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14:29 min | Mo, 3.8.2015 | 12:45 Uhr | 3sat

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Hiroshima, Japan, Folge 218

SWR

Japan hat ein besonderes Verhältnis zur Zeit. Tempo, Pünktlichkeit. Leistung ist Arbeit in der Zeit. Einmal blieb die Zeit stehen. Am 6. August 1945, um acht Uhr fünfzehn am Morgen. Abwurf der ersten Atombombe. Und als die Zeit stehengeblieben war und sich weiterbewegte, war das alte Japan untergegangen. Seit 1996 gehört die Ruine der alten Industrie- und Handelskammer Hiroshimas zum Weltkulturerbe. Der Atombombendom. Eine kleine Ruine aus rostigem Stahl und bröckelndem Beton. Er ist das Wahrzeichen der Stadt Hiroshima.

Filmtext

Seit 1996 gehört diese Ruine zum Weltkulturerbe. Der Atombombendom.

6. August 45. Abwurf der ersten Atombombe. Früher war dieser Dom kein Dom, sondern die Industrie- und Handelskammer der Präfektur Hiroshima. Die Bombe explodierte schräg über ihr, in 580 m Höhe. Die Menschen, die damals, um Viertel nach acht, sonniger Morgen, klarer Himmel, in dem Haus waren oder in seiner Umgebung, waren in Sekundenschnelle verglüht. Viele tausend weitere starben sofort oder im Laufe des Tages, der nächsten Wochen, Monate, Jahre. Hiroshima ist völlig neu erbaut worden und heute eine geschäftige Großstadt. Es gibt immer noch Atombombenopfer, aber man begegnet ihnen nicht. Sie leben wohl meist zurückgezogen. Sie passen nicht recht in das moderne Japan. Dem Atombombendom gegenüber liegt der Friedenspark von Hiroshima. Einst ein gemütliches altes Viertel mit Holzhäusern, Winkelgassen und einem Tempel. Heute spannen sich die Flügel des Friedens-Gedächtnis-Museums über den Park. Die stehen gebliebene Zeit. 8 Uhr 15. Ende einer Epoche und Beginn einer neuen.

Dies ist eine Uhr, wie sie das Kaiserhaus verschenkte. Zusammengeschmolzen am Leib ihres sterbenden Besitzers. Hinter jedem Exponat steht ein Schicksal, das grausame Ende eines Menschen. Man sieht etwas an und fragt sich: Hat das Kind, dem das Dreirad gehörte, der Junge, der die Uniform trug, die in Fetzen auf einem Bambusgerippe hängt, nicht vielleicht doch überlebt? Haben diese Menschen, fotografiert in einem Lazarett, überlebt? Und was ist schlimmer: sterben oder überleben? Was war Überleben anderes, als ein grausameres, längeres, schlimmeres Sterben? Ein Modell der Bombe. Little Boy, 3m lang, vier Tonnen schwer. Sie hat etwas von einem Saurierskelett im Museum für Naturkunde. Das Museum muss sich einiges einfallen lassen, um seinen jungen Besuchern die Sache von damals nahezubringen.

Videoboxen zum Beispiel. Hiroshima, der atomare Holocaust, nacherzählt für eine fernsehsüchtige Jugend mit starkem Hang zum Kitsch und rundäugigen Comic-Figuren. Japan ist eben anders. Könnte man sich etwa auch Auschwitz als Comic-Film vorstellen? Ohne Zögern weist das Museum auf den Schuldigen der schrecklichen Tat. Wieder und wieder, endlos, muss Präsident Truman seine Ansprache wiederholen, mit der er der Welt den Abwurf der ersten Atombombe verkündete. Ohne Ton. Japan hatte die USA 1941 in den Zweiten Weltkrieg hineingezogen. Pearl Harbour ist unvergessen, und die USA widersprachen der Aufnahme Hiroshimas ins Weltkulturerbe. "Wir können unseren Freund Japan bei seinem Antrag nicht unterstützen."

Die Bombe ist etwas, worüber Amerika und Japan nicht ins Reine kommen. Amerika will kein Verbrechen begangen haben, und Japan will gern als Opfer dastehen und nicht als der Schrecken des Fernen Ostens, der es war. "Wir haben die Bombe eingesetzt," verkündete der amerikanische Präsident, "gegen jene, die uns ohne Vorwarnung in Pearl Harbour angriffen. Wir haben sie eingesetzt, um die Agonie des Kriegs zu verkürzen und das Leben tausender und abertausender junger Amerikaner zu retten." - "Wenn die Japaner jetzt nicht unsere Bedingungen akzeptieren, haben sie einen Regen des Verderbens zu erwarten, wie er nie auf dieser Erde gesehen wurde."

Aus den Worten des Präsidenten spricht Stolz. Stolz auf die technische Überlegenheit Amerikas und auf den sicheren Sieg im Pazifik. Aber es war, wie es immer war: nicht die, die den Krieg entfesselten, trifft die Rache. Ein Mitschüler von mir zeigte zum Fenster und sagte leise: "Da fliegt eine B 29." Er zeigte mit dem Finger hin. So, als hätte man eine Linie gezogen, leuchtete etwas wie ein Blitzstrahl, eine ganz weiße Silhouette, über den blauen Himmel. "Wo fliegt eine B29?", fragte ich, und wollte gucken, und dann, als ich gerade halb aufgestanden war, hatte ich so einen blassen, grauen Blitz vor Augen, vielleicht zwei, drei Sekunden. Mehr weiß ich nicht. Das Schulgebäude, das hinter mir stand, es war ein Holzhaus, brach mit lautem Krachen zusammen und stürzte plötzlich auf uns und die Kinder herunter."

