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Filmtext & Video

15:01 min | Mo, 8.7.2019 | 12:45 Uhr | 3sat

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Europa: Deutschland

Speicherstadt und Chile Haus in Hamburg

Ein Film von Martin Thoma

Noch bis Ende 2002 trennt eine der letzten europäischen Grenzen "Zollausland" des Hamburger Freihafens von der Altstadt. 1888 als größtes Lagerhausensemble der Welt erbaut, trägt die Speicherstadt mit benachbartem "Chile Haus" seit Juni 2015 das Etikett UNESCO-Weltkulturerbe.

Filmtext:

Wo heute Elbphilharmonie und HafenCity das Stadtbild prägen, lag einst die Keimzelle des Hamburger Hafens. Über 100 Jahre schon thront hier Hamburgs einstige Hochburg des Freihandels: die Speicherstadt, das größte geschlossene Lagerhausensemble der Welt. Der Quartiersmann Horst Roeschen hat sein ganzes Berufsleben darin verbracht.

O-Ton: Horst Roeschen – Quartiersmann a.D.
"Heute: traurig für mich ! Weil heute ist ja hier nichts mehr los. Heute ist ja nur noch Hafenrundfahrt, nur noch Besichtigung und und und …! Aber ich hab‘ immer noch das Bild vor Augen, wie früher das Schutengewimmel hier war. Hier waren zig Schuten, kann man sagen. Diese Ecke hier, da war alles voller Schuten, alles voll. Die mussten sehen, dass sie irgendwie mit ihren Staken Platz kriegten, die mussten auch verholen, die mussten drehen. Dann kamen die Schlepper wieder, die Barkassen, die holten die leeren Schuten ab, brachten die vollen wieder mit und eine nach der anderen wurde geleert.“

In der amphibischen Backsteinlandschaft schlug das Herz des hanseatischen Kaufmannsgeistes und sorgte für die Profite der Handelshäuser jener Stadt, in der bis heute die meisten Millionäre des Landes leben.

Jahrhunderte genießt Hamburg Zollfreiheit - das Privileg, Waren ohne Zollabgaben zu verfrachten. Erst Druck der Berliner Reichsregierung beendet diesen Zustand. Dafür erhält die Stadt 1881 eine Freihandelszone. Die Geburtsstunde der Speicherstadt und Grundlage für die Fortführung einer rigorosen Kolonialpolitik. Das sei die Schattenseite, betont der Hamburger Historiker Jürgen Zimmerer.

O-Ton: Prof. Jürgen Zimmerer
„Die Speicherstadt ist Mit-Resultat des Kolonialismus und Hamburgs Aufstieg zur führenden Handelsmetropole in dieser kolonialen Welt. Generell haben davon in Hamburg sehr viele profitiert und die, an die man als erstes denkt, sind natürlich die Handelshäuser, die Reedereien, im Grunde „big business“ würde man heute sagen. Aber natürlich ist der Reichtum, der dort produziert wurde, auch breiter ins Bürgertum eingesickert.“

Beim Bau der Speicherstadt nimmt man zum Wohle des Handels „Kollateralschäden“ in Kauf.

O-Ton: Prof. Jürgen Zimmerer
„Es gab aber auch Leidtragende. Es wurden 20.000 Menschen umgesiedelt, die aufgrund des kolonialen Booms und des ökonomischen Booms ihre Heimat, ihre Häuser, ja - besser gesagt – ihre Hütten verloren haben. Ein ganzer Stadtteil auf den Kehrwieder-Wandrahm-Inseln musste weichen. Die Menschen pferchte man in die bereits überbelegten Gängeviertel der Altstadt. „Zur Ehre Gottes - zu Hamburgs Wohl !“ Kaiser Wilhelm II weiht bereits im Herbst 1888 nach nur 6-jähriger Bauzeit den ersten Abschnitt des modernsten Hafenlogistikareals seiner Zeit ein.

Kurz darauf sind 100 Speichergebäude durch Bahnschienen, Fleete und Brücken verbunden, ausgerüstet mit hydraulischen Kränen, Aufzügen und Seilwinden.

Einer der ersten Mieter: das Teehandelskontor „Hälssen & Lyon“. Olav Ellerbrock leitete lange dessen Geschäfte.

O-Ton: Olav C. Ellerbrock / Hälssen & Lyon
"Nicht nur für mich sondern auch für unsere Mitarbeiter hier besteht schon eine starke emotionale Verbundenheit hier mit der Speicherstadt und besonders auch mit diesem 04:06:00 alten Gebäude. Als wir einzogen 1887 haben wir von Anfang an hier Tee gelagert.“

Tee, Kaffee und Tabak liefern die Reedereien noch bis Ende der 1960er Jahre als Stückgut, das in den Speichern gelagert, veredelt und portioniert wurde.

