Bitte warten...

SENDETERMIN So, 28.4.2019 | 5:45 Uhr | SWR Fernsehen

Schätze der Welt Spezial Die Renaissance – Aufbruch in eine neue Zeit

Ladengeschäft

Ladengeschäft

Renaissance - Wiedergeburt, nannte man im Nachhinein die Kulturepoche des 15. und 16. Jahrhunderts. Und die stand auch für Rückbesinnung. Eine Rückbesinnung auf die Werte der Antike. Man erhoffte sich davon ein Aufblühen der Kultur und eine reinere Sprache. Man besann sich auf den Humanismus und suchte ihn bei Dichtern und Philosophen. Auch Maler und Architekten versuchten, ihn in ihren Werken zum Ausdruck zu bringen. Die Renaissance stand aber zugleich auch für eine Zeit des Aufbruchs, ermöglicht durch bahnbrechende Erfindungen. Johannes Gutenberg zum Beispiel vollendete 1450 die Buchdrucktechnik. Sie revolutionierte das gesamte damalige Leben. Der wichtigste Drucker neben Gutenberg und der größte Verleger war Christoph Plantin. Antwerpen war Mitte des 16. Jahrhunderts von Spanien besetzt. Es war die größte Stadt nördlich der Alpen. Ein Handelsknoten mit einem florierenden Hafen. Eine Finanzmetropole und ein kulturelles Zentrum. Eine goldene Stadt. 1576 bezieht Christoph Plantin ein Haus am „Freitagsmarkt". Im ersten Buchladen des Abendlandes konnte man für Gold Bücher kaufen. Glauben und Wissen haben sich in der Officina Plantiniana in Antwerpen immer vermischt. Druckerei und Verlag in Antwerpen wurden zum Treffpunkt der europäischen Geisteselite. Die Familie Plantin-Moretus verfügte bald über eine Bibliothek von rund 25 000 Werken, Hunderte von Handschriften, die sie als wertvolle Faksimile Ausgaben nachdruckten.

Die Renaissance hat viele Genies hervor gebracht. Beispielsweise das uneheliche Kind einer arabischen Sklavin: Leonardo da Vinci. Er begann seine Karriere mit einer Goldschmiede-Lehre. Als er 30 Jahre alt war, wurde er von den Medici an den Mailänder Herzog empfohlen. Dort präsentierte er sich als Militärtechniker, Ingenieur, Architekt, Maler und Bildhauer. Eingesetzt wurde er aber vor allem als Regisseur rauschender Feste. Seine vielen Notizbücher füllte er sozusagen im Nebenjob mit den berühmten Skizzen von Kriegs- und Flugmaschinen. Da Vinci begnügte sich nicht mit der herkömmliche Ausbildung. Er betrieb das Studium an der Natur. Über religiöse Tabus setzte er sich einfach hinweg, er sezierte Dutzende von Leichen. Schon damals schrieb Giorgio Vasari in einer Biografie: „Wohin er den Geist auch lenkte, verhalf ihm seine Begabung, die schwierigsten Dinge mit Leichtigkeit zur Vollendung zu bringen.“

Der Architekt Donato Bramante schuf mit dem Mailänder Kloster Santa Marie delle Grazie ein architektonisches Kunstwerk in vollkommener Ästhetik. Kuppel, Kreuzgang, Sakristei. Alles hat sein Maß. Er verwandelte Form und Stein in eine höhere Einheit. Die Besucher suchen hier aber vor allem eines der berühmtesten Gemälde Leonardo da Vincis. Es hängt abseits im früheren Speisesaal. Das Abendmahl. 500 Jahre lang wurde das Bild verletzt und überschmiert, verätzt und verkratzt. Die feuchte Wand verfaulte von innen, Napoleons Soldaten haben hier gehaust, eine amerikanische Bombe hat das halbe Refektorium zerstört. Immer wieder wurde der langsame Tod des Abendmahls gestoppt. Das Original gibt es eigentlich nicht mehr. Aber die wenigen Farbpigmente von da Vincis Arbeit haben Kräfte, die selbst aus dem verrotteten Rest noch neues Leben schaffen.

