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Filmtext & Video

14:59 min | So, 3.11.2019 | 6:00 Uhr | SWR Fernsehen

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Sassi di Matera: Felsarchitektur der Sassi di Matera, Italien, Folge 297

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Die süditalienischen "Sassi di Matera" bestehen aus Höhlen, Brunnen und einem ausgefeiltes Bewässerungssystem aus der Bronzezeit. Die erste Besiedlung gab es schon in der Steinzeit und alle Epochen und Kulturen haben ihre Spuren hinterlassen. Hier lebten Mensch und Tier in fensterlosen Höhlen, ohne Strom, ohne fließend Wasser. 20.000 Bewohner wurden in den 60er Jahren in weiter oben gebaute Sozialwohnungen umgesiedelt.

Filmtext

Ich habe sie alle beherbergt. Ich bin der Bauch dieser Stadt. Sein Gedächtnis. Und seine Seele. Matera. Vielleicht bin ich die Mutter aller Städte. Die Steinzeitmenschen habe ich aufgenommen und die geflüchteten Mönche aus dem Osten. Arme Bauern und reiche Bürger. Irgendwann fingen sie an, sich tiefer in mich hineinzugraben, denn dieser Landstrich hat sie nie verwöhnt. Unbarmherzig heiß im Sommer, kalt im Winter.

Wohnstatt bin ich, Kirche und Grab. Diese Häuser schauen dich an - nicht du sie. Du glaubtest, du seist in Italien - jetzt zweifelst du. Nur die Alten wissen noch, dass hier im Süden Italiens das Wasser kostbar ist. Der Wind, die Hitze und der karge Boden schlucken alles - oder der Regen stürzt in Fluten durch die Stadt und endet schlammig in der Schlucht. Schon die Frühmenschen haben Rinnen, Tunnel und Zisternen in mein nachgiebiges Gestein gegraben, um jeden Tropfen Regenwasser aufzufangen, Kondenswasser zu sammeln - ein wahrhaft ausgeklügeltes System.

Bis ins letzte Jahrhundert haben sie hier vom Wasser gelernt, mit dem Wasser gelebt. Leg dein Ohr an mein Herz, hörst du es noch glucksen und rauschen....? Wo du jetzt trockenen Fußes entlang läufst, war früher ein Bach, der zu einem reißenden Strom anschwellen konnte. Sie haben ihn zugeschüttet. Da begann das Elend. Falken und Schwalben fühlen sich wohl, in diesen Nestern, die am Berg kleben, von denen du nicht weißt, wo eines endet und ein neues anfängt, deren Gesichter dich verstören .... Jahrelang habt ihr weggeschaut, jetzt rühmt ihr Renaissancefassaden, maurische Elemente und Barock und vergleicht mich gar mit Wüstensiedlungen. Lasst mich, wie ich bin. Ich habe ein abendländisches und ein morgenländisches Gesicht.

Wo der Mensch gemeinsam mit seinen Tieren im Berg hauste, da war der Himmel weit weg. Und ein Gott reichte oft nicht, um Regen zu spenden. Hier bekreuzigten sich die, die nichts zu hoffen, nichts zu verlieren hatten, und zuhause brauten sie Zaubertränke. Benediktinerinnen gründeten dieses Kloster um das Jahr 1000. Damals war ich eine Art religiöses und esoterisches Paradies. Die byzantinischen Mönche hatten es auf der Flucht aus Kleinasien in der steilen Schlucht entdeckt - von ihnen ist der Name meiner Region abgeleitet: Basilikata. Über 100 Höhlenkirchen berge ich in meinem Leib.. Aber viele meiner Schätze haben sie mir geraubt. Dir bleibt nur eine traurige Ahnung von den bunten Geschichten und Bekenntnissen auf Stein - versteckt hinter gähnenden Löchern im unscheinbaren Fels.

