oder Wahrheit. Das Geschäft florierte. Tempel, Badehäuser, Theater und Odeon entstanden. Ein Erdbeben setzte der letzten Blüte Troias ein Ende. Troianische Kriege haben den Ort berühmt gemacht. Er soll in Zukunft ein Ort des troianischen Friedens werden, wo Natur, Kultur und Politik sich versöhnen.

Buch und Regie: Gabi Reich

Filmmusik & Stab

Flute for Troja
Leinert, FM.
Kraft, Oliver
Schaetze der Welt II/ Eigenkomposition

Buch und Regie: Gabi Reich
Kamera: Dieter Wolf

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