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Filmtext & Video

Filmtext:

Rotterdam. Der größte Seehafen Europas. Umschlagplatz für Waren aus aller Welt. Das Zentrum der Hafenmetropole wurde im Zweiten Weltkrieg durch deutsche Bomben zerstört. Heute zeigt es sich mit spektakulären Bauten, entworfen von Stars der zeitgenössischen Architekturszene. Überlebt hat ein Jugendstilbau, in dem das Hotel New York residiert. Früher gingen hier die Passagiere der Holland-Amerika-Linie an Bord.

Architektur-Avantgarde bietet Rotterdam nicht nur im Zentrum. - In Schiedam, einem westlichen Vorort, steht die Van Nelle Fabrik. Ein Monument der Moderne. Errichtet in den Jahren 1926 bis1931im Stil des Neuen Bauens. Die Poesie des Lichts, die Lyrik der Makellosigkeit, der Glanz der Ordnung – Kurz vor ihrer Vollendung feiert der Architekturvisionär Le Corbusier die Van Nelle Fabrik als „der schönste Anblick der modernen Zeit“. Bis 1995 werden hier Tabak, Kaffee und Tee verarbeitet. Dann schließt die Fabrik. Und es stellt sich die Aufgabe, Strategien für den Erhalt dieses Industriedenkmals zu entwickeln. Das ehemalige Kraftwerk – Technik, demonstrativ zur Schau gestellt als Inbegriff von Modernität und Fortschritt. Es muss eine neue Nutzung gefunden werden - Professor Wessel de Jong begleitet von Anfang an die Transformation des gesamten Fabrik-Komplexes.

O-Ton Prof. Wessel de Jong:" Das Besondere an diesem Fabrikgebäude aus den späten zwanziger Jahren ist, dass es Veränderung grundsätzlich bejaht. Herstellungsprozesse wandeln sich. Die damaligen Architekten haben ein Gebäude entworfen, das dies gut handhaben lässt.

Das hat uns bei der Transformation dieser Fabrik zu einem Ort der kreativen Industrie viele Vorteile gebracht. Es ist ein flexibles Gebäude, hat sich wiederholende Elemente – das half uns, diesem Ensemble neue Bestimmungen zu geben."

60.000 Quadratmeter müssen neu genutzt werden. Nachdem die Stadt Rotterdam den Kauf - und damit die Verantwortung für die Van Nelle Fabrik abgelehnt hat, kann nur durch eine Umformung deren Zukunft nachhaltig gesichert werden. Designateliers, Architekturbüros, Kanzleien, Werbe- und Filmproduktionen sind in die Fabrik eingezogen. Hier zu arbeiten ist Teil ihrer Corporate Identity.

Van Nelle – Der Name geht auf ein Kolonialwarengeschäft zurück, das 1782 in Rotterdam eröffnet wird. Als die Familie Van der Leeuw das Ruder übernimmt, beginnt mit Plantagengründungen in Niederländisch-Ostindien, dem Handel und der Verarbeitung von Tee, Kaffee und Tabak der Aufstieg zu einem global operierenden Unternehmen.

Die Rohstoffe aus Übersee werden nach Rotterdam verschifft. Und dort in der Van Nelle Fabrik im alten Leuvehafen weiterverarbeitet. Das Geschäft floriert, die Kapazitäten reichen bald nicht mehr aus. Deshalb wird 1924 der Bau einer neuen Fabrik beschlossen. Der neue Standort ist gut gewählt: Er liegt an einem großen Kanal,
in Nachbarschaft zur Bahnstrecke Paris-Amsterdam. In der neuen Fabrik soll jedes Produkt - ob Tabak, Kaffee oder Tee - einen eigenen Bereich erhalten. - Mit ihr profiliert sich Chefarchitekt Leendert van der Vlugt als ein vielversprechender Protagonist des Neuen Bauens.

Eigentlich ist die Van Nelle Fabrik das Projekt des jungen Kees van der Leeuw, der von der Eigentümerfamilie bestimmt wird, die Verwirklichung in die Hand zu nehmen. Den Jungunternehmer interessieren amerikanische Produktionsmethoden. Er begeistert sich für moderne Architektur und abstrakte Malerei. Kees van der Leeuw will nichts weniger als ein Gesamtkunstwerk, das die Rationalität industrieller Produktion, Neues Bauen wie auch die Suche nach einem ganzheitlichen Menschenbild in sich vereint. Der Bau selbst ist eine Pionierleistung der Ingenieurskunst. Er entsteht auf einem Polder - dem Sumpf abgerungenes Bauland. Um in dem schwammigen Boden ein sicheres Fundament zu gründen, werden Tausende über zwanzig Meter lange Stahlbetonnägel an Ort und Stelle gegossen – und dann mithilfe der aus den USA eingeführten Thomson Dampframme in den Untergrund gestoßen.

Das ganze Vorhaben - ein großes technisches Wagnis der Konstrukteure. Auch Pilzstützen aus Stahlbeton, die das Skelett des Industriebaus bilden, waren bis dahin in Europa nicht bekannt. Ihr Vorteil: Sie sind mit dem Fußboden vergossen und bilden so eine belastbare Einheit, die Träger für die Decken überflüssig macht. Dies spart nicht nur Baukosten - es gelangt auch mehr Licht in die Fabrikräume. Vorhangfassaden auf beiden Seiten des 17 Meter breiten Baus sorgen für optimalen Einfall des Tageslichts. Die Van Nelle Fabrik funktioniert nach dem amerikanischen Prinzip der daylight factory.

