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Filmtext & Video


Wer beim Landeanflug auf Berlin über Potsdam kommt, sieht aus dem Fenster ein zauberhaftes Stadt-Land-Fluss mit Seen, Parks und Wäldern, wie geschaffen
für menschliches Glück. Frühe Reisende schrieben von Sümpfen und Sand, wenn sie vom Kurfürstentum Brandenburg sprachen: hier gedeihe nichts, und der Mensch könne hier nicht wirtschaften und auskömmlich leben. Seither wurde gerodet und gepflanzt, geplant und geschaffen. Diese Landschaft ist nicht einfach ein Geschenk der Natur, sie ist das Werk von Generationen.


Hätte man dem jungen Peter Joseph Lenné, als er 1816 nach Preußen kam, geweissagt, dass er 50 Jahre bleiben und hier sterben würde, er wäre wohl vor Angst
davongelaufen. Er war Rheinländer, gerade erst Preuße geworden, Beutepreuße, und vielleicht eher ein Anhänger des gestürzten Napoleon als seines neuen Herrn, des Königs von Preußen. 1830,15 Jahre nach seiner Ankunft, entstand dieses Bild, und da war Lenné, der große Gartenbaumeister, bereits ein prominenter Preuße, sonst hätte wohl kaum ein Carl Begas zum Pinsel gegriffen für sein Porträt.

Die preußischen Gärten waren vernachlässigt nach den napoleonischen Kriegen, und ihnen stand eine brandenburgische Gärtnerriege vor, die den Neuen nicht eben in die Arme schloss. Er bezog eine Gärtnerwohnung im Grünen Haus, am Heiligen See, und begann zu entwerfen. Projekt für den Park von Sanssouci - Preußens Herzkammer: Umwandlung der barocken, geometrischen Parkanlage in einen englischen Landschaftsgarten mit gewundenen Wegen, dem Zeitgeist entsprechend. Die Hauptallee beseitigt und durch eine Sichtachse ersetzt. Friedrich Wilhelm III, Preußens wortkarger König damals, bremste Lennés Schaffensdrang. Für´s erste.

Die Hauptallee blieb. Sie hat eine Bedeutung, wie alles im Park Friedrichs des Großen. Vom Obelisken am östlichen Eingang bis zum Neuen Palais im Westen und darüber hinaus, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, symbolisiert sie Friedrichs des Großen entschiedenen Willen, Preußen einen Platz unter den europäischen Mächten zu
sichern. Nachdem er preußischer Gartendirektor geworden war, bewohnte Lenné dieses Haus im Park von Sanssouci. Es liegt an der Süd-Nord-Achse, die er täglich benutzte, wenn er zum Schloss hinaufging. Vielleicht war Lenné dem älter Gewordenen klar, dass auch sie nicht einfach so da war, sondern etwas zu bedeuten hatte. Sie steht für Friedrich den Philosophen und Freund der Künste, den Freimaurer und Aufklärer.

Die Göttin Juno lädt zum Betreten des Skulpturenrondells ein, wo sich die beiden Achsen und die beiden Naturen Friedrichs kreuzen. Ihr gegenüber, auf der anderen Seite des Bassins, am Fuß der Weinbergterrassen, schnürt Merkur seinen Flügelschuh. Eine der am meisten gefeierten Skulpturen des 18. Jahrhunderts. Merkurs Blick gilt nicht,wie man erwarten könnte, der Venus neben ihm, sondern dem Element Luft, dem er verbunden, und das als Vogeljagd schräg gegenüber dargestellt ist. Auch Venus schaut an Merkur vorbei zu ihrem Element, dem Wasser, aus dem sie, die Schaumgeborene, stammt. Wie der kleine Putto, der hier ins Netz gegangen ist. Die Ost-West-Achse, den Hauptweg, begrenzen Figuren anderer Art: Mars, der Gott des Kriegs. Der Grenzstein, den Minerva umstürzt, das ist die Grenze Schlesiens, das Friedrich 1740 überfiel und annektierte. Der Philosoph von Sanssouci. Der Herbst, könnte man meinen, ist die schönste Jahreszeit, um die preußischen Parks und Gärten zu besuchen, wenn nicht… Tja.

