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14:47 min | So, 24.6.2018 | 6:00 Uhr | SWR Fernsehen

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Ouro Preto, Brasilien, Folge 177

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Schwarzes Gold - das ist der Name der Stadt und gleichzeitig die Geschichte der Kolonie. Die ersten Pioniere im 17. Jahrhundert haben sich hier niedergelassen, weil die Goldfunde alles übertrafen, was die Portugiesen in Brasilien zuvor entdeckt hatten. Der Film von Roland May zeigt die Architektur einer der bedeutendsten Goldgräberstädte der Welt und die Geschichte seines wichtigsten Baumeisters. Antonio Francisco Lisboa.

Filmtext

Die Zeit der Glücksritter ist vorbei. In den Straßen von Ouro Preto gibt es nur noch selten Gedränge. Es ist lange her, dass Goldtransporte die Straße zur Küste hinunter beherrschten. Auch das Klirren der Ketten mit Sklaven für die Bergwerke ist verstummt. Die Stollen sind verwaist. In Ouro Preto ist Ruhe eingekehrt. Einst waren die Goldfunde in den Bergen so vielversprechend, dass portugiesischen Abenteurer in Scharen angelockt wurden. Ouro Preto wuchs innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer Stadt heran. Die portugiesischen Kolonialherren organisierten Sklaventransporte aus Afrika nach Brasilien um die Bodenschätze zu heben. Zehntausende von ihnen wurden gezwungen das Edelmetall aus dem schwarzen Stein zu brechen.

Ouro Pretos Bewohner verfielen über fast 200 Jahre dem Goldrausch. Capoeira, der Tanz ist für die jungen Brasilianer auch ein Stück Vergangenheit. Auf diese Brücke wurden ihre Vorfahren in Ketten geführt, und an die reichen Minenbesitzer verkauft. Das war vor 300 Jahren. In jener Zeit entstand der Capoeira, halb Kampf, halb Tanz.

Doch mit dem Reichtum aus den Minen kamen auch die Künstler nach Ouro Preto. Sie schufen innerhalb eines Jahrhunderts den brasilianischen Architekturstil - baroco mineiro. Viele Kirchen entstanden mit dieser besonderen Mischung aus den barocken Vorbildern Europas und der Handfertigkeit afrikanischer Sklaven. Das Innere der Kirche Nossa Senhora do Pilar (Pilarkirche) ist wie eine Schatzkammer.

Die Gestaltung verweist dabei auf die damaligen Lebensumstände. Sie spiegelt Ängste und Hoffnungen der Menschen in prunkvollen Allegorien. An den Wänden ist überall zu sehen, was Ouro Preto einst reich machte. Nahezu 400 Kilogramm Blattgold wurden auf die Figuren und Holzschnitzereien aufgetragen. Einige der Kunstwerke sind sogar von Sklaven gestaltet, wie die Engel unter den Kanzeln. In den Putten wird die Last der schweren Kanzel erkennbar.

All das Gold hier, wurde durch Sklavenarbeit aus den Bergwerken geholt. Doch zum Gottesdienst durften die Sklaven diese Kirche damals nicht betreten. Die Reichen hatten den Prunk für ihre Frömmigkeit sich selbst zugedacht. Ausdruck einer Zeit, in der es ein striktes Oben und Unten gab. Sozialen und politischen Sprengstoff gab es zu jener Zeit genug. Kurz vor Ende des 18. Jahrhunderts formierten sich in Ouro Preto die "Inconfidentes". Eine Gruppe von Verschwörern, die sich gegen die Kolonialmacht Portugal erheben wollte und einen Aufstand plante. Tiradentes, ihr Anführer, wurde allerdings verraten und hingerichtet. Seinen Körper ließen die Portugiesen vierteilen und die Gliedmaßen an verschiedenen Orten ausstellen, an denen die Revolte geplant war. Seinen Kopf steckte man auf dem Marktplatz von Ouro Preto auf einen Pfahl. Jetzt steht dort ein Denkmal. Der Aufstand der Inconfidentes wird noch heute als erster Schritt in die Unabhängigkeit Brasiliens gefeiert. Tiradentes ist in Brasilien zu einer Legende geworden. Für die Menschen dieser Region sind er und seine Gefolgsleute Helden. Sie gelten mit ihrem Mut und ihrer Unbeugsamkeit als Vorbilder. Auch die versiegten Brunnen der Stadt erinnern noch an die Kolonialzeit. Mit Hilfe von Wachen kontrollierte die Stadtregierung unabhängig von den Portugiesen die Wasserabgabe. Wer Brunnenwasser wollte, musste auf jeden Krug Steuern bezahlen. Auf den regen Handel mit Sklaven deuten zahlreiche Brückenkreuze.

