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14:45 min | So, 14.7.2019 | 6:00 Uhr | SWR Fernsehen

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Ferrara, Italien, Folge 115

SWR

Die Glanzzeit von Ferrara dauerte 200 Jahre lang, als das Geschlecht der d'Este im 15. und 16. Jahrhundert herrschte. Es war das erklärte Ziel der Fürsten, die mittelalterliche Enge des venezianischen Ferraras zu überwinden. Zum Kulturdenkmal wurde die Stadt der Renaissance, u. a. mit der Kathedrale, dem Castello Estense, der um 2 Höfe angelegten Casa Romei, dem Palazzo di Schifanoia und dem Palazzo dei Diamanti.

Filmtext

Kein Fürst, kein Papst, und nicht der Eroberer Napoleon hat sich auf dieser Säule halten können, der Dichter Ariost behauptet den Ehrenplatz in Ferrara. "Ich geh im Dunkel - Amor will mich leiten, - um bei dem schönen Fürstenkind zu sein.."

Die Welt stand Kopf. Mit seiner Dichtung über den vor Liebe wahnsinnigen Ritter, den wahnsinnigen Orlando furioso, hatte Ariost ganz Italien den Sinn verrückt..

Von den mächtigen Mauern des Kastells werden andere Namen zurückgeworfen, die selber wie ein Liebesvers klingen: Parisina, Parisina Malatesta - Ugo d'Este Malatesta-D'Este. Das Echo verklingt, die Bilder verblassen, der Tag bricht an über dem Castello Estense, der Festung der Herzöge von Ferrara. Nicht Dichtung, sondern Geschichte. 1375 von Niccolo dem Zweiten erbaut, dem nach einem Volksaufstand die alte Residenz nicht mehr sicher genug erschien. Hinter diesen Mauern regierte das Fürstengeschlecht der Este zwei Jahrhunderte lang, - die glanzvollsten Jahre in der Stadtgeschichte Ferraras. Das Kastell war Machtzentrale und Musentempel. Und Dichter wie Arios und Tasso machtenden Hof von Ferrara weltweit berühmt. Goethe lässt seinen Tasso die alten Zeiten beschwören: "Als unerfahrener Knabe kam ich her, in einem Augenblick, da Fest auf Fest Ferrara zu dem Mittelpunkt der Ehre zu machen schien. O! welch ein Anblick war's! Lärmende Feste - und verschwiegene Augenblicke. Höfisches Leben. Wenn der Hof die Stadt zu seinen Füßen fast aus dem Auge zu verlieren schien, - so deshalb, weil man einen weiten Horizont hat in Ferrara, und den Blick darauf richtete, was außerhalb der eigenen Mauern vorging. Weltoffen und wissbegierig, gründeten die Este schon früh eine Universität.

Die gewaltige Stadterweiterung: nicht nur Fürstenlaune und Prunksucht, sondern ein Versuch, die mittelalterliche Enge zu überwinden.

Dichtung, Wissenschaft, die schönen Künste: neu entdeckte Lust, die man am Renaissancehof genießt.

'Lo Stanzino delle Ducchesse' - das Zimmer der Herzoginnen, tief verborgen im Palazzo del Cortile. Das Allerheiligste der Fürstinnen, doch ohne Heiligenbilder, mit mythischen Figuren, magischen Zeichen und Spiegeln verziert. Hier kleideten und schmückten sich die Fürstinnen, gebildete Frauen, die die Bibel beiseite gelegt, und die Seiten der Philosophie und der Poesie aufgeschlagen hatten.

Neue Freiheit und neue Geheimnisse. Geheimnisse der Frauen. Anmutig und leidenschaftlich, liebenswürdig und lüstern, gewandt - bewandert in den Liebeskünsten und der Kunst des Giftmischens.

Fürstinnen, die Fürsten heirateten, oder reiche Bankiers wie Polissena d'Este. Ihr Haus: die Casa Romei. Nach außen geschützt, aber nach innen offen, - das Atrium holt den Himmel ins Haus, wie die römische Villa der Antike. Wie in kaum einem anderen Gebäude Ferraras wird in der Casa Romei die Lebensart des 15. Jahrhunderts lebendig.