Alle Funktionen sind an dem Gebäude ablesbar – die Form folgt der Funktion. Wie das Bauhaus in Weimar bildet die Van Nelle Fabrik in Rotterdam die Avantgarde der Klassischen Moderne in der Architektur.


O-Ton Prof. Wessel de Jong:" Ich bewundere die nüchterne Herangehensweise der damaligen Architekten. Obwohl sie nicht zugaben, dass sie sich mit Schönheit beschäftigten, spielte Schönheit bei ihren Bauten doch eine sehr große Rolle. Trotz sachlicher Annäherung entstand eine Art Poesie, eine Maschinen-Poesie. Sie haben gezeigt, dass man mit Vernunft beim Bauen so umgehen kann, dass es Poesie wird."

Auch die Verarbeitung der Rohstoffe aus Übersee ist optimal organisiert - sie folgt einem vertikalen Prinzip. Tabak, Tee und Kaffee werden über den Kanal angeliefert –
und dann in die obersten Stockwerke des jeweiligen Fabrikbereiches transportiert. Verarbeitet werden sie auf ihrem Weg nach unten mit modernsten, aus den USA übernommenen Methoden: Oberste Maxime ist Effizienz durch Mechanisierung, einfache Wege und die Steuerung der Arbeitsabläufe unter Vorgabe von Sollzeiten. Am Ende werden die fertig verpackten Produkte mit Transportliften in das Speditionsgebäude gebracht - und umgehend ausgeliefert.


Die Organisation der Fabrik zeigt sich auch in der Anordnung der Treppenhäuser. Sie erschließen jeweils einen der drei Produktbereiche. Das erste Treppenhaus ist nahezu transparent und steht kaum vor. Es scheint sich im leeren Raum zu befinden – ein Metallgitter soll Schwindelgefühle vermeiden. Jedes der Treppenhäuser ist unterschiedlich und großzügig gestaltet. Funktionalität und Ästhetik. – Chrom und Keramik schaffen Eleganz. Dies ist ganz im Sinne des Bauherrn, der höhere Kosten akzeptiert, wo sie keinen direkten Nutzen für die Funktionalität des Gebäudes bringen. Die Fabrik soll schön sein, die Arbeit darin Freude bereiten. - Dies zeigt sich auch bei der Ausstattung der Toiletten und Duschen. Ein für Industriearbeiter bis dahin nicht gekannter Luxus. Die Sanitäranlagen kommen mit den Tabakschiffen aus den USA – wie auch die Trinkbrunnen. Für die Verpflegung sorgen zwei Kantinen: Eine für die weibliche und eine für die männliche Belegschaft. Überall herrscht Ordnung, es wird auf streng Hygiene und Sauberkeit geachtet.


Am Haupteingang befindet sich das Direktionsgebäude. Es demonstriert Eigenständigkeit und Größe. Ein Zwischengeschoss gibt gleich einem Schaufenster den Blick auf ein Großraumbüro frei, in dem zu Van Nelles Zeiten Hunderte von Angestellten arbeiten. Für den Besucher wird das geschäftige Treiben zum Schauspiel. Das ehemalige Büro des Direktors. – Abteile entlang der Glasfassade schaffen Intimität, der Raum wird vom Konferenztisch dominiert. Für die Direktoren der Van Nelle Fabrik entwirft Hausarchitekt Leendert van der Vlugt auch Villen in der Stadt.

Das Sonneveld House – eine Machine à Habiter. Das Studio der Töchter im Erdgeschoss. Inspiriert von Le Corbusiers Pariser Town Houses, befinden sich die Wohnräume
eine Etage darüber. Direktor Bertus Sonneveld bezieht ein komplett neu gestaltetes Heim. Mit Möbeln des Designers Willem Hendrik Gispen, der auch die Interieurs der Van Nelle Fabrik entworfen hat. Der Stil der Neuen Kunst dominiert auch im Schlafbereich. Und zwei Telefone: eines für die Hauskommunikation, das andere für Ferngespräche.

Ein Ort der Privatheit krönt die Van Nelle Fabrik. Die Teestube. Das Rondell aus Stahl und Glas gibt dem Ensemble einen geradezu futuristischen Look. – Eine Art Raumkapsel, markantes Detail eines epochalen Bauwerks...

O-Ton Prof. Wessel de Jong:"Es ist ein Gebäude, das Freiheit ausstrahlt. Das Tageslicht - mal ist es bewölkt, dann wieder sonnig. Wir haben Sturm, Regen und Sonnenuntergänge, man befindet sich doch mitten in der Natur.

Dieses Gebäude ist ein herausragendes Symbol für Optimismus. Optimismus ist auch das Schlüsselwort für die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Man erwartete eine neue Zeit, eine neue Art zu denken, neue politische Strömungen. Es gehörte alles dazu. Kultur, Literatur und die neue Sachlichkeit. - Und dieses Gebäude symbolisiert diese Geisteshaltung in jeder Hinsicht."

Sobald es dunkel wird, ist die Van Nelle Fabrik mit ihren Leuchtbuchstaben weithin zu sehen. Diese Außenwirkung war von Anfang an beabsichtigt. – Man fühle sich an ein riesiges Aquarium erinnert, schreibt damals ein Rotterdamer Journalist. Oder an ein Laboratorium, in dem der neue Mensch geschaffen werden soll.

Filmmusik & Stab

Schätze der Welt II - Vor- und Abspann:
Oliver Kraft
Soundtrack "Van Nelle Fabrik": Nils Kacirek


Stab:
Autor und Regie: Willy Meyer
Kamera: Nils Keber
Schnitt: Thilo Brethauer

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