O-Ton: Olav C. Ellerbrock / Hälssen & Lyon
"Jeder Lehrling musste dann mal in den Hafen. Der musste das miterleben. Einige wurden seekrank, einige fielen ins Wasser. Dann wurde die Ware in Schuten hierher gezogen,die Kisten aufgeschichtet und auf die einzelnen Böden gehievt oder gehülsert. Es gab eine Zeit - ich erinnere mich noch - da waren hier Pferdefuhrwerke. Die haben das befördert. Pferdefuhrwerke wurden bald ersetzt durch Eisenbahn und LKW. Eines jedoch blieb bis zum Ende: ein gut 3 Meter hoher Zaun. Bis Anfang 2003 verlief hier eine der letzten Grenzen zwischen Sizilien und Hammerfest. Ein Grenzwall aus humorlosen Beamten, dem Zollkanal und rigiden Vorschriften schottete den Freihafen hermetisch ab von der Hamburger Altstadt. Der Witz des Freihafens war ja, dass man mit dem Zoll möglichst nicht so viel zu tun hatte. Der Freihafen stellt ja ein Zollausland dar und die Waren, die reinkommen unterliegen ja keiner Steuer und keinem Zoll. Erst wenn sie den Freihafen wieder verlassen, dann können Zölle und Steuern erhoben werden aber nun dann, wenn es solche gibt."

Das galt insbesondere für den Handel mit Kaffee.

O-Ton: Horst Roeschen – Quartiersmann a.D.
"Das ist der Sandtorkaihof. Da waren früher alle Kaffeeimporteure drin. Und als Lehrling mussten wir immer Gewichtsnoten bringen und die mussten täglich zu den Firmen gebracht werden, damit die dann ihre Rechnungen schreiben konnten, damit das Geld wieder reinkommt."

Nach New York und LeHavre eröffnet 1887 die dritte Kaffeeterminbörse der Welt am Sandtorkai.

O-Ton: Horst Roeschen – Quartiersmann a.D.
"Die Kaffeebörse, da wurden die Proben dann nachher auch hingebracht und da war ja nachher auch der Kaffeehandel. Da waren die ganzen Firmen, die hatten bestimmte Zeiten, wo dann auch die Börsenanschriebe waren und die haben dann hier ihre Preise gemacht und Kaffee gehandelt."

Kaffee zählt zu den instabilsten Waren der Welt. Die Preise ändern sich oft im Stundentakt. Dennoch galt Rohkaffee neben Zucker und Tabak als äußerst profitable Kolonialware und wurde mit Kriegsunterbrechungen bis Ende der 1960er Jahre auch an der neuen Börse der Speicherstadt gehandelt. Am Kaffeehandel verdient Hamburg seit über 200 Jahren. Noch heute ist die Hansestadt der weltgrößte Handelsplatz für das „Schwarze Gold“. Angefangen haben spätere Kaffeebarone hier, oft als kleine Röstereien hinter den Backsteinmauern der Speicherstadt.

Im Zuge der Umnutzung der alten Speichergebäude besetzen neuerdings kleine Edelröstereien eine Marktnische. Im Block R am St. Annenufer betreibt Erik Brockholz im Kaffeemuseum Burg sein Handwerk mit traditionellen Gerätschaften.

O-Ton: Erik Brockholz – Kaffeemuseum Burg
"Geröstet wird von 1910 bis 2016, das haben wir heute, eigentlich identisch. Wir brauchen eine Feuerquelle, wir brauchen ein Gefäß bzw. eine Kugel, wo der Rohkaffee drin ist und es muss permanent drehen, bis der Kaffee fertig ist, also da hat sich nicht viel verändert. Unser Röster ist auch aus den 30er Jahren und wenn man sieht, wie die neuen Röster aussehen, dann hat sich - wie gesagt - nicht viel verändert. Grosser Unterschied ist: wie man röstet, d.h. der Unterschied zwischen traditioneller Röstung - das ist das, was wir machen - oder Industrieröstung."

Brockholz verarbeitet vor allem Edelbohnen aus Äthiopien, Indonesien oder Jamaika. Kaffee habe bis zu 1000 Aromen und sei weit komplexer als Rotwein. Mit dieser Erkenntnis machten hier noch bis vor 40 Jahren über 300 Kaffeehändler feine Profite mit der braunen Bohne.

O-Ton: Erik Brockholz – Kaffeemuseum Burg
"Unser Museum bzw. die Rösterei wurde ja 1923 in Hamburg-Eppendorf gegründet, d.h. das ist schon ein bischen her und daher sind halt sehr viele Museumsstücke, die wir unten in unserem Museum haben, vorzeigbar, weil die Speicherstadt war dafür da oder ist heute noch zu einem großen Teil mit dem Kaffee verbunden. Als größter Umschlagplatz für Rohkaffee überhaupt weltweit ist Hamburg, der Hamburger Hafen und natürlich die Speicherstadt bekannt."

