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14:37 min | Di, 9.7.2019 | 21:45 Uhr | 3sat

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Die jungsteinzeitlichen Monumente auf den Orkney-Inseln, GB, Folge 247

SWR

Orkney - das ist eine Inselgruppe zwischen Nordsee und Atlantik, etwa 10 Meilen nördlich vom schottischen Festland entfernt. Baumloses Weide- und Ackerland, grün fast überall, durchzogen von blauen Fjorden, eingefasst mit scharfkantigen Klippen und steil abfallenden Küsten. 29 von 77 Inseln sind bewohnt. Die ersten Siedler kamen in der Jungsteinzeit. Auch sie waren Ackerbauern. Schriftliche Zeugnisse hinterließen sie nicht, aber Werkzeuge, Behausungen, Zeremonienplätze und Gräber in einer Fülle, wie sie woanders in Europa nicht zu finden ist. Das berühmteste neolithische Monument von Orkney ist der Ring of Brodgar, ein Steinkreis so alt wie die ägyptischen Pyramiden.

Filmtext

Orkney, das ist ein Inselarchipel den die Wikinger einst Eijar nannten. Eijar, das heißt "westlich über dem Meer". Damit war für die seefahrenden Nordmänner gesagt, alles über das klippengesäumte Land, das sie aus strategischen Gründen kolonisierten. Und wo sie durch ihre mitgebrachten Eisengeräte im 8. Jahrhundert die Steinzeit endgültig beendete. Orkney liegt im äußersten Norden Großbritanniens, jenseits des Pentland Firth etwa 10 Meilen vom schottischen Festland entfernt. Schottisch wurden die Inseln erst im 15. Jahrhundert; bis dahin war Orkney abhängig von Skandinavien. 77 größere und kleinere Inseln umfasst der Archipel, davon nur 29 bewohnt. Baumloses Weide- und Ackerland, grün und gelb fast überall, durchzogen von blauen Fjorden und durchdrängt vom Licht des Nordens. In diesen Breitengraden steht die Sonne fast immer tief. Schon die ersten Siedler vor mehr als 5.000 Jahren waren Ackerbauern. Was von ihnen geblieben ist sind Zeugnisse aus Stein.

Der Ring of Brodgar. Steine gesetzt wie zur Akupunktur der Erde. Versammlungsplatz früherer Inselgemeinschaften. Ein vorzeitliches Bauwerk errichtet zeitgleich zu den ägyptischen Pyramiden. Seine Erbauer beherrschten die Geometrie des Kreises. 60 solcher tonnenschweren Blöcke waren es einst, 36 stehen noch, jeder einzelne zwischen zwei und viereinhalb Meter hoch. Eine touristische Attraktion mögen sie schon für die Wikinger gewesen sein. Einer ihrer Krieger, ein Kreuzfahrer, hinterließ seinen Namen: "Björn war hier", schrieb er mit seiner Axt.

Als um die Mitte des 19. Jahrhunderts auch in den abgelegensten Winkeln Schottlands die Schulpflicht durchgesetzt wurde, begannen die Orkadier ebenfalls ihre Graffiti auf den Steinen von Brodka zu hinterlassen: Wilson, Anderson, Isbister, Marwick, Eve, Muir. Bekannte Familien auf den Inseln, geläufige Namen noch heute.

Die Kunst zu schreiben und die Lust den eigenen Namen verewigt zu sehen haben wohl schon immer sehr nahe beieinander gelegen. In Sichtweite zum Ring of Brodgar befindet sich ein weiterer kleinerer Steinkreis: die "Standing Stones of Stenness". Zwölf Monolithe beschrieben einst einen Kreis von 30 Meter Durchmesser. Vier dieser Riesen stehen noch, ein fünfter liegt zertrümmert am Boden. Ursprünglich waren die "Stones of Stenness" umgeben von einem mächtigen Graben. Noch heute erkennt man, dass sie wie auf einer künstlichen Plattform leicht erhöht in der Landschaft stehen. Ein Zeremonienplatz - gewiss. Priester mögen sich hier getroffen haben. Zahlreiche Gräber und Knochenfunde, auf die die Bauern in der Umgebung noch immer stoßen, deuten auf eine religiös-mystische Funktion. Je nachdem wo man steht, werfen die Monolithe die eigene Stimme als Echo zurück. Ein Platz, lässt sich vermuten, an dem die religiösen Führer der frühen Inselgemeinschaft Gebete und Beschwörungen gesprochen haben, an dem sie Zwiesprache hielten mit den Elementen. In der Nähe der "Standing Stones of Stenness" und des "Ring of Brodgar", erhebt sich in der flachen Landschaft weit sichtbar ein künstlicher Hügel "Maes Howe". "Mestre Haugr" - "größter Hügel" nannten ihn die Wikinger. Zwischen Acker und Viehweide führt ein elf Meter langer Tunnel in den Hügel hinein. Nur in gebückter Haltung lässt er sich begehen. Ist es Respekt, den die Erbauer dieser Kammer dem Besucher abverlangten? "Maes Howe" ist das Totenreich der Steinzeitmenschen von Orkney. Ein Kammergrab, das den absoluten Höhepunkt neolithischer Grabarchitektur darstellt. Eine Konstruktion aus tonnenschweren, kunstvoll geschichteten Steinplatten, mit Strebepfeilern und gleichmäßiger Verjüngung nach oben. Raum ohne Wiederkehr. Seine magische Kraft beruht auf seiner technischen Vollendung. Wo aber sind die Gebeine der Toten?

