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Filmtext & Video

14:37 min | Mo, 14.3.2016 | 12:45 Uhr | 3sat

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Stadt, See und Umgebung von Ohrid, Mazedonien, Folge 274

SWR

Der Ohrid-See in Mazedonien ist einer der ältesten und tiefsten Seen der Welt mit Pflanzen- und Tierarten, die es nur hier gibt. An seinen Ufern zeugen byzantinische Bauwerke und archäologische Kostbarkeiten von mehr als zweitausend Jahren Menschheitsgeschichte. Theater und Reliefs aus der Antike, frühchristliche Mosaiken und prachtvolle Fresken bieten eine Zeitreise zur Entstehungsgeschichte der Massenmedien.

Filmtext

Vor vier Millionen Jahren tobte hier eine Urgewalt. Unterirdische Steinschichten bewegten sich und rissen eine Kluft in die Erde. Wassermassen füllten die tiefe Felsspalte - der See Ohrid war entstanden, einer der ältesten und tiefsten Seen der Welt, im heutigen Mazedonien. Seine steilen Ufer erzählen von mehr als zweitausend Jahren Menschheitsgeschichte. Die Byzantinischen Bauwerke stammen aus einer Zeit als Ohrid im Brennpunkt der Orthodoxen Kirche stand. Hier wohnten Patriarchen, Bischöfe und Schriftgelehrte. Den Baumeistern und Künstlern ihrer Residenzen gaben sie strenge Anweisungen.

Mit Verboten und Vorschriften bestimmten sie, wie Heilige, Könige, Kaiser und Götter dargestellt werden sollten. Und so sprechen die Bilder und Fresken noch eine ganz andere Sprache.

Sie erzählen von Macht und Herrschaft, von Werbung und Verehrung, von Revolution und Sieg! Die Bilderwelt am Ohridsee zu ergründen, ist wie eine Reise zu den Ursprüngen der Massenmedien! Es war wohl die gleißende Sonne und das tiefe Blau, das die ersten Bewohner beeindruckte, als sie den Ort Ilichnidos tauften, was soviel bedeutet wie "Stadt des Lichtes"! In der Römerzeit verlief hier die Militärstraße Via Egnatia. Sie verband das Römische Reich von der Adria über Saloniki bis Konstantinopel. Aber die Eroberer und Händler brachten nicht nur Unterwerfung und Waren. Sie brachten auch eine reichhaltige Bilderkultur. Erstmals gab es Muse und Unterhaltung für ein großes Publikum. Im Theater von Ohrid erlebten Tausende die Komödien und Tragödien, aufgeführt nach griechischen Vorbildern. Später trieben römische Gladiatoren und wilde Tiere ihr Spiel. Mit Spottgebrüll oder Applaus entschied das Publikum, ob ein Gladiator getötet werden sollte oder Siegeslorbeeren erhielt. Vom ursprünglichen Amphitheater ist außer der Form wenig geblieben. Modernes Architektur-Design lockt heute Festspieltouristen aus aller Welt.

Sanftmütig und beschaulich präsentieren sich die Mosaiken der ersten Christen. In luxuriösem Glitzer schritten sie vom Taufbereich zur Hauptkirche. Die ersten Christenvereine hatten sich zu wohlhabenden Gemeinden entwickelt. Ab dem 5. Jahrhundert residierten hier die Ilichnidos-Bischöfe. Symbole des damaligen Luxus und Motive der Natur schmückten Tempel und Wohnhäuser. "Gemacht zum Segen, deren Namen Herrgott weiß" sagen die griechischen Lettern. Die Künstler blieben anonym. Ihre prachtvollen Mosaikböden sollten den Eindruck erwecken, als wandle man durchs Paradies.

