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Filmtext & Video

14:56 min | So, 11.8.2019 | 19:40 Uhr | 3sat

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Der Teppichknüpfer und die Kinder des Basars

Täbriz - Der große Basar

SWR

Heute ist der alte Handelsplatz eine Millionenstadt, der Menschen wie ein Magnet anzieht. Mittendrin zwischen all den Hochhäusern und ausufernden Flachbausiedlungen liegt der alte Basar. Er ist der größte der Welt und sicher eine der lebendigsten Welterbestätten. Immer wieder wurde er durch Erdbeben zerstört und wieder aufgebaut.

Die Warenströme der globalisierten Welt haben sich andere Wege gesucht. Jahrtausende lang war die Seidenstrasse die einzige bedeutende Verbindung zwischen Ost und West, zwischen Südostasien und dem Mittelmeer. Gold, Porzellan, Gewürze, Seide und vieles mehr schleppten Karawanen über verschneite Gebirgspässe und durch glühend heiße Wüsten. Sagenhafter Reichtum ließ Städte erblühen und wieder vergehen. Was hätte wohl Ibn Batutah, der muslimische Forscher und Weltreisende des 14.Jahrhunderts über die moderne Stadt gesagt? Wir betraten Tabriz durch das Bagdad-Tor und erreichten den Ghazan Khan Basar. Es war der beste Basar, den ich je in der Welt gesehen habe. Jeder Handwerker hatte seinen speziellen Platz. Ich kam in den Juwelen-Basar und war geblendet von soviel Glanz.

Maschad Ali kommt aus dem Dorf Lighwan. Er möchte seinen selbstgewebten Teppich verkaufen. Doch es sind nur noch die Nachtwächter da. Denn noch immer stapeln sich in den Magazinen und Karawansereien Waren von unermesslichem Wert. Er solle morgen wiederkommen, jetzt sei geschlossen. Trotz Kriegen und Zerstörung durch Erdbeben hat sich die Stadt, in der iranischen Provinz Aserbeidschan, ihren Reichtum von einst bewahrt. Mit einem Quadratkilometer überkuppelter Fläche ist das uralte Handelszentrum inmitten der Millionenstadt einzigartig in der Welt.

Heute wird er für seinen Teppich keinen Käufer mehr finden. Er wird die Nacht bei Verwandten verbringen, denn jeder hat Verwandte, die bereits in der Stadt leben. Der Ruf zum Morgengebet verhallt fast ungehört. Alle Moscheen um den Basar herum öffnen erst gegen Mittag. Die Frühaufsteher hier sind die weniger gut Betuchten: Handwerker, kleine Händler, Träger, Karrenschieber und Teppichknüpfer. Die wohlhabenden Basaris, die oben in der modernen Stadt wohnen, kommen erst gegen zehn Uhr in ihre Länden. Die Tore zum großen Teppichbasar sind deshalb noch geschlossen. Alle warten. Man redet über die Arbeit, die Preise. Mancher Handel bahnt sich hier an, bei einer Tasse Tee.

Auch Maschad Ali ist früh aufgestanden. Die Halle der Teppichhändler, wie vieles im immer wieder neu aufgebauten Basar, im Stil der Zanddynastie – 18.Jahrhundert. Hier lagern die schönsten und kostbarsten Teppiche Persiens. Batschehe Basar – ‚Die Kinder des Basars’ nennen sich die alteingesessenen Familien. Sie genießen das höchste Ansehen in der Stadt. Wie Himmel voller Gestirne, deren Schein die Welt darunter erleuchtet, wölben sich die Kuppeln. Sie schützen die Menschen vor der Hitze des Sommers und dem Schnee des Winters. Es sei eine besondere Art des Mauerns mit der sie in Tabriz die gebrannten Lehmziegel ineinander fügen. So sollen die Gewölbe Erdbeben besser standhalten. Das letzte Große war 1780. Die Angst ist immer da.

Die Entstehung des Handelsplatzes Tabriz folgt einem uralten Muster: Eine Strasse kreuzt einen Fluß. Noch heute gibt es Läden über dem Wasser. Beim Blick über die Dächer lassen die Aluverkleidungen den Verlauf der Strasse erkennen. Von Osten her kamen die Karawanen aus den Bergen, um am Fluss zu rasten, Tiere und Waren zu tauschen. Dann entstanden die ersten Karawansereien. Früher gab es hier Ställe für Lasttiere und Unterkünfte für Reisende. Geblieben sind Lagerräume und Werkstätten. Sonst hat sich wenig verändert. Wieder kommen viele Waren aus China, Korea oder Europa.