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Ferrara - Musenhof und Machtzentrale

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Das Castello Estenze diente der Herrscherfamilie d'Este im 14. und 15. Jahrhundert als Residenz.

Das Castello Estenze diente der Herrscherfamilie d'Este im 14. und 15. Jahrhundert als Residenz.

Savonarolas Bußpredigten erschütterten die Menschen, seine Bekehrungsversuche wurden jedoch immer fanatischer. Und dieselbe Menge, die unter seiner Kanzel geweint hatte, johlte später unter seinem Galgen.

Der Dom von Ferrara, zu Beginn des 12. Jahrhunderts von einem reichen Bürger gestiftet. Seine eigenwillige Fassade ist fast unverändert erhalten.

Goethe zitiert den Dichter Tasso: „Als unerfahrner Knabe kam ich her, in einem Augenblick, da Fest auf Fest Ferrara zu dem Mittelpunkt der Ehre zu machen schien. O! welch ein Anblick wars!

Die gotische Kathedrale von Ferrara ist dem heiligen Georg gewidmet.

Das Schloss der Familie d'Este ist heute Sitz der Provinzverwaltung Ferrara.

Girolamo Savanarola war ein Sohn der Stadt Ferrara. Seine flammenden Reden gegen die verkommene Oberschicht kam bei großen Teilen der Menschen an. 1485 wurde er von den Medici nach Florenz geholt, wo er gegen diese agierte. Letztlich unterlag er in seinem Machtanspruch dem Papst, der ihn Ketzer öffentlich hinrichten ließ.

1264 wurde erstmals ein Mitglied der d'Este zum Herrscher der Stadt ausgerufen. Doch erst am Ende des 13. Jh. war die Macht der Este endgültig gefestigt.

Bis 1597 regierte das Geschlecht der Este, dann viel Ferrara an den Kirchenstaat zurück.

In Ferrrara scheint der Schritt aus dem Alltag in den Zauber einer anderen Zeit besonders klein zu sein.

Ferrrara, einst eine Hafenstadt, von Kanälen und Flussarmen durchzogen. Ein wichtiger Handelsplatz an der Lebensader des Güterverkehrs, dem Flusslauf des Po. Erst als sich der Hauptarm des Stroms nach Norden verlagerte, wurde aus dem Kanalgeflecht das Straßennetz der Stadt. Die blühende Handelsstadt war ein ständiges Streitobjekt zwischen Kaiser und Papst, dessen weltlicher Arm bis weit in den Norden Italiens reichte. Doch dann kam die Stunde der Este. Sie rissen den päpstlichen Besitz an sich. Keiner wagte, ihnen die Eroberung streitig zu machen.

Via delle Volte, - die Gasse der Bögen. Seit dem frühen Mittelalter das Quartier der Händler, durch deren Fleiß der Fürstenhof zu seinem Glanz kam und sich den Luxus der Muße und der Musen erst leisten konnte. Und sind seine Dichter nicht lebendig geblieben? Wer könnte hier Ariost vergessen.

"Der schöne Arm umschlingt mich alldieweil und drückt mich hold; dann küsst sie mir den Mund. Du magst dir denken, wie von Armors Pfeile, die Spitze tief in meinem Herzen stund.."

Scivore la Noia - Vertreib die Langeweile! "Schiffanoia" - der Name dieses Luftschlösschens der Este, mit den berühmten erotischen Fresken. Man durfte die Bilder zwar hinreißend finden, durfte sich aber selbst nicht hinreißen lassen, wie Parisina Malatesta, die unglückliche Ducchessa. Verheiratet mit dem alternden und reizlosen Herzog Niccolo, hatte sich die schöne Parisina in ihren jungen Stiefsohn Ugo verliebt und ihn zu ihrem Geliebten gemacht. Im Verlies des eigenen Kastells wurde die fürstliche Ehebrecherin gefoltert und dann mit ihrem Geliebten im Schlosshof enthauptet

Schweigende Mauern.