Abbildungen eines Gottes durfte es nicht geben. Noch herrschten die Römischen Kaiser und damit Bilderverbot. Das heißt, Christus durfte nicht dargestellt werden. Stattdessen Tiere und Pflanzen aus der Umgebung des Sees. Die Kirchenfürsten gewannen an Bedeutung und Macht. Ihr stattliches Gotteshaus Sveti Sophia war mehr als ein Ort der stillen Anbetung. Im Inneren konfrontierten sie die Gläubigen vor tausend Jahren mit einer bis dahin unbekannten Bilderwelt. Die Staatskirche hatte das Bilderverbot gelockert. Jetzt nutzten die Kirchenpotentaten, was sie vorher abgelehnt hatten. Christus durfte als Herrscher thronen! Bald gab es erste Marienbilder. Mit einem ernstblickenden Kind, wie auf einem Kaiserthron. Im Streit um die Person Jesu als Gottes Sohn sollten nun Marienbilder belegen, daß auch Jesus, wie die weltlichen Kaiser, ein Sohn Gottes sei.

Im 11.Jahrhundert tobte ein Machtkampf zwischen dem kaiserlichen Herrscherhaus in Bzyanz und der Römischen Kirche: Der byzantinische Bilderstreit! Wer sollte öffentlich repräsentiert werden? Kaiser oder Kirche ? Fünzig Patriarchen, Episkope und Kirchenschriftsteller beherrschen den Altarraum. Sechs römische Päpste harren in einem Nebenschiff. Frontal und reglos trutzen sie der Zeit. Schließlich entschied eine Synode zugunsten des Bilderkultes. Doch nur was zum rein Geistigen hinführte durfte dargestellt werden. Realität war nicht erlaubt. Und so gab es statt individueller Personen eher schematische Figuren - das lag nicht an der Unfähigkeit der Künstler, sondern am herrschenden Dogma. Es kam zum "Krieg der Sehenden gegen die Voyeure". Schließlich siegten jene Darstellungen, die das Geistige betonten. Die Voyeure mit ihren sinnlichen Darstellungen unterlagen . Das Bild der nackten Märtyrer musste eine Ausnahme bleiben! Die kirchliche Macht von Ohrid erstreckte sich im 11. Jahrhundert von der Donau bis zur albanischen Küste und bis zum Golf von Saloniki.

Das Gotteshaus Sveti Sophia wuchs in immer neuen Anbauten, mit immer neuen Fresken. In ihren Genuß sollten die Gläubigen nicht nur während der Gottesdienste kommen - die Westfassade entstand! Eine transparente Vorhalle, außergewöhnlich grazil, die Blicke von außen ins Innere erlaubt. Nun präsentierte sich die Bilderpracht der Öffentlichkeit. Es scheint, als ob See, Wasser und Himmel mit ihrem Farbenspiel die byzantinischen Maler inspiriert hatten. Wie ein verwunschenes Märchen liegt dieser Quellsee nicht weit von Albanien und lockt mit einmaligen Algen in Türkis und Lila bevor er den tiefen Ohrid-See speist. Ein Kahn führt durch den Ort der Stille.

Im glasklaren Gewässer gibt es keine Fische. Das mineralhaltige Wasser kommt eigentlich vom höher gelegenen Prespasee. Aber erst wenn es den langen, unterirdischen Weg durch das Kalkgebirge durchdrungen hat, sprudelt es in vielen Quellen aus dem sandigen Grund - lautlos und unaufhörlich.

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Europa: Mazedonien

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Kloster Sveti Naum

Kloster Sveti Naum

Ohrid - Eine Stadt am Meer

Der paradiesische Ort - mitten auf der Grenze zwischen Albanien und Mazedonien - ist wie geschaffen für beschauliche Ruhe und innere Einkehr:

Das Kloster Sveti Naum ! Vor mehr als tausend Jahren lebte hier der gleichnamige Mönch und hatte eine Idee: Die Vervielfältigung der Heiligen Schrift. Naum begründete die Ohrider Schreibschule. Viele tausend Schreibschüler haben die Heilige Schrift hinausgetragen in den gesamten Slawischen Raum bis Russland. Aber nicht nur das geschriebene Wort verbreitete sich - auch die Regeln der byzantinischen Kunst und die Kirchengesänge; die orthodoxen Christen zelebrieren sie bis heute in ihrer Liturgie! Damit die Marien- und Heiligenbilder kein Eigenleben entwickeln konnten, wurden sie einst höher gehängt, um Küssen und Berühren unmöglich zu machen. Oder sie wurden hinter Vorhängen verborgen und nur an Festtagen gezeigt. Nicht das Bild sollte angebetet werden, sondern das Göttliche, forderte die Zentralkirche. Die Rituale der orthodoxen Liturgie erinnern an diese Zeit. Und so wie damals würdigen die Gläubigen den Heiligen Naum als großen slawischen Aufklärer und verehren ihn als Schutzheiligen des Ohrid-Sees. Das Kloster Sveti Naum ist für die orthodoxen Christen aus vielen Ländern zum Wallfahrtsort geworden !

Der Ohridsee ist für den Bootstaxifahrer Todor der schönste Arbeitsplatz der Welt. Er kennt die tiefste Stelle des Sees und weiß um verborgene Kostbarkeiten am Ufer, die nur mit dem Boot zu erreichen sind. Zum Beispiel die Höhlenkirche Sveti Nikola. Ihre Fresken sind auf den bloßen Felsen gemalt. Ohne Konservierung und ohne Restaurierung haben sie dem Seeklima standgehalten. Kunsthistoriker schätzen ihr Alter auf 800 Jahre.

Auch dieses Kirchlein Sveti Zaum ist seit jeher nur vom Wasser aus zu erreichen. Es birgt eine Besonderheit der byzantinischen Malerei: eine stillende Gottesmutter. Ihr Antlitz blieb verschont, als die türkischen Invasoren im 14. Jahrhundert selbst diesen verborgenen Ort mit Vandalismus schändeten. Sie nahmen den Bildern die Kraft. Sie zerstörten, was ihnen am mächtigsten schien: Sie stachen den Figuren die Augen aus!

Am Rand der Stadt Ohrid legen Archäologen Gräber, Skelette und Amphoren frei. Schicht für Schicht muss weichen. Kostbare Zeugnisse, bis zu 2000 Jahre alt, werden im Eilverfahren weggeschafft; machen Platz für die Rekonstruktion einer Kirche, die als pompöse Attraktion eines Kirchenzentrums Wallfahrer und Touristen anziehen soll. Wird dieses Imitat die vorhandenen byzantinischen Bauwerke übertreffen ? Nein !!!!

Nur 10 Gehminuten entfernt schlummert ein Schatz, eine architektonische Kostbarkeit - eine Sensation! Die Kirche Sveti Kliment. In ihrem Inneren hatte sich eine bahnbrechende Revolution abgespielt. Man schrieb das Jahr 1260. Die Maler Michael und Eutychios waren aus dem Kunstzentrum von Saloniki zurückgekehrt, bereit mit den Regeln der byzantinischen Bilderkunst zu brechen. Sie wollten ihre eigenen Inhalte darstellen. Traten heraus aus der Anonymität; wagten Unerhörtes: Sie veränderten die visuelle Auffassung der damaligen Welt und drückten neue Ideale aus; ihre Vision von einer neuen Kunst malten sie unaufhörlich auf die Kirchenwände - fast dreißig Jahre lang. Erschütternde Massenszenen, bewegte Gesichtsausdrücke, perspektivische Darstellungen - Michael und Eutychios hatten mit dem alten Anspruch gebrochen. Sie hatten das Weltliche ins Zentrum des Interesses gerückt. Ein Sieg über die Kirchenpatriarchen, der Beginn einer neuen Ära, der Übergang zur italienischen Renaissance!!

Buch und Regie: Monika Kovacsics

Filmmusik & Stab

Kraft, Oliver
Schätze der Welt II
Fabich, Rainer
Ohrid

Buch und Regie: Monika Kovacsics
Kamera: Christoph Feller

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