Filmaufnahmen der Air Force. Da unten, unter dem Atompilz, mochte es zugehen wie in einem zerstörten Ameisenhaufen. Die noch lebten, rannten durcheinander, flohen - aber wohin? - alle suchten ihre Lieben, und wenn man sich wiederfand, dann oft nur, um einander sterben zu sehen.

"Als ich wieder zu mir kam und aufstand, war unser Haus weg. Es war weg, und nebenan, bei den Nachbarn, da war auch eine Wüste. Da stand kein einziges Haus mehr. Ich wartete und wartete, aber es kam keiner, um zu helfen. Dann hörte ich immer weniger, die mit mir um Hilfe sangen: Eine singende Stimme weniger, zwei singende Stimmen weniger, es wurden immer weniger Stimmen. Und dann, ganz zum Schluss, sang nur noch ich alleine. Und die Augen waren - wie sagt man - die Sehkraft hatte gelitten durch den Rauch, und alle waren durstig. Als es dann anfing zu regnen, reckten alle ihre Münder zum Himmel und versuchten, den Regen zu trinken. Den Schwarzen Regen. Es war gar nicht so einfach, die Tropfen mit dem Mund aufzufangen."

"Mein kleiner Junge lag noch in seinem Bettchen, und die Knöpfe seines Schlafanzugs, die waren in seinen Körper eingebrannt. Er ist so gestorben, wie ich ihn schlafen gelegt hatte, denke ich mir jetzt. Meine süßen Kinder sind umgebracht worden und meinen teuren Ehemann habe ich verloren. Und wir waren doch so eine glückliche Familie. Dass es mit mir so gekommen ist, das kam alles wegen der Atombombe."

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Asien: Japan

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Hiroshima : "Atombombendom"

Hiroshima : "Atombombendom"

Hiroshima : Eine Ausstellung über die Opfer

Hiroshima : Modell der Stadt, die die Auswirkungen der atomaren Zerstörung veranschaulicht

Hiroshima - Atombombendom von oben

Hiroshima - Die Bombe und die Zeit

Hiroshima - Die Bombe und die Zeit

Hiroshima - Die Bombe und die Zeit

Hiroshima - Der Atombombendom

Hondori, eine überdachte Einkaufspassage, die genau auf das Hypozentrum zuläuft, jene Stelle, über der die Bombe explodierte. Die Hondori gab es damals schon, nur sah sie früher ganz anders aus.

Japan hat ein besonderes Verhältnis zur Zeit. Tempo, Pünktlichkeit. Leistung ist Arbeit in der Zeit. Einmal blieb die Zeit stehen. Am 6. August 1945, um acht Uhr fünfzehn am Morgen. Und als sie stehen geblieben war und sich weiterbewegte, war das alte Japan untergegangen. Ein neues Zeitalter hatte begonnen, nicht nur für Japan. Aber in Japan ging alles schneller und rücksichtsloser. Manche halten die Atombombe für den Urknall der Globalisierung. Jeder Ort auf der Welt kann gleichermaßen zerstört werden, und darum werden sich alle Orte der Welt immer ähnlicher. Japan scheint alles begierig aufzunehmen und bei allem mitzumachen. Ausgerechnet den Japanern mit ihren von uns bewunderten Traditionen, ihrem einzigartigen Sinn für Schönheit und Harmonie, kann es nicht schnell genug gehen auf dem Weg in die globale Konsumhölle. Alles wird zugebaut, alles Beton, alles Plastik, alles Müll. Japans endgültige Kapitulation? Oder buddhistische Einsicht in die Vergänglichkeit und Sinnlosigkeit aller irdischen Gestalt?

Der Atombombendom ist ein seltsames Stück Weltkulturerbe. Eine kleine Ruine aus rostigem Stahl und bröckelndem Beton. Nichts Historisch-Epochales geht von ihm aus, in seinen Fensterhöhlen wohnt kein Grauen. Er ist das Wahrzeichen der Stadt Hiroshima. Ein seltsames Wahrzeichen in einer seltsamen Welt. Paris hat einen Eiffelturm, New York eine Freiheitsstatue, Berlin wird ein Mahnmal für die ermordeten Juden haben. Der Friedenspark ist bis in den Herbst hinein, solange die Schulklassen reisen, ein fröhlicher Garten. Der Atombombendom - Kulissen einer unbeschwerten Gegenwart.

Autor und Regie: Andreas Christoph Schmidt

Filmmusik & Stab

Kraft, Oliver
Erbe der Menschheit
Traditional
Hiroshima I
Hiakara Streetband
Traditional
Hiroshima III
Hiakara Streetband
Toshiyuki Isobe
Hiroshima III
Hiakara Streetband
Toshiyuki Isobe
Hiroshima IV
Hiakara Streetband

Buch und Regie: Andreas Christoph Schmidt
Kamera: Birgit Gudjonsdottir BVK

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