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Filmtext & Video

14:32 min | So, 29.9.2019 | 6:00 Uhr | SWR Fernsehen

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Kishi Pogost, Russland, Folge 174

SWR

Kishi Pogost im Onega-See. Während der eisfreien Zeit erreicht man die Insel im Norden Russlands mit dem Boot von Petrosawodsk aus. Kishi heißt auf deutsch Insel und mit Pogost bezeichnete man im alten Russland eine Verwaltungseinheit. Heute bedeutet Pogost jedoch "Friedhof mit Kirche". Herausragendes Bauwerk ist die 35 Meter hohe Verklärungskirche, die von 22 Kuppeln bekrönt wird. Sie gilt als der kühnste erhaltene Holzbau Russlands. Er wird dem legendären Baumeister Nestor zugeschrieben, der nach der Fertigstellung 1714 seine Axt weit in den Onega-See geschleudert haben soll: "So eine gab es nie, es gibt keine zweite und es wird nie eine geben", hat er angeblich dabei gerufen.

Filmtext

"Ich bin der letzte Dichter des Dorfes, schüchtern in Liedern die Brücke aus Brettern. In der Abendandacht der Birken - steh ich - sie weihräuchern mit ihren Blättern. Nieder brennt mit goldener Flamme die Kerze (mein Körper, ich). Und des Mondes hölzerne Uhren schlagen gleich zwölf - sie meinen mich." Der Dichter Jessenin 1920.

Das russische Dorf - gibt es das noch? Ein richtiges russisches Dorf, wo nachts die Fenster nicht blau sind vom Licht der Fernseher, wo kein Öl in den Pfützen schwimmt. Ein Dorf, das noch sauber ist und still, und das Leben geht im Takt der Jahrhunderte? Nein, das gibt es nicht mehr. Doch, das russische Dorf gibt es noch. Und zwar auf einer Insel im Onega-See. Kishi heißt die Insel. Eigentlich sind es zwei Dörfer, oder drei ...? Drei Dörfer im russischen Norden, eines schöner und urtümlicher als das andere. Leider sind sie nur ein Traum.

Die Touristen kommen entweder in Kufenbooten - dann sind es russische Touristen. Oder in großen weißen Flussdampfern - dann sind es Ausländer. An manchen Sommertagen kommen tausende von ihnen auf die Insel. Sie kommen nicht der Dörfer wegen. Die Dörfer sind nur Nebensache auf Kishi. Die Touristen setzen keinen Fuß in die Dörfer. Sie haben ihre Reise in Frankreich, Deutschland, Japan, Amerika gebucht, eine Flussfahrt von Moskau nach St. Petersburg und umgekehrt, und bereits im Reiseprospekt hat ein Bild, ein besonderes russisches Bild ihnen Freude gemacht - das Bild der Verklärungskirche von Kishi.

Kishi Pogost, Station jeder Flusskreuzfahrt, Weltkulturerbe Drei Gebäude hinter einer Mauer: die imposante Verklärungskirche, die etwas jüngere Fürbittenkirche und ein Glockenturm aus dem neunzehnten Jahrhundert.

Im Altrussischen Staat bezeichnete das Wort Pogost eine Verwaltungseinheit. Zum Pogost Kishi gehörten einst 29 Dörfer aus den umliegenden Inseln. Eigentlich heißt Pogost jedoch Friedhof mit Kirche. Einige Kreuze haben das vergangene Jahrhundert überdauert. Andere sind neu aufgestellt. Auf alten Gräbern.

Mit ihren 22 silbrig glänzenden Holzkuppeln ist die Verklärungskirche der kühnste erhaltene Holzbau Russlands. Er wird einem legendären Baumeister Nestor zugeschrieben, der nach der Fertigstellung, 1714, seine Axt genommen und weit in den Onega-See geschleudert haben soll: "So eine gab es nie, es gibt keine zweite und es wird nie eine geben!"

Der Tourist ist enttäuscht, wenn er erfährt, dass er die Kirche nicht betreten kann: der Innenraum wird gerade restauriert, er wird seit Ewigkeiten restauriert. Besichtigen kann man die Fürbittenkirche. Außerdem stehen dem Besucher eine Reihe von Bauernhäusern offen, die seinen Rundweg über den Südzipfel der Insel Kishi säumen.

Niemand bleibt über Nacht, es gibt auch gar keine Herberge; spätestens um Acht senkt sich Stille über die Insel, während die Nördliche Sonne weiterscheint.

In der russischen Geschichte ist alles Holz. Wie viel wurde nicht sinniert, geschrieben, gedichtet über den Zusammenhang von Holz und russischer Seele ! Holz, das warme, Holz, das starke, woran man sich stoßen kann, aber nicht wirklich verletzen kann.

