Bitte warten...

Filmtext & Video

14:59 min | Mo, 17.2.2020 | 12:45 Uhr | 3sat

Mehr Info

Europa: Italien

Sardinien

Ein Film von Willy Meyer

Über siebentausend Rundtürme aus tonnenschweren Steinbrocken sind über ganz Sardinien verstreut. Oft sind nur noch die Stümpfe dieser megalithischen Bauten vorhanden, die nuraghi genannt werden. Die ersten wurden um 1400 v. Chr. erbaut. Zwischen die mächtigen Blöcke wurden kleine Steine gesteckt, eine Bauweise, die die Steintürme einsturzsicher machte. (Folge 413)


Filmtext:

Rätselhafte Steintürme - die ersten wurden vor dreieinhalb tausend Jahren erbaut. Vieles liegt im Dunkeln. Wie auch die Wurzeln des Cantu a tenore, des archaisch anmutenden Gesangs der Hirten. Tausende Rundtürme aus tonnenschwerem Gestein sind über ganz Sardinien verstreut – weltweit findet sich nichts Vergleichbares. Die Insulaner nennen sie nuraghi. Eine der größten frühgeschichtlichen Inselkulturen des Mittelmeerraumes ist nach ihnen benannt: die Nuraghenkultur.

Die Sarden der Bronzezeit haben keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen - und so gibt es über ihre Bauwerke wenig gesicherte Erkenntnisse. Die Archäologin Paola Mancini ist Sardin. Ihre Forschungsarbeit ist für sie auch ein Stück Identitätsfindung.

Off-Ton Paola Mancini:

Die Nuragher waren großartige Baumeister bei der Gestaltung ihrer Lebens- und Todesorte. Dies zeigt sich auch hier bei dem Nuraghen Boddo, einem sehr kleinen Komplex mit nur einem Turm. Damals nutzten seine Erbauer raffiniert die vorhandenen Geländestrukturen - und machten einen Monolithen, einen Felsen zur Basis, um darauf einen geradezu perfekten Turm zu bauen.

Meist besetzten die Nuraghen strategisch günstig die Spitze von Hügeln. So spricht vieles dafür, dass sie vor allem der Verteidigung dienten, Schutz boten vor Seeräubern und anderen Eindringlingen, missgünstigen Nachbarn und Viehdieben. Auf der Insel hat sich eine jahrtausendealte Hirtenkultur erhalten – und deren lebendiger Ausdruck ist der Cantu a tenore. Gelernt wird der Cantu a tenore über das Ohr. Von Generation zu Generation. Freunde wie hier Sänger aus dem Bergdorf Alà dei Sardi finden sich zu Quartetten zusammen. Der Cantu a tenore ist vor allem die Kunst, Poesie zu interpretieren. Die Lieder erzählen in sardischer Sprache vom Alltagsleben, meist von der Liebe. Sie können Jahrhunderte alt oder gerade eben entstanden sein, aktuelle Themen wie Arbeitslosigkeit oder Emigration behandeln.

Aus der Prähistorie sind über dreitausend Nuraghen auf der Insel mehr oder weniger gut erhalten - und mindestens ebenso viele archäologisch nachweisbar. Am Fuße der Hochebene Giara di Gesturi begannen 1951 Grabungsmannschaften einen Hügel freizulegen, um den bis dahin Legenden und Mythen kreisten. Unter ihren Schaufeln kam eine der größten bronzezeitlichen Festungen im westlichen Mittelmeerraum zu Tage: Der Nuraghe Su Nuraxi.

1/1

Italien (Europa)

Sardinien - die Geheimnisse der Nuraghen und des Cantu a tenore

In Detailansicht öffnen

Eine spiralförmige Treppe führte in den oberen Teil der prähistorischen Rundtürme.

Eine spiralförmige Treppe führte in den oberen Teil der prähistorischen Rundtürme.

Oft wurden die Nuraghen in Sichtweite zueinander gebaut.

Die Nuragher brachten ihren Göttern Bronzefiguren als Opfergaben dar.

