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Filmtext & Video

14:36 min | So, 22.9.2019 | 6:00 Uhr | SWR Fernsehen

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Sighisoara, Rumänien, Folge 213

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In Transsilvanien messen die Uhren nicht die Zeit, sondern die Ewigkeit, sagt ein rumänisches Sprichwort. In Sighisoara, einem kleinen Städtchen im Tal der Kokel, ist fast alles noch so, wie es um 1200 war, als sich vor allem Siedler hier niederließen. Die von ihnen gebaute Burganlage mit sieben Wehrtürmen und rund 150 Wohnhäusern ist das einzig erhaltene Ensemble dieser Art in Transsilvanien, zu deutsch Siebenbürgen.

Filmtext

"In Transsilvanien messen die Uhren nicht die Zeit, sondern die Ewigkeit", so ein rumänisches Sprichwort. Da aber selbst die unermesslich große rumänische Seele mit der Größe der Ewigkeit nicht immer zurecht kommt, messen die Uhren hier bisweilen auch kleine Ewigkeiten. Tage zum Beispiel.

In Sighisoara, einer mittelalterlichen Stadt im Herzen Transsilvaniens, tun sie das seit über 300 Jahren. Was schon wieder eine mittlere Ewigkeit ist. Immer um Mitternacht macht über den Dächern der Stadt eine bunte Figur der nächsten Platz und symbolisiert damit, dass wieder einmal ein Tag vergangen ist. So weicht der Montag in Gestalt der schönen Göttin Selene dem kriegerischen Mars, der aber dennoch auf einen friedvollen Dienstag hoffen lässt. Auf Mars folgt der Götterbote Merkur mit der meist frohen Botschaft vom Mittwoch. Der Göttervater Jupiter, von den Griechen Zeus genannt, kündet mit Blitz und Donner, natürlich, den Donnerstag an. Und schließlich lässt eine Dame mit kokett entblößter Brust auf einen sinnenfrohen Freitag hoffen. Obwohl diese Tages-Darsteller nach ihrem Auftritt wieder in diesem Raum, der somit eine Art Zeit-Raum ist, verschwinden, haben sie dem Vergangenen eine bleibende Form gegeben und es dadurch, gewissermaßen, unsterblich gemacht. Der Uhrturm, in dem die kleinen Ewigkeiten tageweise gemessen werden, ist nicht zufällig eines der beiden Wahrzeichen Sighisoaras, denn der ganze Ort demonstriert den Willen, der Vergangenheit eine bleibende Form zu geben - so gut das eben geht mit den bescheidenen Mitteln eines Landes, das durch eine barbarische Diktatur ruiniert wurde.

Als ihr letztes Stündchen schon geschlagen hatte, wollte sie auch in Sighisoara noch schnell eine neue Zeitrechnung aufmachen. Nach dem Motto weg mit der Ewigkeit, her mit einem fragwürdigen Zeitgeist sollte die malerische mittelalterliche Stadt dem Erdboden gleich gemacht werden. Ein Kahlschlag, mitten in die Altstadt hinein, war der Auftakt zu dieser systematischen Vernichtung. Inzwischen ist die klaffende Wunde, die die Schergen Ceaucescus' hinterlassen haben, grün vernarbt und fast sieht es aus, als sei hier nie etwas Böses geschehen. So ist Sighisoara eine mittelalterliche Gesamt-Schönheit geblieben. Mit ihrer Burganlage, den Wehrtürmen und etwa 150 Wohnhäusern, die den Anstürmen der Geschichte und denen der Witterung seit nunmehr über 300 Jahren standgehalten haben, ist die Stadt das einzige noch erhaltene architektonische Ensemble dieser Art in ganz Transsilvanien, zu deutsch, Siebenbürgen.

Wie von Kinderhand geschaffen, sieht der Ort auf den ersten Blick aus: Klein, schief und bunt sind die Häuser, bemalt in Farben wie aus einem Kindermalkasten: Himmelblau, himbeerrot, grasgrün, sonnengelb. Die Farben spielen gleichsam mit den Formen, weiche Linien tanzen unbekümmert mit den starren Regeln heutiger Baukunst. Das windschiefste Beispiel dieser fröhlichen Bauanarchie ist der Zinngießer-Turm. Sein Obergeschoss hat irgendwann aufgehört, vor dem Diktat der Symmetrie strammzustehen uns bevorzugt seither eine bequem-kühne Seitenlage.