Alles in Russland war Holz, noch bis weit ins vergangene Jahrhundert hinein. Bis das Wohnsilo kam.

Die Lasarkirche, 14. Jahrhundert, ist Russlands älteste Holzkirche. Nicht eigentlich alt für ein Land, das seit tausend Jahren christlich ist. Dass ganz Russland keinen älteren Holzbau aufzuweisen hat, zeugt von einer bewegten, an Feuersbrünsten und anderen Katastrophen reichen Geschichte.

Die Lasarkirche steht ebenso wenig wie die Bauernhäuser an ihrem angestammten Platz - sie alle kommen von anderen Inseln oder von irgendwoher vom Festland. Blockhäuser kann man leicht auseinandernehmen und wieder aufbauen. Eine Versuchung, der die Historiker der Nachkriegszeit nicht widerstehen konnten. Die großen Bauernhäuser, an denen sie interessiert waren, gehörten ja niemandem. Ihre Eigentümer, nach sowjetischer Auffassung reiche Bauern, "Kulaken", waren meist in den dreißiger Jahren vertrieben und verhaftet worden. So bewahrte man Baudenkmäler, die sonst verrottet wären und schuf gleichzeitig ein künstliches Reservat russischer Holzkultur. Kishi ist ein Freilichtmuseum.

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Europa: Russische Föderation - Kishi Pogost

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Das russische Dorf - gibt es das noch? Ein richtiges russisches Dorf, wo nachts die Fenster nicht blau sind vom Licht der Fernseher, wo kein Öl in den Pfützen schwimmt.

Das russische Dorf - gibt es das noch? Ein richtiges russisches Dorf, wo nachts die Fenster nicht blau sind vom Licht der Fernseher, wo kein Öl in den Pfützen schwimmt.

Ein Dorf, das noch sauber ist und still, und das Leben geht im Takt der Jahrhunderte?

Das russische Dorf gibt es noch. Und zwar auf einer Insel im Onega-See.

Kishi heißt die Insel.

Kishi Pogost, Station jeder Flusskreuzfahrt, Weltkulturerbe. Drei Gebäude hinter einer Mauer: die imposante Verklärungskirche, die etwas jüngere Fürbittenkirche und ein Glockenturm aus dem neunzehnten Jahrhundert.

Eigentlich heißt Pogost jedoch Friedhof mit Kirche. Einige Kreuze haben das vergangene Jahrhundert überdauert. Andere sind neu aufgestellt. Auf alten Gräbern.

Mit ihren 22 silbrig glänzenden Holzkuppeln ist die Verklärungskirche der kühnste erhaltene Holzbau Russlands. Er wird einem legendären Baumeister Nestor zugeschrieben, der nach der Fertigstellung, 1714, seine Axt genommen und weit in den Onega-See geschleudert haben soll: "So eine gab es nie, es gibt keine zweite und es wird nie eine geben!"

Besichtigen kann man die Fürbittenkirche. Außerdem stehen dem Besucher eine Reihe von Bauernhäusern offen, die seinen Rundweg über den Südzipfel der Insel Kishi säumen.

Niemand bleibt über Nacht, es gibt auch gar keine Herberge; spätestens um Acht senkt sich Stille über die Insel, während die Nördliche Sonne weiterscheint.

Die Lasarkirche, 14. Jahrhundert, ist Russlands älteste Holzkirche. Nicht eigentlich alt für ein Land, das seit tausend Jahren christlich ist. Dass ganz Russland keinen älteren Holzbau aufzuweisen hat, zeugt von einer bewegten, an Feuersbrünsten und anderen Katastrophen reichen Geschichte.

Die Lasarkirche steht ebenso wenig wie die Bauernhäuser an ihrem angestammten Platz - sie alle kommen von anderen Inseln oder von irgendwoher vom Festland.

Blockhäuser kann man leicht auseinandernehmen und wieder aufbauen. Eine Versuchung, der die Historiker der Nachkriegszeit nicht widerstehen konnten. Die großen Bauernhäuser, an denen sie interessiert waren, gehörten ja niemandem. Ihre Eigentümer, nach sowjetischer Auffassung reiche Bauern, "Kulaken", waren meist in den dreißiger Jahren vertrieben und verhaftet worden. So bewahrte man Baudenkmäler, die sonst verrottet wären und schuf gleichzeitig ein künstliches Reservat russischer Holzkultur. Kishi ist ein Freilichtmuseum.

"Dorf-Reservat" - so nennen die Museumsleute wirklich die Dörfer von Kishi. Sofern sie bewohnt sind. Es gibt auch unbewohnte, die heißen "Sektoren". Kishi ist ein Reservat für eine verloren gegangene Zeit. Auf all den Inseln und an den Ufern des Onega-Sees gab es einst eine blühende bäuerliche Kultur. Alles verloren. Das wenige, was in den fünfziger und sechziger Jahren noch übrig war, transportabel und erhaltenswert schien, nahmen die Museumsleute mit und stellten es in Kishi auf. Bewahrer und Vollstrecker in einem.

Der Unesco ist das suspekt. Ins Weltkulturerbe nahm sie nur den Pogost auf, mit den zwei Kirchen und dem Glockenturm. Denn die haben immer schon hier auf Kishi gestanden. So kommt es, dass Russlands älteste Holzkirche nur einen Steinwurf entfernt ist von einer Stätte des Weltkulturerbes und doch nicht dazugehört.

Was die Touristen nicht sehen: das Innere der Verklärungskirche. Nichts ist mehr da, ein Stahlgerüst und Baubretter ragen bis unter die Kuppeln. Ohne das Gerüst würde die Kirche einstürzen. Weit über die Hälfte ihrer Baken ist völlig morsch. Die Füße des Gerüsts stehen in der Erde alter Gräber. Nicht einmal die sterblichen Überreste der Priester früherer Jahrhunderte hat man vorher umgebettet. Weltkulturerbe.

Seit Jahrzehnten wird gestritten, wie die Verklärungskirche vor dem Verrotten zu bewahren sei. Der Streit nährt Generationen von Streitenden.

Der neue Pfarrer von Kishi. "Jeder Tourist", sagt er "zahlt mit dem Preis für seine Kreuzfahrt zwölf Dollar Eintritt für Kishi. Und angesichts des schönen Geldes wagt man nicht, die Verklärungskirche einfach auseinander zunehmen und neu wiederaufzubauen."

Wie lange aber hält sich die Kirche noch an ihrem Gerüst ? Die Chemikalien, mit dem man in den siebziger Jahren tränkte, haben den Verfall nur beschleunigt. "Einfach auseinandernehmen und neu aufbauen", meint der Pfarrer. "Altes Holz. Kommt es darauf an " auf dreihundertjähriges Holz ? Nein. Auf den Glauben kommt es an."

Sein Vorgänger, er wurde 1937 erschossen, weil er gegen das staatliche Verbot Gottesdienst gehalten hatte. Fast sechzig Jahre waren die Kirchen entweiht, Kishi ohne Pfarrer. Jetzt, seit der neue da ist, findet in der Fürbittenkirche wieder regelmäßig Gottesdienst statt.

Die untere Reihe des Ikonostas zeigt Szenen aus dem Leben Jesu. In der Mitte sein Einzug nach Jerusalem auf dem Rücken eines Esels. In Russland gibt es keine Esel, der Maler hatte nie einen gesehen. Und darum sieht der Esel, auf dem Jesu reitet, wie ein Fabeltier aus.

Viele der Ikonen von Kishi sind verlorengegangen und werden neu angefertigt. Die Malerinnen kommen aus Moskau und wohnen in einem jener Dörfer, die zu schön sind, um nicht ein Traum zu sein.

Die Glocken von Kishi. Auch sie gehören dem Museum, stammen nicht von hier. "Die Leute in den Dörfern haben nie Einspruch erhoben," sagt eine langjährige Mitarbeiterin, "wenn wir die Glocken aus den Kirchen holten. Aber geholfen hat uns keiner..".

Im Dorf Reservat Jamka, die meisten Bewohner sind Museumsleute. Ferner ein paar Sommergäste. Auch leben zwei, drei Alte hier, die sind sozusagen mit ihren Häusern herübergezogen auf die Insel. Samstags wird die Banja angeheizt, das gute, alte russische Schwitzbad.

Könnten sie es oder könnten sie es nicht? Die Zimmerleute von Kishi pflegen - im Dienst des Museums natürlich - die traditionelle russische Baukunst, die im wesentlichen nur ein Werkzeug kennt. Sind sie in der Lage die Verklärungskirche auseinander zunehmen und neu wieder aufzubauen? Sie können warten. Zu tun gibt es auch so genug auf Kishi. Ihre Stunde kommt bestimmt.

Buch und Regie: Andreas Christoph Schmidt

Filmmusik & Stab

Oliver Kraft
Schätze der Welt II
Notschenka
Fedor Schaljapin

Buch und Regie: Andreas Christoph Schmid
Kamera: Oleg Stinski

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