Umgeben von meterdicken Wänden: Eine runde Kammer in der Nuraghe Su Nuraxi.

Über den Innenhof erreicht man zwei Seitentürme der Nuraghe Su Nuraxi.

In strategisch günstiger Lage wurde der Nuraghen-Komplex Su Nuraxi gebaut.

Sonnenaufgang bei der geheimnisvollen Nuraghe Mannu.

Der Westgang im Innern der Nuraghe Santu Antine.

Auch im Innern ist die Nuraghe Su Nuraxi aus mächtigen Basaltblöcken gebaut.

Su Nuraxi ist die am besten erhaltene Groß-Nuraghe in Sardinien.

Der Gesang des Cantu a tenore ist tief in der Welt der sardischen Hirten verwurzelt.

Der Gesang des Cantu a tenore ist tief in der Welt der sardischen Hirten verwurzelt.

Aus Basaltblöcken wurde die Nuraghe Santu Antine  gebaut.

Das Zentrum bildete der Hauptturm aus dem 15. Jhdt. vor Christus. Später wurden der Bastion noch vier Seiten- sowie sieben Außentürme samt Ringmauern zugefügt. Der massive Ausbau zeigt: Es waren damals keine friedlichen Zeiten. Zwar brachte die Bronzezeit Wohlstand in die Welt der Bauern und Hirten. Doch der neue Reichtum schuf Neid und Begehrlichkeiten – da brauchte es Schutz für Menschen, Vorräte, Waffen und Werkzeuge. Die Nuragher waren Meister der Metallbearbeitung - der Seehandel mit Zypern, der mykenischen Kultur und den Phöniziern florierte. Doch mit den Erzen kamen auch verheerende Kriege und Stammeskonflikte. In der Nachbarschaft des Nuraghen finden sich die Fundamente von über zweihundert eng aneinander gebauten Rundhütten. Sie waren früher wahrscheinlich mit Holzstämmen, Zweigen und Blattwerk überdacht. – Ein typisches Nuraghendorf, das sich schutzsuchend an die turmbewehrte Festung schmiegte. Diese war aus tonnenschweren Basaltblöcken aufgeschichtet, zwischen die kleinere Steine gesteckt wurden, um das Bauwerk einsturzsicher zu machen. Ein Koloss in Trockenbauweise. 1997 wurde der Nuraghe Su Nuraxi in die Liste des UNESCO – Welterbes aufgenommen.

Über dreißig Rundtürme aus der Bronzezeit finden sich im Valle dei Nuraghi, im Tal der Nuraghen. Mit ihren gewaltigen Mauern aus Basaltgestein erhebt sich die Festung Santu Antine inmitten einer baumlosen Ebene, weithin sichtbar. – Allein durch ihre Gestalt sollten die Nuraghenburgen abschreckend auf Feinde wirken. Die Dimensionen der gigantischen Anlage werden in ihrem Inneren erst richtig spürbar. Lange, nach oben spitz zulaufende Wehrgänge verbinden die drei Außentürme und Wehrgänge schaffen auch einen Zugang zum Innenhof mit der überlebenswichtigen Brunnenstelle. Das Herz des Komplexes bildet der gewaltige Mittelturm. In seinem Innern schließt ein für die Bauten der Nuragher typisches Kraggewölbe aus nach vorne geschobenen Steinreihen die zentrale Kammer nach oben hin ab.


Eine zylindrische Treppe in der Turmmauer führt im Uhrzeigersinn zum oberen Stockwerk und weiter bis zur Plattform des Hauptturms. Die Nuraghenfestung Santu Antine – ein Symbol der Macht, eine alles überragende Erscheinung. Vor allem in den Bergdörfern ist der Cantu a tenore allgegenwärtig. Je nach Stimmung wählt der Vorsänger, sa boghe genannt, ein Poem, er bestimmt Melodie und Wechsel der Tonlagen. Die anderen Stimmen bassu, contra und mesa boghe begleiten ihn. Das Repertoire der Sänger, Rhythmen sowie Ausgestaltung der Begleitung unterscheiden sich von Dorf zu Dorf. Jede Region hat eigene Traditionen und Feste. So erwacht der Wallfahrtsort Santa Cristina zum Leben, wenn der Heiligen oder des Erzengel St. Raphael gedacht wird. Dann füllen sich die Pilgerhäuschen mit Familien der umliegenden Dörfer.

