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Filmtext & Video

14:59 min | So, 21.10.2018 | 6:00 Uhr | SWR Fernsehen

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Sucre, Bolivien, Folge 130

SWR

Der Film erzählt die Geschichte dieser Stadt, die zugleich die spanische Kolonialgeschichte Südamerikas ist - und die Geschichte Boliviens danach. Hauptdarsteller und Erzähler ist Simon Bolivar, der hier seinen größten Triumph feierte, die Unabhängigkeit des ganzen spanischen Südamerikas 1825. Nach ihm wurde daraufhin das Land Bolivien benannt - und nach seinem erfolgreichen General Sucre die Stadt. Die hatte bis dahin La Plata geheißen - wegen des Silbers im nahegelegenen Potosí. Diesem Silber verdankte Sucre seine Gründung, seine verschwenderisch aufwendigen und noch gut erhaltenen Bauten und seine Bedeutung zunächst als Verwaltungssitz für einen großen Teil der spanischen Kolonie und später als Hauptstadt Boliviens.

Filmtext

Bol, Bolivar, Bolívar, Simon Bolívar. Sie nennen mich den Befreier. Ich stehe heute als Denkmal in fast jedem Park entlang der Anden Südamerikas. Hier haben sie sogar das Land nach mir benannt: Bolivien. Und hier steht der, nach dem sie damals Boliviens Hauptstadt nannten: Sucre, Antonio José de Sucre, General. Wir waren Freunde und Kampfgefährten, damals vor bald 200 Jahren.

Die Geschichte der Stadt begann vor fast 500 Jahren, und sie wird in diesem "Haus der Freiheit" erzählt. Es ist die schmerzvolle Geschichte des ganzen ehemals spanischen Südamerika. Der Gründer der Stadt, Ganzaro Pizarro, ein Spanier. Ein Kettenhemd mit Kettenhandschuh, Symbol der spanischen Waffenüberlegenheit. Ein früher Stadtplan. Und so sieht das von der UNESCO geschützte historische Zentrum von Sucre auch heute noch aus.

Die "Weiße Stadt" in den Anden, nach andalusischem Vorbild gebaut, in angenehm kühlen 2.800 Metern über dem Meer. Nicht weit von hier liegt die legendäre Silberstadt Potosí, damals Quelle unermesslichen Reichtums - für die spanische Krone. Etwas davon gelangte aber auch hierher. Denn von hier aus haben die Spanier fast 300 Jahre lang einen Teil ihrer Kolonie verwaltet, bis ich sie hinauswarf aus ganz Südamerika.

Die Kathedrale und noch viele weitere Gotteshäuser zeugen davon, dass die Kirche stets beteiligt war, wenn es in den Kolonien um die Beute ging und um die Macht. Wer durch die Silberminen von Potosí zu Geld gekommen war, der ließ sich gern hier nieder, baute ein großes Haus und stiftete - reich und fromm, wie man war, auch noch eine Kirche. Eine der schönsten noch erhaltenen Kirchen: San Miguel. Kunstvoll gearbeitetes Holz überall - aber auch deutliche Spuren des Verfalls. Als ich die Herrschaft Spaniens beendete, da begannen auch Einfluss und Reichtum der katholischen Kirche zu schwinden.

Das haben sich die Kirchenoberen selber zuzuschreiben. Allzu bereitwillig hatten sie mit den spanischen Unterdrückern gemeinsame Sache gemacht, denn das lohnte sich. Die Jungfrau von Guadeloupe, Schutzpatronin der Stadt, ganz in Gold und Silber, in Smaragden, Diamanten und Perlen. Die Reste des von der Kirche angehäuften Prunks füllen in Sucre noch ganze Säle. Schamhaft versteckt dagegen lagern im Kolonialmuseum die Folterwerkzeuge der Heiligen Inquisition, eingemauert unter dem Säulengang dort drüben.

