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Palenque, Mexiko, Folge 35

SWR

Die Tempelstadt Palenque liegt in der mexikanischen Provinz Chiapas, die in vorspanischer Zeit wesentlicher Bestandteil der Maya-Zivilisation war. Die Meisten dort lebenden Indios sind Nachfahren der Maya. Der Palast, Zentrum der Tempelstadt, liegt auf einer großen künstlichen Plattform, die über eine mächtige, fast 70 Meter hohe Treppe zu erreichen ist. Überragt wird der Gebäudekomplex von einem vierstöckigen Turm, der wahrscheinlich als Observatorium diente.


Filmtext

Zitator:

Es vergingen Tage und Nächte: (17 Tage, 4 Wochen, 8 Jahre und 2 Katun) bis am 5. Lamat des 6. Schul eingesetzt wurde in die Königswürde "Drei Tier Machk'ina K'an Schul" aus königlichem Geblüt von Palenque. Er ließ sich nieder auf dem Jaguarthron im weißen Steinhaus.

Erzähler:

Lang ist's her, daß ich so etwas geschrieben habe - als Schreiber von Palenque im ausgehenden 7. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung.

Das meiste war längst zugewuchert, als sich 1547 Hernán Cortés einen Weg durch den mexikanischen Urwald bahnte. Und so marschierten die Spanier an Palenque achtlos vorbei. - In einem der wichtigsten Kultzentren der Maya gab es nichts mehr zu zerstören. Immer noch bedeckt der Dschungel den größten Teil der Stadt, aber im 18. Jahrhundert hat man begonnen, die auffälligsten Bauwerke freizulegen und meine Werke zu studieren. Hier, wo das bewaldete Hochland von Chapas in die weiten feuchten Ebenen von Tabasco übergeht, stand die Hauptstadt des westlichsten der Maya-Reiche: Palenque.

Von weit her konnte man zu unserem berühmten Palast hochschauen .. Verwaltungszentrum und Residenz des Herrschers, ein Ensemble verschiedener Gebäude, an dem 120 Jahre lang gebaut wurde. In der Mitte das weiße Steinhaus mit dem Jaguarthron. Unser Herrscher und oberster Priester beobachtete oft die Sterne, wohl oben vom Turm aus. Er las den Willen der Götter aus dem Lauf der Gestirne. Durch die Jahrtausende hatten die Sterndeuter große astronomische Kenntnisse erworben. Unser Kalender war kompliziert und maß die Zeit in verschiedenen Zyklen - aber sehr genau, genauer wohl als der in Europa. Sonnenfinsternisse konnten die Astronomen berechnen, sie setzten die Termine für Aussaat und Opfer fest oder prophezeiten die Wiederkehr verschollener Götter.

Am 23. Juli 690 christlicher Zeitrechnung standen Mond, Jupiter und Mars im Sternbild des Skorpion. Eine seltene Konstellation. Vier Tage lang wurden die neuen Tempel eingeweiht. Drei Tempel: Sonne, Lebensbaum und Blätterkreuz. - Jeder hat drei Eingänge und drei Räume im hinteren Gebäudeteil. Gewidmet den drei Söhnen der Urmutter. Als Schreiber hatte ich sehr viel zu tun in diesen Tagen. In anderen Maya-Städten hat man auf allen Plätzen aufgestellte Stelen beschrieben, aber wir haben unsere Geschichte auf Steintafeln im Inneren heiliger Gebäude festgehalten, und Schrift blieb etwas besonderes. Auf eine Arbeit bin ich besonders stolz, schließlich wird dieses Haus heute "Tempel der Inschriften" genannt. Ihn hat Pacál, unser bedeutendster Herrscher, errichten lassen. Hier wollte er nach dem Tod und seinem Aufstieg zu den Göttern verehrt werden. Auf 617 Schriftblöcken nenne ich wichtige biografische Daten Pacáls und zähle seine Ahnen auf - bis hin zu Göttern und mythologischen Helden. Pacál übersiedelte im Jahr - umgerechnet - 683 Ihrer Zeitrechnung nach fast 70-jähriger Regierungszeit ins Totenreich.

Im Tempelraum haben wir unter einer Bodenplatte seinen Weg in die Unterwelt versteckt. Steile Treppen führen bis auf den Boden der Pyramide, zur Grabkammer Pacáls. Selten werden die Gräber unserer Könige gefunden, lange hat es auch gedauert, bis die Archäologen die Ruhe Pacáls stören konnten, bis 1949. Da hatte er die Unsterblichkeit schon längst gefunden, und die Gefäße mit der Wegzehrung für die Reise ins Land der Schatten waren längst leer.