Motorräder haben die Kamele und Esel ersetzt. Im Basar von Tabriz gibt es alles zu kaufen, nicht nur Teppiche. Ganze Hallen füllen Läden nur mit Gold- und Silberschmuck. Oder Schafwolle, Grundstoff der meisten Teppiche. Auch heiratswillige Paare finden strassenweise Geschäfte um sich adäquat auszustatten. Und dann all die exotischen Leckereien von Pistazien über Feigen bis zu Berberitzen und verschiedenen Nüssen und Gewürzen. Die Seidenstrasse hatte einst aber auch noch eine andere, nicht materielle Seite: Auf ihr bewegten sich, wie auf einer Datenautobahn, fremde Wissenschaften, Ideologien und Religionen. Sie brachte den Islam genauso wie das Christen- und Judentum in die Stadt.

Mittagsgebet in der Freitagsmoschee. Gebetsnische und Säulen sollen aus seldjukischer Zeit stammen. Grundmauern deuten auf ein Gebetshaus bereits im 7.Jahrhundert hin. Die Blaue Moschee ist das einzige erhaltene Gebäude aus der Zeit der Turkmenen. 1465 wurde sie vollendet. Der heutige Bau, mehrere Erdbeben später, lässt die einstige Schönheit nur noch erahnen. Zeitzeugen berichten von schimmernder Kachelfayenceverkleidung an Kuppel und Eingangsliwan, die in ihrem Leuchten nur vom Blau des Himmels übertroffen wurden.

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Täbriz - Der große Basar

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Gebetshalle in der Freitagsmoschee. Die Säulen sollen noch aus einem früheren Bau, aus seldjukischer Zeit stammen.

Gebetshalle in der Freitagsmoschee. Die Säulen sollen noch aus einem früheren Bau, aus seldjukischer Zeit stammen.

Das Mihrab in der Freitagsmoschee aus seldjukischer Zeit. Mihrab heißt die Gebetsnische. Sie ist nach Mekka ausgerichtet.

Im Gewürzbasar findet man auch alle Arten von getrockneten Früchten. Nüssen und Pistazien. Die Preise entsprechen durchaus denen in westlichen Industrieländern.

Im Basar gibt es auch alle Arten von Haushaltswaren und Lebensmitteln. Trotz neuer Einkaufszentren in der modernen Stadt kommen jeden Tag Tausende hierher zum Einkaufen.

Die Karawanmsereien sind immer noch Lager und Umschlagplätze. Oft sind in die Gebäuden aber auch Werkstätten, wie Teppichwebereien eingezogen.

Der Teppichbasar öffnet erst um 10 Uhr.

Die sog. Blaue Moschee. Sie ist eines der ältesten Gebäude von Tabriz aus der Zeit der Turkmenen. 1465 wurde sie vollendet und mehrfach durch Erdbeben beschädigt.

Teppichhändler, genannt 'Die Kinder des Basar'

Blick über die Dächer des Basars, heute schützt eine Aluverkleidung die Lehmziegelgewölbe vor eindringendem Wasser.

Heute führt keine Strasse mehr über die Pol Dokhtar Brücke. Der globale Warenverkehr hat sich andere Wege gesucht, zu Land, in der Luft und auf dem Meer.

Die Gewölbe im Basar sind aus einzelnen Lehmziegeln auf besondere Art gemauert. Dadurch sollen die Bauten Erdbeben besser standhalten.

Moschee bei der Talebieh Mullahschule. Auch heute lassen sich dort noch viele junge Leute zu Geistlichen ausbilden.

Moschee bei der Talebieh Mullahschule. Auch heute lassen sich dort noch viele junge Leute zu Geistlichen ausbilden.

Maschad Ali ist auf der alten Seidenstrasse unterwegs in die Stadt. Er will seinen selbstgewebten Teppich in Täbriz verkaufen. Über ein Jahr hat er an seinem Werk gearbeitet.

Die Kuppeln des Teppichbasars stammen aus dem 18.Jahrhundert. Auch heute noch sind dort Teppiche im Wert vieler Millionen Euro gelagert. Die Teppichhändler genießen das höchste Ansehen in der Stadt.

Autobahnbrücke im modernen Täbriz. Auch diese iranische Millionenstadt erstickt täglich trotz großer Investitionen in den Straßenbau in einem Verkehrschaos.

Wie in alter Zeit verbinden auch heute zwei Brücken über den Mehran de Rud die beiden Teile des Basar. Noch heute gibt es Läden über dem Fluß.