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Der Preußische Garten - Berlin und Brandenburg

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Im Grünen Haus am Heiligen See bezog der Landschaftsarchitekt Peter Joseph Lenné die Gärtnerwohnung. Von hier aus entwarf er die Parkanlagen fpr Friedrich Wilhelm III, König von Preußen.

Im Grünen Haus am Heiligen See bezog der Landschaftsarchitekt Peter Joseph Lenné die Gärtnerwohnung. Von hier aus entwarf er die Parkanlagen fpr Friedrich Wilhelm III, König von Preußen.

Am Skulpturenrondell vor Schloss Sanssouci treffen die beiden Hauptachsen der Parkanlage aufeinander. Die Göttin Venus.

Nachdem Peter Joseph Lenné Gartendirektor geworden war, bezog der dieses Haus im Park von Sanssouci.

Der eiserne Vorhang ging quer durch die Parklandschaft. Das Kulissenschlösschen auf der Pfaueninsel gehörte zu West-Berlin.

Friedrich Wilhelm II, Neffe des Alten Fritz, ließ den Neuen Garten erbauen. Aus dem ummauerten Garten machte Lenné einen großzügigen Landschaftspark.

Auf der Pfaueninsel: Die Meierei in einer scheinbaren Klosterruine.

Am Heiligen See, Neuer Garten: im Hintergrund das Marmorpalais.

Die Sichtachse vom Marmorpalais im Neuen Garten zur Pfaueninsel


Friedrichs des Großen Park ist voll versteckter Bezüge und Bedeutungen, aber er war doch immer öffentlich, jeder konnte hinein, und wenn er Friedrichs zahlreiche Rätsel lösen wollte, durfte er es versuchen. Was bedeutet der Ruinenberg, der Endpunkt der Süd-Nord-Achse? 1786 starb der Alte Fritz ; sein Neffe, Friedrich Wilhelm II, trat die Nachfolge an, und der schuf sich einen Park, den Neuen Garten, der anders war, geheimnisvoll und verschlossen. Friedrich Wilhelm II. war ein großer Freund des schönen Geschlechts, der schönen Künste, der dunklen Künste, der Hellseherei, Alchimie und Geisterbeschwörung. Er gehörte dem Geheimbund der Rosenkreuzer an und sprach mit seinem verstorbenen Sohn. Seine Gotische Bibliothek am Südeingang des Parks. Eine Bibliothek in einem Turm. Zu welchem der König sich mit dem Boot über den Heiligen See rudern lassen konnte. Nicht eben praktisch, aber es geht hier ja auch nicht ums Lesen. Der Turm steht für Wissen und Geheimnis. Die Bücher sind lange fort, die beiden Sphingen bewachten früher eine Brücke nahebei. Die Sphinx ist das Rätsel, die Hüterin verborgenen Wissens, und sie mahnt den Eingeweihten zu schweigen.

Den Neuen Garten trennte eine Mauer von der Welt. Einmal drang ein adliger Reisender heimlich ein. Das Königliche Schloss, schrieb er, das Marmorpalais, sei unbewohnt. Friedrich Wilhelm ziehe das bescheidene grüne Haus vor. Sichtachse vom Marmorpalais zur Pfaueninsel. Früher war dort bereits West-Berlin. Der neue Garten und das weiße Kulissenschlösschen in der Ferne waren getrennt durch den eisernen Vorhang. Gruppen wurden ins Marmorpalais geführt, darin war jetzt ein Museum der Nationalen Volksarmee. Die großzügigen Parkräume, Englischer Landschaftsgarten, gehen auf die Überarbeitung des Neuen Gartens durch Lenné zurück. Überall verfolgte er sein lebenslanges Ziel: eine ganze Landschaft als Gartenkunstwerk. Etwas Düsteres aber blieb. Schloss Cecilienhof. Aus der Luft sieht man den roten Stern im Innenhof. Stalins Roter Stern als Blumenrabatte. Er ist von der Potsdamer Konferenz geblieben, 1945. Berlin und Potsdam lagen in Trümmern, aber dieses Schloss im englischen Landhausstil, das letzte der Hohenzollern, war unversehrt und gab nun die angenehme Kulisse für Verhandlungen, bei denen Stalin seine Neuaufteilung der Welt durchsetzte. Preußen wurde abgeschafft, das Deutsche Reich zerteilt. Präsident Truman gab von hier aus den Abwurf der Atombombe auf Hiroshima frei.