Es ist nicht lange her, da wurden wieder Kreuze durch meine Gassen geschleppt. Als mein Ruf als Schande der Nation besiegelt war, entdeckten sie mich als biblische Kulisse für Filme. Für Pasolinis Matthäus Evangelium war ich gut genug. Von Ost nach West und West nach Ost sind sie hier durchgezogen. Zur Magna Graecia gehörten wir einst und zur Apulia und Calabria des Kaiser Augustus. Die Küstenstädte Metapont und Heraklea fielen, Matera blieb!. Von der Sonne versengt, vom Regen verwaschen. Beinahe vier Jahrhunderte lang stritten sich Griechen, Langobarden und Sarazenen an meinen Mauern - ich entschied mich schließlich für die Normannen, bekam endlich Frieden und ... die Feudalherrschaft.

Hier oben habe ich mir immer meinen Stolz bewahrt. Eine ganz normale mittelalterliche Festung, denkst du. Aber weißt du, was jenseits der Mauern, Fenster und Balkone liegt. Wieder Höhlen!

Ich täusche dich! Du weißt nicht , wo ein Haus aufhört und der Berg beginnt. Du suchst die "sassi" und siehst nur Ineinanderfließen von Raum und Zeit. Die Sassi, wie soll ich sie dir erklären, der du aus einem Dorf mit Gartenzäunen , aus einer Stadt mit vielen Schildern kommst? Die Sassi sind die Felsenwohnungen, die unterhalb der Bergkuppe entstanden. Aus Eremitagen, kleinen Bauern- und Hirtensiedlungen - keine Steinwüste wie heute. Mit der Oberstadt hatten die Sassi nicht viel zu tun, außer einer finanziellen Abhängigkeit. Du hast die vielen Kirchen und Klöster gesehen. Der reichste Unternehmer des 14. Jahrhunderts hieß Petracco und war Pfarrer. Und das Domkapitel besaß einst 150 Grotten und elf befestigte Häuser. Komm, ich nehme dich jetzt mit. Ich zeige dir mein Innenleben. Es wird dir fremd sein und vertraut, denn es ist die Urform des Wohnens.

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Europa: Italien

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Schon die Frühmenschen haben Rinnen, Tunnel und Zisternen in mein nachgiebiges Gestein gegraben, um jeden Tropfen Regenwasser aufzufangen, Kondenswasser zu sammeln - ein wahrhaft ausgeklügeltes System.

Schon die Frühmenschen haben Rinnen, Tunnel und Zisternen in mein nachgiebiges Gestein gegraben, um jeden Tropfen Regenwasser aufzufangen, Kondenswasser zu sammeln - ein wahrhaft ausgeklügeltes System.

Wohnstatt bin ich, Kirche und Grab. Diese Häuser schauen dich an - nicht du sie. Du glaubtest, du seist in Italien - jetzt zweifelst du. Nur die Alten wissen noch, dass hier im Süden Italiens das Wasser kostbar ist.

Der Wind, die Hitze und der karge Boden schlucken alles - oder der Regen stürzt in Fluten durch die Stadt und endet schlammig in der Schlucht.

Arme Bauern und reiche Bürger. Irgendwann fingen sie an, sich tiefer in mich hineinzugraben, denn dieser Landstrich hat sie nie verwöhnt. Unbarmherzig heiß im Sommer, kalt im Winter.

Beinahe vier Jahrhunderte lang stritten sich Griechen, Langobarden und Sarazenen an meinen Mauern - ich entschied mich schließlich für die Normannen, bekam endlich Frieden und ... die Feudalherrschaft.

Falken und Schwalben fühlen sich wohl, in diesen Nestern, die am Berg kleben, von denen du nicht weißt, wo eines endet und ein neues anfängt, deren Gesichter dich verstören ...

Die Sassi sind die Felsenwohnungen, die unterhalb der Bergkuppe entstanden. Aus Eremitagen, kleinen Bauern- und Hirtensiedlungen - keine Steinwüste wie heute.

Als mein Ruf als Schande der Nation besiegelt war, entdeckten sie mich als biblische Kulisse für Filme. Für Pasolinis Matthäus Evangelium war ich gut genug.

Ich täusche dich! Du weißt nicht, wo ein Haus aufhört und der Berg beginnt. Du suchst die "sassi" und siehst nur Ineinanderfließen von Raum und Zeit.

Mit der Oberstadt hatten die Sassi nicht viel zu tun, außer einer finanziellen Abhängigkeit.

Ich habe sie alle beherbergt. Ich bin der Bauch dieser Stadt. Sein Gedächtnis. Und seine Seele. Matera. Vielleicht bin ich die Mutter aller Städte. Die Steinzeitmenschen habe ich aufgenommen und die geflüchteten Mönche aus dem Osten.

Wo du jetzt trockenen Fußes entlang läufst, war früher ein Bach, der zu einem reißenden Strom anschwellen konnte. Sie haben ihn zugeschüttet. Da begann das Elend.

Sie haben jetzt tatsächlich so eine Art "Musterhöhle" eingerichtet, ich aber zeige dir die nackte Form. "Besiedlung in enger Harmonie mit dem Ökosystem" lobten sie, als ich Weltkulturerbe wurde. Da waren meine Kinder hier unten schon längst vertrieben. Eine Jahrtausende alte Kultur starb. Einst war die Grotte alles - Küche, Wohn- und Schlafstätte, Stall. Hier wurde gegessen, geboren und gestritten. Manchmal auch gefeiert und gesungen. Enge war zugleich Nähe. In den Nachbarschaften - vier, fünf Wohnungen um einen Hof gruppiert und "vicinati" genannt - wurde vieles geteilt: Der Backofen, der Schatten, das Wasser und die Sorgen. Die großen politischen Umwälzungen kamen kaum in die sassi. Hier zog man morgens den Karren auf ein Feld, das einem "signore" gehörte und zog ihnen abends gebeugt zurück.

Meine Geschichte ist eine ewige Variante von Unterdrückung, Hass und Denunziation. Es gab hier früher keine Familie - ob Adel oder Landarbeiter -, die nicht für oder gegen die Briganten war, der nicht ein Verwandter ermordet, eine Ernte angezündet wurde, die nicht mit den Banden in der Wildnis waren oder sie versteckten. Die Berge, die Abgründe sind getränkt vom Blut dieser Zwiste. Die Herren wechselten, die Oberstadt wuchs, aber das machte keinen Unterschied. Manchmal lief eine wütende Menge zusammen, schrie gegen den Bürgermeister und gegen die in Neapel und später gegen die in Rom. Zu viele Kriege und nie ein Sieg. Dann schlichen sie zurück, den Hang hinab, wo es ab dem 18. Jahrhundert schon 1800 Wohnungen gab. Kaum noch Grün und Luft zum Atmen.. Krochen in die Grotten, wo zu viele Kinder und die Malaria warteten.

Immer war ich Zuflucht, Höhle gewesen, jetzt war ich Hölle. Mitte des letzten Jahrhunderts entdeckte mich Rom plötzlich als nationale Schande. Nicht aus eigenem Antrieb. Sondern weil ein von den Faschisten verbannter Schriftsteller das Leid meiner Kinder beschrieb und malte. Du hast mich beschämt und gerettet, Carlo Levi. Ich war schwer angeschlagen, als sie in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts 20.000 Menschen evakuiert haben. Aus den Sassi in Sozialwohnungen... Mit Einbauküchen und gekachelten Bädern. Ob sie dort ihr "vicinato", ihre Nachbarschaft gefunden haben, das weiß ich nicht. Ich lag im Koma. Leerer Bauch. Seelenlos. So hätte meine Geschichte enden können. Aber es gab Retter. Menschen, die hinter den dunklen Löchern eine Kultur sahen, die den Tuffstein zu behauen wussten und die Zisternen entrümpelten. Nach und nach ziehen sie wieder ein. In Mehrzimmer-Grotten. Mit Designerlampen und Spülmaschine Es gluckst wieder! Und hinter grauen Mauern grünen Gärten. Und nach und nach öffnen sich die toten Augen und schauen dich an. Und wenn du Glück hast, rufen sie dir etwas zu, denn ich habe eine Stimme bekommen. Viele Stimmen sogar. Eine Musikhochschule hat Matera in Besitz genommen und tönt - im Wettbewerb mit den Vögeln und den Kirchenglocken - in die Sassi.

Meine endlose Geschichte geht doch weiter. Das Ineinanderfließen von Zeit, Raum und Schicksalen.

Buch und Regie: Eva Witte

Filmmusik & Stab

Kraft, Oliver
Schätze der Welt II
Gullatz, Biber; Freise, Moritz
Sassi Theme

Buch und Regie: Eva Witte
Kamera: Burkard Kreisel

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