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Filmtext & Video

14:53 min | Mo, 1.10.2018 | 21:45 Uhr | 3sat

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Europa: Deutschland

Buchenurwälder - Die letzten Zeugen

Ein Film von Martin Thoma

Die gewaltigen Buchenurwälder, die unseren Vorfahren vom Schwarzen Meer bis zum Atlantik, von Sizilien bis nach Südschweden seit der letzten Eiszeit Schutz und Nahrung boten, sind nahezu verschwunden. Eine einzige Baumart dominierte einst weite Teile des europäischen Kontinents.

Filmtext:

Geschossen wurde hier, scharf und ohne Vorwarnung. Bis Anfang der 1990er Jahre stand dieser Urwald auf keiner Karte. Betreten verboten! Heute gilt der „Hainich“ in Thüringens Westen als größter naturbelassener Laubwald mitten in Deutschland. Rüdiger Biehl ist hier aufgewachsen. Schon Großvater und Vater waren Förster, doch Biehl ist der erste, der in einem freien Nationalpark arbeitet. Nach der Wehrmacht übten hier NVA und Sowjets den Kampf gegen den Klassenfeind: mit Granaten auf Buchen, Erlen und Eschen.

Die Zeiten haben sich geändert, doch die Narben sind geblieben.

Rüdiger Biehl / Nationalpark Hainich - Thüringen:"Also, zu Zeiten der DDR hat hier die NVA geübt und da gab es große, große Sicherheitsbereiche, in denen durfte kein Mensch den Wald betreten und da sind auch große freie Flächen entstanden. Jetzt, seit 30 Jahren, findet dort Wiederbewaldung statt. Vor allen die dornigen Sträucher sind das. Und in deren Schutz können die Waldbäume langsam wieder samen. Langsam wandern auch, na ja, man nennt sie Klimax-Baumarten wie die Buche, wieder ein. Ein langer Prozess, der in Menschenalter natürlich gar nicht zählbar und messbar ist, sondern es geht um Baumalter. Das dauert letztendlich mehrere hundert Jahre bis dann wieder ein Altwald entsteht."

Heute ist die Natur wieder sich selbst überlassen. Wildschweinrotten durchpflügen den Waldboden, scheue Jäger stellen Mäusen und Vögeln nach. Lange galt die Wildkatze als ausgestorben. In den Altwäldern des „Hainich“ finden heute wieder mehr als 30 Tiere nahezu ideale Brut- und Lebensbedingungen.                              

Es ist Herbst im Buchenwald: Erntezeit. Mit Bucheckern schaffen sich Wildschweine den nötigen Winterspeck auf die Rippen.

Der „Hainich“ ist einer der letzten Buchenurwälder in Deutschland: knapp 7500 Hektar Biotop. Vom einstigen Bauernkriegszentrum Mühlhausen im Norden mäandern die Höhenzüge des Waldes über Bad Langensalza bis hin zu Eisenachs Wartburg im Süden. Dort, wo Martin Luther 1522 als „Junker Jörg“ das Neue Testament ins Deutsche übertrug, hat sich bis heute wenig geändert. Geschmäht vom Reformator als „Einöde“ im „Reich der Vögel“, gilt die Wartburg als Tor zu den Wäldern des „Hainich“.

Rüdiger Biehl / Nationalpark Hainich - Thüringen:"Es gibt nur noch ganz wenige Relikte von alten Buchenwäldern. Buchenurwälder gibt es eigentlich gar nicht mehr.
Wälder haben ja verschiedene Entwicklungsphasen  und in einem Buchenurwald sind wirklich alle Phasen, bis hin zur Zerfallsphase, enthalten und das ist natürlich der Unterschied zum Wirtschaftswald, denn da wird ja Holz entnommen und dadurch diese Alters- und Zerfallsphase nicht zugelassen."