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Südamerika: Brasilien - Ouro Preto

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Die Zeit der Glücksritter ist vorbei. In den Straßen von Ouro Preto gibt es nur noch selten Gedränge.

Die Zeit der Glücksritter ist vorbei. In den Straßen von Ouro Preto gibt es nur noch selten Gedränge.

Es ist lange her, dass Goldtransporte die Straße zur Küste hinunter beherrschten.

Capoeira, der Tanz ist für die jungen Brasilianer auch ein Stück Vergangenheit. Auf diese Brücke wurden ihre Vorfahren in Ketten geführt, und an die reichen Minenbesitzer verkauft. Das war vor 300 Jahren. In jener Zeit entstand der Capoeira, halb Kampf, halb Tanz.

Doch mit dem Reichtum aus den Minen kamen auch die Künstler nach Ouro Preto. Sie schufen innerhalb eines Jahrhunderts den brasilianischen Architekturstil - baroco mineiro.

Viele Kirchen entstanden mit dieser besonderen Mischung aus den barocken Vorbildern Europas und der Handfertigkeit afrikanischer Sklaven.

An den Wänden ist überall zu sehen, was Ouro Preto einst reich machte.

Nahezu 400 Kilogramm Blattgold wurden auf die Figuren und Holzschnitzereien aufgetragen. Einige der Kunstwerke sind sogar von Sklaven gestaltet, wie die Engel unter den Kanzeln. In den Putten wird die Last der schweren Kanzel erkennbar.

Sozialen und politischen Sprengstoff gab es zu jener Zeit genug. Kurz vor Ende des 18. Jahrhunderts formierten sich in Ouro Preto die "Inconfidentes". Eine Gruppe von Verschwörern, die sich gegen die Kolonialmacht Portugal erheben wollte und einen Aufstand plante.

Tiradentes, ihr Anführer, wurde allerdings verraten und hingerichtet. Seinen Körper ließen die Portugiesen vierteilen und die Gliedmaßen an verschiedenen Orten ausstellen, an denen die Revolte geplant war. Seinen Kopf steckte man auf dem Marktplatz von Ouro Preto auf einen Pfahl. Jetzt steht dort ein Denkmal.

Tiradentes ist in Brasilien zu einer Legende geworden. Für die Menschen dieser Region sind er und seine Gefolgsleute Helden. Sie gelten mit ihrem Mut und ihrer Unbeugsamkeit als Vorbilder. Auch die versiegten Brunnen der Stadt erinnern noch an die Kolonialzeit.

Auf den regen Handel mit Sklaven deuten zahlreiche Brückenkreuze.

Das Deckengemälde im Kirchenschiff stammt von einem anderen Künstler aus dem engen Kreis von Aleijadinho: Manuel Costa Athayde.

Die Villa eines großen Minenbesitzers der Stadt. Die luxuriösen Räume zeugen vom Reichtum der herrschenden Klasse. Die gediegen großzügige Stimmung sagt allerdings nichts über die Einstellung des Hausherrn zu seinen Sklaven aus. Hinter Gittern und zwei Etagen unter dem feudalen Speisesaal lagen die Sklaven auf steinernen Böden. Glasfenster gab es hier keine - trotz der feuchten Kälte im Winter. Wie Vieh zusammengepfercht, mussten sich die Menschen hier ihr Lager bereiten. Jeder einzelne hatte sich bedingungslos zu unterwerfen, oder er wurde bestraft. Wer von den Männern in den Bergwerken arbeitete, und nach Ansicht der Vorarbeiter zu wenig goldhaltiges Gestein mitbrachte, musste sich bei manchem Minenbesitzer auf Folterungen gefasst machen. Tausende von Sklaven sind für immer in den Gruben geblieben, viele von ihnen aus Angst vor der Folter.