Der Ort scheint nichts von seiner spirituellen Kraft verloren zu haben. Denn schon tausende Jahre zuvor, zur Zeit der Nuragher, kamen Wallfahrer aus allen Teilen der Insel hierher. In Rundhütten fanden sie Unterkunft, bewacht von einer Nuraghenburg. Die Kultstätte. Alle Streitigkeiten waren ausgesetzt, sobald sich die Stämme um das Wasserheiligtum versammelten. In beeindruckender Perfektion wurde der Brunnentempel ausgeführt: Seine strenge Trapezform, Wände aus geschliffenem Basalt, die präzis gearbeitete Treppe, die zu dem kostbaren Wasser führt, das geschützt wird durch eine tholosartige Kammer. Die Nuragher waren nicht nur großartige Baumeister. Sie schufen auch Bronzetten von berührender Anmut und großer Ausdruckskraft. Man hat diese an ihren heiligen Stätten gefunden – als Votivgaben abgelegt, um die Gunst der Götter zu erreichen.

Stammeshäuptlinge in Ehrfurcht gebietender Haltung. Bogenschützen – und furchterregende Krieger. Die Bronzefiguren geben Einblicke in das Leben der frühzeitlichen Inselbewohner und ihre mystische Vorstellungswelt. Die Werke der nuraghischen Modelleure waren begehrte Handelsobjekte, wie Grabfunde in Ägypten und Etrurien zeigen. Jahrtausende später haben sie Künstler der Moderne wie Alberto Giacometti inspiriert. Vor allem mit ihren Bauten haben die Nuragher Spuren auf Sardinien hinterlassen. Man findet sie selbst hoch oben in den Bergen. Doch es braucht das geschulte Auge und das Wissen der Archäologin, um unter der Bergspitze Punta Senalonga das nuraghische Heiligtum Sos Nurattolos auszumachen. Neben einem kleinen Tempel und Strukturen von steinernen Rundhütten dokumentiert Paola Mancini ein Brunnenheiligtum. Hier fühlt sie sich ihren nuraghischen Vorfahren besonders verbunden.

Off-Ton Paola Mancini:

Die Nuragher suchten an Orten wie diesen die gleichen Dinge, die uns Menschen auch heute wichtig sind: Ruhe, Frieden, Kraft für ihr Leben. Hier oben fanden sie eine Quelle mit lebenswichtigem Wasser. Das nutzten sie auch zur seelischen Reinigung, um mit ihren Göttern in Kontakt zu kommen, hier wo der Himmel zum Greifen nahe ist.

Eine Bar in dem Hirtendorf Alà dei Sardi . Man trifft sich, um Neuigkeiten auszutauschen und um zu singen. Der Cantu a tenore hat etwas von einem Ritual, das Freundschaft und Zusammengehörigkeit zelebriert. Er begleitet die Menschen, kommt aus der Mitte Lebens – und ist darin wesensverwandt mit dem Fado, dem Blues oder Tango. Seit 2005 zählt der Gesang der sardischen Hirten zum immateriellen UNESCO Welterbe. Er gehört zur Identität der Inselbewohner - wie die megalithischen Bauten der Nuraghenkultur.

Filmmusik & Stab

Musik:

Schätze der Welt II - Vor- und Abspann:
Oliver Kraft
Soundtrack: Matthew Jones

Stab:
Buch und Regie: Werner Meyer
Kamera: Paul Ree
Schnitt: Melanie Sandford, ASE

Zurück zur Startseite von:

Sendezeit

3sat
Sonntags:
19.40 Uhr

SWR Fernsehen
Sonntags:
6.00 Uhr
Torii
Gesamtliste - alle Folgen