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14:49 min | Mo, 4.3.2019 | 12:45 Uhr | 3sat

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Le Havre Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg, Frankreich, Folge 335

SWR

Das Kulturdenkmal zeichnet den Wiederaufbau der Stadt Le Havre nach dem 2. Weltkrieg aus. 1945 beauftragt die Regierung den Architekten Auguste Perret mit einem Masterplan die durch englische Bombardierungen stark zerstörte Stadt Le Havre schnellstens wieder aufzubauen. Auf 130 Hektar soll Wohnraum für 60.000 Menschen entstehen, eine Stadtverwaltung, Schulen, Kirchen, Hafenanlagen, Gewerbegebiete und eine repräsentative Infrastruktur - eine komplett neue Stadt. Angesichts des riesigen Schutthaufens und in Ermangelung von Baumaterialien macht Auguste Perret aus der Not eine Tugend und verarbeitet den Schutt zu einzigartigen Betonvariationen

Filmtext

Hier leben die Menschen mit den Gezeiten. Mit Ebbe und Flut, mit dem Kommen und Gehen. Die Mündung der Seine. Wo der breite Fluss in der Normandie mit dem Atlantik verschmilzt - Claude Monet hat seine Heimat in allen Stimmungsfarben gemalt. Das Kommen und Gehen der Schiffe und Menschen, die Hafenidyllen an den Ufern von Honfleur, Deauville und Trouville. Und der große Umschlagplatz der Sehnsucht - Le Havre. Über Jahrhunderte ein europäischer Auswanderungshafen, verbunden für die Menschen mit Hoffnung und Erlösung und Zukunft in der Ferne. Am 6. September 1944 war alles vorbei. Le Havre damals ein von Deutschland besetzter Kriegsstützpunkt, wurde von Englischen Bombern in 2 Tagen dem Erdboden gleichgemacht. Alles, was die Stadt am Meer bis dahin zu bieten hatte, wurde vernichtet. 5000 Menschen sterben im Bombenhagel. Mehr als die Hälfte aller Gebäude der Stadt wird zerstört. Die komplette Infrastruktur der Hafenstadt existiert nicht mehr: kein Bürgermeisteramt, keine Behörden, keine Schule, keine Polizei, keine Läden, keine Kirche - der gesamte Kern der Stadt ein Trümmerfeld. 80 000 Menschen verlieren an diesem Tag ihre Heimat.

Viele europäische Städte werden massiv durch den 2. Weltkrieg zerstört. Aber keine wird so entschieden wieder aufgebaut wie Le Havre. Eine komplett neue Stadt, nach einem einzigartigen Plan, auf dem Fundament einer großen Idee.

Der französische Staat reagiert nach der Bombardierung prompt und kompromisslos. Zu viel ist zerstört, als dass sich eine Rekonstruktion der Historie auch nur vorstellen lässt. Mutig gibt die französische Regierung den Auftrag die Stadt nach einem Masterplan als moderne, urbane Einheit neu zu errichten. Eine spektakuläre, in der internationalen Baugeschichte nie zuvor getroffene, radikale Entscheidung. Auguste Perret erhält den außergewöhnlichen, Auftrag eine Hafenstadt für 80.000 Personen zu planen und zu bauen. Perret ist zu diesem Zeitpunkt schon 71 Jahre alt. Ein Gestalter mit einer klaren Formensprache. Ein anerkannter Architekt mit populären, aber nicht unumstrittenen Bauten in Paris. Er gilt als ein Meister des Beton.

Die Zeit drängt bei soviel Not und Obdachlosigkeit. Auguste Perret arbeitet mit einem Team von 60 Architekten, die meisten davon seine Schüler. Sie alle haben Erfahrung im Umgang mit Betonarchitektur, die ist hier in Le Havre gefragt, denn Perret will ein Schmuckstück aus Eisen, Zement, Sand, Kies und Geröll bauen. Eine neue Stadt aus den Ruinen der alten. Mit einer ganz eigenen Handschrift. Eine Hafenstadt, die überall die Tore zum Wasser offen lässt. Großzügigkeit, Weitläufigkeit, Atem, breite Boulevards, lange Straßen-Achsen. Eine Bebauung, die nichts mehr von der bürgerlichen Enge des 19.Jahrhunderts haben sollte und nichts mehr von der Fachwerkidylle normannischer Bautradition. Le Havre wird mit Perret per Regierungsbeschluss eine Stadt und ein Hafen des 20. Jahrhunderts. Es herrscht Gradlinigkeit und ein einheitlicher Stil.

Das Team um Auguste Perret überlässt nichts einem zu individuellen Gestaltungsausdruck. Alles ist genormt und nichts dem Zufall überlassen. Dennoch entsteht in Le Havre etwas weltweit Unvergleichliches. Eine Stadt aus farbigem Beton .

