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14:47 min | So, 8.3.2020 | 19:40 Uhr | 3sat

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Das Blaue Auge der Erde

Der Baikal

SWR

Burjaten, den Ureinwohnern Zentralsibiriens, gilt der "Baygal nuur" - der "reiche See", als magischer Ort, als Wiege und Seele ihres Volkes. Der Rest der Welt sieht im Baikal schlicht ein Gewässer der Superlative.

Einmal pro Woche hat der Biologe Igor Khanaev Außendienst. Sein Freilandlabor liegt im Herzen Sibiriens und gilt als größtes Frischwasserreservoir unserer Erde - der Baikalsee. Ein Fünftel aller flüssigen Süßwasserreserven der Welt fluten hier ein Gebiet größer als Belgien.  

O-Ton: Igor Khanaev (Taucher & Ichtyologe am LNG-Irkutsk)

„Wenn Einheimische den Baikal meinen, sprechen sie nicht über einen See.“ „Sie reden über ein Meer: ihren „Heiligen Baikal“. Damit meinen sie vor allem seine Größe. Er ist gut 670 km lang und die Küste uns gegenüber ist an der breitesten Stelle über 80 Kilometer entfernt. Sein tiefster Punkt liegt bei über 1.640 m.“ Der Baikal an Russlands Südostgrenze zur Mongolei gilt als größter, tiefster und ältester See der Erde.

O-Ton: Igor Khanaev (Taucher & Ichtyologe am LNG-Irkutsk)

„Es lässt sich einiges über den Baikal sagen – nicht aber, er sei nur ein gewöhnlicher See ! Er besteht zwar aus einer Menge Süßwasser, doch das wird dem Baikal nicht wirklich gerecht“. Das „Sibirische Meer“ ist Igors Arbeitsplatz seit er beim staatlichen Institut für Gewässerforschung in der Provinzhauptstadt Irkutsk als junger Wissenschaftler angefangen hat. Das Gleichgewicht des artenreichsten Frischwasserbiotops der Welt, so Igor, könne schnell kippen. Mit wöchentlichen Tauchgängen behält er es im Auge. Korallenartige Schwämme und Myriaden von Flohkrebsen sorgen für den hohen Reinheitsgrad des Baikalwassers.

O-Ton: Igor Khanaev (Taucher & Ichtyologe am LNG-Irkutsk)

„Im Baikal leben mehr als 2500 verschiedene Organismen. Knapp 80 Prozent sind endemisch, einzigartig, es gibt sie nur hier“.  Wie der Baikalkrebs - angepasst an ein extremes Umfeld.

O-Ton: Igor Khanaev (Taucher & Ichtyologe am LNG-Irkutsk)

„Der See ist durch die Verschiebung von tektonischen Platten entstanden. Ein Grabenbruch. Daher auch seine immense Tiefe. Die Tier- und Pflanzenwelt des Baikal hat sich im Laufe von Jahrmillionen an den hohen Druck in den unteren Wasserschichten angepasst.“ Doch selbst Igor Khanaev, der Wissenschaftler, sträubt sich, das „Blaue Auge Sibiriens“ in nackten Zahlen zu erfassen. Burjaten, den Ureinwohnern der Baikal-Region, gilt der See als magischer Ort, als Wiege ihres Volkes.

O-Ton: Valentin Chagdajev (Schamane aus Jelanzy)

„Für uns Burjaten ist der Baikal ein Gott. Wir verehren ihn – schon immer. Er ernährt uns. Manchmal ist er auch zum Fürchten und fordert seine Opfer. Dennoch: er ist unsere Lebensgrundlage - bis heute!“. Der Burjate Valentin Chagdajev lebt mit und von den Mythen seines Volkes.  

O-Ton: Valentin Chagdajev (Schamane aus Jelanzy)

„Gelehrte sagen, der Baikalsee sei über 25 Millionen Jahren alt. Für uns ist der Baikal viel älter. Schon in seinem Namen liegt ein alter Mythos: „Bey“ heißt „Halt!“ und „Gal“ heißt „Feuer“ – der „Ozean des stehenden Feuers“ und das kam so: Vor Jahrmillionen schlug ein Meteorit in die Erde ein und aus dem Krater kam ein riesiges Feuer, das bis zum Himmel reichte. Das Wasser von über 300 Flüssen löschte das Feuer. Und daraus wurde der Baikal.“

Valentin ist Schamane. Rituale, das Wissen um die Mythen seines Volkes gehören zum Handwerk. Und der Baikal, so Valentin, sei die Grundlage ihres Glaubens an die Beseeltheit der Natur.