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Europa: Rumänien

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Dass ihre Fresken trotz Hitze und Kälte, Wind und Regen den Glanz ihrer Farben nicht verloren haben, liegt daran, dass diese - wie auch bei den anderen Klöstern - mit Kasein angemischt wurden. Das hat sie wetterfest gemacht.

Dass ihre Fresken trotz Hitze und Kälte, Wind und Regen den Glanz ihrer Farben nicht verloren haben, liegt daran, dass diese - wie auch bei den anderen Klöstern - mit Kasein angemischt wurden. Das hat sie wetterfest gemacht.

Kloster Humor

Der hämmernde Ton der Toaca ruft die Gläubigen zum Gottesdienst.

Verträumt nennt man das Städtchen im Tal der Kokel heute, dabei war und ist das Leben hier von Träumen weit entfernt. Kriege, Verwüstungen, Plünderungen und Fremdherrschaft waren, wie in ganz Rumänien, auch in Siebenbürgen jahrhundertelang an der Tagesordnung. Als die Ungarn es besetzt hatten, holten sie im 12. Jahrhundert deutsche Siedler ins Land. Sie wurden Sachsen genannt, obwohl sie fast alle aus Süddeutschland, der Mittelrheingegend und aus Luxemburg kamen. Diese "Sachsen" sollten die wirtschaftliche Entwicklung vorantreiben und die Grenzen gegen Eindringlinge verteidigen. Das ging am besten von diesem Berg aus, auf den sie ihre Häuser, und um die herum, eine dicke Befestigungsmauer mit 14 wehrhaften Türmen bauten. So entstand allmählich eine Stadt, die von Anfang an sowohl unter der ungarischen Bezeichnung "Segusvar" als auch unter der deutschen "Schespurg" urkundlich erwähnt wird. Das rumänische "Sighisoara" taucht erst Mitte des 15. Jahrhunderts in einem Schriftstück eines gewissen Vlad Dracul auf. Bis dahin wurde in dem Ort schon jede Menge Blut vergossen: Nach dem großen Mongoleneinfall sind es vor allem die Türken, die die aufstrebende Handelsstadt das Fürchten lehren.

Der lange Krieg der siebenbürgischen Fürsten gegen das osmanische Reich führt 1421 einen Herrn nach Sighisoara, dessen Name bis heute in ängstlichen Touristengemütern Gruseln auslöst. Die Einheimischen nutzen ihn inzwischen für ihre Zwecke. Der Blutsauger Dracula, heute kochfest auf T-Shirts und unbegrenzt haltbar auf Holztafeln gebannt, lässt sich gut vermarkten. Auch im heutigen Dracula-Restaurant, in dem sich einst Fürst Vlad Dracul für ein paar Jahre niedergelassen haben soll, floriert das Geschäft mit dem schauderhaften Kick beim Mittagessen. Da spielt es keine Rolle, dass manche Historiker die Zwischenstation des späteren Herrschers der Walachei in diesem Haus bezweifeln. Dennoch spukt die Horrorgeschichte vom blutrünstigen Monster in diesem Gebäude weiter, das es damals noch gar nicht gab. Wie allerdings das Konterfei des Vlad Dracul, das man hier unter dem Putz gefunden hat, dorthin gekommen ist, bleibt eines der vielen wunderbaren Mysterien dieses Landes. Aber lassen wir die Legende vom todbringenden Vampir einfach leben - weil sie in diesem armen Land wenigstens einer kleinen Schicht ein bescheidenes Einkommen ermöglicht.

Zur Zeit des Vlad Dracul hatte sich Sighisoara bereits zu einem der blühendsten Handwerkszentren in Siebenbürgen entwickelt. Steinerne Zeugen aus dieser Zeit sind 14 Wehrtürme, von denen neun erhalten blieben. Die Zünfte waren für sie verantwortlich und hatten sie im Notfall auch zu verteidigen. Aber trotz zeitweiligem Dauereinsatz an den Schießscharten vergaß man nicht, auf die Einhaltung der strengen Zunftregeln zu achten. Die sah beispielsweise vor, dass keine "Störenfriede", womit Fremde gemeint waren, Zutritt in die örtliche Zunftgemeinschaft bekamen. "Lehrlinge, Gesellen und Meister, die in die Zunft aufgenommen werden wollen, müssen ehrlich und fromm sein, nämlich teutscher Art", heißt es in einem Statut der Schuhmacherzunft. Wer nicht "teutsch" war, wurde mit drakonischen Strafen belegt. Diese Zunftpolitik führte dazu, dass es ein kleiner, erlauchter Kreis von Meistern zu Wohlstand und politischer Macht brachte, während eine Masse von Handwerkern von den Zünften ausgeschlossen blieb. Trotz menschenverachtender Statuten konnten sich die Zünfte jahrhundertelang halten. Wo die Uhren nicht die Zeit, sondern die Ewigkeit messen, muss einfach alles länger existieren als andernorts, so scheint es.