Dabei waren die Erträge für die Portugiesen sehr gut. Mehr als 100 Jahre lang zahlten die Minenbesitzer 20 Prozent des Goldes an das Königshaus in Lissabon. Ouro Preto ist die Heimat eines der größten Künstler Brasiliens: Antonio Francisco Lisboa. Sein Werk und seine tragische Lebensgeschichte sind eng mit dem Schicksal der Stadt verbunden. Bereits sein Vater Manuel Francisco Lisboa, portugiesischer Architekt vieler Kirchen, genoss in Ouro Preto großes Ansehen. Er hatte seinen Sohn mit einer Sklavin, gezeugt. Das war Antonio. Sein Vater betrachtete den Mulatten nun ebenfalls als Sklaven. Bis zu dessen zwanzigstem Lebensjahr ließ Lisboa ihn bei Verzierungen der Kirchen mitarbeiten, dann verkaufte er ihn an einen der führenden Bildhauer und Maler.

Durch seine künstlerische Begabung fand Antonio Anerkennung und verdiente Geld. So konnte er sich und seine Mutter freikaufen. Lisboa ist bekannter unter seinem Spitznamen "O Aleijadinho" (das Krüppelchen), weil er unter einer unheilbaren Krankheit litt, die ähnlich wie Lepra seinen Körper langsam zersetzte. O Aleijadinho muss in seinen späteren Lebensjahren schlimme Qualen bei der Arbeit erlitten haben. Trotzdem sind die Spuren, die er durch seine Skulpturen und Reliefs in Ouro Preto hinterlassen hat, von einer besonderen Kraft und Schönheit.

Als er die Hände nicht mehr gebrauchen konnte, band er sich zuletzt die Bildhauerwerkzeuge an seine Arme.

Er gab bis zu seinem Tod nicht auf und kämpfte mit seiner Kunst gegen die eigene schreckliche Verkrüppelung an- ein Leben zwischen Himmel und Hölle. Die Kirche Sao Francisco de Assis wird als Aleijadinhos Meisterwerk angesehen. Hier hat er alle Elemente religiöser Kunst zu einer erweiterten Formel des Baroco Mineiro zusammengefasst.

Aleijadinho, studierte die Arbeiten seiner Meister gründlich. Über importierte Gemälde aus Europa lernte er auch Formen des Rokoko kennen und begann eine eigenständige Kunst zu entwickeln. Neue Gebäudeformen der Kirchen - Rundungen wo früher gerade Flächen herrschten - und dann wie hier die filigranen leichten und detailreichen Verzierungen ähnlich dem Rokoko. Er übernahm die neuen Einflüsse und verwirklichte sie in Kirchenreliefs und religiösem Mobilar. Im Altarraum wagte Aleijadinho heimlich seine Sympathie für die Inconfidentes und die Unabhängigkeitsidee zu zeigen. Die Gesichter der Heiligenfiguren an der Decke des Raumes ähneln denen der Anführer der Freiheitsbewegung. Hier hat sich Aleijadinho auch selbst verewigt. In einer der Figuren ist der Künstlers zu erkennen.

Das Deckengemälde im Kirchenschiff stammt von einem anderen Künstler aus dem engen Kreis von Aleijadinho: Manuel Costa Athayde.

Auch er nahm sich für die Darstellung seiner Figuren heimliche Freiheiten heraus. Selbst wenn die reichen Auftraggeber sich Heilige und Engel mit europäischen Gesichtszügen an der Decke wünschten, ist doch eine Mischung der Kulturen spürbar. Athayde malte die Figuren zwar mit weißer Haut, doch sie tragen deutliche Züge der afrikanischen Sklaven, die in Ouro Preto Ende des 18. Jahrhunderts das Straßenbild beherrschten. Das Meisterwerk Aleijadinhos markiert für viele die kulturelle Geburt Brasiliens. Der Sohn eines Portugiesen und einer afrikanischen Sklavin hat einen brasilianischen Stil gefunden. Den Baroco Mineiro. Wie das brasilianische Volk, so hat auch diese Kunst ihre Wurzeln in drei Kontinenten. Europa, Afrika und Lateinamerika. Im Gegensatz zu anderen Orten aus der Zeit des Goldrausches ist Ouro Preto nicht in Vergessenheit geraten. Die Stadt hat eine führende Rolle in der Geschichte Brasiliens: Architektur, Kunst und die Vorkämpfer der Freiheitsbewegung aus Ouro Preto begründen die nationale Identität des Landes.

Buch und Regie: Roland May

Filmmusik & Stab

Hering, Bernhard; Wester, Martin
Ouro Preto
Klangraum

Buch und Regie: Roland May
Kamera: Dieter Wolf

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