Kolonialwaren wie Kaffee, Zucker und Gewürze machten die Hansestadt einst reich. Wohlstand durch Ausbeutung besetzter Kolonien. Lange unterschlagen, widmet sich die Hansestadt nun auch diesem dunklen Kapitel.

O-Ton: Prof. Jürgen Zimmerer
"Es gibt ja einen Senatsbeschluss, dass Hamburg sein postkoloniales Erbe aufarbeiten solle, insofern geht sie (die Stadt) offen damit um. Aber es gibt jetzt noch nicht die breite Information darüber, was alles kolonial war, gerade auch was solche Prestigeobjekte betrifft, wie die Speicherstadt."

Am Dienstsitz der „Hamburger Hafen und Logistik Aktiengesellschaft“, einst Bauherrin der Speicherstadt, registriert man den Wandel genau. Eine Hürde mehr, um nach dem Wegfall der Zollgrenzen, neue Mieter in die leeren Speicher zu locken.

O-Ton: Klaus Hadaschik / HHLA-Immobilien
"Also, die meisten Nutzer, die wir gerne hätten, haben wir schon. Wir haben Werbeagenturen, wir haben kleine Rechtsanwaltbüros, unsere ganzen Modeagenturen - mittlerweile über 20.000 Quadratmeter. Wir bieten etwas Gastronomie an, wir haben das "Miniatur Wunderland", worüber wir uns sehr freuen. Nicht wie ein Einkaufszentrum, wo es eine Werbegemeinschaft gibt, sondern wir wollen hier wirklich eine Gemeinschaft sein in der Zukunft, eine Quartiersgemeinschaft, was die Speicher auch deutlich hergeben. Das ist unser Ziel."

Leere Speicherböden neu zu beleben: für Klaus Hadaschik ein Spagat zwischen Auflagen des Denkmalamtes, Wirtschaftlichkeit und der Beibehaltung der Patina der alten
Lagerhäuser.

Jenseits des Zollkanals sorgten Reedereien und Fernhandelskaufleute im Kontorhausviertel noch bis vor 40 Jahren für volle Lagerböden in der Speicherstadt. Das Chile-Haus an der Fischertwiete dominiert als erster „Hamburger Wolkenkratzer“ das Kontor-Areal um Sprinken-, Meßberg- und Mohlenhof und galt schon kurz nach Grundsteinlegung als „Ikone des Backsteinexpressionismus“.

2800 Fenster bringen noch heute Licht in die 10 Kontorgeschosse des einst größten deutschen Bürohauses. Der Bauherr machte sein Vermögen mit dem Handel von Salpeter aus Chile und galt als reichster Hamburger Kaufmann seiner Zeit. Henry Brarens Sloman verfügte auch während der Weltwirtschaftskrise über genügend Devisen, um ein Bauprojekt dieser Größenordnung in Auftrag zu geben.

Als „Flaggschiff in Stein“ ging das weltweit einzigartige Chile-Haus schon bald nach Fertigstellung in die Architekturgeschichte ein. Bei Grundsteinlegung, Anfang 1922, war daran nicht zu denken. Teile des bereits abgerissenen Gängeviertels gegenüber der Speicherstadt sollten neu bebaut werden. Dabei fehlte es an allem, nicht zuletzt an Baumaterial. Mit gebrauchten Ziegeln, Eisen und Zement zog der Architekten Fritz Höger - unter der Maßgabe „das Stadtbild Hamburgs zu verschönern“ - das ungewöhnliche Gebäude in nur 2 Jahren in die Höhe.

Anfangs für den Durchgangsverkehr noch offen, ist die überbaute Fischertwiete heute ein verkehrsberuhigter Innenhof als Atrium im Herzen des Kontorhauses. Bei Nacht, wenn Lichteffekte die Schiffsform des Klinkerbaus betonen, ahnt man den Geniestreich des Architekten. Zunächst wenig begeistert über das gebrauchte Baumaterial, zeigt sich Höger später versöhnt mit seinen „Ausschußklinkern“. Sie nähmen dem Riesen die Erdenschwere und erhielten seine Beschwingtheit.

In Sichtweite: Hamburgs „Tor zur Welt“, der einstige Freihafen. Zur blauen Stunde: der flüchtige Eindruck einer kulissenstarken Heraufbeschwörung einer Arbeitswelt von gestern. Bei Grundsteinlegung als „Zukunftsstadt“ gepriesen, muss sich noch zeigen, ob die alte Seele der Speicherstadt als Milieugeber taugt für die angrenzende Moderne.

Filmmusik & Stab

Schätze der Welt II - Vor- und Abspann:
Oliver Kraft
Soundtrack "Speicherstadt Hamburg": Markus Schäffler


Stab:
Autor und Regie: Martin Thoma
Kamera: Peter Stickler
Schnitt: Martin Thoma
Ton: Aljoscha Haupt

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