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Filmtext & Video

14:50 min | Sa, 24.2.2018 | 8:30 Uhr | SWR Fernsehen

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Sant Pau: Musikpalast der katalanischen Musik Barcelona, Spanien, Folge 365

SWR

Musikpalast der katalanischen Musik Barcelona (im Besitz des Orfeó Catalá, des katalanischen Nationalchors) und Hospital de la Santa Creu i Sant Pau in Barcelona. Er gilt als einer der weltschönsten Konzertsäle: Der "Palau de la Musica Catalana" in Barcelona, 1908 mit einem Konzert eingeweiht, das Richard Strauss dirigierte. Eigentlich ist dieser Musikpalast das Vereinshaus eines Chores, des "Orfeo Catala". Der Palau ist ein herausragendes Beispiel des "Modernisme", des spanischen Jugendstils. Er wurde von einem der führenden Baumeister der katalanischen Jugendstilarchitektur entworfen, Lluis Domenech i Montaner. Barcelona war die Hochburg des Modernisme, der auch eine Demonstration der kulturellen Eigenart der Katalanen war.

Filmtext

Aus einem Sonnentropfen fließt ein Traum aus Form und Farben. Ein Raum, in dem sich Klang und Melodie mit Schaulust verbinden, ein Konzertsaal, in dem man die Musik mit offenen Augen hören soll - vor einem Jahrhundert wurde er geschaffen: Der "Palau de la Musica Catalana" in Barcelona. Dieser Musikpalast ist eigentlich das Vereinslokal eines Gesangvereins. Gesang, Triumpf über die Schwerkraft.

Eine schlichte Frauengestalt löst sich aus einer Figurenkaskade, scheint frei im Raum zu schweben: "La canco popular catalana" katalanische Volkslied entfaltet sich, und kann unter dem Schutz eines christlichen Ritters, des Heiligen Georg, friedlich in eine sichere Zukunft hineinwachsen. Ein musikalisches Glaubensbekenntnis der Katalanen, hymnisch und pathetisch, die Proklamation des in der Volksseele verwurzelten Gesangs, bei der sich musische Ideale mit politischen Ideen verbinden.

Die monumentale allegorische Skulptur des Bildhauers Miguel Blay ragt wie die Galionsfigur eines Schiffbugs in den engen Gassenraum, in den das Bauwerk eingezwängt ist, ein architektonischer Kunstgriff, der von der beengten Lage dieses Meisterwerks des Jugendstils in Spanien ablenkt. ungewöhnliche Glaselemente, plastisch geformte Keramik- dekorationen und glasierte Fliesen verbinden sich mit dem Rot des Backsteins und überwuchern die aufgelöste Fassade, - leuchtendes Mosaik, - neuartig verwendete Baumaterialien.

Auch in Spanien durchbricht der Jugendstil die voluminöse Behäbigkeit der klassizistischen Architektur. Er ähnelt in seiner bewegten Formsprache dem Stil, der ganz Europa mit seinem Hauch von Extravaganz und dekorativem Reichtum überzieht, doch hat er hier seine ganz eigene Physiognomie. Spanien heißt in diesem Fall: Barcelona, und in Barcelona spricht der Jugendstil katalanisch und nennt sich Modernisme. Er ist politisch, eine architektonische Willensbekundung kultureller Eigenständigkeit.

Die Grundsteinlegung des Palau de la Musica catalana 1905 war auch eine politische Aktion. "Orfeo Catala" Gesangverein, 1891 in der allgemeinen Begeisterung für die eigenen kulturellen Wurzeln gegründet, fand großen Zulauf, ein Kinderchor, und bald darauf auch ein Frauenchor, wurden ins Leben gerufen. Palau de la musica catalana. Fast ein Jahrhundert hatte es gedauert, bis das Meisterwerk des Modernisme allseitig bewundern werden konnte. Denn bis zum Jahre 2000 war die nun hinter einem Glasvorhang sichtbare Westfassade verbaut.

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Europa: Spanien

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Barcelonas Architektur

Barcelonas Architektur

Barcelonas Architektur: Fassade des Palastes der katalanischen Musik

Palast katalanischen Musik-Vorraum

Palast katalanischen Musik: Zuschauerraum

Palast katalanischen Musik: Treppe

Palast katalanischen Musik: Vordereingang

Palast katalanischen Musik: Innenraum

Palast katalanischen Musik: Innenraum

Palast katalanischen Musik: Decke

Palast katalanischen Musik: Zuschauerränge

Palast der katalanischen Musik: Fenster

Säulenmosaik im Palast der katalanischen Musik

Auf einem verfallenen Kreuzgangs, direkt an die Mauern eines Klosters war das Fundament gelegt worden, Kaum vorstellbar, dass dieses im dekorativen Überfluss schwelgende Gebäude in modernster Industriebauweise ausgeführt wurde, ein nüchterner Skelettbau aus Stahl und Beton, der es möglich macht, auf massive Aussenwände zu verzichten. und den Saal in ständig wechselndes Lichtspiel zu tauchen.

Der Architekt Lluis Domenech i Montaner hat die poesielose eiserne Tragekonstruktion in ein Phantasiekleid aus spiegelndem Kristall, emaillierten Fliesen, schimmerndem Mosaik und leuchtendem Glas gehüllt, Farbklänge einer gläsernen Blumenpracht, die den Besucher verstummen lassen.