Im „Hainich“ darf die Buche – Buche sein. Allein: Baum soll sie bleiben. Aufgeforstet  wird hier nichts, nichts weggeräumt oder verwertet. Natur bleibt Natur. An abgestorbene Baumriesen schmiegen sich Moos und Zunderschwämme, Baumpilze, die das Holz in seine Bestandteile zersetzen.   

Rüdiger Biehl / Nationalpark Hainich - Thüringen:"Es gibt so einen Slogan - Totholz steckt voller Leben - und das sagt natürlich schon sehr viel aus. Abgestorbene Bäume, die am Boden liegen, verwittern langsam, vermodern. In Gang gesetzt werden diese Prozesse durch Pilze. Dann leben natürlich auch viele Tiere und Pflanzen drin und dran an diesen alten Bäumen. Und so langsam zersetzt sich dieser Baum und geht in die Humusschicht über, ist also wieder Teil des gesamten Stoffkreislaufs." 

Ein intakter Buchenwald gleicht dem geschlossenen System eines selbsterhaltenden Organismus‘. Totholz ist Grundlage der Nahrungskette von bis zu 10.000 Tier- und Pflanzenarten: ein erster Baustein der Artenvielfalt. Die gesamte Energie verbleibt im Kreislauf dieses Ökosystems, das dem Wald ermöglicht, sich selbst zu erneuern. Doch können wir uns das leisten?

Rüdiger Biehl / Nationalpark Hainich - Thüringen:"Eine Kostenrechnung aufzumachen in Nationalparken ist immer sehr schwierig.Was ist uns die biologische Vielfalt wirklich wert ? Natürlich entsteht in einem Wald, der nicht genutzt wird, auch kein Holzertrag. Aber es geht dabei ja nicht nur um das Thema "Artenvielfalt", sondern auch um das Thema "Vielfalt der Lebensräume" und um "genetische Vielfalt". Um einen Genpool also, der damit auch erhalten wird."

Buchen-Urwaldrelikte wie der Hainich sind Gen-Archen, eine Art biologisches Weltnaturerbe. Botanikern gelten sie als Zeugen jener riesigen Waldgebiete, die seit der letzten Eiszeit vor knapp 10.000 Jahren unseren Ahnen das Überleben auf dem europäischen Kontinent gesichert haben. Wegmarken wie die „Eiserne Hand“ führen Kaufleute und Reisende schon früh durch das Unterholz des Hainich. Noch bis ins hohe Mittelalter gilt der tiefe Wald als Schutzraum und Nahrungsspender, oft mystisch verklärt doch immer geheimnisvoll.

Das „Ihlefelder Kreuz“ erinnert noch heute an die einstigen Gefahren einer Reise durch das Reich der Erdgeister, Trolle und wilden Tiere. Urwälder sind bis zum Anbruch der Neuzeit mit mehrdeutigem Zauber belegt. Und alles, was wir tun müssen, um diesen Zauber zu erhalten, ist: nichts! Einst Piratenbucht und Goldversteck: Deu

Auch dank des Greifswalder Malers Caspar David Friedrich gehören die Hangbuchenwälder auf „Jasmund“ zum nationalen Erbe. Seit 2011 auch ein grenzübergreifendes Weltnaturerbe, gemeinsam mit dem „Hainich“ in Thüringen und vier weiteren Urwaldgebieten in Deutschland und den Karpaten. Fast täglich sondiert der Biologe Ingolf Stodian den jüngsten der europäischen „Altwälder“ und sorgt sich um den Erhalt seines Bestandes.                                   

Ingolf Stodian / Nationalpark Jasmund - Rügen (Mecklenburg-Vorpommern):  "Die Kreide ist ein vergleichsweise weiches Sediment. Wir haben im südlichen Teil des Weltnaturerbes einen Rückgang von durchaus 30 Zentimeter pro Jahr an dieser Küste. Durch Wind, durch Frost und Regen platzt permanent vorne die vorderste Schicht ab und sammelt sich am Fuße des Kliffs und das Meer räumt diesen Schuttkegel sehr effektiv weg, sodass irgendwann das Steilkliff senkrecht am Ufer steht, irgendwann übersteil und instabil wird. Dann brechen eben auch mal größere Schollen ab, mit dem Wald, der da drauf sich befand. Klar, das Weltnaturerbe wird dadurch immer ein kleines Stückchen kleiner - aber auch das ist ein natürlicher Vorgang."   