Folter und Feste, das glanzvollste aller Ereignisse: der Einzug einer anderen jungen Frau in die Stadt, die im Februar 1501 mit dem Erfolger von Ferrara verheiratet wurde: Lucrezia Borgia, Tochter des berüchtigten Papstes Alexander des Sechsten. Lucrezia Borgia, viel geschmäht, und hochgerühmt als eine vorbildliche Herzogin von Ferrara.

Ob ihr beim Anblick des Doms der Mönch in den Sinn kam, der aus dieser Stadt stammte, und der einen erbitterten Kampf gegen ihren Vater, den Papst, geführt hatte, bis er vor drei Jahren hingerichtet wurde? Lucrezia: es blieb keine Zeit zum Nachdenken. Die 80 Trommler schlugen einen Wirbel, das 6tägige Hochzeitsfest nahm seinen Anfang.

Der Dom von Ferrara, zu Beginn des 12. Jahrhunderts von einem reichen Bürger gestiftet und seine eigenwillige Fassade ist fast unverändert erhalten. Mischt sich nicht in die frommen Gesänge immer wieder die Stimme des Mönchs, der Papst und Kirche herausforderte:

Savonarola:"Die Gottlosesten Menschen sind in diesen Tagen die Christen/Tritt her, verruchte Kirche./Höre, was der Herr zu dir spricht:/Ich habe dir die schönen Gewänder gegeben,/und du hast Abgötterei mit ihnen getrieben./Die Wollust hat aus dir eine schamlose Hure gemacht./Du bist schlimmer als das Vieh,..."

Die Bußpredigten Savonarolas erschütterten die Menschen, seine Bekehrungsversuche wurden immer fanatischer. Und dieselbe Menge, die unter seiner Kanzel geweint hatte, johlte jetzt unter seinem Galgen. Von seinen Visionen getrieben, hatte der Mönch versucht, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Doch die neue Zeit stellte auch die Hölle in Frage. Diskussionen, wie überall auf den Straßen Italiens, und doch scheint in Ferrrara der Schritt aus dem Alltag in den Zauber einer anderen Zeit besonders klein zu sein. Gehen ihr die Verse des Dichters auf der Säule vor dem Fenster durch den Kopf? Oder ihr?:

"Und wie der Efeu sich gewunden hätte, und festgeklammert an der Säule Schaft, so hielten wir einander ganz umschlungen, nicht nur mit Armen, jene Stunden, still und verschwiegen blieben wir verbunden, so währte mondelang die frohe Zeit."

Il Palazzo dei Diamanti, - sind es achteinhalb - oder zwölftausend Marmorpyramiden, die die geschliffenen Edelsteine imitieren? Als der "Diamantenpalast" vollendet wurde, neigte sich die Macht der Este bereits ihrem Ende entgegen. Der Relieffries scheint noch einmal die Zeit zu beschwören, in der sich an ihrem Hof Muse und Macht verbunden hatten. Ferrara ward durch seine Fürsten groß, in Goethes Tasso klingt es fast wehmütig. Doch der Glanz war verblasst. Bis 1597 regierte das Geschlecht der Este, dann viel Ferrara an den Kirchenstaat zurück.

Aber tauchen die Gestalten von damals nicht auch heute noch auf, und gleiten durch die Nebel der Nacht zu neuen Liebesabenteuern - in der Dichtung, oder unseren Träumen?

Buch und Regie:

Christian Romanowski

Filmmusik & Stab

Paert, Arvo
Te Deum
Adams, John
Harmonielehre
Strawinski, Igor
Sacre du printemps
Kraft, Oliver
Schätze der Welt II
Saint-Saens, Camille
Symphonie Nr. 3 in c-moll
Scelsi, Giancinto
Aion Take 1/2
Debussy, Claude
Childrens corner (Perpetuum Mobile)
Susato Tielman
Dansereye 1551
Musiche mediovale e rinascimentali Take: 16/7/8
Gruppo musica insieme
Musik für Streichinstrumente Take 1/2/3
Kurtag, György
Morthenson, Jan W.
Strano
Kaindrou, Eleni
Musik for Films Take: 9/14/17
Tanzmusik der Renaissance Take 1/8
Terpsichore

Buch und Regie: Christian Romanowski
Kamera: Gerd Bleichert

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