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Europa: Armenien Filmtext & Video

Klöster Haghpat und Sanahin

14:51 min | So, 1.7.2018 | 6:00 Uhr | SWR Fernsehen

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Haghpat: Kloster Haghpat und Sanahin, Armenien, Folge 328

SWR

Die Klöster Haghpat und Sanahin gehören zu den wichtigsten Bauwerken Armeniens. Gegründet wurden beide nach 960 von der Königin Chosrowanusch. Obzwar sie einerseits zwei selbstständige Klöster waren, sind sie geschichtlich betrachtet Geschwisterklöster mit sich ergänzenden Ensembles. Das Kloster Haghpat war ein Wehrkloster, das über dem gleichnamigen Ort von weitem sichtbar thront. Mittelpunkt des Klosters Sanahin und ein absolutes Kleinod der Baukunst: die Bibliothek. Sie weist Sanahin als einen gewichtigen Ort des armenischen Geistesleben aus.

Filmtext

Armenien: Land der Berge. Land der Kreuze... Seit Jahrhunderten Bollwerk der Christenheit im geheimnisvollen Kaukasus. Im Zeichen des Kreuzes sind viele gefallen. In nicht enden wollenden Kämpfen gegen Perser, Araber, Türken. Doch wenn der Feind zurückgedrängt war, wurden neue Kirchen gebaut und Klöster gestiftet. So auch im zehnten Jahrhundert, der Epoche der armenischen Renaissance.

Weltwunder: Kloster in Sanahin

Kloster Sanahin

Im Norden des Landes, dort wo heute die Industriestadt Alaverdi die Landschaft dominiert, wurde das Kloster Sanahin gegründet.

Bis zum 13. Jahrhundert immer wieder erweitert, fasziniert die Kosteranlage durch ihre imposanten Vorhallen - Gawits genannt. In Sanahin ein dreischiffiger Raum ohne Kuppel, der von Pfeilerarkaden aus kurzen Säulen und eleganten Bögen harmonisch unterteilt ist.

Weltwunder: Kloster in Haghpat

Weltwunder: Kloster in Haghpat

Bloß drei Kilometer Luftlinie entfernt liegt in 1200 Meter Höhe Sanahins ungleiche Schwester. Geschützt von mächtigen Mauern scheint das Kloster Haghpat aus dem Boden zu wachsen als wolle es sich einem Widersacher in den Weg stellen. Ein Kloster als Schutz- und Trutzburg, von dessen Türmen aus man die Landschaft kontrollieren kann.

Wenig später nur als Sanahin wurde Haghpat Mitte des zehnten Jahrhunderts gegründet. Seine Satteldächer erinnern an Wachtürme und Bunker. Denn Haghpat ist nicht allein ein Ort frommer Besinnung, sondern war als Wehrkloster konzipiert.

Eine bauplastische Besonderheit ist die Darstellung der Könige Gurgen und Smbat am Ostgiebel der Klosterkirche zum Heiligen-Kreuz. Mit orientalischer Kopfbedeckung präsentieren sie das Modell dieses ersten Sakralbaus von Haghpat.

Die Brüder führten das Werk ihrer königlichen Mutter Chosrovanusch fort, die "zum Wohle ihrer Söhne" Sanahin und Haghpat gründete. Am höchsten Punkt der Klosteranlage, das Wahrzeichen von Haghpat als architektonisches Meisterstück: der mehreckige, oktogonale Glockenturm von 1245.

Die durch Rosetten gemildert strenge Geometrie seiner Fenster lässt sich als "Menschengestalt" deuten. Und als Kreuz, das in vielfältiger Form die Baukunst Armeniens schmückt. An den äußeren Ecken scheint sich der 34 Meter hohe Glockenturm durch Stalaktiten-Baldachine zu einem islamischen Bauwerk zu verwandeln. Doch in unmittelbarer Nachbarschaft, das allgegenwärtige Kreuz.

Die verschiedenen Stilelemente des Glockenturms sind architektonischer Ausdruck der Stellung Armenien zwischen Orient und Okzident. Eine armenische Eigenart sind solche Fensterverzierungen, die an langgezogene Frauen-Wimpern denken lassen: die „Wimpern-Fenster“ könnte auch Schießschächte gewesen sein, was zum "wehrhaften Charakter" des Klosters Haghpat passen würde.