Geradezu ein Symbol für die Ewigkeit ist der Schulberg, der seit urdenklichen Zeiten Zufluchtsort für die Einheimischen war. Auf diesem höchsten Punkt der Stadt stehen zwei Gebäude, die gewissermaßen die kulturelle und religiöse Visitenkarte Sighisoaras sind: Da ist einmal die traditionsreiche Bergschule, und, gleich nebenan, das bedeutendste Baudenkmal Sighisoaras, die Bergkirche. Rund eineinhalb Jahrhunderte hat es gedauert, bis aus einer ehemals kleinen Kapelle dieser massive Sakralbau mit gotischem Chor und spätgotischer Halle entstanden ist. Aus der letzten Bauphase stammen die Wand- und Deckengemälde. Unter dem Einfluss des lutherischen Glaubens wurden alle übertüncht, und erst 1928 begann man einige dieser bedeutenden Werke der gotischen Malerei wieder ans Tageslicht zu kratzen. So kam auch der gänzlich verblasste Erzengel Michael wieder zum Vorschein. Das kunstvoll geschnitzte Chorgestühl gibt Zeugnis von einem stolzen Bildungsbewusstsein der Ortsansässigen. Sinngemäß steht hier: "Wer in diesem Gestühl stehen will und kein Latein spricht, der soll lieber draußen bleiben." Und wer nicht den höheren Ständen angehörte, bekam auch keinen Platz in der Krypta unter dem Chor. Sie wurde ausschließlich für die Oberschicht eingerichtet, war aber bis Anfang des 13. Jahrhunderts ein Ort für alle. Denn hier stand die kleine Kapelle, in die die Bevölkerung in den unzähligen Katastrophenzeiten flüchten konnte. Überfälle und Brände, die Pest, an der die halbe Bevölkerung starb, Hungersnöte, während derer die Menschen Hunde, Katzen und Mäuse aßen, wie ein Chronist berichtet - katastrophale Lebensbedingungen, die den Aberglauben nährten." Im Jahr 1600", so der Chronist, "erschienen fürchterliche Zeichen. Am Himmel waren drei Sonnen zu sehen. Einmal wurde es nachts taghell und ein andermal wurde der Himmel rot, dass das Wasser der Tirnava wie Blut aussah...".

Untergangsstimmungen, die sich aber kaum in der Literatur dieses ständig bedrohten Volkes niedergeschlagen haben, wie die über 30.000 Bände in der Dokumentarbibliothek zeigen. Sie lockt Forscher aus ganz Europa an, weil man hier in seltenen Transsylvanica und in wertvollen Wiegendrucken schmökern darf.

Dass es auch die Liebe in Zeiten der Pest und der Verwüstungen gegeben haben muss, belegt ein Unikat, das die wahrscheinlich ersten, in rumänischer Sprache gedruckten, Liebesgedichte enthält. "Ich habe sie aufgeschrieben, als mich die Liebe in Banden hielt", erfahren wir von einem unbekannten, eher pragmatisch denkenden Autor.

"Nimm dir eine, die dir gefällt,

schau nicht darauf, dass sie arm ist,

Eine, die dir gehorcht, die schweigt,

wenn du es ihr sagst..."

Im Gegensatz zu anderen Ländern, erscheinen diese Gedichte erst im späten 18. Jahrhundert. Man hatte, wie so oft in diesem Land, also auch damit keine Eile.

Dennoch beginnen die Uhren hier bisweilen doch schon die Zeit und nicht mehr die Ewigkeit zu messen. Traditionelle Lebensweisen vermischen sich mit den Verlockungen des Technik-Zeitalters und mit denen des Tourismus.

Sighisoara, diese morbide mittelalterliche Schönheit, glättet an manchen Stellen bereits ihre markanten Unebenheiten und Lebensfalten. Noch erkennt man ihr altes Gesicht, noch spricht es ganze Bände. Jedenfalls für die, die hinsehen können.

Buch und Regie: Christina Brecht-Benze

Filmmusik & Stab

Kraft, Oliver
Schätze der Welt II
Schmied, Christiane; Reffert, Hans
Sighisoara

Buch und Regie: Christina Brecht-Benze
Kamera: Peter Vogel

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