Deckenmalerei im savawidischen Stil in der ehemaligen Moschee und Mausoleum Saheb-ul-Amr im Norden des alten Basars.

Über Die Aji Chay Brücke über den Mehran de Rud Fluss kamen einst die Karawanen aus Bagdad und Istanbul.

Die Kuppel eines ehemaligen Bades im Basar. Das mit Schmuck verzierte Gewölbe stammt, wie die meisten Gebäude im Basar aus dem 18.Jahrhundert.

Die Karawansereien säumten die Seidenstrasse im Abstand einer Tagesreise. Das sind ca. 25 Kilometer, mehr war in diesen wüsten Gegenden nicht zu schaffen.

Geblieben ist das Braun der Erde. Die Farbe des Wachsens und Vergehens. Einst gab es ein halbes Duzend Färbereien im Basar. Heute ist es nur noch eine. Im Gegensatz zu der industriell eingefärbten Ware, kann er auch kleine Mengen in ganz individuellen Farbschattierungen herstellen. Der Musterentwerfer weiß das zu schätzen. In seinen Zeichnungen legt er quasi Pixel für Pixel Design und Farbe fest. Noch sind seiner Kreativität keine Grenzen gesetzt.

Eine der letzten Teppichknüpfereien im Basar liegt in der Hadj Hossein Djadid Karawanserei. Noch vor wenigen Jahren arbeiteten hier sieben Knüpfer an vier Teppichen gleichzeitig. Heute sind sie nur noch zu dritt. Etwa 6000 Knoten schafft der Meister am Tag. Der Teppich hinter ihm steht nach vier Jahren Arbeit kurz vor der Fertigstellung. Er besteht aus unglaublichen 14 Millionen Knoten. Nebenan im Teppichbasar feilschen Maschad Ali und ein Händler. Obwohl das Stück fein geknüpft ist, ein Gol abrischam, eine Mischung aus Wolle und Seide, gestaltet sich der Verkauf schwierig. Ein Mediator schaltet sich ein, er will vermitteln.

Doch die 6 Millionen Tuman, etwa 1500 Euro, sind einfach nicht drin. Auch die Händler spüren die Flaute. Heute kaufen die Iraner lieber ein neues Auto, als einen teuren Teppich. Mit 74 verschiedenen Farben arbeitet der Knüpfer. Isfahan Gol, ‚die Blumen von Isfahan’ heißt das Muster. Nur von der Rückseite her, die langsam hinter den Kettfäden nach oben wandert, lässt sich ein kleiner Ausschnitt erkennen. Es ist soweit, der Chef persönlich greift zum Messer.

Vier Jahre ist es her, dass sie Tausende Fäden gespannt hatten. Im Namen Gottes des Allmächtigen. Das Werk ist vollendet, 4 x 6 Meter mit durchaus gewagten Motiven: Gartenszenen mit Liebespaaren. Nur noch die senkrechten Kettfäden halten den Teppich. Seit beinahe hundert Jahren gibt es die Knüpferei am alten Rasteh Basar. Es ist eine ‚gute Lauflage’, wie auch hier die Investoren sagen. In dem Rahmen, aus dem sie gerade den Wunderschönen Nagsheh Buteh schneiden, wird kein Teppich mehr entstehen.

Das Ereignis wirkt historisch – im Nachhinein. Nichts wird bleiben, wenn in einem halben Jahr die anderen zwei Teppiche fertig sind. Ein Laden wird einziehen, ähnlich wie diese hier, von denen es schon Duzende gibt und bald noch mehr. Dieser Trend zur billigen Ware, zum schnellen Geld, ist die größte Gefahr für die Basare, nicht nur in Tabriz. Die Architektur überlebt, aber die Seele wird verkauft. Maschad Ali hat doch noch einen angemessenen Preis für seinen Teppich erzielt.

Und so wird er wieder einen knüpfen, traditionell in den Farben und im Motiv, trotz der Konkurrenz der Computergescannten und –gewebten Bilder aus China. Er wird wieder ein bis zwei Jahre daran arbeiten, und hoffen, dass sie sich rechnen, die Millionen und Abermillionen Knoten, die den Rhythmus seiner Tage bestimmen.

Kamera: Rüdiger Lorenz, Philipp Lorenz
Schnitt: Andreas Christoph Schmidt

Filmmusik & Stab

Musik:

Schätze der Welt II - Vor- und Abspann:
Oliver Kraft
Soundtrack: Matthew Jones

Stab:
Buch und Regie: Werner Meyer
Kamera: Paul Ree
Schnitt: Melanie Sandford, ASE

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