Viele Jahrhunderte war das der einzige direkte Weg vom Tal zum Kloster Sanahin. Eine Brücke. Eine Königin hatte sie 1192 zur Ehre ihres verstorbenen Mannes bauen lassen.

Gemeinsam mit den beiden Klöstern gehört auch die Bogenbrücke über den Debed zum armenischen Weltkulturerbe.

Weltwunder: Seitenwand eines Klosters in Sanahin

Kloster Sanahin: Kirche Amenaprkich - Detail

Drei Kirchen. Zwei Vorhallen. Glockenturm. Akademie und Bibliothek. Die Klosteranlage Sanahin. Eine majestätisch strenge Architektur, mit zierlichen Ornament angereichert. Das älteste Bauwerk ist die 934 errichtete Astwazazim-Kirche, der Mutter-Gottes geweiht.

Typisch armenisch sind die Gawits - zumeist viel imposanter als die älteren Kirchen, denen sie vorgelagert sind. In Sanahin wurden die Gawits zwei bis drei Jahrhundert nach den Kirchen gebaut, denen sie als Vorhallen dienen. Die ersten armenischen Gawits stammen vermutlich bereist aus dem 11. Jahrhundert: welche Funktion ihnen zugedacht war lässt sich nicht mit letzter Bestimmtheit sagen. Aber gewiss kann man sich solche Räumlichkeiten als "Mehrzweckhallen" vorstellen.

Vielleicht waren die Gawits mit ihren tonnenschweren Gewölben und den "Kissen-Säulen" architektonischer Ausdruck klösterlicher Machtentfaltung. Und Versammlungsort werden sie auch gewesen sein - für das einfache Volk ebenso wie für die hohe Geistlichkeit. Und wahrscheinlich suchte man hier auch den göttlichen Schutz vor den allzu häufig auftauchenden Feinden.

Nicht selten waren die "Vorhallen" die letzte Ruhestätte der einst in den Klöstern lebenden Mönche und Diakone. Und manchmal wurden auch besonders fromme Laien in den Gawits beigesetzt. Als Grabstätten nennt man das Gawit "Schamatun". Letzter Aufenthaltsort der Frommen in der vergänglichen Welt.

In Sanahin sind nur wenige Grabplatten mit deutlicher Menschendarstellung erhalten, Hat sich doch die armenisch-orthodoxe Kirche über die Jahrhunderte eine deutliche Distanz zu "Bildern" bewahrt.

Nach der Tradition wurde in Armenien das Christentum Ende des 3. Jahrhunderts zur Staatsreligion erhoben. Und somit gilt das Land im Kaukasus als das erste christliche Staatsgebilde weltweit.

Die armenische Kirche hängt der Lehre vom Monophysitismus an: das bedeutet, sie anerkennt Christus als den wahrhaft göttlichen Sohn des himmlischen Vaters. Dass Christus nicht bloß Gott ist, sondern auch Mensch geworden sei, wie es der Zwei-Naturen-Lehre entspricht, das glauben die Armenier ebenso wenig wie die meisten anderen christlich-orientalischen Kirchen.

Die Hauptkirche des Klosters Sanahin ist denn auch ausdrücklich nicht dem "Menschensohn", sondern allein Christus dem göttlichen Erlöser geweiht. Die Erlöser-Kirche ist ein karger, zwischen 961 und 972 erbauter Kuppelsaal. Doch bereits im vierten Jahrhundert soll Gregor der Erleuchter, der den Armeniern das Christentum brachte, hier eine erste Klosterkirche gebaut haben. An jener Stelle, wo vielleicht einst ein heidnischer Tempel stand.

Fresken sind in Armenien eine Seltenheit. Indessen als das Nachbarland Georgien im 12.und 13. Jahrhundert die Oberhoheit gewann, kam die Wandmalerei in Mode. Doch nach Georgiens Abzug vernachlässigte man schnell wieder diese fremdländischen Fresken, denn das Interesse an bildnerischen Darstellungen war auch damals gering. Und so blieb das "Ornament", das als mystisches Zeichen gedeutet werden kann, lange der vorherrschende Schmuck in den Gotteshäusern.