Auf der Seitenansicht des Sarkophag-Deckels habe ich Geburts- und Todestag von Pacál vermerkt und die Sterbedaten von Vater, Großvater und sieben Amtsvorgängern.

Ein Stuckkopf zeigt den König in der Mitte seiner Herrschaft. Auf dem Schädel trug Pacál eine Totenmaske aus Jade, über seinem Leichnam lag die schwere Grabplatte, und darauf habe ich geschrieben, was in unserer Vorstellung ganz klar war: Pacál - das bedeutet Schild - besiegt mit der Kraft seiner göttlichen Vorfahren die Herrscher der Unterwelt.

Und es hat ja auch gestimmt: Denn Pacáls Sohn Chan-Bachlum hat sich unterdessen in Trance versetzt - und seinen Geist in das Totenreich. Und dort hat sein Vater Pacál ihm das hintere Haupt der zweiköpfigen Schlange übergeben, ein Zeichen der Macht. Jedenfalls so hat er mir das später diktiert. Damit war Khan-Bachlum neuer Herrscher. Die drei Tempel hat er bauen lassen, und meine Aufgabe war es, darin das gute Verhältnis unseres Herrschers zu den Göttern aufzuschreiben. Schreiber war ein wichtiges Amt. Aber ohne das Können der Baumeister und Bauarbeiter hätte ich keinen angemessenen Rahmen für meine Kunstfertigkeit gehabt. Die durchbrochenen Frontansichten sind eine Spezialität der Baumeister von Palenque.

Zwischen den Tempeln stand der Altarstein, an dem auch Menschen sterben mußten. Wir glaubten, daß die Götter zornig geworden wären, hätten wir nicht zu ihrer Besänftigung die Gefangenen ausbluten lassen. Das war unsere Welt. Fremd vielleicht aus heutiger Sicht, aber überschaubar. Glyphen und Bildszenen liefern Geschichtsforschern ein mehr oder weniger stimmiges Bild von den Maya. Kunsthistoriker staunen immer wieder über Stuckverzierungen, Plastiken, Reliefs oder die statischen Finessen, mit denen unsere metallose Gesellschaft Paläste und Pyramiden gestaltet hat.

Hier erhält Pacál die Insignien der Macht von seiner Mutter. Normalerweise folgt die Herrscherwürde nur der männlichen Linie und Pacál hatte ein Legitimationsproblem. Aber ich habe dann seinen ganzen Stammbaum aufgeschrieben, der bis zu den mythischen Heroen der grauen Vorzeit reicht. Das machte Eindruck und überzeugte das Volk davon, daß aus dieser Familie nur gute Herrscher kommen würden. Schließlich waren die Könige Mittler zwischen den Menschen und der Spähre der Götter und Ahnen.

Asketische Übungen bis zur Selbstverstümmelung, Trancezustände, Visionen stellen den Kontakt zu dieser Welt her.

Als Kriegsherr versuchte der Herrscher nicht nur, seinen Einflußbereich zu erweitern, sondern beschaffte seinem Volk vor allem Gefangene - für Sklavendienste oder zur Opferung.

Je vornehmer der Gefangene war, desto besser. Am besten war es natürlich, den Herrscher eines feindlichen Stadtstaates zu fangen. Klar, daß die anderen Maya-Städte das auch wollten.

Chan-Schul wurde das zum Verhängnis. Er war Bruder und Nachfolger von Chan-Bachlum und führte Krieg gegen die Nachbarstadt Toninja, um Opfernachschub zu besorgen. Aber stattdessen wurde er selbst gefangen und geopfert. Hilflos mußten wir den Untergang unserer Dynastie erleben.

Mir blieb nur, es aufzuschreiben. Etwas verschlüsselt natürlich - es mußte ja nicht jeder von unserer Schande erfahren. Aber gerade in Palenque haben wir, meine Vorgänger und wenige Nachfolger, den Archäologen genügend Inschriften hinterlassen, um die Glyphen zu entschlüsseln. Das ist ihnen allerdings erst am Ende des 20. Jahrhunderts gelungen.