Noch scheint die Steilküste intakt, auch wenn die Hangbuchenwälder an manchen Stellen ins Meer zu wachsen scheinen. Sie dominieren bereits seit knapp 1000 Jahren den Osten der Halbinsel Jasmund und sind die weltweit einzigen, die direkten Kontakt zum Meer haben. 2600 Hektar Laubmischwald. In der Kernzone: Rotbuche und „Baltische Waldgerste“. Ein gut sortiertes Freilandlabor für Biologen und Botaniker.                              

Das maritime Urwaldparadies am Nordostkap Deutschlands ist ein abgeschirmter Schutzraum für Flora und Fauna, die ihren natürlichen Abläufen überlassen werden. Im Herbst, wenn die Brunft das Rotwild aus den Wäldern treibt und die Kronen der Buchen sich etwas lichten, ahnt man, wie der einstige Lebensraum unserer Vorfahren in weiten Teilen des europäischen Kontinents ausgesehen haben mag.

Im Funkloch gefallener Urwaldriesen schreibt die Natur die Gesetze, sofern wir sie lassen, zu jeder Jahreszeit, bei jedem Klima. Buchenwälder kommen ganz gut ohne uns aus. Nichts geht verloren, alles verbleibt im Kreislauf, jede Art braucht die andere. Als intaktes Ökosystem erneuert sich ein Buchenwald von selbst und schafft Lebensraum für viele Mitbewohner. Biologen vergleichen die Bedeutung der letzten Buchen-Altwälder wie Jasmund mit jener des Amazonas für Brasilien und Peru. Es sind naturbelassene Refugien für seltene Amphibien, Wildvögel und unzählige Insektenarten.

Mit einigem Recht gelten sie als Gen-Datenbanken jener Zeit, in der der Lauf der Dinge nicht in Wahlperioden oder Wirtschaftlichkeit bemessen wurde. Diese Altwälder zu schützen und zu erhalten, ist eine Wette auch auf unsere Zukunft und eine Entscheidung, die Weitblick und langen Atem erfordert.

Ingolf Stodian / Nationalpark Jasmund - Rügen (Mecklenburg-Vorpommern): "Die Summe der Flächen, die Nationalparke in Deutschland bedecken, beträgt nicht mal 0,6 Prozent und die Anteile der Buchenwaldgebiete ist noch erheblich kleiner. Eine reiche Industrienation, wie es Deutschland ist, sollte es sich einfach leisten, zusehen zu können und der Natur freien Lauf zu lassen. Wir glauben nur immer, dass wir alles bestimmen müssen. Das ist keineswegs der Fall. Die Natur wird immer einen Weg finden. Und wenn der Mensch nicht mehr sein wird, auch dann wird es Natur geben mit ganz eigenen Entwicklungen."

„Das Urbild sei der Menge zu groß, zu erhaben, um es erfassen zu können,“ schrieb der Rügenmaler Caspar David Friedrich einst an einen Freund auf die Frage, weshalb er die Natur verfremde und nicht male, wie sie sei.

Vielleicht ist uns die Wirklichkeit - das „Urbild“ - tatsächlich zu groß, zu erhaben, denn es stutzt uns Menschen auf ein Maß zurecht, das die Natur für uns vorgesehen hatte. Wir sind Mit-Bewohner auf dieser Erde – nur einer unter vielen - und brauchen uns und alle anderen Arten als Lebensgrundlage.

Filmmusik & Stab

Schätze der Welt II - Vor- und Abspann:
Oliver Kraft
Soundtrack "Buchenurwälder": Asya Thoma & Friedemann Leinert

Stab:
Autor und Regie: Martin Thoma
Kamera: Peter Stickler
Schnitt: Martin Thoma

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