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Filmtext & Video

14:45 min | Mo, 7.10.2019 | 12:45 Uhr | 3sat

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Kaya, Kenia, Afrika, Folge 391

SWR

Im Mittelpunkt des Films stehen drei der neun von der UNESCO zum Welterbe erklärten Wälder. Sie sind die letzten Reste eines riesigen Dschungels, der sich bis ins vergangene Jahrhundert an der Küste Kenias zum Indischen Ozean erstreckte. <br />In diesem Wald lagen die 'Kayas', das bedeutet "Platz" oder "Ort". Bis vor etwa fünfzig Jahren waren es noch Dörfer, welche die Stämme der Mijikenda vor langer Zeit auf ihrer Flucht vor den Massai, zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert, versteckt im Dschungel gegründet hatten. Heute existieren diese Stammeskonflikte nicht mehr. Aus den "Kayas" sind heilige Plätze geworden, an denen die Clans ihre Toten beerdigen, die Ahnen verehren oder sich der Ältestenrat versammelt. Um die heiligen Plätze nicht zu entweihen dürfen diese nur barfuß betreten werden.


Filmtext

Markt in Ukunde bei Mombasa. Alle sind gekommen, die Massai mit ihren roten Gewändern, die Samburu und die Mijikenda, deren einzelne Clans der Kundige an der Tätowierung unterscheiden kann. Suaheli ist ihre gemeinsame Sprache. Sie steht für das Verschmelzen zweier gegensätzlicher Welten, afrikanischer Elemente mit arabischen, hier an der Küste zum indischen Ozean.

Handel führte die Völker zusammen. Es ging um Gewürze, Elfenbein und Sklaven. Das weckte Begehrlichkeiten, brachte Kriege und Unterdrückung. Heute sitzen sie friedlich nebeneinander. Doch ohne die Vertreibung durch die Massai wären die Mijikenda nie an dieser paradiesischen Küste gelandet.

Die Geschichte beginnt im fünfzehnten, andere behaupten im 17.Jahrhundert, denn  schriftliche Aufzeichnungen existieren erst aus späterer Zeit. Sie flohen aus einem Land, namens Singwaya oder Shungwaya.  Irgendwo nördlich des Tana-Flusses im heutigen Somalia wird es vermutet. So erzählen es ihre Mythen. Ob sie auf dem Landweg kamen, oder übers Meer, ist nicht überliefert. 

Zu dieser Zeit war die Küste bis tief ins Land von einem dichten Dschungel bedeckt. Ein ideales Versteck für Menschen auf der Flucht. Bepackt mit wenigen Habseligkeiten wanderten sie in kleinen Gruppen in den Urwald hinein. Es muss ein beschwerlicher Weg gewesen sein, ein schmaler Pfad, den sich die Natur gleich wieder zurückholte. Manchmal trafen sie auf riesige, umgestürzte Bäume, dann waren im aufgerissenen Blätterdach der Himmel und die Sonne zu sehen. Auf einer dieser Lichtungen gründeten sie ihr erstes ‚Kaya’. ‚Platz’ oder ‚Dorf’ bedeutet das Wort in der Mijikenda-Sprache.

In den Shimba Hills auf diesem Hügel soll es gewesen sein. Ein Weg führt tief im Dschungel zu einem gerodeten Rund, Hütten aus geflochtenem Palmstroh, in der Mitte ein kleiner Wald, ein heiliger Ort, auf der anderen Seite vielleicht der Fluchtweg, für alle Fälle. So könnte das erste Dorf ausgesehen haben.

Nichts ist mehr übrig, alles hat der Urwald verschluckt. Die meisten Kayas sind allerdings nicht in den Tiefen des Dschungels verschwunden, sondern mit ihm. Ganz wenige haben die Rodung und Nutzbarmachung der Küstenregion Kenias überlebt. Auch deren Existenz ist bedroht.  Zementwerke mit ihrem Bedarf an Kalkstein und der Erzabbau fressen sich in die letzten Wälder hinein.