Lustvoll verirrt sich das Auge des Betrachters in dem künstlichen Gartenparadies, verfängt sich in Blüten und pfauenäugigen Fächerpalmen - ständig in Gefahr, aus dem Blick zu verlieren, dass dieser dreirängige Musentempel nicht Flora zu Ehren errichtet wurde, sondern für Polihymnia, der Muse des Gesanges. Dass sich ein Gesangverein diesen großartigen Konzertsaal ohne staatliche Unterstützung erbauen lassen konnte, lässt sich mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Barcelonas Ende des 19. Jahrhunderts, und der damit erwachten allgemeinen Begeisterung für die katalanische Sache erklären.

Reiche Großindustrielle förderten die eigenständige lokale Kultur. Sie investierten vor allem in aufsehenerregende Bauwerke in modernistischem Stil, die sich internationaler Beachtung sicher sein konnten. Man hatte mit Lluis Domenech i Montaner einen führenden Architekten der neuen Schule gewählt, der zugleich ein leidenschaftlicher Verfechter der katalanischen Eigenart war.

Von Sonnenstrahlen beschienen: ein Chor junger Frauen, idealisierte Sängerinnen des Orfeo Catala's, und gleichzeitig eine himmlische Zuhörerschar - das zentrale Oberlicht, das die Sonne darstellt, und selbst vom Sonnenlicht erleuchtet wird,- eine der hintersinnigsten Lösungen des Architekten.

Schon längst ist es nicht mehr die Aufgabe der jungen Platzanweiserin, nur Liebhaber des Chorgesangs, zu ihren Stühlen zu geleiten, der Hausherr hat die Türen den Musikpalast längst den Anhänger aller Musikgattungen geöffnet, auch wenn der Orfeo Catala sein Podium ursprünglich nur dem Volkslied und der klassischen Musik geweiht hatte. das Vestibül, täglich erneut der Spiegel, der die Erregung und Erwartung des Publikums auffängt.

Kaum vorstellbar, wie viele Füße im Laufe des vergangenen Jahrhunderts über die weiten Marmortreppen gestiegen sind, und Augen, die mit der ersten Stufe schon von der gedämpften Pracht bezaubert wurden. Und wenn die Türen sich geschlossen haben, füllt sich auch das leere Treppenhaus mit dem Nachhall des Klavierkonzerts, dem im Saal achtzehnhundert Menschen und 18 musische Damen, die die besten Podiumsplätze eingenommen haben, lauschen können. Dieser Musenreigen, von Eusebio Arnau modelliert, bildet ein eigenes, ungewöhnliches Orchester, in dem verschiedenartigste Instrumente mit allen Klangfarben vertreten sind, - die wohl wagemutigste Versinnbildlichung in dem an allegorischen Darstellungen reichen Raum.

Symphoniekonzerte und konzertant aufgeführte Opern bildeten neben dem Gesang den Schwerpunkt im Programm des weltweit berühmten Konzerthauses, das nicht nur wegen seiner Architektur die Menschen anzieht. Mag auch Beethoven nicht zu den Favoriten von Monserrat der Platzanweiserin gehören, er zählt zu den Hausgöttern des Palau de la Musica, wie Bach, Palestrina und Wagner, die Ehrenplätze in der Front des Hauses haben. Sie blicken in die engen Gassen des Stadtviertels San Pere, in denen seit dem 14. Jahrhundert andere Künste gepflegt wurden, die Textilwerber waren hier ansässig. Anfang des 20. Jahrhunderts bezogen die Tonsetzermeister im bizarren Haus des Modernisme Stellung.

Wer ließe sich nicht gern zwischen blumenumwundenen Säulen eines Zaubergartens nieder. Die Phantasie des Mosaikkünstlers Lluis Bru scheint keine Grenzen gekannt zu haben. Sein anmutigstes Werk aber schmückt den Giebel des Palau. das Gemälde aus wunderbar koloriertem Mosaik stellt in virtuoser Jugendstilmanier den Chor an den Stufen eines katalanischen Olymps dar, den Orfeo Catala. Gesangsstars waren im Hause des Volks Liedes immer gern gehörte Gäste, vielleicht hat auch sie gelegentlich die Koloraturen ihrer Namensschwester Montserrat Caballe bis ins Treppenhaus perlen hören, oder ein wenig bei Jose Carreras Stimme geträumt.

Auf dem Podium unter dem gläsernen Farbenrausch, auf dem heute die junge Koreanerin Mi-Yeon-I spielt, sind schon fast alle großen Klaviervirtuosen aufgetreten. Seit Richard Strauss 1908 das Eröffnungskonzert leitete, hat Karajan ebenso, wie Bernstein, haben Lorin Maazel, Riccardo Muti und fast alle prominenten Dirigenten den weitgeschwungenen Raum mit Orchesterglanz erfüllt. Auch wenn sie nicht alle um der Musik willen kommen... . 600 000 Menschen blicken jährlich gebannt zum gipsernen Pegasus, dem geflügelten Reittier der Musen, auf, das scheinbar mühelos in seinem Höhenflug verharrt. Palau de la musica catalana.. Zunächst als bestes Bauwerk in der Stadt gepriesen und prämiert, wurde das Juvel des "Modernisme'' schon eine Epoche später als architektonischer Missgriff abgewertet, bevor man das Gebäude als beispielhaften Ausdruck seiner Zeit neu wertschätzte.

Buch und Regie: Christian Romanowski

Filmmusik und Stab

Musik:
Schätze der Welt II - Vor- und Abspann:
Oliver Kraft

Soundtrack Palau:
Philipp Noll, Axel Huber



Buch und Regie: Christian Romanowski
Kamera: Gerd Bleichert

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