O-Ton: Valentin Chagdajev (Schamane aus Jelanzy)

„Schon immer ist das Feuer ein Teil des Baikal, eine Verbindung zwischen der irdischen Welt und unseren Göttern. Es ist das Medium, um mit ihnen in Kontakt zu treten. Das Feuer reinigt unsere Gedanken und macht uns aufmerksam auf Veränderungen in der Natur.“  Wie die meisten mongolischen Völker Zentralasiens verehren auch die knapp 300.000 Burjaten ihren „Baygal nuur“ als „heiliges Meer“. Hier, so der Glaube,  lag das mythische Land „Shambala“, das Reich der Waldvölker, deren Glück darin bestand, frei in der Natur umherzuziehen. Ein Gründungsmythos, aktueller denn je. In der Sowjetzeit waren die alten Kulturen verboten. Der Schamanenfelsen auf der Baikal-Insel Olchon ist heute wieder Pilgerort und Symbol des neuen Selbstbewusstseins der Burjaten.

Nebenan lebt das kleine Inseldorf Chuzir vom zaghaften Aufschwung. Private Kleinunternehmer ersetzen Kolchoswirtschaft und 5-Jahres-Plan. Der Fischer Aleksej Buinov hat es so zu bescheidenem Wohlstand gebracht. Doch nun regeln Angebot und Nachfrage das Geschäft. Neues System – neue Probleme.

O-Ton: Aleksej Buinov(Fischer aus Chuzir auf der Insel Olchon / Baikalsee)

„Hach, die Fische werden immer weniger ! Es lohnt sich ja kaum noch rauszufahren !“

Aleksejs Heimatdorf hat vieles gesehen. Einst Zentrum sibirischer Geistheiler, dann Kosakenstützpunkt, unter Stalin Gefangenenlager und bis zu Beginn der 90er Jahre Fischereikombinat. Als die sowjetische Baikal-Flotte verschrottet wurde, stand nicht nur Aleksej vor der Wahl: Fabrikarbeit auf dem Festland oder Fischer auf dem See. Er entschied sich für den Baikal, gründete eine Genossenschaft und kommt heute gut über die Runden.

O-Ton: Aleksej Buinov(Fischer aus Chuzir auf der Insel Olchon / Baikalsee)

„Für mich bedeutet der Baikal alles. Ich kann hier nicht weg. Ohne den See gäbe es hier nichts: weder Nahrung noch Leben“. Doch für uns Fischer hat sich die Lage dramatisch verschlechtert. Im Sommer gibt es hier kaum noch Fisch - wegen der Baikalrobbe !“ „Die Robbe frisst uns alles weg, braucht über 20 Kilo Fisch am Tag. Im Sommer reißt sie uns den Fang einfach aus den Netzen. Im Winter ist es etwas besser, weil die Robbe nach Norden zieht. Bevor sie dort jagt, muss sie sich erst mal Atemlöcher ins Eis graben. Dann haben wir hier unsere Ruhe.“

Die „Nerpa“ ist die einzige Süsswasserrobbe der Welt. In den 70er Jahren war sie vom Aussterben bedroht. Seit 2005 ist die Robbenjagd verboten. Heute zählen Tierschützer wieder knapp 120.000 Tiere. Ein natürlicher Feind der Fischer.

O-Ton: Aleksej Buinov(Fischer aus Chuzir auf der Insel Olchon / Baikalsee)

„Im Sommer müssen wir wegen der Robbe weit rausfahren, oft bis in den Süden ans burjatische Ufer, um genügend Fisch zu fangen und unsere Familien zu ernähren.“  

Oberhalb des Hafens rufen die Glocken der kleinen orthodoxen Gemeinde zum Morgengebet. Das Gotteshaus wirkt fast wie ein Fremdkörper in einer Umgebung, die sich seit Jahrtausenden dem Glauben an die Beseeltheit der Natur verschrieben hat. Für Vater Wassily kein Widerspruch.

