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Filmtext & Video

14:44 min | So, 5.5.2002 | 21:15 Uhr | 3sat

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Sanaa, Jemen, Folge 205

SWR

Um den Titel der ältesten bewohnten Stadt der Welt streitet sich Sanaa mit Jericho. Unbestritten aber ist die Altstadt von Sanaa die schönere von beiden: 6000 reich verzierte Hochhäuser, 140 Moscheen, enge, verwinkelte Gassen voller Leben und ein Marktviertel, in dem das Handwerk noch blüht.

Filmtext

Hinter einer schäbigen Mauer aus Lehm erstrahlt die "Perle Arabiens", die "Auserwählte Stadt, von Allah geliebt". 6000 Hochhäuser, 140 Moscheen. Wir sind in der Altstadt von Sanaa, der angeblich ältesten bewohnten Stadt der Welt. Und nur von dieser Altstadt ist hier die Rede. Die gesamte Hauptstadt des Jemen ist inzwischen weit größer. Das Stadttor Bab El Jemen liegt längst mitten in der Stadt. Und die Stadtmauer auch. Noch in den 70er Jahren war diese Mauer Sanaas äußere Grenze. Nur 70.000 Menschen wohnten hier. Heute sind es zwei Millionen.

Der Suk, der Markt, das Händler- und Handwerkerviertel, früher das Zentrum der Wirtschaft. Heute eher bedeutungslos. Am späten Morgen erwacht die Straße der Schmiede. Und auch in der Straße der Tischler beginnt das Geschäft. In der Karawanserei wird die erste Ware umgesetzt. Jede Branche hat ihre eigene Gasse. Der Suk, Kaufhaus der armen Mehrheit. Die Djambia, der Krummdolch, noch wie in der Antike Kennzeichen des freien Mannes. Waren einst Waffen die Spezialität der Schmiede, sind es heute Pflugscharen oder anderes Ackergerät. In der Ölmühle geht seit dem frühen Morgen das Kamel in dem Jahrhunderte alten Kreis um den steinernen Bottich mit Sesam oder Raps.

Ihr würdiges Gesicht hat die Stadt behalten nach mehr als zweitausend Jahren: Hohe, reich verzierte Häuser in engen, winkligen Gassen. Schon vor unserer Zeitrechnung und lange vor der Entstehung des Islam war dies eine bedeutende Stadt an der Kreuzung zweier Handelswege. Der älteste Sohn des biblischen Noah, Sem, soll den Ort gegründet haben, die "Stadt des Sem", später wurde sie Azal genannt - und dann erst Sanaa, "die Befestigte". Bauten aus jener Zeit sind nicht mehr erhalten. Die ältesten noch bestehenden werden auf 800 Jahre geschätzt, die meisten sind hundert bis zweihundert Jahre alt. Schon früh wusste man hier erdbebensicher zu bauen: Holzbalken zwischen den Steinen machen das Mauerwerk so elastisch, dass selbst Hochhäuser einem Erdstoß standhalten können. Schießscharten statt Fenster in den unteren Etagen zeigen, worin die weit größere Gefahr bestand: Immer wieder in ihrer langen Geschichte haben Fremde sich dieser schönen, reichen Stadt bemächtigt, sie geplündert, verwüstet und sich als Herren hier niedergelassen. Es kamen Eroberer aus Äthiopien, der Türkei - aber auch aus den umliegenden Stammesgebieten. Einmal, Anfang des 10. Jahrhunderts wechselte Sanaa in nur 12 Jahren zwanzig mal den Besitzer. Frieden war selten in der langen Geschichte der Stadt.

