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Europa: Montenegro Filmtext & Video

Durmitor Nationalpark

14:52 min | So, 15.3.2020 | 19:40 Uhr | 3sat

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Nationalpark Durmitor, Montenegro, Folge 367

3Sat

Schroffe, von Gletschern und Verkarstung gezeichnete Gipfel, Hochalmen und Urwälder prägen eine Berglandschaft ganz im Norden der Republik Montenegro: das Durmitor-Massiv. Eingebettet in die Berge liegen Gletscherseen und Karstschlunde, Quellen und Bäche, Flüsse tosen in wilden, unzugänglichen Tälern. Der Name Durmitor stammt wohl aus dem Keltischen und bedeutet: "Berge der vielen Wasser".

Filmtext

Ganz im Norden der Republik Montenegro, tief in den Bergen des Balkan, der berühmt ist für seine Schluchten. Goran Lekovic und seine Männer gehen einem alten Handwerk nach. Elf Stämme werden mit einander verbunden, jeder Haken muss sitzen. Goran weiß, würden sich die Verbindungen lösen, wäre dies fatal. Goran ist Flößer im Tal der Tara, einer der wildesten und unzugänglichsten Flusslandschaften Europas.

Auf der Tara wurde einst Holz geflößt, über die Donau bis ans Schwarze Meer. Das ist lange vorbei. Heute befahren abenteuerlustige Touristen die Tara und am nächsten Tag soll es losgehen: mit dem Floß durch den Tara-Canyon - nach dem Grand Canyon die zweitlängste Schlucht der Welt - und eine der tiefsten.

Die Flusstäler schneiden sich in eine Bergwelt, deren Gipfel auch im Sommer schneebedeckt sind: das Durmitor Massiv, Teil des Dinarischen Gebirges, das sich entlang der Adriaküste zieht.

Hier siedelten einst griechische Stämme und - der Legende nach - war für sie der Durmitor der zweite Olymp. Auf dem Olymp regierten die Götter am Tage, zum Durmitor kamen sie in der Nacht, um sich auszuruhen.

Gebirgszug in Dormitor

Gebirgszug in Dormitor

Das Falten der Erdkruste und die Bewegungen von Gletschern während der Eiszeiten gaben den Gipfeln ihre Gestalt und formten die Täler. Als sich die Gletscher zurückzogen, hinterließen sie Seen, Teiche, Kare - "Augen der Berge" wie sie die Menschen des Durmitor nennen.

Abgelegene Täler, Hochalmen, schroffe Gipfel - eine einzigartige Naturlandschaft, die die UNESCO 1980 in ihr Welt- Naturerbe- Programm aufnahm. 34.000 Hektar sind seitdem geschützt. Gletscherseen und Schmelzwasserteiche, Quellen, Bäche und Karstschlunde, die unterirdische Ströme speisen. Durmitor, das Wort stammt wohl aus dem Keltischen und bedeutet "Berge der vielen Gewässer". 48 Gipfel formen das Bergmassiv, alle über 2000 Meter hoch.

Am höchsten ragt mit 2522 Metern der Bobotov Kuk. Vor allem Verkarstung bestimmt das Gesicht der Berge. Die Karst-Erosion schuf - und schafft - Falten und Rinnen, in denen Wasser abfließt. Im Berginneren entstehen Hohlräume und Höhlen, ganze unterirdische Wassersysteme.

Tal der Tara

Tal der Tara

Auch manche Seen des Durmitor leiten ihr Wasser unterirdisch ab - und speisen aus mächtigen Quellen die Tara. Ihr Wasser ist kristallklar. Man kann es trinken, bedenkenlos. Den Floß-Bau und das Flößen hat ihm vor 26 Jahren der Onkel beigebracht. Goran kennt jeden Felsen in seiner Tara, jede Schnelle, jeden Engpass. Trotz aller Erfahrung, Goran und sein Cousin Milan dürfen sich keinen Moment der Unachtsamkeit erlauben. Über 40 Schnellen sind zu überwinden.

Immer wieder passiert das Floß massige Hindernisse, muss Goran die Stämme durch gefährliche Engpässe steuern. Über Jahrmillionen hat der tosende Fluss den weichen Kreideboden ausgewaschen. So entstand einer der gewaltigsten Canyons der Erde. 1.300 Meter hat sich die Tara an ihrer tiefsten Stelle in die Berglandschaft gegraben.

Karstsee im Durmitor Nationalpark

Karstsee im Durmitor Nationalpark

Die "Ebene der Seen". Einst soll diese Hochebene dicht bewaldet gewesen sein, bis - so erzählt man - ein Blitzschlag die Wälder in Brand setzte. Die Feen, die dort lebten, flüchteten in den Himmel, die Tiere in die Berge, der Teufel versteckte sich im "Teufelssee". Es ist der kälteste See des Durmitor. Der Teufel soll noch immer hier leben.

Archäologisch ist das Gebiet noch nicht erforscht, aber es fanden sich Zeugnisse einer alten Siedlungsgeschichte. Illyrer, Römer, Goten und Kelten lebten in der Durmitor-Region oder sind zumindest einst hier durchgezogen. Diese Stelen stammen wohl aus dem 14. Jahrhundert. Die Grabsteine sind eine Hinterlassenschaft der Bogomilen, einer von der Kirche als Ketzer verfolgten Religionsgemeinschaft.

Mit dem Vordringen der Türken in den Balkan verschwand die Kultur der Bogomilen. Heute leben Slawen in den Dörfern der Durmitor-Region. Viele noch immer von der Landwirtschaft, vor allem von der Viehzucht.

Bis ins Frühjahr steht das Vieh auf den Magerweiden der Ebene, für den kurzen Sommer treiben die Hirten ihre Tiere in die Berge. Die Hochweiden des Dobri Do - des guten Tales. Bis zu acht Monate dauert hier der Winter. Von Juni bis Oktober, wenn auf den Bergwiesen die Blumen und Kräuter blühen, leben hier die Hirten. 150 Schafe sind zu melken, jeden Morgen.

Schafherden auf den Hochweiden

Schafherden auf den Hochweiden

Viel Arbeit für Vesna Sibalic. Nur in den Ferien hilft ihr jüngster Sohn Danilo. Nachdem die Schafe gemolken sind, werden sie mit den Jungtieren auf die Hochweiden gelassen. Danilo wird auf sie aufpassen, bis zum Abend. Katune heißen die ganz aus Holz gebauten Almhütten des Durmitor. Für mehr als vier Monate ist die Hütte Vesnas Zuhause.

Die frische Milch wird abgekocht, dann muss sie erkalten. Den Rahm schöpft Vesna ab, für ein Milchprodukt, für das der Durmitor berühmt ist und von dem sie lebt. Vesna wird den Rahm nun für ein paar Wochen im Holz-Fass lagern, mit etwas Salz und beschwert von einem Stein. Erst wenn er seine Flüssigkeit weitgehend abgegeben hat, ist er fertig: Skorup, ein Rahmkäse mit dem würzigen Geschmack seltener Bergkräuter.

Die Tara umgeben von bewaldeten Hängen

Die Tara umgeben von bewaldeten Hängen

An manchen Stellen fließt die Tara gemächlich, Gorans Gäste haben Zeit, die Natur zu genießen. Über 80 Kilometer erstreckt sich die Schlucht, fließt die Tara fernab von jeder Straße. Nur vom Fluss aus erschließt sich die fast märchenhaft schöne Landschaft. Vorbei an klaren Quellen inmitten von unberührten Wäldern, in denen noch Wölfe und Bären leben.

Am Ufer Schwarzeschen und Ulmen, Buchen und Linden. An den Hängen, in denen Steinadler nisten, wachsen Tannen und Fichten. Und überall krallen sich die Wurzeln eines ganz besonderen Baumes an die Felswände: Schwarz-Pinien, eine urzeitliche Spezies, die sich nur in der Abgeschiedenheit weniger Balkan-Schluchten erhalten hat. 50 Meter hoch ragen einige der Baumriesen. Manche von ihnen sind über 400 Jahre alt. Sie zählen zu den letzten dieser Art in Europa.

Am Durmitor-Massiv treffen auf engem Raum Mittelmeer- und Kontinentalklima aufeinander.

1500 Pflanzenarten gedeihen hier, manche nur hier. Die große Artenvielfalt spiegelt sich vor allem in den Blumen: Primeln und Anemonen, Lilien-, Orchideen-, und Rosengewächse finden sich auf den Bergwiesen. Viele Blumen und Kräuter sind medizinisch nutzbar. Bestimmte Baldrian-und Enzianarten kommen nur im Durmitor vor. Vesna sammelt für die Hausapotheke.

Gegen Abend kehrt Sohn Danilo mit den Schafen ins Katun zurück. Die Tiere müssen ins Gatter, denn nachts streifen Wölfe durchs Gebirge. Es gibt nicht mehr viele Hirten, die wie Vesna das anstrengende, einsame Leben in der Bergwelt des Durmitor führen. Die traditionelle Weidewirtschaft ist im Verschwinden begriffen, immer mehr Almen bleiben im Sommer unbewohnt.

Obwohl im Durmitor Fleisch- und Milchprodukte höchste Bio-Qualität haben - und der Skorup wirklich ausgezeichnet schmeckt - finanziell lohnt sich das harte Leben für Vesna kaum. Die Menschen sprechen von der weißen Pest, der Abwanderung der jungen Leute, vor allem der Männer. Auch Sohn Danilo wird bald in die Hauptstadt gehen, um zu studieren. Was dann wird - Vesna weiß es nicht.

Die Einwohnerzahl von Zabljak, dem Hauptort der Durmitor-Region, schrumpft. Die Stadt selbst aber wächst rasant - und leider weitgehend ungeplant. Die Menschen hier sind nicht reich und seitdem Investoren den Durmitor entdeckt haben, verkaufen viele ihr Land. Vor allem Wochenend- und Ferienhäuser werden gebaut, für die wachsende Zahl der Touristen. 50.000 pro Jahr zieht es mittlerweile in die Bergwelt, im Winter zum Skifahren, im Sommer zum Wandern und Bergsteigen.

Keine Zäune begrenzen den Nationalpark "Tara-Schlucht und Durmitor-Massiv". Es ist ein sogenannter "Offener Park", in Teilen wirtschaftlich nutzbar und für Besucher überall begehbar.

Die Bewohner des Durmitor brauchen den Tourismus. Dieser muss jedoch geplant und im Einklang mit der Landschaft entwickelt werden, sonst ist die Zukunft des Parks gefährdet. Um die Tara braucht sich Goran nicht zu sorgen. An den steilen Ufern ist kein Platz für Bausünden. Die Besucher werden auch weiterhin das finden, was sie suchen: Naturerlebnis und Abenteuer. Pläne, den Fluss zu stauen, sind vor kurzem begraben worden. Die Tara wird weiterhin so fließen wie bisher - wild und naturbelassen und abgeschieden von der Welt.

Buch und Regie: Rolf Lambert

Filmmusik & Stab

Musik:

Schätze der Welt II - Vor- und Abspann:
Oliver Kraft

Soundtrack Durmitor:
Stefan Eichinger, Steffen Neuert



Buch und Regie: Rolf Lambert
Kamera: Donald Saischowa

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