Hier konnte die Gier nach Bodenschätzen gerade noch am Rand des Waldes gestoppt werden. Barak und Ngua sind auf dem Weg zu einem Treffen des Ältestenrates. Der verschlungene Pfad ist noch der gleiche, der sich einst im Dickicht des Waldes verlor und nur den ins Dorf führte, der des Weges kundig war. Das frische Grab eines Mannes und einer Frau. Die Toten sind die letzten ständigen Bewohner des Kayas, sie haben eine besondere Rolle als Vermittler zwischen den Menschen und Gott. Die beiden opfern Palmwein. Auch die Frauen sind auf dem Weg zur Versammlung.

Sie bringen Wasser von einer nahen Quelle. Nur wenige Schritte sind es zu einem Opferaltar der besonderen Art. Er soll die bösen Geister auf sich ziehen. Jeder, der vorbeikommt, legt einige bittere Früchte oder Kuchen aus Schlamm und Asche ab. Den mitgebrachten Palmwein trinken sie hier lieber selbst. So richtig geheuer ist ihnen dieser Platz nicht. Auch andere Ratsmitglieder sind auf dem Weg zum Mittelpunkt des Kayas. Tore schützten einst diesen innersten Bereich. Reste von Pfosten markieren noch heute, wo der heilige Bezirk beginnt.

Hier sind die Geister der Ahnen allgegenwärtig, in der Luft, den Bäumen und in der Erde. Deshalb darf der Boden nur mit bloßen Füßen betreten werden, wie in einer Moschee. Wasser ist kostbar und doch opfert jede eine Kelle. Ein Zauber macht so das Kaya für die Augen der Feinde unsichtbar. Es verschwindet hinter einem endlosen Meer.

 

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Afrika: Kenia

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Markt in Ukunde bei Mombasa. Alle sind gekommen, die Massai mit ihren roten Gewändern, die Samburu und die Mijikenda, deren einzelne Clans der Kundige an der Tätowierung unterscheiden kann. Suaheli ist ihre gemeinsame Sprache.

Markt in Ukunde bei Mombasa. Alle sind gekommen, die Massai mit ihren roten Gewändern, die Samburu und die Mijikenda, deren einzelne Clans der Kundige an der Tätowierung unterscheiden kann. Suaheli ist ihre gemeinsame Sprache.

Die Geschichte beginnt im fünfzehnten, andere behaupten im 17.Jahrhundert, denn  schriftliche Aufzeichnungen existieren erst aus späterer Zeit.

Zu dieser Zeit war die Küste bis tief ins Land von einem dichten Dschungel bedeckt. Ein ideales Versteck für Menschen auf der Flucht.

Die meisten Kayas sind allerdings nicht in den Tiefen des Dschungels verschwunden, sondern mit ihm. Ganz wenige haben die Rodung und Nutzbarmachung der Küstenregion Kenias überlebt.

Zementwerke mit ihrem Bedarf an Kalkstein und der Erzabbau fressen sich in die letzten Wälder hinein.

Barak und Ngua sind auf dem Weg zu einem Treffen des Ältestenrates.

Der verschlungene Pfad ist noch der gleiche, der sich einst im Dickicht des Waldes verlor und nur den ins Dorf führte, der des Weges kundig war.

Barak

Es ist alles da. Der gesäuberte Zeremonien-Platz, auf dem früher das Dorf stand, die Häuser für die Rituale und in der Mitte ein heiliger Wald, dessen Kraftfeld selbst der Besucher aus der Fremde spürt.

Als die ersten Mijikenda vor Jahrhunderten im Wald Zuflucht suchten, trafen sie auf ein beinahe unberührtes Ökosystem. Sie fanden jagdbares Wild, vielfältige essbare Früchte, eine Vegetation aus der sie Häuser bauen und Medizin gewinnen konnten.

Seit Stunden rufen Trommeln die ‚Ältesten’ in das Kaya zum Gebet.

Der Ort ist so heilig, dass er selbst durch das Mitbringen eines technischen Geräts entweiht würde. So bleiben nicht nur die Schuhe draußen, mancher muss sich vorübergehend sogar von seinem Handy trennen.

Bis in den späten Abend hinein dringen Klänge von Trommeln und Gesang nach draußen.

Noch beschützen die Mijikenda die letzten Inseln aus Wald.

Sie treffen sich zum Gebet, zur Verehrung Gottes und zum Feiern.


Wie in alter Zeit ruft der Trommler zur Versammlung. Die Hütte des Schamanen. Er wusste alles über die Rituale, vieles haben die Jüngeren von ihm gelernt. Heute kochen hier die Frauen das Mittagessen. Sie wollen über die Weitergabe ihrer Traditionen an die Jüngeren sprechen, ein Problem, das von ganz existenzieller Bedeutung für die Kayas ist.

Nur wenn es allen Clans gelingt, die Geheimnisse der Rituale an die nächste Generation weiterzugeben und sie die Heiligkeit der Plätze begreift, bleiben diese vor den Bedrohungen durch die moderne Zeit geschützt. Sie sprechen Gebete, opfern Wein, bitten Mulungu, Gott um Hilfe. Barak und Ngua werden sich auf den Weg zu den anderen Stämmen machen, in der Hoffnung die Ältesten dort überzeugen zu können.

Kaya Kambe ist ihr Ziel. Es liegt einen Tagesmarsch Richtung Süden. Dort lebt der Clan der Moroni. Im Gegensatz zur kargen Savanne, aus der die beiden kommen, ist es hier grüner, fruchtbarer, auch etwas kühler. Auch vom Begrüßungstrunk wird ein Schluck den Geistern geopfert. Das Kaya liegt auf einem dicht bewaldeten Hügel, gleich hinter dem Dorf.

Im Gespräch ergibt sich, dass der letzte Schamane gestorben ist, ohne sein Wissen über den Wald und seine Geheimnisse an die nächste Generation weiterzugegeben. Es ist alles da. Der gesäuberte Zeremonien-Platz, auf dem früher das Dorf stand, die Häuser für die Rituale und in der Mitte ein heiliger Wald, dessen Kraftfeld selbst der Besucher aus der Fremde spürt.

Gleichzeitig ist da die Ratlosigkeit, das Vakuum an Kenntnissen. Sie wollen die Tradition wiederbeleben, sagen sie. Ob sie es schaffen an die gerissene Kette der Überlieferung anzuknüpfen, die  zurückreicht bis ins alte Singwaya?

Als die ersten Mijikenda vor Jahrhunderten im Wald Zuflucht suchten, trafen sie auf ein beinahe unberührtes Ökosystem. Sie fanden jagdbares Wild, vielfältige essbare Früchte, eine Vegetation aus der sie Häuser bauen und Medizin gewinnen konnten. Nur was sie selbst brauchten nahmen sie, lebten im Einklang mit der Natur. Erst zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts kippte dieses Gleichgewicht. Heute sind die Kayas und wenige Parks letzte Rückzugsgebiete eines vergangenen Paradieses, dessen Geheimnisse keiner erforschte, bevor es verschwand.

Die beiden haben die Kühle des Waldes hinter sich gelassen. Sie sind jetzt vierzig Kilometer von der Küste entfernt.           

Am Horizont liegt in der Trockensavanne Kaya Fungo. Es ist der größte, der neun zu Welterbestätten erklärten ‚heiligen Wälder’. Seit Stunden rufen Trommeln die ‚Ältesten’ in das Kaya zum Gebet. Auch Barak und Ngua schließen sich an. Der Ort ist so heilig, dass er selbst durch das Mitbringen eines technischen Geräts entweiht würde.

So bleiben nicht nur die Schuhe draußen, mancher muss sich vorübergehend sogar von seinem Handy trennen. Auch für die Musungus, die Weißen, mit ihren Kameras gibt es an diesem Tor in die Welt  Mulungus und der Ahnen kein Passieren. Bis in den späten Abend hinein dringen Klänge von Trommeln und Gesang nach draußen.

Die Kayas der Mijikenda waren einst bewohnte Inseln in einem riesigen Dschungel, der sich entlang der Küste zum indischen Ozean erstreckte. Die Vielfalt existiert nicht mehr. Man hat aus ihr ‚Nutzfläche’ gemacht.

Noch beschützen die Mijikenda die letzten Inseln aus Wald. Sie sind ihre Kathedralen, ihre Moscheen. 

In ihnen treffen sie sich zum Gebet, zur Verehrung Gottes . . . und zum Feiern.

Filmmusik & Stab

Musik:

Schätze der Welt II - Vor- und Abspann:
Oliver Kraft
Musik: Nicholas Kinyua Wahiu
Kamera: Anton Meyer
Schnitt: Rüdiger Lorenz

Ein Film von Faranak Djalali und Rüdiger Lorenz

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