Als Archäologen 1861 das Grab zum ersten Mal untersuchten, fanden sie es leer. Lange vor ihnen waren Wikinger hier eingebrochen, Abenteurer, Piraten, Kreuzfahrer. Auf ihren Fahrten nutzen sie "Maes Howe" als Unterschlupf, wenn etwa ein Sturm sie auf Orkney sie festhielt. Sie waren auf Eroberungszug, auf Pilgerfahrt oder gar unterwegs zum Heiligen Grab. Der Drachen war ihr Zeichen. "Maes Howe" besitzt die größte Runensammlung Nordeuropas. Der längste Text erzählt von einem sagenhaften Schatz, den ein Mann namens Hakon in drei Tage währender Arbeit aus dem Grab herausgeräumt und nordöstlich von "Maes Howe" wieder versteckt haben will. Viele, die diese Runen entzifferten, haben sich danach auf die Suche gemacht. Vergebens. Andere Inschriften unterscheiden sich gar nicht so sehr von dem, was Graffiti-Künstler unserer Zeit für mitteilenswert halten. "Torfin ritzte diese Runen", heißt es. "Orkins Sohn ist der Schreiber dieser Zeilen" oder "Diese Runen wurden vom kundigsten Runenschreiber des westlichen Ozeans eingeritzt, mit der Axt, mit der Gauker, Trandkils Sohn auf Island erschlagen wurde". Und die meist zitierte Rune: "Ingiborg ist die Schönste aller Frauen. Eine hochmütige Person, um hier hinein zugelangen muss jedoch auch sie den Rücken beugen". Das Kreuz, die Signatur der Kreuzfahrer.


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Orkney, das ist ein Inselarchipel den die Wikinger einst Eijar nannten. Eijar, das heißt "westlich über dem Meer". Damit war für die seefahrenden Nordmänner gesagt, alles über das klippengesäumte Land, das sie aus strategischen Gründen kolonisierten.

Orkney, das ist ein Inselarchipel den die Wikinger einst Eijar nannten. Eijar, das heißt "westlich über dem Meer". Damit war für die seefahrenden Nordmänner gesagt, alles über das klippengesäumte Land, das sie aus strategischen Gründen kolonisierten.

Schon die ersten Siedler vor mehr als 5.000 Jahren waren Ackerbauern. Was von ihnen geblieben ist sind Zeugnisse aus Stein.

Der Ring of Brodgar. Steine gesetzt wie zur Akupunktur der Erde. Versammlungsplatz früherer Inselgemeinschaften. Ein vorzeitliches Bauwerk errichtet zeitgleich zu den ägyptischen Pyramiden.

In Sichtweite zum Ring of Brodgar befindet sich ein weiterer kleinerer Steinkreis: die "Standing Stones of Stenness". Zwölf Monolithe beschrieben einst einen Kreis von 30 Meter Durchmesser. Vier dieser Riesen stehen noch, ein fünfter liegt zertrümmert am Boden. Ursprünglich waren die "Stones of Stenness" umgeben von einem mächtigen Graben.

Bei Orkney treffen sich die Gezeitenströme. An vorgelagerten Riffen und dramatischen Küsten streiten sich die Brandungen zweier Meere: die der Nordsee mit denen des Atlantik.

Nicht jeder, der auf diese unwirklichen Inseln verschlagen wurde, hatte sich sein Ziel freiwillig gewählt.

Orkney ist baumloses Land. Seine einstigen Wälder haben die letzte Eiszeit nicht überlebt.

Nirgends in der sanfthügeligen Landschaft gibt es geschützte Stellen, wo neue Waldanpflanzungen Wind und Sturm standhalten könnten.

Mit welcher Technik hat man sie hierher gebracht? Aufgestellt und in der aufgeschütteten Erde verankert, so dass sie auch nach 5.000 Jahren noch stehen? Die Wissenschaft hat keine Antwort. Genauso wenig wie man sich erklären kann welchem Zweck die Steinkreise tatsächlich dienten, welche Rituale hier wirklich vollzogen wurden.

Die Zahl der sichtbaren Monumente, aus einer Zeit, für die wir über zuverlässige Theorien nicht verfügen, ist auf Orkney immens. Und noch immer werden prähistorische Funde gemacht.