Dabei wird eine Not zur Tugend. In Ermangelung anderer Baumaterialien lässt Perret den Schrott der Ruinen zu Sand zermahlen, aber streng getrennt nach den jeweiligen Farben der Steine. Daraus wird getönter Beton gemischt, der den Gebäuden eine unterschiedliche Farbigkeit verleiht.

Le Havre ist nach der kompletten Zerstörung ein Stück Vision geworden. Das weiße, abstrakte Gebäude im Herzen der Stadt ist das Kulturzentrum, gebaut von dem brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer als Ergänzung zur farbigen Formensprache Auguste Perrets. Die Gebäude haben weder geografische noch historische Bezüge, sie stehen ganz für sich, für eine neue Zeit und unbelastet für die Vision einer kosmopolitischen Zukunft. Auguste Perret hatte nicht nur Träume in farbigem Beton. Auch das Design seiner Fassaden ist durchaus spielerisch und Dekorationen nehmen Anleihen bei antiken Vorlagen. Das ist fern der Schmucklosigkeit der Moderne und den architektonischen Werten des Bauhauses. Bei Perret funkelt mitunter der mit kleinsten Glassplittern durchdrängte Beton. Und stolze Säulengänge mit gezierten Kapitellen durchziehen die Arkaden der Stadt und ihre repräsentativen Gebäude. Eine solche Liaison zwischen Gradlinigkeit, Klarheit und bescheidener Maniriertheit in der Architektur des 20. Jahrhunderts gibt es nur hier.

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Europa: Frankreich

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Bauwerk in Le Havre

Bauwerk in Le Havre

Blick über die Stadt und den Strand

Blick über die Stadt

Die Straßen der Stadt

Hochhäuser

Blick auf den Turm von Saint Joseph, Le Havre

Le Havre

Le Havre sollte nicht mehr in seinem Muff der vergangenen Jahrhunderte ersticken. Die Stadt ist jetzt frei und die Offenheit verleiht ihr eine lässige Großzügigkeit. Nichts drängt sich hier, keine Hektik. Eine gewisse Erhebung regiert die Stadt. Nur wenige alte Fassaden haben überlebt und nur ein Gebäude: Notre Dame, die alte Sandsteinkirche, nicht weit vom Hafen.

Auguste Perret ist nicht nur gestalterisch konsequent, sondern auch planerisch. Mehr Lebensqualität heißt für den Architekten, mehr Raum, mehr Licht, mehr Freiheit. Die räumliche Großzügigkeit hat einen durchaus sozialen Hintergedanken. Mehr Entfaltungsraum für den Einzelnen. Auguste Perret hat dies mit einer planerischen Entscheidung für Le Havre erwirkt. Statt des verlorenen Lebensraumes von 80 000 Menschen hat er nur noch für 60 000 Personen Platz geschaffen. Das gibt dem Stadtkern heute, der um das zentrale neue Rathaus gruppiert ist, seine unaufgeregte urbane Großartigkeit.

Das Rathaus und die Kirche St. Joseph sind die zentralen, markanten Einzelbauten von Auguste Perret. St. Joseph wird das weithin sichtbare Wahrzeichen von Le Havre. Keine grazile Schönheit wie ein Glockenturm der Gotik. Massiv, eckig - achteckig - streckt sich der hochhausähnliche Turm gegen den Himmel, gegen das Meer. Ein Leuchtturm. In seinem Inneren entfaltet der leuchtende Kirchturm seine Poesie. 12 700 funkelnde Glasscheiben, ein Lichtgedicht für die Kriegstoten von Le Havre. Ein Raumschiff für eine neue Zeit, ein ganz neues Universum.

Auguste Perret hat selbst den Beton zum Leuchten gebracht. Und der Stadt, gegründet 1517, eine komplett ausgewechselte Identität. Sie ist nach wie vor der zweitgrößte Hafen Frankreichs, aber architektonisch ist sie näher ans Meer gerückt.

Stolz öffnet jetzt die Porte Océane ihre Gebäude zum Strand. Und die herrschaftliche Avenue Foche mündet nun direkt ins Meer. Am Rande der Stadt ducken sich noch einige der alten Häuser während im Hintergrund die Neustadt die Zeichen setzt. Der Hafen floriert, expandiert, keine Auswanderer mehr auf Segelschiffen, aber noch immer ein Kommen und Gehen. Ein Platz der Hoffnung, ein Hafen der Sehnsucht und der Versöhnung mit der Geschichte. "Architektur" sagte Auguste Perret, "ist die Kunst den Raum zu organisieren". In diesem Sinn hat er die Stadt Le Havre zu einem Gesamtkunstwerk des 20. Jahrhunderts gestaltet.

Buch und Regie: Horst Brandenburg

Film & Stab

Musik:
Schätze der Welt II - Vor- und Abspann
Oliver Kraft
Soundtrack Plantin-Moretus
Marc Feigenspan DOUBLEHEAD music and soundtracks

Buch und Regie: Horst Brandenburg
Kamera: Matthias Merz

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