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Sanaa - Alte Stadt mit neuen Häusern

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Jedes Haus eine Festung

Jedes Haus eine Festung

Zwei Männer auf dem Dem Dach eines verzierten Hauses

Die Gärten am Rande der Stadt

Straßenszene im Suk

Die Altstadt

Blick über die Häuder der Altstadt

Blick durch die Straßen große Moschee

Kat und Wasserpfeife in der Karawanserei

Blick über die Stadt und die Moschee

Verzierte Hochhäuser

Seit 628 ist der Islam Staatsreligion. Und er bestimmt bis heute den Tagesablauf eines jeden Bürgers - zumindest in der Altstadt. Nirgendwo sonst stehen die mit Lautsprechern hoch gerüsteten Minarette so dicht. Der Ruf zum Mittagsgebet. Einige der Läden im Suk schließen jetzt für die Dauer des Gebets. Die meisten aber ignorieren das ohrenbetäubende Rufen der vielen Muezzine. In der Moschee versammelt sich an normalen Werktagen nur eine kleine Gemeinde. Der Mittag ist nämlich nicht nur die Stunde des Gebets; beten kann man auch abends und morgens. Der Mittag ist vor allem die Stunde des Kat. Wie aus dem Nichts tauchen an immer den selben Stellen immer die selben fliegenden Händler auf, und das frische Grün wird ihnen aus den Händen gerissen.

Der Mann in der Ölmühle kaut einsam sein bescheidenes Sträußchen - bei der Arbeit. In der Samsarah al Nahas, einer für den Tourismus restaurierten Karawanserei, sitzen ein paar Händler auf den Stufen und genießen ihren Kat gemeinsam. Sie tun das jeden Mittag, bevor am späten Nachmittag die Touristen wieder in die Läden strömen. 26 solcher Karawansereien gibt es in Sanaa noch. Lagerhäuser mit Unterkunft für Mensch und Tier. Die meisten sind verfallen, weil Karawanen hier ausgedient haben. Es ist früher Nachmittag. Auch in den besseren Häusern trifft man sich jetzt zum Kat. In der Mafradsch, dem Wohnzimmer im obersten Stock. Jeder Gast bringt seinen eigenen Kat mit. Die Blätter und die Spitzen der Zweige werden nach und nach unzerkaut in der Backe deponiert. Kat wirkt anregend und stimmt freundlich. Ebenso wie hier die Männer, sitzen in anderen Häusern die Frauen bei Kat und Wasserpfeife. Nur sind es dort nicht so viele.

Kat wächst als Strauch in künstlich bewässerten Plantagen außerhalb der Stadt. Und auch die Gärten in der Altstadt bleiben nur dank reichlichem Gießen so saftig grün. Der Brunnen, der noch vor Jahren das Gießwasser hergab, ist trocken, wie alle anderen Brunnen auch. Der Grundwasserspiegel ist dramatisch gesunken. Die 2 Millionen Stadt braucht so viel Wasser, dass es inzwischen aus 800 Metern Tiefe heraufgepumpt werden muss. Es kommt der Tag, an dem Sanaa, wenn nichts geschieht, ohne Wasser sein wird. Die Rede ist vom Jahr 2003. Wie der drohende Wassernotstand abzuwenden wäre, das weiß nur Allah.

Im Vertrauen auf Gott - und die Entwicklungshilfe - wird dennoch weiter gebaut. Da werden alte Häuser aufgestockt oder völlig erneuert. Und man hält sich mehr schlecht als recht an den historischen Baustil. Deutlich höher die neuen Häuser. Weit überragen sie die alten und verändern so allmählich das historische Bild. Größere Fenster wünscht man heute, womöglich gar einen Fahrstuhl. Und warum auch nicht? Schon tun sich manche Minarette schwer, ihren Höhenvorteil zu behaupten. Aber noch mehr wird das die Geistlichen schmerzen: Satellitenantennen, seit kurzem erlaubt, wachsen wie die Pilze. Der Damm ist gebrochen. Jetzt endlich kann sich das Volk weltweit informieren, ganz unzensiert von Staat und Klerus. Sanaa will endlich raus aus der Isolation.

Es wird Abend. Im Suk gibt es billig zu essen. Die Küche ist deutlich von der letzten Besatzungsmacht geprägt, von den Türken. Manche machen etwas später Feierabend. Nur nicht zu spät, denn schon morgen um vier dröhnt wieder aus allen Lautsprechern der vielfache Ruf zum Gebet.

Buch und Regie: Albrecht Heise

Filmmusik & Stab

Klangraum
Sanaa
Kraft, Oliver
Schätze der Welt II

Buch und Regie: Albrecht Heise
Kamera: Rüdiger Kortz

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