Ostwärts vom Neuen Garten liegt die Glienicker Brücke, die früher unpassierbar war, Zonengrenze, und mehrfach spektakulär zum Austausch von gefangenen Agenten genutzt wurde. Nordöstlich von ihr, ein Stück die Havel hinauf, die Pfaueninsel vor der Silhouette Berlins. Sie ist der Traum eines sentimentalen Königs. Friedrich Wilhelm II – wir
begegnen ihm hier erneut, aber er ist ein anderer als im Neuen Garten. Nicht zufällig hat er das weiße, hölzerne Schlösschen – er war bereits ein alter Mann damals und hatte
nicht mehr lange zu leben – so bauen lassen, dass er es von seinem Marmorpalais aus sehen konnte: es steht für ein anderes Leben, das er hätte führen können. Auf der Pfaueninsel hatte er sich einst mit seiner Geliebten getroffen, der Musikertochter Wilhelmine Encke. Sie war damals 13 und wurde die Liebe seines Lebens. An der Gestaltung der Insel hatte sie – mittlerweile geadelt als Gräfin von Lichtenau – großen Anteil. Viel ist mit der Zeit über dieses Land hinweggegangen. Allein die Geschichte der Pfaueninsel ist so seltsam und bewegt, dass sie Bücher füllt. Wir machen es wie die kleine Blaumeise: Wir picken hier ein wenig und dort; erzählen, was uns in den Sinn kommt, und haben hier zu berichten, dass nicht viel gefehlt hätte, und dieser Landschaftsgarten, heute Weltkulturerbe, wäre noch im späten 20. Jahrhundert untergegangen. Denn der West-Berliner Senat - Sie werden es vielleicht nicht glauben - plante hier den Bau eines Atomkraftwerks. Ja. Dass es dazu nicht kam, lag nicht an besserer Einsicht, sondern an unüberhörbarem Murren der amerikanischen Schutzmacht.


An der Nordseite der Insel versteckt sich ein kleines Tempelchen, eines der vielen Denkmale für Preußens Königin Luise, aufgestellt von ihrem untröstlichen Witwer,
dem wortkargen Friedrich Wilhelm III. Man vergisst, dass man hier am Rande einer Großstadt ist, man vergisst beinahe auch das Jahrhundert. Ein scheinbarer Bauernhof, die Meierei, in der scheinbaren Ruine eines gotischen Klosters. Ferme ornée nannten sie das, oder ornamented farm -Landwirtschaft als Teil einer gelungen gestalteten Landschaft. Nicht zufällig fühlt der Besucher sich an stimmungsvolle Gemälde erinnert: der Landschaftsgarten ist die Übersetzung der Malerei seiner Epoche in die
Wirklichkeit. Wenn dieses Wort, "Wirklichkeit" auf der Insel überhaupt etwas bedeutet. Oder auch an die sentimentale Dichtung: Ganz bestimmt kannte der sinnliche, dem Übersinnlichen verfallene, aber auch sehr kunstsinnige König das berühmteste englische Gedicht seiner Epoche: Thomas Gray´s "Elegie, geschrieben in einem ländlichen Kirchhof".

Es beginnt so:
Die Glocke schlägt dem Tag das Totenlied / Ohn´ Eile zieht hinab das Weidetier / Der
Ackermann kehrt heim mit schwerem Schritt / Und lässt der Dunkelheit die Welt und mir.
Vom Ufer her, aus dem Berliner Forst, klingt das Glockenspiel von Никольское herüber,
Nikolsköh in der Berliner Mundart, auch das ist ein Ort des Traums im preußischen
Garten, den wir noch nicht besucht haben.


Buch und Regie: Andreas Christoph Schmidt
Kamera: Carl Finkbeiner

Filmmusik & Stab

Musik:

Schätze der Welt II - Vor- und Abspann:
Oliver Kraft
Soundtrack: Matthew Jones

Stab:
Buch und Regie: Werner Meyer
Kamera: Paul Ree
Schnitt: Melanie Sandford, ASE

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