Höchste Zeit, dass wir uns von diesen geldgierigen Kolonialherren und ihrer Kirche befreiten. 1809 begann hier der erste Guerillakrieg in der Geschichte Südamerikas. Und der einzig siegreiche bisher. Nach 16 Jahren haben wir unter General Sucre ganz hier in der Nähe die spanischen Truppen vernichtend geschlagen. Seit 1825 sind jetzt wir weißen Südamerikaner die Herren. Diese Darstellung der Befreiung ist ein Wandbild im Büro des Rektors der Universität.

Die führt immer noch den Zusatz "königlich-päpstlich" im Wappen, hat aber mit König und Papst nichts mehr zu tun. Heute ist diese Universität mit ihren 13.000 Studenten das bedeutendste Wirtschaftsunternehmen Sucres. Es gibt sogar noch eine Universität, außerdem Seminare, Internate. Sucre ist in Bolivien die Stadt der Bildung. Den Grundstein dazu hatte mein Freund Simon Rodriguez gelegt, von mir zum ersten Bildungsbeauftragen Südamerikas ernannt, denn Rodriguez wollte, wie ich, gleiche Bildungschancen für alle, Reiche und Arme, Weiße und Indios.

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Potosí

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Im Kolonialmuseum sind Mumien ausgestellt, deren Schädel jene typisch längliche Form haben, wie die Inka sie an Kindern gleich nach der Geburt formten. Die Inka waren vor den Spaniern in Sucre und auch sie hielten die Indios als Knechte.

Im Kolonialmuseum sind Mumien ausgestellt, deren Schädel jene typisch längliche Form haben, wie die Inka sie an Kindern gleich nach der Geburt formten. Die Inka waren vor den Spaniern in Sucre und auch sie hielten die Indios als Knechte.

Impressionen aus Sucre

Das von der UNESCO geschützte historische Zentrum von Sucre sieht bis heute noch so aus wie auf alten Stadtplänen. Die "Weiße Stadt" in den Anden, nach andalusischem Vorbild gebaut, in angenehm kühlen 2.800 Metern über dem Meer.

Simon Bolivar und der General Antonio José de Sucre vertrieben 1825 Spanier aus Südamerika. Dies war der erste Guerilla Krieg und der bis heute einzig siegreiche. Er ging 16 Jahre lang.

In Bolivien waren es um die 200 Umstürze. Die meisten blutig. Dabei ging es immer um Macht und Pfründe. Nachdem die geldgierigen Spanier weg waren, bereicherten sich die neuen, hiesigen Herren genau so schamlos wie die alten.

Wer durch die Silberminen von Potosí zu Geld gekommen war, der ließ sich gern hier nieder, baute ein großes Haus und stiftete - reich und fromm, wie man war, auch noch eine Kirche.

Von dem "Haus der Freiheit" aus haben die Spanier fast 300 Jahre lang einen Teil ihrer Kolonie verwaltet, bis zum ersten Guerilla Krieg. Nicht weit von hier liegt die legendäre Silberstadt Potosí, damals Quelle unermesslichen Reichtums - für die spanische Krone.

Heute ist die Universität mit ihren 13.000 Studenten das bedeutendste Wirtschaftsunternehmen Sucres. Es gibt sogar noch eine Universität, außerdem Seminare, Internate. Sucre ist in Bolivien die Stadt der Bildung.

Die Indios übernahmen die Hutmode der neuen, europäischen Herren. Davon lebt die alte Hutfabrik von Sucre heute noch.

Die Kathedrale und noch viele weitere Gotteshäuser zeugen davon, dass die Kirche stets beteiligt war, wenn es in den Kolonien um die Beute ging und um die Macht.