Die Festung wird zum Lustschloss

Die Festung wird zum Lustschloss

Das Schloss Chambord im Tal der Loire ist ein Traum. Der französische König Franz I. hat es bauen lassen als die Idee eines neuen Zeitalters, der Renaissance. Die Treppe ist das eigenwilligste Element in diesem Märchenschloss. Sie ist ein Werk Leonardo da Vincis. Seinen Entwurf bezeichnete er als „Lamaca doppia", als „doppelte Schnecke". Die Treppe ist so angelegt, dass eine Person die Stufen hinaufgehen und eine andere hinuntersteigen kann, wobei sich beide sehen, ohne sich zu treffen. Ideal für neckische Spielchen die Franz I. mit seinen Mätressen veranstaltete. Sie ist ein Wunder an Erfindungsgeist, die aus zwei getrennten, übereinanderliegenden Wendeln bestehende offene Treppe, die sich um eine hohle Spindel empor schraubt. An der Basis ist ein Durchgang, so dass man ohne Umwege zum Eingang der gegenüberliegenden Schraube gelangt. Das Genie hat das fertige Schloss nie gesehen: Leonardo da Vinci starb bei Baubeginn - angeblich in den Armen seines Mäzens.

Vorbild für die Architekten der Renaissance war der römische Baumeister Vitruv. Seine theoretischen Schriften wurden damals neu aufgelegt. Vitruv hat sich bei seinen Bauten am Maß des Menschen orientiert. Die Proportionen einer Säule zum Beispiel, sollten den Proportionen des menschlichen Körpers entsprechen. Die italienischen Architekten der Renaissance wollten die gotische Ästhetik überwinden. Einer der wichtigsten Architekten jener Zeit war Andrea de Palladio. Vicenza auf halben Weg zwischen Verona und Venedig wurde von Andrea de Palladio geprägt wie keine andere Stadt von einem einzigen Architekten. Er hatte die Stadt umgestaltet, und sein Maß wurde der Maßstab für künftige Baumeister. Als Steinmetzlehrling war Palladio nach Vicenza gekommen. Neben seinen unzähligen Entwürfen verfasste er ein Lehrbuch - Das Neue Testament der Baukunst: „I questo libre delle Architectura". Weil ein Baumeister sich selten sein eigenes Haus leisten kann, hatte Palladio ganz Vicenza zu seinem Haus gemacht, „da“, wie er schrieb, „die Stadt gewissermaßen nichts anderes ist, als ein großes Haus.“

Das Kernland der Renaissance war Italien. Hier war die Verstädterung am weitesten fortgeschritten und in Folge auch der Fernhandel und das Bankenwesen. In Italien hat es seit der Antike kontinuierlich urbanes Leben gegeben. In Deutschland und Frankreich lebte der Adel in der Provinz auf ihren Burgen, in Italien dagegen: in der Stadt. Kultur wächst vor allem dort wo Überfluss vorhanden ist. Das Großbürgertum eroberte, früher als anderswo, in Italien politische Macht. Die Naturalwirtschaft des Mittelalters wich einer dynamischen, gewinnorientierten Geldwirtschaft. Und das drückte sich auch in den Bauwerken aus. Die Stadt Mantua gilt in diesem Zusammenhang  als die „ideale Stadt der Renaissance“.

So wie die Familie Gonzaga in Mantua bestimmten damals viele große Familien das Geschehen. Die Fugger, die Medici, die Sforza. Sie finanzierten Könige und die Kirche, sie herrschten über die Städte. Oft rekrutierten sie auch die Päpste aus ihren eigenen Reihen, wie die Familie der Borgia. Diese spanischen Einwanderer brachten es nicht zuletzt durch zwei sozusagen „eigene“ Päpste zu Macht und Reichtum in Italien:  Zuerst durch Kalixt III. und später durch Alexander den VI. Letzterer teilte nicht nur per Dekret die Welt auf zwischen Spanien und Portugal. Er verkörperte wie kein zweiter Machtgier und Korruption im Papsttum. Dieser Papst hatte eine Tochter: Lucrezia Borgia. Diese war in dritter Ehe mit dem Herzog von Este in Ferrara verheiratet. Hier wirkte auch der Mönch Savonarola, dessen Bußpredigten die Menschen erschütterten. Der Mönch hatte versucht das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Doch die Renaissance stellte auch die Hölle in Frage.

Das Wissen der Menschen über die Welt in der sie leben, nahm während der Renaissance explosionsartig zu. Zwar wurden die Eroberung Asiens und die Entdeckung Amerikas zunächst nur in Spanien und in Portugal zur Kenntnis genommen. Das übrige Europa registrierte diese Erweiterung des Horizonts erst mit einiger Verzögerung. Vor allem nachdem aus dem neuen Kontinent im fernen Westen Gold und Silber flossen. Adam Riese schrieb das erste Rechenbuch. Peter Henlein konstruierte die erste Taschenuhr, Martin Behaim ließ den ersten Globus bauen, noch ohne Amerika. Der Arzt Paracelsus begründete die Wurzeln der heutigen Schulmedizin. Und Nikolaus Kopernikus brach mit der althergebrachten Welten- Ordnung: Nicht die Erde, sondern die Sonne sei der Mittelpunkt des Universums. Der Philosoph Ludwig Feuerbach kommentierte das später so: „Er hat die Menschheit um ihren Himmel gebracht.“ Prompt hat die katholische Kirche diese neue Lehre verboten. Allein es half nichts: Die Erkenntnisse Kopernikus bildeten das Fundament der Forschungen von Galileo Galilei. In Pisa, am schiefen Turm führte Galileo Galilei seine Experimente zum freien Fall durch. Wie die Kathedrale und das Baptisterium wurde der Turm ganz aus Marmor gebaut. Auf Sumpfgebiet, deshalb kippte er schon bald in seine Schräglage. Die Baumeister gestalteten den Dom nach römischen Vorbildern. Die antiken Säulen wurden aus Süditalien und Sizilien mitgebracht. Pisa war einst eine bedeutende Seemacht. Seine Fürsten sahen sich als die wahren Erben der Antike und wollten ein neues Rom errichten.

Das Lutherhaus ist Zeuge seiner Geschichte.

Das Lutherhaus ist Zeuge seiner Geschichte.

Nachdem der Buchdruck durch Johannes Gutenberg revolutioniert wurde,  war es vorbei mit dem Monopol der Mönche, alle geistige und weltliche Weisheit zu verbreiten in handgeschriebenen Kopien. Schon im 15. Jahrhundert gab es 30.000 verschiedene Druckwerke. „Die Reformation hätte ohne die Druckmedien nicht stattfinden können“, schrieb der Historiker Burkhardt. Und das Druckhandwerk profitierte von diesem Umbruch, die Zahl der Titel erhöhte sich schlagartig. Eingeleitet hat die Reform ein Augustinermönch aus Wittenberg: Martin Luther. An die Tür der Schlosskirche in Wittenberg soll er seine 95 Thesen geschlagen haben. In ihnen wandte er sich gegen den Ablasshandel der Kirche. Prediger zogen damals durch das Land, um den Gläubigen ihr Erspartes zu entlocken, zum Heil ihrer eigenen Seelen und zum Heil ihrer Verstorbenen. Vor allem aber zum Heil der Kirche. Gegen diesen Schacher verfasste Luther seine Thesen. An der Kirchentür hingen sie vermutlich niemals, sicher aber ist, dass Luther seine Verdammnis des Ablasshandels an verschiedene Universitäten verschickt hat. Der Zustand der Kirche war in jenen Jahren desolat. Die Päpste korrupt. Der Ablasshandel entsprang dem düsteren Lebensgefühl des Mittelalters. Die Angst, sein Leben durch Sünden zu verfehlen und damit die ewige Seligkeit zu verspielen, beherrschte die meisten Christen. Durch den Buchdruck wurden Luthers Thesen und seine nachfolgenden Schriften zur Reformierung der Kirche schnell bekannt.

Martin Luther ist schon zu Lebzeiten ein Mediengenie. Jede seiner Schriften gibt er sofort in Druck. So erreicht er Öffentlichkeit. Luthers Glaubenssätze läuten aber auch so etwas wie das Ende der Renaissance ein. Mit der Kirchenspaltung beginnt wieder ein neues Zeitalter. Der Kampf um den rechten Glauben, das Ringen um Dogmen verdrängt das individuelle Denken und der Mensch quält sich wieder in Selbstzweifeln. Politisch dämmert am Horizont bereits das Massaker an den Hugenotten in Frankreich, die Bartholomäusnacht,  und: der Dreißigjährige Krieg. Die großen künstlerischen und intellektuellen Errungenschaften der Renaissance aber überdauern das alles. Der Humanismus prägt die Gelehrtenwelt bis heute und die Kunst hat sich damals einfach weiter entwickelt: in den Barock.