Die Winter für Winter voranschreitende Erosion der orkadischen Westküste, entlockt diesen Inseln immer mehr ihrer seit Jahrtausenden verborgenen Schätze. Für Archäologen ist Orkney ein Paradies. Auch unser SWR Team war begeistert!

Bei Orkney treffen sich die Gezeitenströme. An vorgelagerten Riffen und dramatischen Küsten streiten sich die Brandungen zweier Meere: die der Nordsee mit denen des Atlantik. Schon die Seefahrer der Antike berichten von gewaltigen Stürmen, plötzlichen Wetterumschlägen und Nebelbänken, die jede Orientierung unmöglich machten. Nicht jeder, der auf diese unwirklichen Inseln verschlagen wurde, hatte sich sein Ziel freiwillig gewählt. Orkney ist mehr als jede andere Landschaft Großbritanniens ein archäologisches Freilichtmuseum. In der Bucht von Skail befindet sich das besterhaltene prähistorische Dorf Nordeuropas: "Skara Brae". Sieben Behausungen, durch Passagen miteinander verbunden, gebaut aus Bruchsteinplatten, die an den Küsten überall verfügbar sind. Bis 1850 war Skara Brae unter einer Hochdüne versteckt. Erst als ein Wintersturm die Grasnarbe großflächig wegriss, kamen unter dem Dünensand die 5.000 Jahre alten Behausungen hervor. In Skara Brae stehen die ältesten Möbel Großbritanniens. Die schmalen Wege, die die Häuser miteinander verbinden, sind mit Steinplatten überdeckt. Das ganze Dorf war in die Tiefe gebaut, zum Schutz gegen den Wind.


Zwischen den einzelnen Behausungen war Abfall aufgeschüttet, eine Art Kompost, der zum einen die Mauern vor Einsturz sicherte und zum anderen den Wärmeverlust minimieren sollte. In Skara Brae lebte eine konforme Gemeinschaft. Es gab nur eine einzige Art und Weise die Häuser einzurichten: Kastenbetten, in der Mitte eine Feuerstelle, gegenüber des Eingangs eine Anrichte, an den Seitenwänden Vorratsnischen. Alles aus Stein, nur die Dächer sollen aus Tierhäuten gewesen sein. Orkney ist baumloses Land. Seine einstigen Wälder haben die letzte Eiszeit nicht überlebt. Aufgrund der isolierten Lage konnten nur wenige der ausgestorbenen Vegetationsgesellschaften auf die Inseln zurückkehren. Nirgends in der sanfthügeligen Landschaft gibt es geschützte Stellen, wo neue Waldanpflanzungen Wind und Sturm standhalten könnten. In der Jungsteinzeit gab es Baumstämme nur als Treibholz - von den erodierenden Urwäldern Amerikas an die Strände der Inseln getragen. Aber genügten diese zufälligen Gaben, die die See den frühen Siedlern schenkte, Kräne, Rollen oder Rampen herzustellen, um tonnenschwere Steinplatten zu transportieren. Nicht einmal Hanf und Sisal waren auf Orkney verfügbar für die Herstellung von Seilen. Mit welcher Technik hat man sie hierher gebracht? Aufgestellt und in der aufgeschütteten Erde verankert, so dass sie auch nach 5.000 Jahren noch stehen? Die Wissenschaft hat keine Antwort. Genauso wenig wie man sich erklären kann welchem Zweck die Steinkreise tatsächlich dienten, welche Rituale hier wirklich vollzogen wurden.

Vieles bleibt im Bereich der Spekulation. Die Steinkreise sollen Kalender gewesen sein, wird gesagt, Mondobservatorien, neolithische Weltraumteleskope zur Bestimmung von Saat- und Erntezeiten. Monolithe, die ein Maß setzen zur Berechnung von Raum und Zeit, in einer unberechenbaren Natur. Ihre Erbauer haben keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen. Die Zahl der sichtbaren Monumente, aus einer Zeit, für die wir über zuverlässige Theorien nicht verfügen, ist auf Orkney immens. Und noch immer werden prähistorische Funde gemacht. Die Bauern entdecken sie durch Zufall. Vor allem im Frühjahr, wenn sie hinausgehen, um Schäden zu beheben, die Seestürme auf ihren Äckern verursacht haben. Die Winter für Winter voranschreitende Erosion der orkadischen Westküste, entlockt diesen Inseln immer mehr ihrer seit Jahrtausenden verborgenen Schätze. Für Archäologen ist Orkney ein Paradies.

Buch und Regie: Ulrike Becker

Filmmusik & Stab

Baumstark, Bernhard
Orkney
Kraft, Oliver
Schätze der Welt II
Buch und Regie:
Ulrike Becker
Kamera:
Ralf Nowak

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