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SENDETERMIN So, 29.9.2019 | 6:00 Uhr | SWR Fernsehen

Europa: Russische Föderation Kishi Pogost

Das warme Holz

Kishi Pogost im Onega-See. Während der eisfreien Zeit erreicht man die Insel im Norden Russlands mit dem Boot von Petrosawodsk aus. Kishi heißt auf deutsch Insel und mit Pogost bezeichnete man im alten Russland eine Verwaltungseinheit. Heute bedeutet Pogost jedoch "Friedhof mit Kirche".

Kishi Pogost, Station jeder Flusskreuzfahrt, Weltkulturerbe

Kishi Pogost, Station jeder Flusskreuzfahrt, Weltkulturerbe

Herausragendes Bauwerk ist die 35 Meter hohe Verklärungskirche, die von 22 Kuppeln bekrönt wird. Sie gilt als der kühnste erhaltene Holzbau Russlands. Er wird dem legendären Baumeister Nestor zugeschrieben, der nach der Fertigstellung 1714 seine Axt weit in den Onega-See geschleudert haben soll: "So eine gab es nie, es gibt keine zweite und es wird nie eine geben", hat er angeblich dabei gerufen.

Insgesamt gibt es etwa 60 historische Holzbauten in Kishi. Die wenigsten stehen an ihrem angestammten Platz, sie kamen von anderen Inseln oder vom Festland. Blockhäuser kann man leicht auseinandernehmen und wieder aufbauen. Eine Versuchung, der die Historiker der Nachkriegszeit nicht widerstehen konnten. Die großen Bauernhäuser, an denen sie interessiert waren, gehörten niemandem. Ihre Eigentümer, nach sowjetische Auffassung reiche Bauern, "Kulaken", waren meist in den dreißiger Jahren vertrieben oder verhaftet worden. So bewahrte man Baudenkmäler und schuf gleichzeitig ein künstliches Reservat russischer Holzkultur. Kishi Pogost ist ein Freilichtmuseum.

Das russische Dorf - gibt es das noch?

Das russische Dorf - gibt es das noch?

Der Film von Andreas Christoph Schmidt zeigt auch wie schwierig es ist diese Holzbauten zu erhalten. So wäre die Verklärungskirche ohne das Gerüst in ihrem Inneren schon längst eingestürzt. Die meisten der Balken sind völlig morsch. Seit Jahrzehnten wird gestritten wie die Kirche vor dem Verrotten zu bewahren sei. Soll man die Kirche einfach auseinander nehmen und wieder aufbauen?

Trotz des Verfalls ist Kishi Pogost ein Traum. Es ist der Traum von einem russischen Dorf. Ein russisches Dorf, wo nachts die Fenster nicht blau sind vom Licht der Fernseher, wo kein Öl in den Pfützen schwimmt. Ein Dorf, das noch sauber ist und still und in dem das Leben im Takt der Jahrhunderte geht. Und es ist ein Abbild der russischen Seele in der alles Holz ist. Wie viel wurde nicht sinniert, geschrieben und gedichtet über den Zusammenhang von Holz und russischer Seele. Holz, das warme Holz, das starke. Das woran man sich stoßen, aber nicht wirklich verletzen kann.

Daten & Fakten

Kulturdenkmal: Kirchen von Kishi Pogost (Insel Kishi im Onegasee)
Unesco-Ernennung: 1990
1693
ältere Holzkirchen durch Brand vernichtet
1714
Weihe der Christi - Verklärungs - Kirche
1759
Vollendung der Ikonostase (Bilderwand) in der Christi - Verklärungs - Kirche
1764
Vollendung des Baus der Mariä - Schutz - Kirche
1862
Rekonstruktion eines mehrfach durch Brand vernichteten achteckigen Glockenturms
1959/60
Restaurierung der Christi - Verklärungs - Kirche

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