O-Ton: Wasilij Mahov (orthodoxer Priester in Chuzir auf Olchon)

„Durch den Baikal und die umliegende Natur lernen wir Christen viel über die Weisheit unseres Schöpfers“. Seit 8 Jahren leitet Wassily Mahov die kleine Gemeinde. Burjaten zählen nicht zu seinen Kirchgängern. Doch der See beeindruckt selbst den Geistlichen.

O-Ton: Wasilij Mahov (orthodoxer Priester in Chuzir auf Olchon)

„Jeden Morgen schaue ich auf den See und versuche, Gottes Allmacht zu verstehen. Doch der Baikal ist so überwältigend, da stoßen wir Menschen schnell an unsere Grenzen.“

Das Kreuz brachten Kosaken erst Mitte des 17. Jahrhunderts im Auftrag des Zaren an den See. Bis dahin gehörte der Baikal zum Reich der Mongolen. Heute gehen der Burjate Aleksej Buinov und sein russischer Kompagnon Jevgenij Meyer gemeinsam auf die Jagd.

Schlecht stand es um den Fisch noch bis vor 20 Jahren. Aleksej’s Netze blieben oft leer. Der See war überfischt, durch Chemie von Zellstofffabriken vergiftet. Strenge Abwasserauflagen und die Beschränkung der Fangquote brachten Besserung. Heute zählt Aleksej wieder über 120 Fischarten, zwei Drittel kommen ausschließlich im Baikal vor.    

Abnehmer für den Fang finden die Fischer auf dem Markt in Chuzir oder bei Privatiers wie Sascha Khonkov, Pilot im Ruhestand. Er lebt schon lange am Baikal.

Telephonat Alexander Khonkov (Aussteiger auf Baikal-Insel Olchon)

„Hallo Wassily, hier ist Alexander. Hör mal, ich fahre nach „Usuri“. Brauchst Du was ? Brot vielleicht ? Gut - bis nachher dann.“

O-Ton: Alexander Khonkov (Aussteiger auf Baikal-Insel Olchon)

„Mein Großonkel starb hier in einem Gulag für politisch Verbannte. Stalin schickte ihn hierher. Mein Vater bat mich, diesen Ort einmal zu besuchen. Das war vor 20 Jahren. Heute lebe ich noch immer hier und habe es nie bereut.“

Sascha ist ehrenamtlicher Postbote, Nachrichtenbörse und Kummerkasten für die Meteorologen in der abgelegenen Wetterstation „Usuri“ am südöstlichen Ende der Insel.

Sascha‘s Reise endet, wo der See sich öffnet: am Kap Choboi. Dahinter: 400 Kilometer Wasser.  Ein „Serge“, – ein Pferdepfahl mit bunten Tüchern -, bewacht das „Tor zum Baikal“. Münzen, Buntstifte, Zigaretten: Opfergaben, ein Pilgerort der Burjaten. Hier liege „Chan“, die „Ausgeglichenheit“, so der Glaube. Nur Himmel und Wasser im Gleichgewicht der Kräfte.

Auch Fischer Aleksej schätzt diesen Ort, wenngleich aus anderen Motiven. Hier lebt der „Omul“, eine Lachsart, der begehrteste Baikalfisch und Lebensgrundlage fast aller Seeanwohner. 40 Tonnen pro Jahr darf der Fischer an Land ziehen, mehr gibt seine Lizenz nicht her. Solange „Choto-Babai“, glaubt Aleksej, der Geist des Baikal auf dem Schamanen-Felsen wohne und sein Sohn „Schubunku“ als Weißkopfadler seine Kreise über dem Wasser ziehe, solange gebe es Fisch. Mythos und Moderne – das sei kein Widerspruch, meint der Burjate. Ein „Gleichgewicht der Kräfte“ - mit und nicht gegen die Natur - sei der einzige Weg für Leben am ältesten See der Welt.


Ein Film von Martin Thoma

 

 

Filmmusik & Stab

Musik:

Schätze der Welt II - Vor- und Abspann:
Oliver Kraft
Soundtrack: Matthew Jones

Stab:
Buch und Regie: Werner Meyer
Kamera: Paul Ree
Schnitt: Melanie Sandford, ASE

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