Diese Schule in Sucre aber, die heute seinen Namen trägt, ist eine Privatschule, nur für Kinder von Eltern mit Geld. Ohne Geld gibt es nur staatliche Bildung, und die ist leider auch hier miserabel. So hatten sich Rodriguez und ich das damals nicht vorgestellt. Das - und so manches andere auch nicht an der Entwicklung der letzten 200 Jahre. Da verehren sie zwar mich als ihren Befreier, Bolívar hier - Bolívar da, aber den armen Sucre, von mir zum ersten Präsidenten gemacht, den haben sie sofort ermordet, weil ein anderer Präsident werden wollte. Hunderte von Militärputschs und Diktaturen habe ich seitdem von meinem Denkmalssockel mit ansehen müssen. Allein hier in Bolivien waren es um die 200 Umstürze. Die meisten blutig. Dabei ging es immer um Macht und Pfründe. Nachdem ich die geldgierigen Spanier hinausgeworfen hatte, bereicherten sich nämlich die neuen, hiesigen Herren genau so schamlos wie die alten. Demokratie hätte dabei nur gestört. Der sagenhaft reiche Minenbesitzer Argandona, der sich gleich außerhalb von Sucre dieses Schloss, die Glorieta, hatte bauen lassen, tat sich immerhin auch als Wohltäter hervor. Der Kirche spendete er eine so gewaltige Summe, dass ihm Papst Leo XIII 1898 den Titel eines Prinzen verlieh. Elf Jahre später starb der Spendenprinz. Auf dem Friedhof von Sucre wetteifert er seitdem mit dem übrigen Geldadel dieser Stadt in posthumem Prunk. Mausoleen der Eitelkeit. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war allerdings die Silbermine von Potosí versiegt, und schon begann der Kampf um die politische Vormacht im Lande. Denn in der Gegend von La Paz war inzwischen Zinn gefunden worden. Ein Denkmal ehrt die Toten des ersten Bürgerkriegs 1899. Zinn gegen Silber, und Zinn hat gesiegt. Hauptstadt Boliviens ist seitdem nicht mehr das schöne, weiße Sucre, sondern das ziemlich unansehnliche La Paz.

Was, so frage ich mich heute, hat nun eigentlich das viele Silber den Indios gebracht, denen also, die schon immer hier wohnten? Im Kolonialmuseum sind Mumien ausgestellt, deren Schädel jene typisch längliche Form haben, wie die Inka sie an Kindern gleich nach der Geburt formten. Die Inka waren vor den Spaniern hier. Sie hielten die einheimischen Indios als Knechte. Von der Zeit davor ist wenig bekannt - außer, dass es in der Kreidezeit auch hier Dinosaurier gab. Eine ganze Wand voll Fußabdrücken großer und kleinerer Saurier kam hier beim Abbau von Kalkstein zutage. 60 bis 70 Millionen Jahre alt und bei der Hebung der Anden in diese Schräglage gekommen.

Die ersten Menschen kamen erst vor 10.000 Jahren hier an. Was sind dagegen die 500 Jahre seit Kolumbus und der Gründung der Stadt? Als nach Kolumbus die spanischen Eroberer einfielen und die verhassten Inka verjagten, übernahmen die Indios sogleich die Hutmode der neuen, europäischen Herren. Davon lebt die alte Hutfabrik von Sucre heute noch, denn die Indios blieben bei ihren Hüten, auch als sie merkten, dass die Spanier sie noch gnadenloser ausbeuteten als zuvor die Inka. Ich wollte ja mit der Vertreibung der Spanier auch der Befreier aller Indios sein. Es ist mir nicht gelungen. Wie vor 500 Jahren, sind sie im eigenen Land das Personal der Zugewanderten.

Die katholische Kirche, die ja auch zu den Zuwanderern zählt, hat sich allzu lange hinter ihren prachtvollen Fassaden verschanzt und ist nicht als Beschützer der Unterdrückten hervorgetreten. Als ich vor 200 Jahren für die Befreiung kämpfte, stand diese Kirche noch fest auf Seiten der Kolonialherren. Und heute weiß ich immer noch nicht, ob sie wirklich eine Kirche des Volkes geworden ist. Warten wir mal die nächsten 200 Jahre ab in Sucre, in ganz Südamerika.

Buch und Regie: Albrecht Heise

Filmmusik & Stab

Musik:

Schätze der Welt II - Vor- und Abspann:
Oliver Kraft
Soundtrack Sucre:
Klangraum


Buch und Regie: Albrecht Heise
Kamera: Peter Wendt

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