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Mittelamerika: Mexiko

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Großer Palast der Maya

Großer Palast der Maya

Palenque: Tempelanlage

Palenque: Tempelanlage

Palenque: Relief

Palenque: Tempelanlage

Palenque: Relief

Blick auf die Pyramiden der Inschriften

Palenque: Relief

Palenque: Relief eines Schädels

Überblick über die Ruinen von Palenque

Sonnentempel

Palenque: Ureinwohner

Unsere quadratischen Zeichen wurden von rechts nach links und oben nach unten gelesen. Es gibt über 1.000 Zeichen, die Silben oder ganze Wörter bedeuten können. Die meisten Inschriften beziehen sich auf historische Daten und viele Schriftzeichen sind Zahlen und Kalenderangaben oder die Namen der Herrscher. Hier dominieren die Wortzeichen, so daß auch ein schriftunkundiger Mann vom Land noch einiges verstehen konnte. Die Lautzeichen haben wir vor allem benutzt, um unsere umfangreiche Mythen mit Pinseln auf zusammengeheftetes Bastpapier zu schreiben. Die meisten dieser "Bücher" wurden dann von den Spaniern verbrannt.

Naja, wir selbst waren ja auch nicht die friedlichen Sterngucker, zu denen uns schuldbewußte Europäer späterer Jahrhunderte verklärt haben. Lange Zeit waren alle kleineren Maya-Reiche von den mächtigen Städten Tikal und Calakmul abhängig, deren jahrhundertelangen Kleinkrieg wohl auch zum Untergang der Mayakultur beigetragen hat. Aber die Zeichen der Zeit haben wir lange nicht erkannt. Wir in der Oberschicht wohnten ja recht bequem. Der Schreiber hatte eine privilegiertes Amt. Ich war mit der Herrscherfamilie verwandt, die den Bach Otúlum kanalisiert und in den Palast geleitet hatte. So gab es dort fließendes Wasser und sogar Toiletten. Eine Abdeckung des Rinnsals verhinderte bei Hochwasser Überschwemmungen.

"Freizeitsport", wenn man so will, vor allem aber rituelle Pflicht der Adligen war das Ballspiel hinter dem Palast. Ein Kautschukball mußte am Gegner vorbei in einen Korb befördert werden. Dabei haben wir unsere Mythen gleichsam nachgespielt. Aber nicht immer war das Ballspiel gefährlich. Nur bei besonderen Anlässen verlor auch sein Leben, wer das Spiel verlor. Wobei dann auch schon vorher feststand, wer zu verlieren hatte: die Gefangenen.

Im Stadtbild von Palenque spiegelt sich unsere Klassengesellschaft wieder. In der heute überwachsenen Ebene wohnte das einfache Volk, das Adels- und Verwaltungsviertel befand sich in der Mitte, und die Herrscher konnten von ganz oben auf die Untertanen herabschauen.

Wer in Steinhäusern wohnte, gehörte schon zur Mittelschicht, denn die armen Maya wohnten damals wie heute in Hütten mit Strohdach zwischen Flechtwänden mit Lehmbewurf. Auch der Mais wird seit Jahrtausenden auf die gleiche Art gemahlen. Erst die Arbeit der vielen Bauern machte unseren Luxus möglich - aber auch unsere kulturellen Leistungen. Vielleicht hatten wir nur manchmal vergessen, daß sich letztlich alles um den Mais drehte. In unserer Schöpfungsgeschichte formt ein Gott aus Maismehlteig uns, seine Anbeter. So nennen wir uns heute noch "Menschen aus Mais".

Heute aber sagen die Wissenschaftler, unser jahrhundertelang in Monokultur angebautes Getreide habe die Böden ausgelaugt. Vielleicht ein weiterer Grund dafür, daß unsere Hochkultur nach tausend Jahren plötzlich unterging.

Auch Palenque wurde kurz nach dem Jahr 800 aufgegeben. Die prächtigen Bauwerke verwitterten, wir ohnehin wenigen Schriftkundigen zerstreuten uns und starben aus. Die letzten Reste unseres Wissens gingen beim Einfall der Spanier unter. Es wuchs Gras über die Sache.

Und des großen Königs Pacál Leben, seine Taten und sein Traum von Unsterblichkeit wären unbekannt und vergeblich, hätte nicht ich alles festgehalten, der Schreiber. Vielleicht denken Sie an mich, wenn Sie einmal nach Palenque kommen.

Buch und Regie: Jens Dücker und Peter Wendt

Filmmusik & Stab

Siebert, Büdi
Schätze der Welt I
Mexican Music: Prehispanic
Sazilakab, Nr. 2
Mexican Music: Prehispanic
Web of Dreams, Nr. 1
Mexican Music: Prehispanic
The Flight of the Bird children
Mexican Music: Prehispanic
Journey to Mitclan, Nr. 9
Mexican Music: Prehispanic
Dance, Nr. 6
Mexican Music: Prehispanic
Stone Music, Nr. 5

Buch und Regie: Jens Dücker und Peter Wendt
Kamera: Peter Wendt
Produktionsjahr: 1994

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