Weltwunder: Kloster in Haghpat

Weltwunder: Kloster in Haghpat

Das Kloster Haghpat - wehrhafte Feste des christlichen Glaubens. Haghpat ist der Aufbewahrungsort einer berühmten Sammlung der nur in Armenien vorkommenden Chatschkars: aus weichem Tuffstein geschlagene Kreuzsteine. Deren Ursprünge liegen wohl in heidnischer Urzeit.

Im Zentrum dieser Gedenk- und Grabsteine stets das Kreuz; seit dem elften Jahrhundert oft von einem Ziergeflecht umrahmt. Dennoch ist kein Chatschkar dem anderen gleich.

Diese doppelten Stufen verweisen auf den Weg Christi nach Golgatha… …und die blütenartigen Ranken aus denen das Kreuz wächst sind der Lebensbaum: Symbol für Christi Tod und Auferstehung.

Das Kloster Haghpat ist der Ort vieler Kostbarkeiten. Und eine besondere befindet sich in einem unscheinbaren Gang, der eine Kapelle von einer Kirchenvorhalle trennt.

Hoch in den Lüften, unter dem Gewölbe, unerreichbar für den Klosterbesucher, eine Sensation. Das bedeutendste Exemplar jener äußerst seltenen Kreuzsteine mit figürlicher Darstellung… Christus am Kreuz aus dem Jahr 1273 - zu seinen Füßen Joseph von Arimathia und der heilige Nikodemus. Bei diesem Chatschkar ist der traditionelle Lebensbaum der Kreuzigungsszene gewichen: Christus ist der Erlöser, auch für das von Feinden bedrängte armenische Volk - das ist die Botschaft.

SA-NA-HIN… das soll vor Jahrhunderten ein Gelehrter ausgerufen haben beim Anblick des Kloster. Auf Armenisch bedeutet das so viel wie "das ist älter". Und seit dem gilt Sanahin als das älteste der beiden ungleichen Geschwisterklöster.

Vermutlich anfangs des 11. Jahrhunderts hat Prinz Pahlavuni in Sanahin die hochangesehene Klosterakademie gegründet. Ein Tonnengewölbe mit so genannten Gurtbögen und massiven Stützpfeilern. Zwischen diesen die Schüler sitzend, die Weisheiten des Orient und Okzident studierend… und das armenische, das zur indogermanischen Sprachfamilie zählt. Deren kunstvolle Schriftzeichen Ende des vierten Jahrhunderts der Mönch Mesrop Maschtots entwickelte.

Spärliches Licht. Denn was in diesem quadratischen Saal ohne Raum-Säulen einst aufbewahrt wurde, musste das Helle scheuen: die Pergamentrollen der Bibliothek von Sanahin. Kunstvoll geschmückt und stets mit einem anderen Dekor verziert, die Wandsäulen der Bibliothek. Kleinode der bauplastischen Kunst. Sie sind jeweils einer der damals bekannten Wissenschaften gewidmet: der Mathematik und der Theologie zum Beispiel.

Die Bibliothek - armenisch Matenaderan - stammt in ihrer heutigen Form aus dem 13. Jahrhundert. Diese Wandsäule, in sechs kleine Pfeiler unterteilt, ist den "Schönen Künsten" und den Kulturwissenschaften gewidmet. Zauberhafte Geflechte, die in ihrer Meisterschaft eindringlich an jene Zeit erinnern als sich in Armenien Kunst und Gelehrsamkeit frei von äußeren Beschränkungen entfalten konnte. Die Bibliothek ist das ungewöhnlichste Bauwerk von Sanahin, eine der schönsten und harmonischsten Klosteranlagen in ganz Armenien.

Buch und Regie: Rudij Bergmann

Filmmusik & Stab

Musik:

Schätze der Welt II - Vor- und Abspann
Oliver Kraft

Testament für Streichquartett:
Tigran Mansurian


Buch und Regie: Rudij Bergmann
Kamera: Gerd Bleichert

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