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SENDETERMIN Mi, 6.2.2019 | 21:45 Uhr | 3sat

Europa: Deutschland Das Fagus-Werk in Alfeld

Deutschland am Anfang der Moderne

Ein kleines, sympathisches Verwaltungs- und Fabrikgebäude, in dem bis auf den heutigen Tag Schuhleisten gefertigt werden. Das Besondere im Fagus-Werk: Es hat die erste freischwebende Treppe! Die erste gläserne Ecke! Erstmals wird hier auf massive, dem Auge Stabilität versprechende Eckpfeiler verzichtet, moderne Leichtigkeit tritt an die Stelle wilhelminischen Prunks.

Fagus-Werk, Alfeld; ehem. Kesselhaus und Hauptgebäude

Fagus-Werk, Alfeld; ehem. Kesselhaus und Hauptgebäude

Wer das Fagus-Werk nur von Fotos kennt - wie der größte Teil seiner Bewunderer in aller Welt - von den monumentalen Schwarz-Weiß-Fotos der zwanziger und dreißiger Jahre, den wird ein Besuch in Alfeld vielleicht ernüchtern: er tritt vor ein kleines, sympathisches Verwaltungs- und Fabrikgebäude, in dem bis auf den heutigen Tag Schuhleisten gefertigt werden.

Fagus-Werk, Alfeld, freischwebende Treppe

Fagus-Werk, Alfeld, freischwebende Treppe

Es ist in bester lokaler Tradition aus Ziegeln gemauert. Allenfalls die Glasbahnen der Fenster lassen aufmerken. Und die freischwebende Treppe hinter einer gläsernen Ecke.

Das Datum macht's: Die erste freischwebende Treppe! Die erste gläserne Ecke! Erstmals wird hier auf massive, dem Auge Stabilität versprechende Eckpfeiler verzichtet, moderne Leichtigkeit tritt an die Stelle wilhelminischen Prunks.

"Erstmals", das ist das Zauberwort dieses "Ursprungsbaus der Moderne". Es ist der erste eigenständige Bau von Walter Gropius, dem späteren Bauhaus-Gründer, und Gropius glaubte, hier den ersten gläsernen curtain wall der Welt gebaut zu haben. Ob es sich bei den großflächigen Fensterbahnen, die das Fagus-Gebäude licht und luftig machten, tatsächlich um eine Vorhangfassade, einen curtain wall handelt, ist eine Streitfrage unter Fachleuten. Die erste ist es sicher nicht. Vielleicht gibt es den einen "Ursprungsbau" nicht. Das Fagus-Werk steht womöglich nicht allein am Anfang der Moderne.


Daten & Fakten

Unesco-Ernennung: 2011

Das Fagus-Werk ist die 35. Welterbestätte in Deutschland.

Das Fagus-Werk wurde einst als Schuhleisten- und Stanzmesserfabrik betrieben. Das Hauptgebäude wurde von 1911 an von Walter Gropius in zwei Bauabschnitten errichtet und entfaltete eine bahnbrechende Wirkung für den modernen Industrie- und Verwaltungsbau. Das Gebäude entspricht in der Form klaren Kuben, wobei die Außenwände fast ganz in Glasflächen aufgelöst erscheinen.
In Alfeld wurde ein Frühwerk des modernen Bauens in einer Formensprache errichtet, die sich erst in den 1920er Jahren im „Neuen Bauen, „Internationalen Stil" und „Bauhausstil" durchsetzte. Heute produziert Fagus-GreCon nach wie vor Schuhleisten, aber auch Maschinen zur Massivholzbearbeitung sowie Mess- und Brandschutzsysteme unter anderem für die Holzwerkstoffindustrie. Die notwendige Instandsetzung des Fagus-Werks erfolgte in den Jahren 1985-2001 in 15 Bauabschnitten. Die Gesamtkosten betrugen umgerechnet 6,67 Millionen Euro.

(Quelle: Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur)